🔴 Hinweis: Dieses Kapitel enthält Darstellungen von Gewalt.
7.355 Wörter, 39 Minuten Lesedauer.
Absatz #1
Am nächsten Morgen saß Fireball bereits im Oberkommando und trank seinen ersten Kaffee zusammen mit Dave und einigen Offizieren der Detroit. Seine Eltern waren bereits samt Mikan am frühen Morgen Richtung Japan aufgebrochen und auf Frühstück allein zu Hause hatte er keine Lust gehabt.
Die Arbeiten am Friedenswächter gingen trotz des bevorstehenden Neujahrsfestes weiter und doch fungierte Ramrod II tagsüber als einsatzbereites Kampfschiff. “Hey, Kopf hoch, Kurzer, das Jahr ist bald rum, kein Grund Trübsal zu blasen!” versuchte Dave ihn grinsend aufzumuntern.
Fireball sah auf: “Trübsal?”, fragte er. Dave grinste: “Die Clubs auf Yuma bieten zum Jahreswechsel richtig gute Partys und wer weiß, vielleicht bin ich bald in zweisamer Besinnlichkeit!” erzählte er augenzwinkernd. “Du suchst dir also was Außerirdisches?”, fragte Mitch spöttisch Richtung Dave, während er sich seine Rühreier schmecken ließ. Der gut trainierte Dave nickte: “Ja, Mädels, die nicht auf der Erde aufgewachsen sind, sind schon anders drauf, ist wahrscheinlich die Luft.”, erklärte der Pilot der Detroit. “Oh Mann!” kam es von Fireball leicht augenrollend: “Dir scheint die Luft hier aber nicht besonders gut zu bekommen!” kommentierte er den letzten Satz und wollte sich nun etwas zum Frühstücken holen und stand auf. “Komm mit Kurzer, dann siehst du, was ich meine.” bot Dave an.
Fireball hielt inne: “Ich bin verlobt, falls du es vergessen hast.” erinnerte er den durchtrainierten Amerikaner. Dave musterte Ramrods Piloten genauestens: “Und warum trägst du dann keinen Ring?” kam es feststellend fragend von Dave. “Verlobungsringe tragen bei uns die Frauen!”, erklärte Fireball und wollte weitergehen. “Na bitte, sie ist sichergestellt. Ich kann schweigen!” versicherte der Blonde Hühne. Fireball lehnte sich daraufhin über den Tisch: “Und hätte sie diesen Spruch gehört, könntest du deinen Kopf jetzt unter deinen Arm tragen.” sagte er und richtete sich wieder auf. Lachen war zu hören. Dave winkte den Kurzen ab: “Siehst du, noch nicht mal verheiratet und sie hat ihn schon an den Eiern!” rief Dave darauf. Fireball rollte mit seinen Augen und ging weiter Richtung Theke.
“Du hast so eine Macke manchmal…” kommentierte Daniel das Szenario. Dave blickte neben sich: “Siehst du, schau dich an, genau das gleiche!” Daniel schüttelte nur mit seinem Kopf.
Shinjiro spürte die subtilen Veränderungen, als sich die Triebwerke des zivilen Raumgleiters des ALL NIPPON SPACELINERS umstellten, nachdem die Maschine mit beeindruckender Geschwindigkeit die Grenze zwischen Weltall und Erdatmosphäre durchbrochen hatte. Das leichte Ruckeln und Beben des Gleiters, verursacht durch die aerodynamischen Kräfte und den erhöhten Widerstand, waren leicht spürbar, aber der Gleiter blieb stabil auf Kurs.

Die äußeren Abdeckungen, die sich während des Eintritts in die Atmosphäre über die Fenster gelegt hatten, fuhren langsam wieder auf, die ersten Sonnenstrahlen tauchten die Kabine in ein vertrautes sanftes Licht. Das vertraute Blau der Erde, umrahmt von dem langsam nachlassenden Leuchten der Atmosphäre, vermittelte ein Gefühl des Willkommenseins. Egal auf wie vielen Planeten man mittlerweile landen konnte, eine Landung auf der Erde war immer wieder etwas Besonderes.
Der Raumgleiter nahm unaufhaltsam Kurs auf Japan.
Shinjiros Blick fiel auf die majestätische Spitze des Fuji-san, die sich durch die Wolkendecke erstreckte. Er saß komfortabel in seinem weichen First-Class-Sitz und ließ die Eindrücke stumm auf sich wirken. Er lächelte leicht und ließ die Schönheit des Berges auf sich wirken. “Woran denkst du?” riss Hitomi ihn aus seinen Gedanken. “An Shinji, ob er das Haus stehen lässt!”, antwortete er leicht scherzend und schloss seine Augen, um den Moment kurz vor der Landung noch zu genießen. Hitomi lehnte sich ein wenig zur Seite, blickte nach draußen und schmunzelte. Ihre Hand fand sanft die von Shinjiro und legte sich darauf.
Absatz #2
“5, 4, 3, 2, 1 Happy New Year” begrüßten die Menschen das neue Jahr auf Yuma. Und die Party ging jetzt erst richtig los. Weit weg von den Partypeople saß Colt zusammen mit seiner Familie und Fireball in seinem Wohnzimmer. April hatte sich kurzfristig dafür entschieden, zusammen mit ihrem Vater und Daniel in das neue Jahr zu starten. Und der Lockenkopf starrte schon verdächtig lange in das kleine Neujahrsgeschenk von Robin: “Ist das neu?”, fragte er unsicher und Robin nickte ihm bestätigend zu. Colt blickte wieder zurück in die Schachtel: “Oh … wow!” kam es darauf einsilbig von ihm. Fireball riskierte nun auch einen kleinen Blick in die Schachtel und ihm blieb sein Mund leicht offen stehen, er glaubte sowas wie ein Déjà-vu zu haben: “Tja Cowboy, die Zimmer müssen schließlich voll werden.” nickte er und lehnte sich wieder zurück. Colt sah auf, er hatte sich von seinem kleinen Schock erholt und grinste, als er aufstand und seinen neuen Kommunikator aus der Hosentasche holte. Robin sah ihren Cowboy fragend an: “Ist alles in Ordnung, Colt?” fragte sie, mit so einer Reaktion hatte sie nicht gerechnet. “Klar, ich verlängere nur das Windelabo!” Robin stand auf und umarmte Colt, der sie darauf anhob und sich freute. Joshua grinste Fireball kommentiert: „Und ich dachte du ‚Upgrade auf Familienversion 2.0‘! Hoffentlich habt ihr genug Speicherplatz und Energie für das neue Update!“ Colt stoppte und stieß seinen Hombre fest gegen den Oberarm: “Spinner!” und wandte sich Joshua zu: “Du bist jetzt Fulltime Onkel!” legte Colt Joshua einen Arm auf die Schulter.
Saber saß bereits am Neujahrstag im Aufenthaltsraum des Friedenswächters, um die Fortschritte der vergangenen Tage zu dokumentieren. Doch schon nach wenigen Augenblicken stellte er fest, dass die entsprechenden Einträge längst erledigt waren. Unwillkürlich huschte ein leichtes Schmunzeln über seine Lippen. Offenbar tat die dienstliche Ruhe seinem Piloten ausgesprochen gut.
Saber beschloss, auf seine Crew zu warten und setzte eine frische Kanne Kaffee an. Wenn April, Fireball und zum Teil auch Colt schon freiwillig über die Feiertage Dienst schoben, konnte er ihnen zumindest etwas Vernünftiges zu trinken anbieten.
Und tatsächlich etwa zwanzig Minuten später glitt die Tür der Küche auf und Colt und Fireball betraten diskutierend den Raum, mit dem Ziel Kaffeekanne, dicht gefolgt von einer sichtlich aufgeregten April, die es offenbar sehr eilig hatte ins Labor zu kommen. Das neue Jahr war noch keine zwölf Stunden alt und trotzdem schien bereits wieder jeder seinem ganz persönlichen Zeitplan hinterherzulaufen.
Saber lehnte sich etwas zurück und betrachtete das geschäftige Treiben mit einem amüsierten Schmunzeln. „Frohes neues Jahr, Freunde.“ Colt blieb kurz stehen, Fireball hob den Kopf und auch April hielt für einen Moment inne: „Frohes neues Jahr, Richard, Boss, Säbelschwinger“, kam es fast gleichzeitig aber sehr persönlich zurück. Dann setzte sich das Gewusel schnell wieder fort, als hätte es diese kurze Unterbrechung nie gegeben.
“Wir sehen uns zum Mittagessen….” flötete April und war damit auch schon halb verschwunden, während Colt zielstrebig den Kühlschrank öffnete und sich etwas zu essen herausnahm. Saber beobachtete das Treiben mit leichter Belustigung und nahm einen Schluck von seinem Kaffee. Fireball hingegen musterte den Cowboy einen Moment, bevor er trocken bemerkte: „Jetzt hast du deinen alten Trainingsstand wieder und bist erneut mit schwanger.“ Saber hielt mitten in der Bewegung inne und seine Tasse blieb knapp vor seinem Mund stehen. Und sein Blick wanderte zu den beiden. Auch April, die bereits an der Tür angekommen war, stoppte und drehte sich um.

Colt kaute seelenruhig weiter und sah Fireball dabei breit grinsend an: „Neidisch?“, fragte er und bemerkte erst jetzt die plötzliche Stille im Aufenthaltsraum. Und sein Blick ging zu April, die noch immer an der Tür stand und ihn musterte udn sich dabei ein leichtes Schmunzeln, auf ihren Lippen bildete.
Fireball verschränkte seine Arme vor der Brust: „Worauf? Auf deinen Appetit?“ Colt grinste noch breiter.
Saber stellte seine Tasse langsam auf den Tisch zurück und sah von Fireball zum Cowboy, wo sein Blick schließlich hängen blieb: „Moment mal.“ und er stand auf: „Soll das heißen, dass du erneut Vater wirst?“ Colt grinste und zuckte mit den Schultern, als sei es das normalste der Welt: „Klar, einer muss ja hier für kleine Cowboys sorgen…”
April hatte darauf jede Zurückhaltung aufgegeben und ging direkt auf Colt zu und fiel ihm freudig um den Hals. “Das ist ja großartig!“ freute sie sich, der Cowboy fing sie lachend auf: “Jahaa, das ist es!” freute er sich mit. Saber trat einen Schritt auf Colt zu: „Aber im Ernst, Colt, herzlichen Glückwunsch, ich freue mich für Robin und dich!“ Colt nickte: „Danke, Boss.“ Saber musterte ihn kurz, dann huschte wieder dieses trockene Schmunzeln über sein Gesicht: „Und eines muss man dir ja lassen: zielsicher wie immer.“ konnte er sich dann doch nicht verkneifen. April prustete los und schlug Colt lachend gegen die Schulter. Fireball schloss kurz seine Augen: „Das scheint jetzt wohl zur Routine zu werden.“
Saber grinste: „Ich würde trotzdem darum bitten, dass wir die Einsatzplanung nicht irgendwann nach Geburtskalendern organisieren müssen.“ Colt grinste über Aprils Schulter hinweg: „Keine Sorge, Boss, wir passen auf!“ Fireball stöhnte: „Genau das war meine Befürchtung.“ musste dann aber auch lachen. Saber nahm darauf wieder seine Tasse auf und trank einen Schluck. Vielleicht war das neue Jahr doch gar nicht so anders als das alte. Dachte er.
Absatz #3
In Japan war man, wie zu erwarten, ruhig in das neue Jahr gekommen. Shinjiro hatte Hitomi vor fünf Minuten bei ihren Eltern abgesetzt und machte sich nun selbst auf den Weg zu seinen, so wie sein Vater es ihm aufgetragen hatte. Für ihn war es ein Besuch aus Anstand. Nichts, was aus einem wirklichen Bedürfnis heraus entstand. Er hatte zugesagt, weil man es von ihm erwart, nicht weil es ihn selbst dorthin zog.
Das Gespräch mit Morel arbeitete hin und wieder in ihm. Vieles von dem, was der Arzt gesagt hatte, wollte Shinjiro als lästige Fakten abtun, als etwas, das man zur Kenntnis nahm und anschließend wieder beiseiteschob. Nur leider ließ die Realität das inzwischen nicht mehr so einfach zu.
Er spürte es, auch jetzt, während sein Wagen durch die Straßen Tokios fuhr, zog die Stadt an ihm vorbei. Das winterliche Tageslicht spiegelte sich in den gläsernen Fassaden der Hochhäuser, zwischen denen sich ältere Gebäude und schmale Wohnstraßen wie Relikte aus einer anderen Zeit hindurchzogen. Während vereinzelte Fußgänger in dicken Mänteln ihren Weg durch den kühlen Vormittag gingen. Leuchtreklamen warben bereits wieder für die ersten Angebote des neuen Jahres und über allem lag diese eigentümliche Ruhe, die die Megacity Tokio selbst inmitten seines unaufhörlichen Verkehrs ausstrahlte.

Je weiter er fuhr, desto vertrauter wurden die Straßen, er kannte diese Gegend nur zu gut. Wie oft war er hier entlanggelaufen? Wie oft war er mit seinem roten Fahrrad durch genau diese Straßen gefahren, den Lenker mit beiden Händen fest umklammert, während er versucht hatte, schneller als der Wind zu sein.
Er bog automatisch in eine Seitenstraße ein, ohne darüber nachzudenken. Erst als er langsamer wurde, bemerkte er, wohin ihn seine Erinnerung geführt hatte. Er hielt am Straßenrand, der Motor lief noch einige Sekunden weiter, während Shinjiro reglos hinter dem Lenkrad saß und nach draußen blickte, dann löste er den Sicherheitsgurt und blickte hinaus auf eine Straße, die ihm gleichzeitig vollkommen vertraut und fremd erschien. Sein Blick blieb an einem Haus hängen. Und plötzlich war da wieder dieses merkwürdige Gefühl in seiner Brust. Eigentlich wollte er direkt weiterfahren, doch er blieb und schaltete den Motor aus.
„Wir haben die Freigabe, Ramrod in Japan aufrüsten zu lassen“, teilte Saber mit, während er seine Nachrichten auf dem Communicator durchging. „Ein neuer Ramrod würde immer noch mehr Sinn ergeben“, kommentierte Fireball beiläufig, während er seinen Bordcomputer mit neuen Routen programmierte. Saber hob den Blick: „Das höre ich jetzt seit Tagen.“ Fireball drehte sein Steuermodul und sah zum Schotten: „Ja, weil es stimmt.“ sagte er und drehte sich halb zum Schotten und deutete auf die Anzeigen vor sich.
„Ramrod ist für seine ursprüngliche Konfiguration ausgelegt, wenn wir jetzt zusätzliche Waffen, Abschirmungen und Energieversorgung draufpacken, erhöhen wir zwangsläufig die Masse. Und Masse bedeutet bei einem Raumfahrzeug nicht einfach nur, dass es ein bisschen langsamer wird.“ Saber schwieg.

„Wir brauchen somit mehr Energie für Beschleunigung und Kursänderungen, die Trägheit nimmt zu und jede Korrektur wird träger. Gerade bei schnellen Manövern macht sich das bemerkbar. Wir können die Systeme stärker machen, aber wir können die Physik nicht wegprogrammieren.“ erklärte er weiter. Saber verschränkte seine Arme, lehnte sich zurück und hörte seinem Piloten genau zu, obwohl er es wusste, war es ihm gerade wichtig Fireballs Standpunkt zu hören: „Wenn wir zu viel Gewicht an die falsche Stelle packen, verschiebt sich außerdem der Schwerpunkt. Dann reagiert Ramrod bei Lageänderungen anders als bisher. Für mich als Pilot bedeutet das: längere Reaktionszeiten und mehr Energieverbrauch.“ Und Fireball sah wieder auf seinen Bildschirm. „Theoretisch ja, könnte ich damit fliegen. Aber nur weil ich etwas fliegen kann, heißt das nicht, dass es eine gute Idee ist.“ Saber nahm einen Schluck von seinem Wasser. „Und deshalb wäre ein neuer Ramrod besser.“ Saber grinste: „Aber wir haben keinen neuen.“ Fireball stand auf: „Das“, sagte er, „ist leider das einzige Argument, das gegen meine Theorie spricht.“ Saber grinste, sah auf die Uhr und stand ebenfalls auf.
Schließlich öffnete Shinjiro die Fahrertür und stieg aus. Kaum berührten seine Schuhe den kalten Asphalt, nahm ihn die kalte Winterluft vollständig ein. Er schloss die Wagentür und blieb einen Moment neben dem Fahrzeug stehen.
Dann setzte er sich langsam in Bewegung und mit jedem Schritt war das leise Klacken seiner Schuhe auf dem Asphalt zu hören. Shinjiro ging ohne Eile, seine Hände hatte er den Manteltaschen vergraben. Je näher er dem Gebäude kam, desto stärker wurde dieses eigentümliche, mittlerweile bekannte Gefühl in seiner Brust.
Nach wenigen Metern blieb er schließlich stehen und ließ seinen Blick über die Fassade wandern. Tja. Es war tatsächlich nur ein Gebäude musste er feststellen. Das sogar mit recht freundlichen Farben gestrichen war… In seinen Erinnerungen war es ein grauer Kasten, um so zynischer musste er kurz seinen Kopf schütteln.

Und doch wusste er, was sich dahinter verbarg. Sein Blick glitt zu der goldenen Aufschrift neben dem Eingang, darüber prangerte das hochwertige Emblem der privaten, elitären Militärschule. Lange blieb sein Blick daran hängen. Dieses Zeichen hatte ihn über Jahre auf seiner Uniform begleitet. Es war Teil seiner Kindheit gewesen, seiner Ausbildung und letztlich auch der Grundstein dessen, was aus ihm geworden war. Diese Schule war im Grunde keine Schule. Sie war ein Überbegriff für eine Institution, in der ausgewählte Privatlehrer, ehemalige Militärgeneräle und hochrangige Offiziere ihr Wissen an die nächste Generation weitergaben. Hier wurde die militärische Elite von morgen ausgebildet. Wer den Anforderungen nicht genügte, verschwand irgendwann aus den Reihen, ohne großes Aufsehen, ohne zweite Chance. Viele blieben nicht übrig, weniger, nur jene, die aufgrund ihres Wissens, ihrer Fähigkeiten und ihrer körperlichen wie geistigen Belastbarkeit ausgewählt worden waren. Und genau diese Fähigkeiten wurden hier im Drill gefördert, geprüft und immer wieder unter Beweis gestellt. Versagen war keine Option. Er ließ seinen Blick langsam von dem Emblem hinab zum Eingang wandern. Das Tor war geschlossen. Doch zwischen dem Grau tauchte plötzlich ein rotes Fahrrad auf. Er zog seine Augen fragend und leicht irritiert zusammen, um es zu fixieren, es war so deutlich, als stünde es tatsächlich dort. Shinjiro hielt in leichter Panik, die ihm überkam seinen Atem an, nach außen wirkte er jedoch ruhig.

Das Fahrrad lehnte am geschlossenen Tor, der rote Lack hob sich beinahe unwirklich von der farblosen Umgebung ab. Daneben stand ein Junge mit einem roten Rucksack. Vielleicht 15 oder 16 Jahre alt, Shinjiro kannte ihn. Nicht von einem Foto. Nicht aus einer Erzählung. Er kannte ihn, weil er selbst einmal dieser Junge gewesen war. Der Junge hob seinen Kopf und ihre Blicke trafen sich durch das geschlossene Tor, das wie eine Mauer zwischen ihnen stand.

Es sagte keiner von beiden etwas. Der jüngere sah ihn einfach nur an. Ernst, aufmerksam, aber auch misstrauisch. Und plötzlich kam es Shinjiro so vor, als würde der Junge tatsächlich wissen, wer vor ihm stand. Als würde er ihn sehen und erkennen. Shinjiro machte unwillkürlich einen kleinen Schritt nach vorn. Ein kalter Wind strich über die Straße. Er blinzelte, seine Haare wehten im Wind und einige strähnen in sein Gesicht. Er sah vor sich, das Tor war nach wie vor geschlossen, doch, das Fahrrad war verschwunden. Nur der Schnee lag dort, wo eben noch der Junge, sein jüngeres Ich gestanden hatte. Shinjiro blieb reglos stehen und sah auf die Stelle. Und er fragte sich, während der wieder zum Auto ging, was dieser Junge wohl von dem Mann gehalten hätte, der aus ihm geworden war.
Absatz #4
Im Offizierskasino war das Ramrod-Team zur Mittagszeit wieder vollständig versammelt. Saber ging nach einem guten Essen gingen die nächsten Einsätze durch, während die anderen ihm aufmerksam zuhörten: „Unser nächstes Ziel ist zunächst Jarr“, erklärte er. „Wir werden dort einige Tage Präsenz zeigen und Patrouillen im Orbit fliegen. Nichts Außergewöhnliches, eine reine Routinemission. Die Einsatzplanung dafür hält sich entsprechend in Grenzen.“ Colt lehnte sich etwas zurück, denn dieser Ausflug nach Jahr zum Jahresbeginn fand seit dem Bündnis tatsächlich jedes Jahr statt.
„Einen festen Termin für die Umrüstung von Ramrod in Japan haben wir noch nicht. Es ist also durchaus möglich, dass wir bereits auf Jarr die entsprechenden Vorbereitungen treffen müssen. Jeder von euch sollte darauf eingestellt sein.“
Colt stieß leise die Luft aus, denn bei diesen Worten verschwand allerdings jede Gelassenheit aus dem Gesicht des Cowboys: „Das ist jetzt nicht unbedingt die Nachricht, auf die ich gewartet habe.“ Saber sah zu Colt. „Wegen Robin?“ Colt nickte: „Unter anderem. Sie wäre mit dem Baby, Joshua allein. Und jetzt ist sie auch noch schwanger.“ zählte er die Dinge auf und fuhr sich über den Nacken. „Solange wir keinen Termin haben, kann ich nicht einmal vernünftig planen. Wenn wir morgen losmüssen, muss ich los. Wenn es erst in drei Wochen ist, ist es eben erst in drei Wochen.“
„Du willst also wissen, wann du gebraucht wirst, bevor wir wissen, wann wir gebraucht werden“, stellte Fireball trocken fest. Colt sah zu seinem Freund und nickte: „Exakt.“ – „Das klingt schwierig.“ Colt rollte mit seinen Augen: „Danke, Hombre, deine analytische Unterstützung ist wie immer beeindruckend.“
Saber unterdrückte ein Schmunzeln, obwohl er bemerkt hatte, dass dem Cowboy dieser Teil der Nachricht nicht gefiel. Und er konnte es ihm nicht einmal verdenken.
Schließlich ging es ihm ja nicht anders, auch er musste Sincia und Sara alleine lassen. Dienstpläne waren einfach nur Daten, die logisch waren. Familien funktionierten nicht nach logischen Daten oder Einsatzbefehlen. Und er musste jedoch zugeben, dass sie all das vorher gewusst hatten, doch jetzt in der harten Realität fühlte sich alles daran falsch an: „Ich verstehe deinen Einwand, Colt. Aber im Moment können wir tatsächlich nur mit dem arbeiten, was wir wissen. Sobald Japan uns einen Termin bestätigt, bekommst du ihn sofort.“ Colt nickte, auch wenn ihm die Antwort sichtlich nicht gefiel: „Dann hoffe ich mal, dass die Japaner sich beeilen.“ – „Das hoffe ich auch“, erwiderte Saber. „Allein schon, weil Shinji sonst noch länger behaupten wird, wir bräuchten einen neuen Ramrod.“ Fireball hob unschuldig die Hände. “Ich unterstütze diese Behauptung!“ fiel April mit ein. „Ich sage nur, was die Physik sagt.“ kam es von Fireball. Colt murmelte: „Die Physik kann gerne meine Farm übernehmen.“ Saber schüttelte amüsiert den Kopf und wandte sich wieder den Einsatzdaten zu.
Shinjiro stand im Genkan, dem traditionellen Eingangsbereich seines Elternhauses, sofort umhüllte ihn der bekannte geruch, der in ihm ein unglaubliches engegefühl verursachte, er zog seinen Mantel und Schuhe aus dabei ließ er seinen Blick über die Umgebung wandern. Aus einem angrenzenden Raum waren Schritte zu hören und kurz darauf erschien Kaasan im Türrahmen und musterte ihn streng.

Kein freudiger Ausruf, kein Lächeln, nicht einmal die kleinste Bewegung, die erkennen ließ, dass sie sich über sein Kommen freute. Ihr Blick ruhte lediglich auf ihm, der zwar ruhig, aber schwer zu deuten war: „Du bist also gekommen“, sagte sie schließlich. Shinjiro richtete sich auf und sah ihr entgegen, er verharren einen Moment und blieb an ihrem Blick hängen: „Vater meinte, ich soll vorbeikommen.“ sagte er.
„Natürlich.“ sagte sie und ein kaum merkliches Zucken ging über ihr Gesicht: “Wäre es zu viel verlangt gewesen, zum Frisör zu gehen, wenn man die Frau besucht, die einen Großgezogen hat?” fragte sie und ging den Flur Richtung Wohnzimmer entlang. Shinjiro sah ihr nach, er kannte diese Art von Empfang. Er hatte nichts anderes erwartet. Und trotzdem traf ihn ihre kühle Stimme plötzlich stärker, als er dachte. Er atmete tief ein und folgte ihr.

Am Abend bereitete Fireball zuhause alles für die bevorstehende Mission auf Jarr vor. Kleidung, persönliche Dinge und die notwendigen Unterlagen verschwanden nach und nach in seiner Tasche. Jetzt wurde ihm auch langsam klar, warum seine Eltern Mikan mitgenommen hatten. Er hätte schlicht nicht gewusst, wohin mit dem Fellknäuel, während er unterwegs war.
Verdammt, schmunzelte er, er vermisste tatsächlich die freche Katze. Musste er grinsen, während er seine Tasche schloss und das Zimmer verließ, die Treppen hinabstieg und die Leere und Stille im Haus auf sich wirken ließ, es war merkwürdig, fand er und beschloss kurzerhand, die Nacht auf Ramrod zu verbringen.

„Du bist nur hier, weil Vater es dir gesagt hat!“, kam es feststellend von Kaasan. Shinjiro wollte gerade antworten, doch noch bevor er ein Wort hervorbringen konnte, erhob sie sich und wandte sich ohne eine weitere Bemerkung ab und verließ den Raum. Shinjiro sah ihr nach und in ihm breitete sich diese vertraute Einsamkeit aus, dass er sie kaum noch als solche wahrnahm, das Gefühl war nichts Fremdes, im Gegenteil, es fühlte sich normal an. Und diesmal war etwas ganz anders.
Er saß weiter in der Stille und betrachtete den Raum, die Möbel, die vertrauten Gegenstände und plötzlich kam es ihm vor, als säße er nicht selbst hier, so als würde er die Szene von außen beobachten. Er zwang sich das alles nicht an sich heran zu lassen, doch es wollte ihn nicht …so wie immer? … gelingen. Er war doch ein erwachsener Mann in dem Haus, in dem er aufgewachsen war, und dennoch wirkte gerade alles um ihn herum, seltsam weit entfernt.
Kaasan kehrte nach einigen Minuten mit einem Karton in den Händen zurück und stellte ihn mitten auf den Bodentisch. Shinjiro hob seinen Blick, Kaasan erwiderte ihn nur mit einem knappen Nicken, es war kaum mehr als eine beiläufige Geste und doch lag darin etwas Unergründliches, das ihn für einen Moment in seiner Haltung erstarren ließ. Er atmete tief durch und wechselte in den Schneidersitz. Der Boden war trotz der Tatami ungewohnt hart, es fühlte sich an, als hätte er verlernt, so zu sitzen. „Was ist das?“, fragte er schließlich. Kaasan setzte sich ihm gegenüber: „Es sind einige Dinge, die dir gehören.“ Shinjiro sah sie etwas überrascht an. Sie nickte: „Ich hatte schon vor Jahren vor, sie wegzuschmeißen, doch sie waren all die Jahre hier.“ erzählte sie und zeigte auf die Schachtel.

Shinjiro dachte nicht weiter über ihre Worte nach und zog den Karton langsam zu sich heran. Doch einen Moment zögerte er, bevor seine Hand den Deckel berührte. Was sollte von ihm noch hier sein, das von Bedeutung war? Sein Blick blieb auf der Schachtel liegen. Nach all den Jahren erwartete er darin kaum mehr als irgendwelche Unterlagen oder Dinge, deren Bedeutung er längst verloren waren.
Er öffnete den Deckel und hielt inne…
Absatz #5

Fireball lag im Bett seines Quartiers auf der Ramrod und sah sich die neueste Generation von Dragon Ball Z an, die bereits seit Wochen angekündigt worden war. Eigentlich hatte er sich vorgenommen, noch einmal über die Aufrüstung von Ramrod nachzudenken, doch nach den letzten Tagen war ihm eher nach Abschalten zumute.
Son Goku war mitten in einem Kampf und holte zu einer gewaltigen Attacke aus, während sich hinter ihm die Erde aufbäumte. Fireball grinste: „Na klar … einfach mehr Energie drauf.“ sagte er und lehnte sich entspannt zurück, hielt aber im nächsten Moment inne. Sein Blick wanderte zur Decke: „Mehr Energie …“ murmelte er und setzte sich langsam auf.
Die Szene lief weiter, doch Fireball achtete längst nicht mehr darauf. Seine Gedanken wanderten zurück zu Ramrod. Nicht mehr Leistung. Nicht zwangsläufig größere Triebwerke. Wenn man die vorhandene Energie geballter als Schwerpunkt nutzen konnte … Sein Blick fiel auf den Monitor, wo Son Goku gerade mit einem Donnerschlag angriff. Fireballs Augenbrauen gingen nach oben: “genau…” Fireball sah auf den Bildschirm, wo Son Goku seine Energie inzwischen vollständig in seinen Händen gebündelt hatte.
Fireball setzte sich langsam auf. „Energie bündeln …“ ging es ihm durch den Kopf und auf dem Bildschirm griff Goku schnell udn effektiv an, Fireball grinste und nahm sich die Zeit die Szene zu verfolgen… schließlich konnte er es sich nicht leisten die Folge des Jahres zu verpassen!
Langsam nahm er den Inhalt heraus und betrachtete sich das kleine rote Stoffsäckchen, das mit einem goldenen eingestickten Schriftzeichen versehen war. “Das ist..” flüsterte er und nahm ein weiteres blaues Stoffbeutelchen heraus. “Ich wollte sie dir geben, als du ausgezogen bist.” hörte er die Worte von Kaasan, die ihm so weit weg vorkamen. Es waren die Omamori, Hitomi und er hatten diese kleinen Stoffsäckchen damals zweckentfremdet, um heimlich Briefe auszutauschen.

Wissentlich öffnete er das rote Omamori, in dem sogar noch ein passend gefaltetes Blatt Papier war. Einige Momente sah er es an und ihm lief ein eisiger Schauer über den Rücken. Beinahe hatte er auch noch vergessen zu atmen und räusperte sich, als er zu Kaasan blickte, die ihn abwartend ernst ansah. Er hatte gerade überhaupt keine Gedanken und wusste auch nicht, was er sagen sollte. Außer einem kleinen rauen „Danke!“ kam nichts aus ihm heraus. Und die Stille breitete sich weiter zwischen den Beiden aus.

“Ich hatte es damals gewusst!” begann die ältere Frau. Shinjiro sah auf, diese Aussage kam einfach zu überraschend. “Ich habe Hitomi und dich einmal, als ich zum Einkaufen in Azukawa unterwegs war, am Flussufer im Gras sitzen gesehen, ihr hattet euch unterhalten, Hitomi hat dir voller Begeisterung etwas erzählt und du …” die ältere Frau machte eine Pause und atmete tief ein: “… Shinjiro sah Kaasan ausdruckslos an und hörte weiter zu, sein Herz begann zu rasen und eine bedrückende Schwere legte sich auf seine Brust.
„Es ist gut, dass du zurückgekommen bist.“ wechselte sie mittendrin das Thema. Shinjiro hob leicht seinen Blick: „Und doch dreht sich alles wieder um dich, genau wie damals.“ sprach sie mit ruhiger Stimme und gerade deshalb wirkte sie kalt. „Aber ich habe es akzeptiert … wieder.“
Shinjiro sah sie an, denn er verstand gerade nicht, worauf sie hinauswollte, ihm fehlte der Zusammenhang: „Was meinst du damit?“, fragte er schließlich. Kaasans Blick blieb auf ihn und ein kurzes, bitteres Lächeln erschien auf ihrem Gesicht und in Shinjiro zog sich innerlich alles zusammen.
Kaasan hielt seinen Blick fest und für einen Moment lag etwas beinahe Freundliches darin. Doch es war eine Freundlichkeit, die Shinjiro nicht erreichte. Denn es war die ruhige Bitterkeit eines Menschen, der etwas längst überwunden zu haben glaubte und trotzdem noch immer daran festhing: „Was glaubst du eigentlich, was es für eine Frau bedeutet, das Kind einer anderen Frau großzuziehen?“ Shinjiro hörte auf, sagte aber nichts. Kaasan lächelte schwach und ihre Stimme blieb beinahe sanft: „Und ich musste dabei zusehen, wie mein eigener Sohn zur Nummer zwei wurde. Royu war dazu bestimmt, der Erbe des Sei-Taishōgun zu werden. Das war längst entschieden, denn schließlich habe ich deinen Vater geheiratet, somit hätte Royu den Vortritt gehabt, seine Zukunft war vorgesehen und dann kamst du.“ sprach sie immer bitterer weiter. Und ein kurzes, trockenes Lachen entwich ihr und sie schüttelte mit ihrem Kopf. „Dieses junge, dumme Ding.“ sprach sie leiser…” Selbst das habe ich akzeptiert, immer und immer wieder ging er zu ihr … auch heute noch…” – “Es konnte ja niemand ahnen, dass er dich zu sich nimmt…”
Shinjiro zog fragend seine Augenbrauen zusammen: „Was meinst du?“, fragte er. Kaasan lächelte, doch es war kein warmes Lächeln, denn etwas Kaltes, Berechnendes lag darin, das Shinjiro bewusst wahrnahm. Langsam streckte sie ihre Hand nach ihm aus. Unwillkürlich wich er zurück und sie schüttelte langsam mit ihrem Kopf: „Oh, Shinjiro …“, sagte sie leise und beinahe mitleidig: „Du hast wirklich keine Ahnung.“
Ihre Hand sank wieder ab: „Aber ich habe es akzeptiert.“ und für einen Moment schwieg sie und betrachtete ihn, als würde sie eine längst abgeschlossene Rechnung betrachten. „Nachdem ich verstanden hatte, welchen Plan dein Vater mit dir verfolgte, sah ich plötzlich eine Möglichkeit, meinem Sohn das zurückzugeben, was ihm von Anfang an bestimmt war.“
„Macht.“ war das Wort das zwischen ihnen stand.
„Royu war der Erbe. Nicht du. Das war nie vorgesehen.“ Ihr Blick wurde härter. „Aber dein Vater hatte andere Pläne. Er wollte aus dir einen mindestens vier Sterne General machen, später kam der First Grad ins Spiel. Was du dazu sagst, war egal!“ Und sie legte ihren Kopf leicht zur Seite.

„Ich habe dich aufwachsen sehen. Ich habe zugesehen, wie man dich ausgebildet, geformt und auf deine Zukunft im neuen Grenzland vorbereitet hat.“ Ihr Lächeln verschwand. Shinjiro sagte nichts. „Du glaubst, es ging um Familie“, fuhr sie fort. „Um Liebe, um eine Mutter, die sich um ihr Kind kümmert.“ und ein leises, bitteres Lachen formte sich: „Wie naiv, genau wie dein Sohn, der eh glaubt, dass einem alles in den Schoß fällt, verwöhnt von deinem Vater, Hitomi, die alles betend hinnimmt.“ sprach sie bitter und ihr Blick glitt an ihm vorbei: „Für mich warst du immer nur der Stein, der meinem Sohn im Weg lag. Dann warst du weg und Royu war die Nummer eins .. Nun ja, wir wissen alle was geschah. Und jetzt sitzt du hier.“ erzählte sie und machte eine kurze Pause. Shinjiros Blick sank zu dem Omamori in seiner Hand, seine Finger schlossen sich unbewusst etwas fester darum: „Also hast du …“
„Ja!“, fiel sie ihm unmittelbar ins Wort. „Natürlich! Was denkst du denn?“ Ihre Stimme war zwar noch immer ruhig, doch jedes Wort traf mit einer Schärfe, die keinen Raum mehr für Missverständnisse ließ.

Shinjiro erstarrte, nachdem gehörten, zwar nicht sichtbar, doch in seinem Inneren schien etwas abrupt zum Stillstand gekommen zu sein und nach und nach Risse bekommen. Seine Finger umklammerten das Omamori fester. Und ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken. Seine Schultern spannten sich an, während sein Atem für einen Moment aussetzte. Er hörte Kaasans Stimme noch, doch ihre Worte schienen plötzlich aus weiter Entfernung zu kommen. “Ich hatte Hoffnung, dass du gehst.” und in seiner Brust ein dumpfer Druck aus, der ihm das Atmen erschwerte und er schluckte schwer. Sein Blick blieb auf dem kleinen Anhänger ruhen, doch er nahm ihn kaum noch wahr. Alles um ihn herum verschwand wie in einem Tunnel. Kaasans Stimme wurde dumpf und rückte in weite Ferne. Nur sein eigener Atem war noch da und der war viel zu laut, viel zu schnell. Shinjiro sah sich um und hätte sich am liebsten die Ohren zugehalten.
+++Flashback+++
Er war klein, vielleicht vier oder fünf Jahre alt. Seine Finger schlossen sich um das Geländer der Treppe, während Kaasan ihn am Arm nach oben zerrte. Ihre Hand war hart, ihre Schritte schnell und er stolperte hinter ihr her und versuchte, nicht zu weinen. „Hör auf damit!“, fuhr sie ihn an. Doch er wusste gar nicht mehr, was er getan hatte. Vielleicht hatte er geweint. Vielleicht hatte er widersprochen. Vielleicht war er einfach nur im Weg gewesen. „Du bleibst jetzt hier!“ sagte sie und schob die Tür zu seinem Zimmer auf und sie schob ihn hinein, ohne ihn anzusehen: „Und diesmal bleibst du dort.“ warnte sie ihn. Shinjiro drehte sich erschrocken zu ihr um, doch sie sagte nichts und schloss die schwere Holztür mit einem schwungvollen dumpfen Geräusch, dann fiel von außen der Riegel oberhalb der Tür und verschloss die Tür. Das Geräusch hallte schmerzvoll durch seine Erinnerung.
+++Flashback Ende+++
Und im nächsten Augenblick öffnete sich die Tür des Wohnzimmers und Shinjiro zuckte heftig zusammen. Er war wieder hier, wieder im Wohnzimmer, so als wäre nichts gewesen. Auch Kaasan hatte aufgehört zu sprechen. Shinjiro blinzelte einige Male, um sich zu vergewissern, dass er wirklich wieder klar sah. Was hatte sie gerade noch gesagt? Er wusste es nicht. Er hatte ihre Stimme gehört, davon war er überzeugt. Doch irgendwann waren die Worte verschwunden, hatten sich in diesem Tunnel aus Geräuschen und Erinnerungen aufgelöst. Sein Atem ging stoßweise, seine Finger krallten sich noch immer um das Omamori. Für einen Moment wusste er nicht, ob er den Geruch des alten Holzes tatsächlich noch wahrnahm oder ob er nur in seiner Erinnerung festhing.
Sein Blick wanderte zur Tür, dort stand sein Vater: „Ah, du bist schon da …“, sagte dieser beiläufig. Shinjiro hörte die Worte, doch sie drangen nur gedämpft zu ihm durch. Sein Körper befand sich im Hier und Jetzt, sein Verstand schien jedoch noch immer zwischen zwei Zeiten festzustecken. Die Panik war da, deutlich und überwältigend, doch nach außen hin ließ er sich nichts anmerken und das verlangte ihm gerade alles ab. Nur seine Hände verrieten ihn, denn das Omamori war unter seinem Griff zerquetscht worden. Das kleine Stoffsäckchen lag zerknittert zwischen seinen Fingern. Langsam lockerte er seine Hand und legte den Anhänger zurück in den Karton, als wäre nichts geschehen, dann richtete er sich auf.
Sein Vater sah ihn fragend an. Shinjiro verbeugte sich. Es war eine Begrüßung und gleichzeitig ein Abschied. Er räusperte sich, bevor er sprechen konnte, denn seine Kehle war trocken und seine Stimme klang rau. „Ich …” Er räusperte sich erneut und zwang sich, ruhig zu bleiben. „Ich muss Hitomi abholen.“ sagte er und wandte sich Kaasan zu, die noch immer an ihrem Platz saß, genau so, wie sie die ganze Zeit da gesessen hatte. Shinjiro griff nach dem Karton und nahm ihn an sich. Sein Vater betrachtete ihn einen Moment länger.
„Geh zu Yukino-san“, sagte Kaasan plötzlich. „Da gehörst du hin!“ Shinjiro hielt inne. Sein Vater sah seine Frau ernst an: „Was hast du ihm erzählt?“ Kaasan stand auf. „Ach …“ winkte sie ab und verließ das Wohnzimmer.
Shinjiro beobachtete die Szene stumm, tatsächlich wollte irgendetwas in ihm bleiben, wollte verstehen, was gerade geschehen war. Doch sein Körper hatte längst eine andere Entscheidung getroffen und er machte einen Schritt in Richtung Flur: „Warte!“, sagte sein Vater zu ihm. doch Shinjiro blieb nicht stehen. Hinter ihm hörte er, wie sein Vater Kaasan folgte und ihre Stimmen sich im nächsten Raum entfernten.
Wie ferngesteuert erreichte er den Genkan. Er stellte den Karton kurz ab, zog seine Schuhe an und griff nach seinem Mantel. Seine Bewegungen waren ruhig und routiniert, beinahe mechanisch. Dann öffnete er die Haustür und die kalte Winterluft schlug ihm entgegen. Er trat mit dem Karton hinaus und schloss die Tür hinter sich.
Absatz #6
„Arigatō, Gokū …“, murmelte er und rief Ramrods Energiesystem auf. Seine Finger glitten über die Anzeigen. Und sein Gedanke nahm langsam Gestalt an: „Wenn wir die Energieverteilung verändern und die Zusatzsysteme nicht permanent über die Hauptversorgung laufen lassen …hmmm“ und er setzte sich nun vollständig auf. Auf dem Bildschirm feuerte Son Goku gerade seine Attacke ab. Fireball sah kurz zu und musste grinsen.

Shinjiro lief die schmale Straße der Wohngegend entlang, den Berg hinauf, vorbei an dem Getränkeautomaten, dessen kaltes Licht auf den feuchten Asphalt fiel. Der Wind des herannahenden späten Nachmittags strich durch seine Kleidung. Seine Schritte knirschten über die kleinen Steinchen, die auf der Straße lagen. Ein Auto fuhr an ihm vorbei. Shinjiro nahm es kaum wahr. Er dachte nicht. Keine Fragen. Keine Antworten. Kein Warum? und kein Was hatte sie gemeint? Nur gehe. Automatisch wie geführt bog er in eine weitere Straße ein. Dann blieb er stehen. Vor ihm war sein Haus und er sah sich um. Und es war bereits dunkel geworden.

Er wusste nicht mehr, wie er hierhergekommen war. Die Strecke von seinem Elternhaus bis hierher, war ein ausgelöschter Abschnitt zwischen zwei Erinnerungen. Er konnte sich an keinen einzelnen Moment erinnern. Nicht an Kreuzungen, nicht an Ampeln, nicht einmal daran, wo er das Auto abgestellt hatte. Er stand einfach hier. Langsam öffnete er die Tür und trat ein, es war still. Er schloss die Tür hinter sich und lehnte sich dagegen. Erst jetzt atmete er gefühlt zum ersten Mal tief ein.
Mikan schlich um seine Beine und begrüßte ihn mit einem leisen Miau, Shinjiro blickte zu ihr. Dann veränderte sich etwas. Eine zittrige Welle von Übelkeit überrollte ihn so plötzlich, dass ihm der Boden unter den Füßen wegzukippen schien. Noch während er hastig seine Schuhe abstreifte, stolperte er in Richtung Treppe. Mikan wich erschrocken zur Seite, folgte ihm aber sofort.
Shinjiro nahm die Stufen im Laufschritt. Oben angekommen, stieß er die Tür auf. Doch als die Übelkeit nachließ, blieb sein Körper weiter angespannt. Seine Hände zitterten, sein Atem ging flach. Und irgendwo in seinem Kopf war noch immer diese Stimme. “Geh zu Yukino-san, da gehörst du hin.” Shinjiro schloss seine Augen.
Shinjiro stand unter der Dusche, die Kälte, der er auf dem Weg nach Hause ausgesetzt gewesen war, hatte sich bemerkbar gemacht und auf eine weitere Lungenentzündung konnte er gut verzichten.
Zwar geschah alles weiterhin automatisch, doch er wurde langsam wieder klarer. Er nahm wahr, was er tat, doch in seinen Gedanken schien etwas zu fehlen. Es fühlte sich an, als hätte man ihm etwas gestohlen, den Teil, in dem all seine Gedanken, seine Gefühle und vor allem seine eigene Stimme lagen.
Seine Hand glitt wie von selbst zum Bedienfeld. Er wollte den Schaum abspülen, erwischte jedoch die falsche Einstellung. Und eiskaltes Wasser prasselte unerwartet auf ihn herab. Shinjiro hatte keine Zeit zu reagieren. Und ein schmerzerfüllter Schrei hallte durch das Haus, während er augenblicklich in die Hocke sank. Seine Hände schossen an seinen Kopf, denn er glaubte, sein Schädel würde unter dem Druck einfach platzen.
+++Flashback+++
Leichter Schnee fiel vom grauen Himmel. Vor Shinjiro erstreckte sich der Parcours mit seinen meterhohen Wänden, den Schlammgruben und dem fünf Meter langen Wassergraben. Das Wasser darunter war trüb, vermutlich eiskalt und tief genug, um einen Erwachsenen vollständig zu verschlucken. Der kalte Wind biss in seinen schweißnassen Körper und er zitterte unkontrolliert. Doch je mehr er versuchte, seinen Körper unter Kontrolle zu bringen, desto stärker wurde das Zittern.
Neben ihm stand der Sergeant auf der erhöhten Plattform. In seiner Hand hielt er den langen Stock. Was der Mann ihm entgegen brüllte, verstand Shinjiro kaum noch. Dann traf ihn ein kalter Schlag und ein greller Schmerz fuhr durch seinen Körper. Shinjiro kniff seine Augen zusammen. „Beweg dich!“ brüllte ihm der Sergeant in sein Ohr. Shinjiro sah ihn an: „Nein.“ sagte er so fest er konnte und wollte sich umdrehen. Der nächste Schlag traf seine Oberschenkel. Shinjiro sog scharf die Luft ein. Dann verließ er mit zitternden Beinen die Plattform. Der Sergeant war sofort hinter ihm. Eine Hand schloss sich um seinen Oberarm und zerrte ihn zum Wassergraben. Shinjiro wehrte sich, doch seine Kräfte reichten nicht. Der Sergeant brüllte etwas, dann wurde er ins Wasser gestoßen.
Die Kälte raubte ihm augenblicklich den Atem. Und Panik überflutete ihn. Sein Herz raste. Seine Hände schlugen nach der Wasseroberfläche, während der braune Schlamm um ihn herum aufspritzte. Er wollte nur noch heraus. Dazu schlug der Stock neben ihm ins Wasser, um ihn anzutreiben.
Immer wieder versuchte er, ihn zu fassen, bis es ihm gelang. Überrascht ließ der Sergeant los. Mit letzter Kraft erreichte er das Ufer und griff nach dem nächstbesten Halt, es war das Bein des Seagend und zog sich daran hoch.
Der Sergeant selbst war von dieser Aktion so überrascht, dass er das Gleichgewicht verlor und ebenfalls ins kalte Wasser fiel. Shinjiro kroch davon. Seine Beine zitterten so stark, dass sie ihn kaum noch trugen als er sich aufrichtete. Seine Lippen waren bereits tief blau. Eine Hand packte ihn und er wurde zu Boden gedrückt, sodass er kniete, wehren konnte er sich eh nicht mehr, ihm war egal, was jetzt kommen würde.
Dann hörte er eine weitere Stimme. „Er kniet nicht.“ und Shinjiro hob mühsam seinen Kopf. Sein Vater ging ohne ihn anzusehen an ihm vorbei. „Du bleibst hier stehen, bis ich dich hole!“, befahl der Sergeant.
und Shinjiro blieb stehen, wie im Trace, und um ihn verschwand alles. Und für einen kurzen Moment glaubte er sogar, dass es ihm warm wurde. Dann gaben seine Beine nach und fiel in ins kalte Gras. Erschöpft schlossen sich seine Augen.
Und plötzlich war da Wärme. Eine Hand hielt ihm ein Omamori entgegen. Hitomis Gesicht erschien vor ihm. Ihre Stimme erreichte ihn.
Dann spürte er wieder eine Hand, jemand zog ihn nach oben.
+++Erinnerungen Ende+++
Das Wasser war längst automatisch ausgegangen. Schwerfällig richtete sich Shinjiro auf, musste sich jedoch noch einen Moment an der Wand abstützen. Was war nur los mit ihm? Er kam gar nicht mehr aus diesem Zustand heraus. Kaum glaubte er, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben, riss ihn die nächste Erinnerung zurück.
Wahllos griff er nach einem Handtuch und wickelte es um seinen Körper. Mit schweren Schritten ging er ins Schlafzimmer, öffnete den Schrank und zog sich mechanisch etwas zum Anziehen heraus. Alles geschah weiterhin wie von selbst.
Hitomi stieg eilig aus dem Taxi, es bahnte sich ein Wintersturm an, in der Einfahrt stand noch kein Auto, also war Shinjiro wohl noch nicht zuhause, huschte es ihr schnell durch den Kopf und verschwand schnell im Haus. Als sie den Gekan betrat, sah sie Shinjiros Mantel und Schuhe verstreut auf dem Boden liegen. Sie blickte zur Treppe und zog sich langsam ihren Mantel aus und stieg eilig die Treppe hinauf.
„Shinjiro …“, sprach sie leise, nachdem sie ihn einige Minuten beobachtet hatte. Er saß auf dem Boden und hielt einen Brief in seinen Händen und sein Blick war unverändert starr auf die Zeilen gerichtet. Mikan lag neben ihm und sah auf, als sie ihre Stimme hörte, sie blieb aber weiter an seiner Seite.
Shinjiro sah auf und sein Blick wanderte zur Tür und blieb dort einen Moment an Hitomi hängen. Er sagte nichts, stattdessen hielt er ihr lediglich den Brief entgegen. In Hitomi stieg sofort Sorge auf und trat in den Raum, setzte sich neben ihn und musterte ihn dabei aufmerksam. Irgendetwas stimmte nicht, seine Augen wirkten anders, nicht leer, aber abwesend, als würden sie nach etwas suchen. Langsam nahm sie ihm den Brief aus der Hand. „Was ist passiert?“, fragte sie leise. Shinjiro antwortete nicht.

Sie las die ersten Zeilen und schreckte auf: „Was …? Das kann doch nicht wahr sein.“ kam es von ihr und Ihr Blick wanderte erneut über die Zeilen, als müsste sie sich vergewissern, dass sie sich nicht verlesen hatte. Dann sah sie auf die kleine Schachtel neben Shinjiro, in der einige ihrer Omamoris lagen. „Woher hast du das?“, fragte sie leise. Shinjiro fuhr sich fest durch die Haare und schüttelte mit seinen Kopf. Er öffnete den Mund, schloss ihn wieder und versuchte es ein zweites Mal. „Kaasan … sie … hat …“ und er verstummte wieder. Hitomi hob den Blick und sah ihm fest in die Augen. Shinjiro erwiderte zwar ihren Blick, doch er konnte ihn nicht halten. Seine Augen wanderten über ihr Gesicht, dann durch den Raum, als suchte er etwas.

„Eine verschlossene Tür … Das Wasser war eiskalt …“ und seine Stimme wurde leiser und verlor sich zwischen den einzelnen Worten. „Diese Augen …“
„Shinjiro?“ fragte sie und ihre Stimme holte ihn für einen Moment zurück. Er blinzelte mehrmals, als müsste er erst erkennen, wo er war. Hitomis Mimik hatte sich verändert und die Sorgen standen ihr nun offen ins Gesicht geschrieben. Shinjiro schluckte schwer. „Sie war es …“ und er stoppte wieder. Und rieb sich mit beiden Händen seine Augen, sah danach wieder auf den Brief und griff beinahe fahrig nach seiner Brille. Er nahm sie ab, hielt sie einen Moment in der Hand und starrte ins Leere.
„Sie hat es mir gesagt.“ Seine Worte kamen wieder durcheinander, als würde er nicht mit Hitomi sprechen, sondern zu jemandem, der längst in seiner Erinnerung stand. „Ich wusste es nicht … Ich konnte es nicht wissen …“ Hitomi verstand nichts. Aber zumindest verstand sie, dass Shinjiro gerade nicht vollständig hier war. Ganz langsam legte sie ihre Hand auf seinen Unterarm. Er hielt inne und sein Blick fiel auf ihre Hand. Und für einen Moment schien die Gegenwart wieder durch die Erinnerung hindurchdringen. “Ich wusste es … aber, wie…” Hitomi hielt ihn fest am Arm: “Was wusstest du!” forderte sie. Und er sah sie an.

“Würdest du deine Mutter vergessen?” fragte er plötzlich unheimlich klar… Hitomi erschrak: “Was?” fragte sie, doch Shinjiro sah sie weiter an. „Wenn du sie vergessen müsstest … würdest du es merken?“ Hitomi sagte nichts. „All die Jahre.“ sprach er zu sich und Hitomis Finger schlossen sich fester um seinen Unterarm. „Shinjiro …du solltest…“ Er sah sie wieder an. „Sie ist nicht meine Mutter.“ sprach er ruhig, klar und sachlich. Und gerade deshalb trafen sie Hitomi mit voller Wucht.
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Nice 🙂
Deep emotions ✨
Hope part 3 don’t take long time 🫠
One question ❓ why kaori thought that her son Ryou should inherit the title? Is not the first son should be the one who inherit the title? 🤔
Everything will be explained in the next few chapters.