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Absatz #1
In den weitläufigen Hügeln von Soidell, außerhalb von Yuma City, befand sich die prächtige Herrenvilla von König Jarred. Es war kein Geheimnis, dass der König von Jarr ein großer Liebhaber des Weihnachtsfestes war.
Allein die Auffahrt zur Villa ließ die Gäste in Feststimmung kommen. Saber musste schmunzeln, als die Limousine den rot beleuchteten Weg zur Villa auffuhr. Die liebevoll geschmückten Bäume zur linken und rechten Seite erstrahlten in einem beeindruckenden Lichterglanz. Jahr für Jahr lud König Jarred einen Tag vor Heiligabend die angesehensten Persönlichkeiten zu seiner prunkvollen Weihnachtsfeier ein. Medial war diese Veranstaltung von hohem Interesse, schließlich fand sie zum ersten Mal auf Yuma statt. Man wollte wissen, was die Damen trugen, wer geladen war und sonstiger Klatsch und Tratsch war dabei. Sehen und gesehen werden stand hier ganz klar im Vordergrund, aber nur bis zur Türschwelle, in der Villa waren Kameras und Journalisten verboten.
Die Limousine hielt, die Tür wurde geöffnet, Saber nickte Sincia liebevoll zu und sie stiegen aus, ein wahres Blitzlichtgewitter kam über sie. Sincia strahlte und genoss diese Aufmerksamkeit heute sehr. Dank Marry, die auf Sara aufpasste, war es ihr möglich, heute Abend hier dabei zu sein.

“Sincia schaut umwerfend aus!” kommentierte Robin, die zusammen mit Colt Chips futternd auf dem Sofa saß. Colt gönnte sich an diesem Abend ein Bier und prostete seinem Boss im TV zu, bevor er den ersten Schluck trank. Denn der Cowboy wusste schließlich aus Erfahrung, dass der Schotte jetzt so schnell nicht an das gute Gebräu kam. Er lehnte sich zurück und legte seine Beine auf dem Polsterhocker vor sich ab. Im Kamin loderte ein Feuerchen, William schlief, es war einfach gemütlich. Tauschen würde der Cowboy in Jogginghose und T-Shirt jetzt nicht wollen.

Nach Saber und Sincia, betraten Captain Hikari und seine Frau die Herrenvilla. Und wurden wie alle Gäste von den Bediensteten des Königs in den Festsaal geführt. Jarred ließ es sich nicht nehmen, seine Gäste persönlich zu empfangen. Etwas, was auf Jarr aufgrund der Größe dieser Veranstaltung nicht möglich war. Auf Yuma war es dann doch familiärer.
“Ich dachte, Shinji ist auch geladen?” fragte Robin überrascht, während sie sich einen Chip in den Mund schob. Colt grinste, er wusste nicht, wie es sein Hombre geschafft hatte, nicht dabei sein zu müssen, aber er hatte es geschafft. Das allein reichte dem Lockenkopf und hoffte, dass er einen schönen Abend hatte.
Absatz #2
Die Eingangshalle erstrahlte in warmem Kerzenlicht und ein prächtiger Tannenbaum, geschmückt mit goldenen Ornamenten, erhob sich majestätisch im Zentrum des Saals. Im festlichen Speisesaal erwarteten die Gäste ein Bankett, das alle Sinne erfreute. Goldene Kerzen leuchteten auf den mit edlen gedeckten Tischen, während köstliche Düfte von gebratenem Geflügel, würzigen Soßen und frischen Beilagen die Luft erfüllten. Nach dem Essen wurde getanzt und der übliche Ablauf auf solchen Veranstaltungen nahm seinen Lauf.

Sincia hatte sofort Anschluss bei den Damen gefunden. Man kannte sich inzwischen, und schon nach wenigen Minuten war sie in angeregte Gespräche vertieft.
Saber warf einen Blick auf seine Armbanduhr, es war bereits halb eins, als er beschloss, dem Trubel für einen Moment zu entfliehen, öffnete er eine Balkontür und trat auf den breiten, verschneiten Balkon. Automatisch sog er die kalte Winterluft tief ein. Sie war klar und frisch und tat unglaublich gut nach den warmen, ja fast schon überhitzten Räumen.

Der Abend hatte ihn Kraft gekostet. Er hatte unzählige Hände geschüttelt, höflichen Smalltalk geführt und die meiste Zeit mit Politikern, Diplomaten und hohen Militärs verbracht. Obwohl es eine Weihnachtsfeier war, die implizierte spaß zu haben, war es ab einem gewissen Grad ein Pflichttermin. dessen war er sich bewusst! Mit einem langen Seufzer ließ er die Anspannung des Abends von sich abfallen. Sein Atem stieg als helle Dampfwolke in die kalte Winternacht auf, während er den Blick über den verschneiten dunklen Park schweifen ließ.
“Ah, ein Flüchtling!”, kam es nach einigen Momenten der Stille plötzlich und Saber zuckte innerlich etwas zusammen und drehte sich der tiefen Stimme aus der Dunkelheit zu und musste schmunzeln. “Guten Morgen, Eure Hoheit!” wünschte er und Jarred nickte dem Highlander zu: “Ihnen auch, Richard, es ist ihr erstes Weihnachtsfest als Vater!” Saber schmunzelte: “Ja!” Jarred nickte: “Ich muss zugeben, ich hatte mir in den letzten Wochen Sorgen um sie gemacht.” und Saber blickte den König neben sich fragend an.
Jarred nahm den Blick des Schotten im Augenwinkel auf: “Manchmal braucht man Abstand von allem.”, begann der Ältere. Saber blickte in die Dunkelheit und nickte leicht. Eine kurze Stille entstand zwischen den beiden. “Was war diesmal anders, Richard?” durchbrach Jarred die Ruhe. Saber schüttelte mit seinem Kopf. Der König drehte sich dem jungen Mann neben sich etwas mehr zu: “Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie sich genau das auch fragen.” lächelte der Monarch. Ertappt, Saber begann jetzt auch etwas zu lachen. “Sehen Sie!“, begann Jarred erneut. “Der Stern steht ihnen!” kam es von Jarred.
Der Highlander schluckte. “Den kann ihn niemand mehr nehmen. Obwohl dieser Stern nur ein Symbol ist, reglementiert er sie.” sprach der König weiter. “Nun, Sir, ich kenne meine Reglementierung …“, begann Saber. “Oh, davon bin ich überzeugt…” unterbrach Jarred den Schotte schnell und Saber hielt inne.
“Ihr Denken und Ansätze sind gut, keine Frage. Sie wollen niemanden auf die Füße treten, oder über den Kopf ihres Vorgesetzten hinweg entscheiden, alles Eigenschaften, die in einer gewissen Rangfolge auch gut und richtig sind!” Saber hörte Jarrad gut zu und blickte vor sich in die kalte Dunkelheit.
“Also statt auf ihre Reglementierung, sollten sie sich jetzt mehr auf ihre Befugnisse konzentrieren. Machen Sie sich sichtbar, Richard, so wie der Stern, der Ihnen nicht umsonst oder zur Deko angesteckt wurde. Sie sind Captain-Major Lancelot! Und ich bin mir ziemlich sicher, dass es in ihnen brodelt!” Saber legte überrascht seine Stirn in Falten. “Captain Hikari hat mit ihnen gesprochen?” fragte er feststellend, der König nickte: “Die Japaner nennen es: “kūki o yomu”, was sowas wie „Luft lesen, oder Atmosphäre spüren bedeutet”, erklärte Jarred. Saber dachte über das Gesagte nach und verstand, worauf König Jarred hinaus wollte. “Ich habe davon einmal gelesen, Eure Hoheit.” erinnerte er sich. Der König drehte sich dem Schotten zu und zeigte ihn an, wieder in den Festsaal zu gehen, es wurde langsam unangenehm kalt.
„… es ist wie eine nonverbale Kommunikation!“, griff Saber die Unterhaltung wieder auf und Jarrerd nickte dem Schotten bestätigend zu und die beiden setzten sich etwas abseits des Geschehens.“ Sie sind also der Meinung, ich sollte das Prinzip des ‚Luft-Lesens‘ übernehmen?“, fragte Saber, während sie sich niederließen.
Der König dachte einen Moment nach: “Ich habe mich viel mit Gärten beschäftigt.” begann Jarred daraufhin zusammenhangslos. Saber nickte lächelnd, denn er wusste, dass König Jarred ein großer Liebhaber der Gartenkultur ist. Was die verschiedensten Gärten und Parkanlagen auf Jarr, eindrucksvoll bewiesen. „Und wenn man sich mit dem Garten Aufbau beschäftigt, kommt man nicht herum, sich auch mit der Kultur, besonders mit der Denkweise derer, zu beschäftigen, die solch einen Garten entworfen haben.“ Saber hob überrascht seine Augenbrauen, wow, von dieser Perspektive hatte er das noch nie gesehen, aber klar…jede Kultur hat ihre eigene Version von einem Garten. Jarred hatte die Reaktion des Schotten bemerkt und erklärte weiter: “Weil man verstehen will, was die Menschen dazu bewegt, es so und nicht so zu machen!“
Saber lehnte sich interessiert zurück. Jarred nahm von seinem Glas Rotwein und erzählte weiter: “Sie kennen sicher die japanischen Gärten.” Der Schotte nickte. “Japanische Gärten sind Ausdruck der Philosophie und Geschichte des Landes und bis ins kleinste Detail geplant, jeder Grashalm, jeder Stein, ja, sogar ganze Hügel werden angelegt … Es ist wie ein Gemälde, das sich in den verschiedenen Jahreszeiten verändert. Es ist eine Kommunikation zwischen den Elementen. Man lässt es natürlich aussehen, obwohl es das nicht ist! Diese Gärten sind so angelegt, dass der Besucher zahlreiche Entdeckungen machen kann; so führt häufig ein Wechsel der Perspektive auf den Garten zu einem ganz anderen Eindruck der Anlage.” erzählte Jarred, dessen Begeisterung man in seinen grünen Augen ablesen konnte.
Saber lehnte sich etwas vor, er verstand, was der König ihm da so bildhaft erklären wollte. “Und genauso ist es auch mit der Denkweise. Gerade Wege werden nur verwendet, um den Blick in eine bestimmte Richtung zu lenken. Je nach der inneren Einstellung kann man, anstatt herumzuschlendern, sich an einer Stelle niederlassen und den Garten eingehend betrachten und auf sich wirken lassen.” beendete Jarred erst einmal seinen kleinen Gartenvortrag, nicht dass der Schotte morgen seinen Dienst quittierte und Landschaftsgärtner wurde.
Saber hatte gut zugehört und ließ das Gesagte einen Moment sacken, doch bevor er sprach, nahm er sich einen großen Schluck seines servierten Bieres: “Also ist es niemals Zufall, wie Captain Hikari agiert!“ kam es feststellend vom Schotten, ihm war diese Tatsache durchaus schon länger bewusst, vor allem wegen der Erzählungen von Royu, Jarred und anderen, die Captain Hikari auch von früher her kannten. Jarred nickte: “Vor allem bei ihm nicht, als First Grad muss er sogar zwei bis drei Schritte vorausdenken und das aus allen möglichen Perspektiven, um so die richtigen Leute am richtigen Platz zu haben. Ich kann Ihnen versichern, er ist eigentlich ein offenes Buch!” Beim letzten Teil von Jarreds Satz hob Saber skeptisch eine Augenbraue, der König lachte kurz auf.
“Ein Beispiel: Wir sagen es gerne direkt: “Räum den Teller ab!” Ein Japaner umschreibt es mit: “Hier steht ein Teller herum!”, um den anderen die Chance zu geben, etwas von sich aus zu tun, um es beim nächsten Mal gleich richtigzumachen. Das ist grob Luft lesen. “Er möchte, dass sie die unebenen Wege gehen, um ihren Blick neu auszurichten und zu schärfen. Denn es gibt nicht immer nur eine Lösung. Dass sie das können, haben sie bereits mehrmals beeindruckend bewiesen. Dann gehen sie den nächsten Weg, er gibt ihnen diese Signale!” Saber stellte sein Glas ab und blickte sich im Saal um: “Sie meinen, ich sollte meine Aufmerksamkeit auf das Ziel setzen! Und er hatte nur darauf gewartet, dass ich es umsetze!” fragte er und sah zum König: Jarred lehnte sich lächelnd zurück: “Tun Sie, was Sie als Captain-Major für richtig und wichtig erachten. Auch wenn sie ihn dann etwas schubsen.” Und der König zeigte Richtung Hikari, der ebenfalls in einem Gespräch vertieft war. “Sie sind in seinem Stab und das nicht ohne Grund! Und glauben Sie mir, er wird deswegen nicht gleich weinen!“ Beide lachten darauf herzhaft auf. Saber nickte einige Male: „Danke, Sir!“ und dem Schotten wurde die Weite dieser unterschwelligen Kommunikation bewusst. Und nahm sich vor, jeden noch aufmerksamer zu beobachten.

“Wissen Sie, Richard, Sie haben es sogar noch einfacher, als ich damals!” Der Schotte überschlug seine Beine: “Wie meinen Sie das, eure Hoheit?” fragte Saber nach. Jarred grinste: “Ich hatte damals nur ihn und glauben Sie mir, unsere Kommunikation war anfangs nur so geflutet von Missverständnissen, um es nicht Katastrophal zu nennen.” erinnerte sich Jarred und blickte Richtung Shinjiro, der sich mit dem Bürgermeister Richtung des Balkons begab.
Auf Sabers Lippen zeichnete sich ein kleines Grinsen ab. “Und doch blieben sie dran!” stellte Saber fest. Jarred atmete tief ein und aus: “Wissen Sie Richard, ich wusste, worauf sein Weg abzielte und mir war bewusst, dass, wenn ich einmal König sein werde, ich mit ihm kommunizieren muss!” erklärte Jarred darauf. Saber zog nachdenklich seine Augenbrauen zusammen, ihm erschloss sich diese kleine Information gerade nicht. Denn Saber kannte die Geschichte von Jarr und vor allem auch den Zeitraum von König Jarreds Regierungsantritt und nach Sabers Rechnung musste Captain Hikari damals gerade einmal 17, oder 18 Jahre alt gewesen sein, das erschien den Schotten merkwürdig. Er räusperte sich, bevor er nach fragte: “Entschuldigen Sie, sie wussten, bevor sie König wurden, dass Captain Hikari einmal der First Grad sein wird?” fragte er frei raus.
Jarred betrachtete den jungen Highlander einen Moment aufmerksam und nickte diesem darauf nur ein bestätigendes: “Hm” entgegen. Saber presste nach dieser Reaktion etwas seine Lippen zusammen und atmete darauf tief ein: “Sie meinen, nun, verstehen Sie mich bitte nicht falsch, Sir!” Saber hielt kurz inne und erinnerte sich an das Gremium vor dem ersten Outrider-Krieg, das er zusammen mit Colt geschaut hatte, wo ein General diese Äußerung fast beiläufig fallen ließ: “Also ist es wahr!” kam es leise und hörbar fassungslos vom Schotten. “Lassen Sie uns zu gegebener Zeit zusammenkommen, hier und heute ist nicht der passende Rahmen!” hörte er den König sagen. Ein stummes “Ja” kam darauf von Saber etwas bestürzt und richtete sich wieder neu aus. Auch Jarred verweilte noch etwas in seiner Haltung, als er das vorherige Thema wieder aufgriff.
“Worauf ich eigentlich hinaus wollte, ist die Tatsache, dass sie es heute in der Kommunikation einfacher haben. Schließlich haben sie Shinji in ihrem Team, den sie zu ihrem Adjutanten gemacht haben.” fasste es der König zusammen. Saber ließ sich das Gesagte durch seinen Kopf gehen: “Sie meinen, ich sollte Shinji in die Hintergrundprozesse mit einbeziehen?“ Jarred nickte: “Nehmen Sie ihn zu allem mit, als Ihr Adjutant ist er berechtigt, an Ihrer Seite zu sein, auch wenn es seinen Rang nicht entspricht. Ein Lehrstück, das für beide Seiten gut ist!”
Der Schotte nickte einige Male bedächtig über diese Worte. “Ich bin mir sicher, sie werden nichts überstürzen und klug handeln!“ sagte Jarred überzeugt, während er sich erhob, um sich wieder zu seinen anderen Gästen zu gesellen.
Saber nickte und bedankte sich für dieses doch sehr offene Gespräch. Und ließ alles Besprochene noch einmal Revue passieren. König Jarred hatte ihm gerade ein Tool an die Hand gegeben, das durchaus auf seine nächsten Handlungen Einfluss haben würde. Vor allem, was die Kommunikation angeht, könnte es einiges vereinfachen. Doch konnte er es verantworten, Fireball, den Meetings auszusetzen, ohne dass dieser in seiner doch manchmal sehr stürmischen Art diese aus Versehen aus plauderte? Saber musste grinsen. In der Tat hätte er mit Fireball eine Art “Dolmetscher” an der Hand und sein Pilot würde sogar im ständigen “learning by doing” sein, was Shinji ohne Zweifel zukünftig weiterbringen würde. Darüber würde er in den nächsten Tagen ausgiebig nachdenken! Das Colt seinen Rang als Sergeant bereits verinnerlicht hatte, hatte ihm der Cowboy bereits in kürzester Zeit zweimal hintereinander bewiesen. Sein Team war dabei, sich weiterzuentwickeln und das zum Positiven, stellte Saber erneut freudig fest.
Er spürte eine Hand in seinem Nacken und blickte auf. Sincia setzte sich neben ihn. “Wollen wir nach Hause, es ist bereits halb drei.” teilte ihm seine wunderschöne Frau mit. Der Schotte erschrak ein wenig, wie lange war er denn hier in seinen Gedanken versunken gewesen? “Ja, natürlich, schließlich ist die Nacht auch gleich wieder vorbei!” sprach er mit einem wissentlichen müden Lächeln, er wusste schließlich, dass seine Tochter eine Frühaufsteherin war!
Absatz #3
“Boha! Das ist das coolste Cross Bike ever!” flippte Joshua fast aus, er konnte sein Glück kaum fassen, als er das in Metallic-Blau schimmernde Fahrrad betrachtete. Seit Wochen hatte er von diesem Bike gesprochen, geträumt und sich ausgemalt, wie er damit über das Gelände fahren würde. Und jetzt stand es tatsächlich vor ihm. Obwohl seine Schwester diesem Bike sehr skeptisch gegenübergestanden hatte und ihm immer wieder gesagt hatte, dass es auch sehr gefährlich wäre. Doch Joshua entdeckte passend zu dem Bike, Helm und Schützer, die garantiert von Robin mehrmals recherchiert worden waren. Joshua hatte gar keinen Blick mehr für die weiteren Geschenke unter dem Weihnachtsbaum. Sofort stieg er auf und hielt seine Hände fest am Lenkrad. “Wow! Wie leicht das ist.” kam es erneut begeistert von ihm. Robin freute sich und Colt, der William auf dem Arm hatte, nickte Joshua entgegen. Joshua drehte eine Runde um das Sofa, er konnte es kaum erwarten, es draußen testen zu können.
Sabers Augen schmerzen vor Müdigkeit, lange hatte er nach der Weihnachtsfeier gebraucht, um einzuschlafen. Kleine tratschende Händchen drangen in sein Bewusstsein, die immer fordernder wurden und sein Gesicht wohl gerade sehr interessant fanden. Dazu hörte er ein zartes, brabbelndes Stimmchen, das ihm offenbar etwas zu erzählen versuchte. Langsam öffnete er seine schweren Augen nur, um sie sofort wieder schmerzerfüllt zu schließen. Die kleinen, zarten Fingerchen seiner Tochter hatten sich als spitz und zielsicher erwiesen.

“Ohhhhwaa”, stöhnte er, während er sich sein schmerzendes und tränendes Auge hielt. Saber stützte sich ein wenig auf und mit dem anderen, nicht schmerzenden Auge blinzelte er einige Male. Sara, die neben ihm im Bett lag und sich mit ihren Ärmchen aufstützte, sah ihn ein wenig erschrocken an. Doch im nächsten Moment grinste sie ihm, mit ihren zwei kleinen Zähnchen, ein “Guten Morgen“ entgegen. Er schmunzelte, wach war er jetzt auf alle Fälle, doch er entschied sich, noch ein wenig mit Sara im Bett Quatsch zu machen, viel zu selten kam er dazu. Und er liebte das Lachen seiner Tochter, wenn er sich unter der Decke versteckte.
Die weiteren Feiertage verliefen still. Während April und Fireball Ramrod für die nächste Mission vorbereiteten. Hatte Colt zusammen mit Saber das große Los gezogen, sie brauchten sich nur für die Patrouillenflüge im Oberkommando blicken lassen. Somit hatten die beiden genügend Zeit, das erste Weihnachtsfest als Familie zu genießen.
Natürlich wussten Saber und Colt, dass Fireball und April das für sie ermöglichten. Für dieses Weihnachtsgeschenk waren sie den beiden sehr dankbar!
Die letzten Tage des Jahres brachen an und alles kehrte langsam wieder zur Normalität im Oberkommando zurück. Captain Hikari verabschiedete sich für die nächsten Tage und übergab Captain Lorenz und Saber das Kommando.
Absatz #4

„Sie wissen, ich bin niemand, der mit dem Vorschlaghammer arbeitet,“ begann Dr. Morel mit bedächtiger Stimme, während er sich leicht nach vorn lehnte. Shinjiro sah auf und hob eine Augenbraue: „Nein, Sie stellen nur so lange Fragen, bis ich mir wünsche, Sie hätten einen dabei.“ kam es darauf sarkastisch von ihm. Morel grinste etwas, denn er wusste nun, dass er die Aufmerksamkeit von Shinjiro hatte und schob ihm ein Foto über den Tisch.
Shinjiros Blick wanderte langsam zu dem Foto, bevor er es entgegennahm. Seine Bewegungen waren ruhig und doch verriet diese winzige Verzögerung seiner Hand, dass etwas in ihm ins Stocken geraten war. Sein Gesicht blieb jedoch weiter eine Maske.
„Sagen Sie mir, wer das ist!“ drang Morels Stimme schließlich in die Stille, die sich darauf noch weiter ausbreitete. Die Stimme des Doktors war leise, jedoch mit einem sanften Druck. Es war keine echte Frage, sondern eine Aufforderung. Langsam senkte Shinjiro seinen Blick auf das Foto und betrachtete es. Es war ein Familienbild, doch etwas war daran anders, etwas was nicht direkt auffiel, doch er spürte es und wusste ganz genau, was es war.
Seine Eltern standen dicht nebeneinander und vor ihnen lächelte der kleine Royu mittig unbeschwert in die Kamera. Der andere Junge stand neben seinem Vater und nicht einmal wirklich bei ihm. Fast so, als wäre er erst im letzten Moment an den Bildrand getreten, um mit auf das Familienfoto zu passen. Er war höchstens sieben oder acht Jahre alt. Doch sein Gesicht trug eine Ernsthaftigkeit, die keinem Kind in diesem Alter gehören sollte. Während Royu in die Kamera sah, blickte der ältere Junge ruhig und aufmerksam nach vorn, ohne Lächeln, ohne Neugier, als hätte er schon viel zu früh gelernt, sich zurückzunehmen.
Die Kamera hatte wahrscheinlich nur einen Bruchteil einer Sekunde festgehalten. Und doch erzählte dieses Bild mehr, als es auf den ersten Blick preisgab. Es wirkte wie ein leises Echo aus einer Vergangenheit. Sein Blick verweilte an den Augen des Jungen. Tief, eindringlich, fast unerbittlich sahen sie ihm entgegen und forderten Antworten. Shinjiro spürte ein leises Zittern in seiner Brust,m denn er wusste genau, wem er da in die Augen sah. Es gab keinen Zweifel, und doch schien dieser Blick, ihn herauszufordern. Ein schweres Schweigen legte sich über den Raum, wo nur das gleichmäßige Ticken einer Uhr die Stille im Sekundentakt brach, wie ein Mahnmal der Zeit, die unaufhörlich weiterlief.
Shinjiro versuchte, in die Augen des Jungen zu greifen, zu dem Moment, der dort eingefangen war. Doch da war nichts. Kein Flüstern, keine Regung fand er in seinen Erinnerungen, die ihm zurief: „Hier bin ich.“ Stattdessen war da nur dunkle Leere, die sich in den Weiten seines Bewusstseins verlor, wie ein Ruf in einem endlosen Tal. Und je länger er in die Augen des Jungen blickte, desto stärker spürte er in seiner Brust dieses Ziehen, das er nicht greifen konnte, ein Gefühl, das ihm schmerzlich vertraut war.

„Interessant, nicht wahr?“ schnitt Morels Stimme, sanft und doch gezielt. Es waren nur Minuten vergangen, Minuten, die sich für Shinjiro wie Stunden angefühlt hatten. Shinjiro blickte Morel fragend entgegen, wobei er die Frage, die er dem Arzt entgegenblickte, nicht in Worte fassen konnte, doch in seinen Augen loderte ein Sturm, den er nicht mehr aufhalten konnte „Sie suchen nach einer Erinnerung“, begann Morel schließlich ruhig, „Ich sehe es Ihnen an, Sie wollen, dass dieser Junge zu Ihnen spricht, dass irgendetwas in Ihnen sagt: Das bin ich.“ Shinjiro nickte darauf kaum merklich. Morel verstand und nahm seine Brille ab: „Aber da kommt nichts, statt einer Erinnerung bleibt nur dieses… Ziehen.“ Shinjiros Finger schlossen sich unwillkürlich etwas fester um den Rand des Fotos.
Morel lehnte sich langsam in seinen Stuhl zurück, ohne jedoch seinen Blick von Shinjiro abzuwenden. „Als Sie dieses Bild angesehen haben, haben Sie nicht zuerst den Jungen erkannt, Sie haben zuerst gespürt, dass etwas nicht stimmt.“ Shinjiro sah nicht auf, aber hörte Morel aufmerksam zu.
„Ein Kind versteht vieles noch nicht, denn es kann Situationen weder einordnen noch in Worte fassen. Sein Gehirn ist dafür noch nicht weit genug entwickelt. Doch sein Nervensystem nimmt jede Bedrohung, jede Zurückweisung und jede Angst wahr. Herzschlag, Atmung, Muskelspannung, die Ausschüttung von Stresshormonen, all das reagiert lange, bevor ein Kind aus einem Erlebnis eine bewusste Erinnerung oder eine zusammenhängende Geschichte formen kann“, erklärte Morel ruhig und ließ den Gedanken einen Moment im Raum stehen.

Da Shinjiro weiter schwieg, sprach er weiter. „Deshalb spricht man in der Psychologie vom Körpergedächtnis. Das bedeutet nicht, dass der Körper Erinnerungen wie ein Fotoalbum speichert. Gemeint ist vielmehr, dass das Nervensystem bestimmte Reaktionsmuster bewahren kann, selbst dann, wenn die bewusste Erinnerung nicht mehr zugänglich ist. Ein Mensch sagt dann: Ich erinnere mich an nichts, doch sein Körper reagiert, als würde er die Situation wiedererkennen.“ und Morels Blick glitt zu dem Foto in Shinjiros Händen.
„Besonders häufig beobachtet man solche Reaktionen nach traumatischen Erfahrungen, vor allem dann, wenn ein Mensch körperliche und psychische Gewalt erlebt hat. Denn in solchen Augenblicken verlagert das Gehirn nämlich seine Prioritäten, es geht nicht mehr darum, ein Geschehen bewusst zu verarbeiten. Es geht ausschließlich ums pure Überleben.” erklärte er und machte erneut eine kurze Pause und beobachtete seinen Patienten, der heute ungewöhnlich stumm blieb. Morel unterbrach die Stille nicht, sondern beobachtete lediglich, wie Shinjiros Augen immer wieder zu dem Jungen am Bildrand zurückkehrten. Nicht zu den Eltern und auch nicht zu Royu. Immer wieder zu diesem einen Kind, als würde ihn etwas an diesem Blick festhalten, das er selbst noch nicht verstand.
Shinjiro spürte den Impuls, das Foto zurück auf den Tisch zu legen und wollte Morels Worte als reine Theorie abtun. Doch stattdessen hielt er es nur fester und wusste nicht, warum. Etwas in ihm wollte Abstand gewinnen, doch etwas anderes ließ es nicht zu.
„Genau das habe ich bei Ihnen beobachtet, bevor Sie das Bild überhaupt angesehen haben, zögerten Sie einen winzigen Augenblick, ihre Hand stockte. Dann kam dieses Ziehen in Ihrer Brust. Das sind zwar keine Beweise, aber weitere sie sind Hinweise.” fügte Morel anch einigen Augenblicken noch hinzu und verschränkte die Hände.
„Es könnte bedeuten, dass etwas in Ihrem Nervensystem auf dieses Bild reagiert hat, noch bevor Ihr bewusstes Gedächtnis überhaupt Gelegenheit hatte, danach zu suchen. Anders ausgedrückt: Ihr Körper hat möglicherweise etwas erkannt, wofür Ihrem Verstand die Erinnerung fehlt.“
Shinjiro hob langsam seinen Blick, dabei trafen seine Augen Morels, doch er sagte kein Wort und sein Gesicht blieb weiter regungslos. Doch in seinem Blick lag etwas, das Morel zuvor nicht bei Shinjiro gesehen hatte, es war kein Widerstand, sondern eine wortlose Suche. So erwiderte Morel den Blick, ohne die Stille zu unterbrechen, denn er kannte diese Momente, die fragil waren. Für ihn war dieses Schweigen keine Verweigerung. Es war eine Antwort, denn hier sprach gerade nicht der Verstand, sondern etwas, das sehr viel tiefer lag.

Morel ließ den Blick einen Moment auf Shinjiro ruhen, bevor er weiter sprach: „Ich habe Sie bereits auf Pectos beim medizinischen Check-up vor mir gehabt.“ wechselte er das Thema und machte, bevor er weiter sprach, eine kurze Pause. Nach dem Gehörten hob Shinjiro lediglich eine Augenbraue, es überraschte ihn kaum noch etwas, was den Doctor betraf, also hörte er weiter zu.
„Damals saß mir ein Mann gegenüber, der körperlich in best Form war. Selbst nach dem ersten Anschlag mit Thyphykanol hat sich Ihr Organismus erstaunlich schnell regeneriert. Ihre Muskulatur, ihre Ausdauer, ihre Disziplin, all das sprach für einen Körper, der wusste, wie man heilt.“ – „Nach der schweren Lungenentzündung rechnete ich selbstverständlich mit einer längeren Regenerationsphase. Doch inzwischen befinden wir uns weit jenseits dieses Zeitfensters.“ und Morel schob einige Untersuchungsergebnisse zur Seite: „Selbst mit Ihrem derzeit eingeschränkten Training hätten Sie längst wieder körperlich aufbauen müssen, doch Stattdessen geschieht das Gegenteil.“ erklärte er ruhig. „Und wenn ich mir ihre Gewichtskurve der vergangenen zwei Jahren ansehe, verlieren sie kontinuierlich an Gewicht. Anfangs sehr langsam, doch inzwischen deutlich schneller. Ihre Blutwerte erklären das nicht, ihre Ernährung erklärt es nicht, ihre Lunge erklärt es ebenfalls nicht. Und genau das ist der Punkt, an dem ich aufhöre, weiter nach einer körperlichen Ursache zu suchen.“ Und sah Shinjiro lange an. „Es wirkt beinahe so, als würde Ihr Körper ununterbrochen gegen etwas kämpfen, das wir weder im einem CT noch im Labor finden werden.“ Doch Shinjiro blieb regungslos. Morel ließ einen Moment verstreichen. „Wissen Sie, Shinjiro … wenn ein Mensch seine Geschichte nicht erzählen kann, beginnt oft der Körper zu erzählen.“
„Ich glaube nicht, dass Sie so ruhig sind, wie Sie wirken.“ und machte eine kurze Pause und hoffte auf irgendeine Reaktion und deutete auf das Foto, ohne den Blick von Shinjiro zu nehmen. „Ich bin überzeugt, dass ein Teil von Ihnen längst weiß, worum es gerade geht. Vielleicht können Sie es noch nicht in Worte fassen. Vielleicht wollen Sie es auch nicht. Aber Ihr Nervensystem hat bereits reagiert und das nicht nur hier, sondern auch schon vor einigen Wochen, als sie von ihrer Katze gekratzt wurden.“ Da hob Shinjiro zum ersten Mal seinen Kopf etwas schneller und sein Blick traf den des Arztes. Morel nickte: Morel nickte ruhig: „Ja, ihre Frau hat mir davon erzählt.“ bestätigte er die stumme Frage. „Die Verletzung selbst interessiert mich dabei kaum. Mich interessiert jedoch, was in Ihnen vorging.“ und seine Stimme wurde wieder eindringlicher und hielt Shinjiros Blick fest. Was ist in Ihnen passiert ist, als sie die Katze am Arm gekratzt hat?“
Für einen langen Moment schien sich nichts an Shinjiros Haltung zu verändern. Nur sein Atem wurde tiefer. Langsam füllte sich seine Lunge, bevor er die Luft ebenso kontrolliert wieder ausströmen ließ. Doch dann geschah etwas, was er selbst zunächst nicht bewusst wahrnahm.
Wie von selbst glitt seine rechte Hand langsam zu seinem linken Unterarm, er strich nicht darüber, er tastete nicht. Seine Hand ruhte lediglich auf der anderen. Und im nächsten Augenblick glaubte er, den kurzen, stechenden Schmerz wieder zu spüren. Er war kaum mehr als ein Augenblick und doch schoss er mit seinem Atem durch seinen ganzen Körper. Und unmittelbar danach begann sein Herz schneller zu schlagen, seine Muskeln spannten sich an, als bereiteten sie sich auf etwas vor, das längst hätte vorbei sein müssen. Eine Gefahr, die er weder sehen noch benennen konnte. Ein kaltes Ziehen breitete sich wieder in seiner Brust aus.
Etwas stimmte nicht. “Shinjiro….?” hörte er Morels Stimme, die weit weg war und sah sich um, er wusste wo er war und doch spürte er etwas anderes, etwas, was ihm einnahm.
Absatz #5
Währenddessen saß Fireball wie schon in den vergangenen Tagen in seiner Steuereinheit und zerbrach sich zusammen mit April und den Waffeningenieuren den Kopf darüber, wie sich Ramrod sicher aufrüsten ließ. Der Friedenswächter war zwar bereits auf der Luft- und Raumfahrtbasis Kiryū, nahe Tokio, zur Umrüstung angemeldet, doch eine Antwort aus Japan stand noch immer aus. Das Vorhaben war technisch äußerst anspruchsvoll und mit erheblichen Risiken verbunden. Hinzu kam der enorme Zeitdruck, schließlich durfte Ramrod nicht lange außer Dienst sein. Zu ungewiss war die Lage im Sektor C, um wochenlang auf die wichtigste Einheit verzichten zu können. leicht genervt, ließ er sich zurückfallen, streckte sich und beschloss ins Fitnesscenter des Oberkommandos, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen!

„Shinjiro …“ wiederholte Morel leise und beugte sich ein wenig nach vorn, „Was sehen Sie?“, fragte er fast flüsternd, doch sein Ton ließ keinen Raum zum Ausweichen. Shinjiro antwortete nicht, nicht weil er den Doctor nicht hörte, sondern weil er nicht konnte. Denn zu überwältigend war die Welle, die ihn gerade vollkommen einnahm. Er wusste, dass er in einem Büro in der Herrenvilla saß. Er wusste, dass Morel direkt vor ihm war.
Langsam umfasste er seinen linken Unterarm immer fester, nicht nur vor Schmerzen, sondern auch, um irgendwie Halt zu geben. Dann verschwand das Zimmer um ihn herum wie ein Trichter. Und ein hastiges, immer näher kommendes Keuchen durchschnitt die Stille und wurde immer lauter. Jemand atmete panisch und es folgten Schritte, die immer näher kamen. Sie waren schnell, stolpernd und sein Herz begann zu rasen. Sein rechter Unterarm brannte plötzlich, als hätte sich der Schmerz tief in seine Haut eingebrannt und ein eiskalter Schauer zischte durch seinen Körper. Seine Gedanken überschlugen sich, kein klarer Satz entstand in seinem Kopf. Nur ein einziger überwältigender Impuls, gespeist von einer Todesangst, die ihn mit voller Wucht erfasste.
Dann waren sie wieder da, diese Augen, die ihn eiskalt ansehen und ihm den Weg versperrten, Shinjiros Atem stockte und mit einem Mal war das Bild verschwunden. Er starrte ins Leere und das Bild um ihn herum schärfte sich wieder, er saß nach wie vor im Büro und spürte, wie seine Finger seinen Unterarm immer noch fest umklammerten, dass seine Knöchel weiß hervortraten.

Fireball lief bereits seit einer Stunde auf dem Laufband, der Schweiß rann ihm über die Stirn und tropfte von seinem Kinn, doch so sehr er sich auch abmühte, kam er der Lösung keinen Schritt näher. „Hey, Kurzer.“ rief ihn jemand, doch er reagierte nicht. „Hey, Kurzer“, wiederholte Dave, der diesen Marathon schon eine ganze Weile beobachtete. Fireball starrte weiter geradeaus. Dave lehnte sich schließlich an das Laufband und regulierte die Geschwindigkeit langsam herunter. Fireball spürte, dass er langsamer wurde und blickte zu seiner Anzeige am Laufband, wo ihm Dave entgegen grinste: „Egal, worüber du gerade nachdenkst … lass es.“ Fireball warf ihm einen kurzen Blick zu: „Von übersäuerten Muskeln wird dein Kopf nämlich auch nicht schlauer.“ Fireball schnaubte und sah wieder nach vorn. „Ich bin kurz davor.“ sagte er „Klar“, erwiderte Dave trocken. „Du bist auch kurz davor, vom Laufband zu fallen.“ und er regulierte die Geschwindigkeit weiter nach unten. „Und bevor du fragst: Nein, Rennen bis zur Erschöpfung ist keine anerkannte Problemlösungsstrategie.“ Fireball atmete schwer aus: „Schade.“
Shinjiro wusste, wo er war und trotzdem kam er nicht aus dieser Starre heraus, sein Körper fühlte sich an, als würde er auf etwas warten. Auf den nächsten Schmerz, den nächsten Schlag. Etwas, das er nicht sehen konnte, aber von dem jede Faser seines Körpers überzeugt war, dass es gleich geschehen würde. Dann zuckte erneut ein kurzer, punktueller kalter Schmerz durch seinen Unterarm. Shinjiro zuckte zusammen und sein Blick schoss zu Morel. Der Arzt saß noch immer ruhig vor ihm und wartete geduldig ab. „Bleiben hier, Shinjiro.“ Shinjiro schluckte, denn sein Atem ging noch immer zu flach: „Ich bin hier“, brachte er schließlich leise hervor. Morel nickte kaum merklich. „Das weiß Ihr Verstand bereits“, sagte er ruhig. „Jetzt müssen wir nur noch Ihren Körper davon überzeugen.“
Morel ließ ihm einen Moment Zeit, bevor er ruhig weitersprach: „Das, was Sie gerade erlebt haben, war ihr Körpergedächtnis.“ Shinjiro sah ihn noch immer an, sein Atem hatte sich inzwischen zwar etwas beruhigt, doch sein Griff wollte sich nicht von seinem Unterarm lösen.
„Ihr Körper erinnert sich“, erklärte Morel: „Und genau das haben Sie gerade gespürt und spüren es sogar noch immer.“ Shinjiro blickte unwillkürlich auf seinen Unterarm.
„Ihre Katze hat diese Reaktion nicht verursacht. Sie hat sie ausgelöst. Sie hat einen Reiz getroffen, den Ihr Körper bereits kannte.“ und Morel machte eine kurze Pause: „Das Schwierige daran ist, dass Ihre Erinnerung im Moment nicht wie eine normale Erinnerung funktioniert. Sie sehen keine Person, sie wissen nicht, wovor Sie Angst haben. Sie können den Blick, den sie immer wieder wahrnehmen, nicht einordnen. Ihr Körper kennt die Gefahr, Ihr Verstand kennt sie nicht.“ Shinjiro schwieg und versuchte, seine Hand zu lockern.
„Das kann bei sehr frühen Erinnerungen vorkommen“, fuhr Morel fort. „Es kann aber auch sein, dass das, was damals geschehen ist, so überwältigend war, dass Ihr Unterbewusstsein alles, was damit zusammenhing, gut verpackt und weggeschlossen hat.“ erklärte er und sah Shinjiro aufmerksam an.
Shinjiro lockerte langsam seine Hand und ließ seinen Unterarm los, atmete tief ein und sah sich schweigend im Raum um, fast so, als wollte er sich nocheinmal vergewissern, dass er tatsächlich wieder hier war, obwohl sein Verstand das längst wusste: „Doch warum jetzt?“, fragte er schließlich leise. Morel lehnte sich ein wenig zurück: „Weil Sie es jetzt zulassen.“ Shinjiro sah ihn fragend an. „Ihr Verstand weiß inzwischen, dass Sie sicher sind“, erklärte Morel ruhig. „Sie wissen, wo Sie sind. Sie wissen, wer Ihnen gegenübersitzt. Sie wissen, dass Ihnen jetzt nichts mehr geschieht.“ und machte eine kleine Pause: „Aber Ihr Körper hat das offenbar noch nicht gelernt. Denn solange Sie alles unter Kontrolle halten, kann er die Erinnerung weiter wegschließen. Doch jetzt beginnen Sie, diese Kontrolle ein Stück weit loszulassen. Ihr Verstand sagt: Ich bin sicher. Ihr Körper sagt: Ich bin es nicht. Beides kann gleichzeitig wahrgenommen werden. Und genau diesen Widerspruch haben Sie gerade gespürt.“ Shinjiro hörte Morel aufmerksam zu noch immer konnte er das Nachhallen der Reaktion in seinem Körper spüren. Sein Herz schlug zwar inzwischen wieder ruhiger, aber die Anspannung war nicht vollständig verschwunden. Seine Finger fühlten sich noch immer etwas steif an. Es hatte ihn erschreckt und das mehr, als er sich eingestehen wollte.
Es war die Tatsache, dass er für einige Augenblicke keine Kontrolle über sich gehabt hatte. Er hatte zwar gewusst, wo er war und dass Morel ihm gegenüber saß, hatte ihn sogar gehört. Und trotzdem hatte sein Körper reagiert, als befände er sich irgendwo anders. „Ich hatte keine Kontrolle mehr“, sagte er schließlich leise. Morel nickte und Shinjiro atmete tief durch und sah wieder zu ihm. „Das ist mir noch nie passiert.“ Morel betrachtete ihn einen Moment schweigend, bevor er weiter sprach: „Deshalb müssen wir das jetzt sehr genau im Auge behalten. Denn es besteht die Gefahr, dass Ihr Körper irgendwann immer schneller auf solche Reize reagiert. Ein Geruch, eine Berührung, ein bestimmtes Geräusch oder ein Bild können ausreichen, um dieselbe Reaktion wieder auszulösen.“ Shinjiro schwieg. „Und mit der Zeit können sich diese Reaktion verstärken“, fuhr Morel weiter fort. „Und irgendwann auch in Situationen auftauchen, in denen Sie den Auslöser gar nicht mehr erkennen können.“ Shinjiros Blick fiel auf seinen Unterarm und Morel lehnte sich etwas nach vorn: „Ich habe Ihnen gerade nur ein Foto gezeigt, Shinjiro. Mehr nicht. Und allein das hat gereicht, um eine körperliche Reaktion auszulösen, die Sie für einige Augenblicke aus der Gegenwart gerissen hat.“ erklärte der Arzt ernst und eindringlich. Shinjiro hob langsam den Blick.
„Nennen Sie mir die Namen der Menschen auf dem Bild.“ wechselte Morel wieder zurück zum Foto. Shinjiro sah ihn irritiert an, denn er verstand die Frage nicht. „Sie kennen die Namen“, stellte er schließlich fest. Morel nickte ruhig. „Das tue ich, aber es macht einen Unterschied, ob ich Ihnen die Namen nenne oder ob Sie sie selbst aussprechen.“ Shinjiro schwieg und sein Blick wanderte erneut über das Foto. Plötzlich fühlte es sich schwerer an als noch vor wenigen Augenblicken. Morel wartete.
Absatz #6
„Halten, halten, haaaalten!“ Fireballs Muskeln zitterten bereits, doch er biss seine Zähne zusammen und versuchte, die Hantel noch einen Moment oben zu halten. „Los komm, Kurzer! Nur noch ein paar Sekunden!“, feuerte Dave ihn an. Doch nach wenigen Sekunden gaben Fireballs Arme nach. Dave und Daniel griffen sofort zu, nahmen ihm die schwere Hantel ab und legten sie zurück auf die Ablage. Und Fireball ließ sich erschöpft zurücksinken und richtete sich langsam wieder auf. „Sehr gut, Kurzer!“, lobte Dave ihn grinsend. Fireball rang nach Luft und sah ihn erschöpft an. „Hör auf mich so zu nennen!“ Dave lachte. “Das ist Motivation, damit du über dich hinauswächst…” Fireball pustete seien Luft scharf aus: „Wenn das deine Vorstellung von Motivation ist, möchte ich nicht wissen, wie du jemanden demotivierst.“ Dave grinste. „Das lernst du morgen.“
„Royu und … Kaa-san“, kam es etwas verzögert über Shinjiros Lippen. Morel hob für einen Moment den Blick vom Foto. „Ich weiß, dass Kaasan der Begriff für ‚Mutter‘ ist“, sagte er ruhig. „Aber wie heißt Ihre Mutter?“ Shinjiro schwieg und sah Morel an und atmete leicht tiefer ein: “Kaaori…” Morel hob überrascht eine Augenbraue und notierte sich etwas. “Wie nennt ihr Bruder seine Mutter?” wollte Morel es nun ganz genau wissen. Shinjiro lehnte sich zurück und zuckte etwas mit einer Schulter: “Okasan, denke ich…” kam es von ihm und er dachte einen Moment nach.
„Wann haben Sie Ihre Mutter das letzte Mal so genannt?“ Shinjiro hielt inne. „Was?“ – „Ihre Mutter“, wiederholte Morel ruhig: „Ich meine damit nicht den Namen, den Sie heute für sie verwenden, ich meine Mutter – Okaasan.“ Shinjiro sah Morel einen Moment tatsächlich schweigend, ja fast verständnislos an.
„Ich weiß, dass die Anrede im Japanischen eine besondere Bedeutung hat“, fügte Morel hinzu. „Sie sagt nicht nur etwas darüber aus, wer jemand ist, sondern auch, wie man zu dieser Person steht.“ und Morel legte seinen Stift kurz beiseite. „Sie waren sechzehn Jahre fort.“ Shinjiros Blick richtete sich auf. „Es waren auch 16 Jahre, in denen Ihre Mutter vermutlich immer wieder auf Sie gewartet hat.“ Shinjiro schluckte schwerer als erwartet. Morel nahm seinen Stift wieder auf. „Deshalb frage ich, ich möchte das Verhältnis zwischen ihnen verstehen. Haben Sie sie vermisst?” und wartete auf eine Reaktion.
„Mein Vater hat mich erzogen“, erklärte Shinjiro schließlich mit erstaunlich nüchterner Stimme. „Meine Mutter hat sich da nicht eingemischt.“ erklärte er wie vor einigen Monaten und sah für einen Moment beiläufig auf das Foto. „Es ist… war … normal.“
„Doch das ist es nicht“, führte Morel den Satz ruhig zu Ende. Shinjiro hob seinen Blick und Morel hielt seinem Blick stand. „Also wusste sie es.“ Einen Augenblick lang sagte Shinjiro nichts. Dann entwich ihm ein kurzes, trockenes Lachen. “Natürlich.“ und schüttelte langsam mit seinem Kopf. Morel atmete tief ein und ließ den Blick einen Moment auf Shinjiro ruhen, der sichtlich nachdachte. „Für heute reicht das,lassen wir das Jahr ruhig zu Ende gehen.“ kam es von Morel. Shinjiro sah ihn an, als wäre er sich nicht sicher, ob er dem wirklich zustimmen konnte.
Dr. Morel und Shinjiro stiegen die Treppen der Herrenvilla hinab:„Wie geht es eigentlich der Katze?“, fragte Morel, während er seinen Mantel zuknöpfte. Shinjiro sah ihn kurz an und hob eine Augenbraue: „Sie ist der Meinung, dass das Haus ihr gehört.“ Morel lachte kurz auf: „Das ist bei Katzen meistens keine Meinung, sondern eine Tatsache.“ Shinjiro nickte zustimmend und musste sogar kurz etwas schmunzeln. Dann reichte Morel ihm die Hand: „Kommen Sie gut nach Japan, Shinjiro.“ Shinjiro erwiderte den Händedruck. Morel lächelte: „Happy New Year.“ Shinjiro hielt seinen Blick einen Moment, bevor auch er lächelte. „Happy New Year“ Dann wandte er sich um.
Als die Tür hinter Shinjiro ins Schloss fiel, blieb Morel noch einen Moment stehen. Er dachte an das Zögern und daran das Shinjiro diesmal nicht versucht hat, so schnell wie möglich aus dem Büro zu entkommen. Es war ein kleiner Schritt, aber ein Schritt und manchmal war das genug.

Fireball saß inzwischen auf einer der Trainingsbänke und trank einen großen Schluck Wasser. „Und?“, fragte Dave schließlich. „Hast du die Welt gerettet?“ Fireball sah zu ihm hinüber: „Noch nicht.“ – „Schade.“ kam es darauf von Dave und nahm sein Handtuch von der Schulter. „Dann war die Stunde Laufen ja völlig umsonst.“ Fireball schüttelte den Kopf, musste aber trotz seiner Erschöpfung lächeln. Und für einen Moment war da nichts weiter als das gleichmäßige Summen der Trainingsgeräte, gedämpfte Gespräche und die vertraute Atmosphäre des Studios.
Dave klopfte ihm im Vorbeigehen auf die Schulter. „Komm, Kurzer, Duschen und morgen sieht alles schon anders aus.“ Fireball nahm erneut einen Schluck aus seiner Flasche, nickte kaum merklich. „ Vielleicht.“ Für heute war es zumindest genug und stand schließlich auf.
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