5.539 Wörter, 29 Minuten Lesezeit.
Jarred und Shinjiro hatten das gemeinsame Abendessen beendet und gingen langsam einen Weg entlang, der sich um die Villa zog. „Verdauungsspaziergang“, hatte Jarred es genannt. Der Tag war warm gewesen, einer dieser seltenen Frühlingstage, an denen die Sonne lange blieb und die Luft noch Stunden später die Wärme des Nachmittags in sich trug. Jetzt lag ein sanfter goldener Schimmer über dem Gelände. Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne färbten den Himmel in weiche Orange- und Rosatöne, während über den Silver Mountains bereits ein tiefes Blau aufzog. Es war still geworden auf dem Gelände der Villa. Der mit weißen Kieselsteinen gesäumte Parkplatz war leer. Kein einziges Besucherfahrzeug stand mehr dort. Und aus den Bäumen erklangen die Stimmen der Abendvögel und aus der Ferne war das rhythmische Zirpen der ersten Grillen zu hören.

Jarred genoss diese seltenen Momente der Ruhe, doch dann brach er schließlich das Schweigen: „Keine schönen Aussichten.“ Shinjiro nickte leicht, er wusste, was Jarred damit meinte: „Nein“, antwortete er ruhig: „Aber es ist zu schaffen. Die Task-Force des Oberkommandos werden immer besser. Es ist eigentlich Wahnsinn, dass man sie all die Jahre so vernachlässigt hat.“
Jarred nickte wissentlich langsam: „Ja. Eagle und der Stab haben sich auf die Raumfahrt konzentriert“, sagte er nachdenklich: „Sie mussten die Outrider in Schach halten.“ Shinjiro nickte nur und ließ seinen Blick über das Gelände schweifen. Die Atmosphäre dieses Abends legte sich ruhig über ihn und Tatsächlich waren seine Gedanken nicht mehr bei den Bodentruppen des Oberkommandos.
Morgen würde sein Sohn achtzehn werden und an den Wegen auf dem Gelände sprang nach und nach die dezente Bodenbeleuchtung an, kleine Lichter tauchten ihren Weg in ein warmes Leuchten.
Shinjiro sah in den Himmel, der langsam dunkler wurde, es war der erste Geburtstag seines Sohnes, den er wirklich miterleben würde. All die Jahre zuvor waren jetzt im Nachhinein betrachtet, wie im Flug vergangen. Ein kaum merkliches Lächeln huschte über sein Gesicht. Achtzehn Jahre, sein Sohn war auf dem Weg ein Mann zu werden. Und er ließ die Stille dieses Abends und in seinen Gedanken einfach auf sich wirken.
“Wie geht es dir?” holte ihn Jarreds frage aus seinen Gedanken, Shinjiro, der sich gerade die Rückseite der Villa angesehen hatte, blickte neben: “Hör auf damit!” Jarred sah auf: “Es war nur eine einfache Frage!” sagte Jarred darauf fast entschuldigend und sie liefen still nebeneinander und traten darauf in die Villa und sie verabschiedeten sich.
30 Minuten später betrat Shinjiro ging ins Bad und ließ sich ein heißes Bad einlaufen. Er lehnte sich im Wasser zurück und für einen Moment ließ er sich in das heiße Wasser sinken und ließ einfach los, dabei starrte er an die Decke und in dieser Ruhe kehrten seine Gedanken zurück. Immer wieder kehrten sie an diesem Nachmittag zurück. Und zu seinem dreizehnten Lebensjahr, warum ausgerechnet diese Zeit? Warum jetzt? Er schloss seine Augen. Das ließ sich von dem heißen Wasser umarmen.
Schon damals mit 13 war er mit seinen Gedanken, den gesetzten Erwartungen und Veränderungen überfordert. gewesen, alles kam auf einmal, war anspruchsvoller und wurde immer härter. Während sich auch in ihm selbst begann, etwas zu verändern, gab es Gefühle, Fragen, Unsicherheit. Heute war er sich sicher, genau das hatte sein Vater unterdrücken wollen, denn es war Ablenkung, Mädchen waren Ablenkung und eine Zeit lang funktionierte es sogar, er ließ einfach alles über sich ergehen, den Drill, die Regeln, die ständigen Erwartungen. Er hörte auf, nach links oder rechts zu schauen, und tat einfach, was man von ihm verlangte. Und doch war es nie genug, egal wie viel er lernte, egal wie schnell er rechnete, egal wie sehr er sich bemühte.’Es reichte nie, und trotzdem hieß es immer nur: schneller.

Er ließ langsam die Luft aus seinen Lungen entweichen. Das Wasser bewegte sich leicht um ihn herum. Diese Gedanken… Sie wiederholten sich ständig und inzwischen langweilten sie ihn fast genauso sehr, wie sie ihn damals erschöpft hatten.
Shinjiro kniff seine Augen zusammen, ein Schmerz zuckte und blitzte durch seinen Kopf, so plötzlich und scharf, dass ihm für einen Moment der Atem stockte. In seinen Ohren rauschte es, fast so, als könne er hören, wie seine Haut aufplatzte, ein dumpfes Echo der Vergangenheit, das in seinem Schädel nachhallte.
An diesem Tag hatte sein Vater besonders fest zugeschlagen. Warum eigentlich? Er wusste es nicht mehr, und wenn er ganz genau nachdachte, hatte er wenig Erinnerungen aus seiner Kindheit, und wenn doch, waren es nur Fetzen, die nicht viel aussagen, so als gab es sie gar nicht.
Langsam rutschte er am Rand der Badewanne hinunter und legte seine Hände fest auf seinem Gesicht, als wollte er die Erinnerung einfach wegdrücken, doch er wusste, so einfach war das nicht. Dann ließ er sich sinken und tauchte unter. Stille, … Unter der Wasseroberfläche hörte er nur seinen Puls, der gegen seine Ohren gedämpft hämmerte, er öffnete unter Wasser seine Augen, sah nur verschwommene Formen und Lichtreflexe an der Oberfläche und tauchte eilig wieder auf.
Schließlich stieg er aus der Wanne, trocknete sich ab, zog sich an und setzte sich an sein Notebook. Der Bildschirm flackerte auf, während das System hochfuhr. Er wollte die Drei-Phasen-Strategie aufstellen und durchspielen, falls sie auf Alamo oder gar die Tromson Ranch stürmen mussten.
Bevor er das Zimmer mit dem Notebook verließ, machte er noch einen kurzen Halt, öffnete den Kühlschrank und nahm einen Eistee und ging in das Wohnzimmer auf der Etage der Villa. Während er durch den Flur ging, begannen seine Gedanken bereits wieder zu arbeiten, er hoffte Ablenkung, wenn er an den Strategien arbeitete.
Er setzte sich auf das Sofa und streckte seine Beine auf deinem Hocker vor sich aus, das Notebook hatte er auf seinem Schoß. In der Villa war es ruhig, das Licht war bereits gedimmt, nur die Stehlampe neben ihm spendete ein warmes, ruhiges Licht. Hin und wieder drangen gedämpfte Geräusche aus dem Eingangsbereich zu ihm, leise Stimmen des Personals, kurze Gespräche, Schritte und ab und zu wurde eine Tür geöffnet und ebenso leise wieder geschlossen.

Ein leises Geräusch ließ ihn von seinem Notebook aufblicken, da hatte sich an diesem Abend noch jemand ins Wohnzimmer verirrt: „Guten Abend, Captain Hikari.“ Dr. Morel stand, mit einem dicken Buch unter seinem Arm geklemmt, vor ihm: „Mister“, berichtigte Shinjiro knapp den Gruß und wünschte ihm ebenfalls einen guten Abend, bevor er sich wieder seiner Arbeit, am Notebook, zuwandte. Morel blieb einen Moment stehen, dann lächelte er leicht: „Ich hoffe, ich störe Sie nicht, wenn ich hier lese, Mister Hikari.“ Und nahm, ohne die Antwort wirklich abzuwarten, in seinem Sessel am Fenster Platz und schlug sein doch schon recht abgenutztes schwarzes Buch auf und begann zu lesen.
Im Wohnzimmer kehrte wieder Ruhe ein, nur das leise gedämpfte Tippen auf der Tastatur und das gelegentliche Rascheln einer Seite, die umgeblättert wurde, durchbrachen die Stille.
Ein Mann des Hauspersonals trat dezent an Morel heran: „Ihr Tee, Dr. Morel.“ un stellte die Teekanne und die Tasse vorsichtig auf den kleinen Tisch neben dem Sessel. Dann wandte er sich kurz zu Shinjiro: „Benötigen Sie für die Nacht noch etwas, Captain?“ Shinjiro schüttelte nur leicht mit seinem Kopf. Der Angestellte nickte höflich: „Dann wünsche ich Ihnen schon einmal eine gute Nacht.“ und zog sich leise wieder zurück.
Shinjiro sah noch einen Moment auf dem Bildschirm vor sich, seine angelegten Strategien, verschwammen vor seinen Augen und er merkte, als er sich diese rieb, auch warum. An seinen neuen Begleiter, die Brille, musste er sich wohl noch gewöhnen und dachte direkt über Kontaktlinsen nach. Schließlich schloss er das Programm, er konnte sich ohnehin nicht mehr richtig konzentrieren. Stattdessen öffnete er den Browser und ging ins Internet, um …

„Es war heute viel los“, begann der Dr. Morel plötzlich aus dem Nichts und nahm einen Schluck von seinem Tee: „Ich habe von König Jarred gehört, was geschehen könnte.“ Shinjiro sah jetzt überrascht auf und blickte zu dem Arzt hinüber. Doch der Arzt lächelte ruhig und stellte seine Tasse wieder leise auf die Untertasse ab: „Keine Sorge“, begann er beschwichtigend, „Ich bin vereidigt und besitze den militärischen Rang eines Colonels.“ Shinjiro hob jetzt noch zusätzlich seine Augenbrauen: „Interessant“, sagte Shinjiro schließlich und wandte seinen Blick wieder seinem Monitor zu. Doch der Doctor lachte leise auf und fragte: „Interessant, was genau? Der Colonel oder der Doctor?“ Ein leichtes Lächeln huschte jetzt über Shinjiros Gesicht, doch er sah weiterhin auf dem Bildschirm: „Die Mischung macht es.“
Dr. Morel nickte wissend: „Ja, und wenn ich dann noch erwähne, dass ich auch Theologe bin, fallen die meisten endgültig vom Stuhl.“ setzte er noch einen drauf: Shinjiro musste jetzt tatsächlich grinsen und sah, um sich den Pastor, Doctor, Colonel vor sich genauer anzusehn: „Wie kommt man denn dazu?“, wollte er nun doch wissen. Morel legte sein Buch zur Seite und schlug ruhig seine Beine übereinander. Und schien für einen Moment seine Gedanken zu sammeln.
„Ich habe lange nach einer Berufung gesucht“, begann er schließlich: „Als ich jung war, wollte ich unbedingt in irgendetwas wirklich gut sein. Also ging ich zu den Forces armées françaises und dachte, das wäre mein Ding, wie man so schön sagt!“
Shinjiro ließ den Blick kurz durch den Raum schweifen und griff nach seinem Eistee: „Und ein Colonel im Rang OF-4 war nicht gut genug?“, fragte er schließlich. „Das schaffen nicht einmal Offiziere, die dreißig Jahre oder länger im Dienst sind.“
Morel nickte zustimmend: „Wahrscheinlich sollte alles genau so kommen“, sagte er ruhig. „Als Colonel habe ich Menschen aus allen Schichten getroffen – von ganz unten bis ganz oben. Ich war in Kriegsgebieten, habe viele Verwundete, Sterbende und traumatisierte Menschen gesehen. Und überall fehlte es an Seelsorgern und Psychologen.“ erzählte er und machte eine kurze Pause, um einen Schluck von seinem Tee zu nehmen. Shinjiro musterte den Mann vor sich nachdenklich und nahm dann ebenfalls einen Schluck von seinem Eistee un Morel erzählte weiter: “Also quittierte ich schließlich meinen Dienst, studierte Psychologie und widmete mich der theologischen Seelsorge.“
„Das ist doch mal ein Werdegang“, sagte Shinjiro knapp und nickte anerkennend: „Ich nenne es inzwischen eher Berufung. Und vor sechzehn Jahren war ich der Seelsorger auf Jarr, bei den Piloten im Hangar“, erzählte Dr. Colonel Morel ihm ruhig. Shinjiro atmete tief ein und sah Stimm zu Morl: „Dann hatten meine Piloten damals Glück, danke.“ sagte er und wandte sich wieder seinem Notebook zu und öffnete sein Postfach.
Dr. Morel, der Shinjiro ebenfalls beobachtet hatte, nickte nachdenklich und nach einigen Augenblicken sagte er ruhig: „Ja, und Sie, Captain, hatten dieses Glück nicht. Ich weiß, dass Sie das Trauma des Einsatzes vor sechzehn Jahren nahezu allein bewältigt haben. Das zeugt von einem starken Überlebenswillen.“ und er machte eine kurze Pause, als würde er seine Gedanken sorgfältig abwägen: „Aus psychologischer Sicht bedeutet das, dass in Ihnen etwas sehr Grundlegendes gearbeitet hat“, sagte Dr. Morel ruhig. „Also, ein Teil des Menschen, der sich selbst dann noch an das Leben klammert, wenn alles um ihn herum zerbricht.“
Shinjiro hatte aufmerksam zugehört. Langsam lehnte sich etwas zurück: „Und theologisch?“ kam es ruhig von ihm, schließlich wollte er diese Erklärung auch hören: Dr. Morel nickte einige Male langsam vor sich hin: „Dann würde ich sagen: Sie hatten Hoffnung.“ und machte eine kurze Pause und nahm einen kleinen Schluck von seinem Tee. Shinjiro schwieg darauf einen Moment: „Und manchmal“, sagte Morel leise, „ist genau diese Hoffnung der Grund, warum ein Mensch weiterlebt.“
Shinjiro ließ es unkommentiert und blickte über seine Mails, dabei hallten die Worte des Arztes in ihm nach, und er schluckte schwer. Dann brach er die Stille, die zwischen den beiden entstanden war, und sprach dann etwas leiser: „Glauben Sie wirklich, ich hätte nie versucht, mich umzubringen?“
Dr. Morel blieb ausdruckslos und sah den Captain ruhig an, nahm sein Buch wieder zur Hand, schlug eine Seite auf und ließ den Blick kurz über die Zeilen gleiten: „Wenn Sie möchten“, sagte er schließlich ruhig, „können Sie es mir erzählen.“ Und es wurde wieder still, doch das Angebot blieb leise im Raum. Morel senkte seinen Blick und vertiefte sich erneut in sein Buch.
Shinjiro überflog eine interne E-Mail des Oberkommandos und löschte sie.
„Mit dreizehn“, sagte er nach Minuten plötzlich. Dr. Morel, der gar nicht mehr damit gerechnet hatte, dass der Captain darauf zurückkommen würde, sah überrascht auf und legte sein Buch auf seinem Schoß ab und wartete geduldig ab, was da jetzt noch kommen würde.
„Bei uns in der Nähe gab es eine alte Fußgängerbrücke über die Gleise. Schmal, vielleicht zehn Meter lang. Kaum jemand nutzte sie – zu viele Stufen. Mein Bruder und ich schoben unsere Fahrräder trotzdem hinauf. Es war eine Abkürzung von fast einem Kilometer.“ Morel hörte aufmerksam zu: „Ich versuchte irgendwann, mit dem Fahrrad immer näher an die Stufen heranzufahren. Also in letzter Sekunde bremsen, bevor es runterging. Dieses Spiel wiederholte ich, immer wieder und jedes Mal immer ein kleines Stück weiter und stellte mir vor, wie es wäre, einfach die Bremsen loszulassen.“ erzählte er und es legte sich eine erwartende Stille über den Raum. Morels Augenbrauen hoben sich nach einigen Minuten leicht fragend, schließlich wollte er jetzt auch das Ende der Geschichte hören: „Aber Sie haben es nie getan“, sprach er ruhig.
Shinjiro atmete tief ein und schloss sein Postfach: „Nein“, sagte er schließlich, „Aber mein Bruder, der mich dabei beobachtet hatte.“ Morel fragte: „Wie alt war er? Shinjiro sah zum Doctor: „Zehn, fast elf, mit einer Fantasie für zwei.“ Ein kleines Lächeln huschte über die Lippen des Arztes, doch gleich darauf fragte er besorgt:
„Er muss sich schwer verletzt haben.“ Shinjiro nahm einen weiteren Schluck von seinem Eistee und nickt: „Sein Glück war, dass sich sein Rad gleich am Geländer der ersten Stufen verfangen hatte. Er hatte sich den Arm gebrochen und den Kopf heftig angeschlagen.“ antwortete er und machte eine kurze Pause: „Ich wusste sofort, wie er auf diese blöde Idee gekommen war und meine Eltern, nachdem sie mit Royu gesprochen hatten, auch. Mein Vater schaute mich nur an, aber es kam kein Wort, die ganze Fahrt nach Hause nichts und zu Hause auch nichts.”
Dr. Morel ließ die Geschichte auf sich wirken: “Sie haben auf eine Reaktion gewartet!” Shinjiro grinste und sah sich im Raum um: “Ja, das erste Mal habe ich auf etwas von ihm gewartet, aber er verlor die nächsten Tage kein einziges Wort darüber.” Dr. Morel goss sich erneut eine Tasse Tee ein: “Und ihre Mutter?” Shinjiro sah von seinem Notebook auf: “Meine Mutter?” Morel nickte: “Ja, was sagte sie überhaupt zu der ganzen Situation?” Shinjiro blickte zu dem Arzt hinüber, der gerade einen Schluck von seinem Tee nahm, und senkte dann wieder den Blick auf die geöffnete Seite des Maklers aus Yuma City auf seinem Bildschirm: „Alles, was mein Vater macht, ist für meine Mutter richtig.“ Dr. Morel beobachtete ihn ruhig: „Lieben Sie Ihre Mutter?“, fragte er beinahe beiläufig, aber mit einem herausfordernden Unterton. Shinjiro sah überrascht auf und zögerte kurz, doch antwortete schnell:
„Natürlich.“ Morel nickte nur leicht: „Also wurde der Unfall mit Ihrem Bruder nicht weiter thematisiert?“ Shinjiro räusperte sich: „Nein. Es lief alles weiter wie immer, bis er wieder zu Hause war. Erst dann wollte mein Vater von uns wissen, was das sollte und vor allem, wie Royu auf diese Idee gekommen war.“ und atmete tief ein, bevor er eine Pause machte. „Und ging einfach nach oben in sein Büro. Wir saßen noch eine Weile im Wohnzimmer. Schließlich stand ich auf, schubste Royu, der noch auf dem Boden saß, und sagte ihm, dass er ein Idiot sei.” … „Nun ja …“ und wandte sich wieder seinem Notebook zu.
„Nun ja?”, wiederholte Morel … “Wie jetzt, das war’s?“ fragte er nach dem abrupten Ende der Geschichte, aber beobachtete sein Gegenüber aufmerksam.
Shinjiro war plötzlich still geworden. Sein Blick hing am Bildschirm, doch seine Gedanken schienen woanders zu sein. Morel bemerkte das häufigere Blinzeln, das kurze Schlucken, es waren kleine, unbewusste Reaktionen, die oft dann auftauchen, wenn jemand beginnt, etwas innerlich neu zu betrachten. Solche Momente kannte er gut. Manchmal brauchte ein Gedanke einfach Zeit, bis er sich an die Oberfläche arbeitete. Und der Arzt ließ ihm bewusst einen Augenblick Ruhe und sah ihn weiterhin ruhig an: „Was geschah dann?“, fragte er schließlich leise.
„Mr. Hikari, hören Sie mich?“ fragte der Arzt etwas lauter. Shinjiro sah den Doktor darauf fragend an. Morel blieb ruhig in seinem Sessel sitzen, bewegte sich kaum, doch seine Aufmerksamkeit lag vollständig auf dem Captain: „Ja“, kam es heiser von Shinjiro, als hätte er gerade erst wieder zu sich selbst zurückgefunden. Für einen Moment wirkte er orientierungslos. Sein Blick glitt durch den Raum, als müsste er sich vergewissern, wo er war und verstand nicht, warum Morel ihm diese Frage stellte.
Die körperliche und stimmliche Reaktion verriet Morel sofort, was gerade geschah. Sein Gegenüber steckte in einem Flashback. Der Arzt ließ ihm bewusst etwas Raum darin, sprach ihn jedoch immer wieder an, damit er sich nicht völlig darin verlor, so wie am Morgen: „Was geschah dann?“ fragte Dr. Morel noch einmal ruhig.
In Shinjiros Ohren hallte der Schlag immer und immer wieder nach. Er wollte antworten, doch kein Wort kam über seine Lippen. Sein Blick wanderte unruhig durch den Raum, als würde er sich an der Gegenwart festhalten. Und Morel richtete sich jetzt etwas auf: „Hat er Sie danach geschlagen?“ fragte er direkt. Shinjiro riss seine Augen auf: „Was?“ kam es heiser von ihm und sein Herz begann zu rasen, jeder Schlag pochte hart in seiner Brust und er spürte das Blut durch seinen Körper rauschen.
Dr. Morel stand auf, ohne Hast ging er ein paar Schritte näher und setzte sich auf einen weiteren Hocker neben dem Sofa, gerade nah genug, um eingreifen zu können, aber weit genug entfernt, um den Moment nicht zu zerstören. Shinjiro sollte in der Erinnerung bleiben, sie ansehen und zu Ende bringen: „Erzählen Sie“, sagte Morel ruhig. „Was geschah dann?“
Shinjiros Kopf fühlte sich an, als würde er gleich platzen, seine Augen wollten sich immer wieder schließen, doch zugleich spürte er eine eisige Kälte über seinen Rücken ziehen. Schließlich begann er zu sprechen und erzählte von der Bestrafung. Von dem Schlag, der so hart war, dass er nach vorn stürzte. Und er rang nach Luft.
Dann erzählte er weiter, wie er seinem Vater zum ersten Mal etwas entgegen geschrien hatte und dass, obwohl er kaum noch Kraft hatte, überhaupt zu sprechen.
Sein Vater packte ihn am Arm und hielt ihn fest und forderte ihn immer wieder auf, aufzustehen. Dann ließ er ihn einfach los … und die Flasche Eistee glitt aus seiner Hand und fiel neben ihm auf das sofa, jegliche anspannung hatte ihn Verlassen.
Da durchzuckte ihm ein kalter kleiner Schmerz und durch die Bilder und das Rauschen in seinen Ohren drang die Stimme von Dr. Morel zu ihm durch, der ihn immer wieder leise, ruhig, aber auch bestimmt ansprach.
In diesem Moment begriff Shinjiro etwas; sein Vater sah ihn nicht, es wirkte nur so, als würde er ihm in die Augen blicken, doch sein Blick ging an ihm vorbei und durch ihn hindurch. Er sah ihn gar nicht, sondern nur etwas, das geformt werden sollte. Etwas, das funktionieren musste.
Ein erneuter, kalter, diesmal längerer, Schmerz ließ Shinjiro die Augen öffnen. langsam schärfte sich das Bild vor ihm und er sah sich langsam um, als würde er etwas suchen, das Licht war gedämpft und er benötigte einen Moment, um zu begreifen, wo er war. Seine Augenbrauen zogen sich fragend zusammen. Er saß noch immer auf dem Sofa: „Mr. Hikari, wissen Sie, wo Sie sind?“ fragte Morel ruhig und Shinjiro blickte zu ihm hinüber, der Arzt saß neben ihm. Langsam nickte er: „Ja“, antwortete er heiser. Morel ließ ihm einen Moment Zeit, bevor er weiter fragte: „Was passierte dann?“
Shinjiros Pupillen weiteten sich, er wollte antworten, doch zunächst kam kein Ton über seine Lippen und er schloss seine Augen … Und da war es wieder etwas Kaltes, ein leichter Schmerz, der ihn in der Gegenwart hielt: „Ich…“ Seine Stimme kratzte: „Ich bin aus dem Haus gerannt. Ich hatte sogar noch meine Jacke gegriffen.“
Dieses Detail mit der Jacke schien ihn selbst einen Moment lang zu beschäftigen: „Wohin?“ fragte Dr. Morel ruhig. Shinjiro sah sich um. Er war noch immer in diesem Wohnzimmer, und der Arzt saß ihm auf einem Hocker gegenüber, nah genug, um jede seiner Reaktionen zu sehen. Er wollte nichts erzählen, doch er hatte das Gefühl, keine Wahl zu haben, die Worte drängten sich nach oben, als würden sie sich ihren Weg selbst suchen. Panik stieg in ihm auf, fast so real, wie er sie damals gefühlt hatte. Alles in ihm wollte aufspringen und verschwinden, einfach weg. Doch er blieb sitzen. Wie festgehalten an diesem Moment. Sein Atem wurde schneller. Die Umgebung vor seinen Augen verschwamm. Die Luftnot ließ zwar nach, doch stattdessen stieg eine andere Welle in ihm auf, Panik, er hörte seinen Atem so laut in seinen Ohren, dass er die Bilder untermalte.
Dr. Morel ließ es geschehen: „Wohin?“ fragte er noch einmal, etwas fordernder. Shinjiro schluckte und begann zu erzählen, wie er auf sein Fahrrad gestiegen war und einfach losgefahren ist, ohne Ziel. Wohin auch, er kannte niemanden, der ihn Schutz geben konnte…
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Er war außer Atem, ihm war schwindelig, während er durch die frühe, winterliche Dunkelheit raste.
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Passend zur Kälte um ihn, durchzog ein punktueller kalter Schmerz auf seinen Unterarm. Er wollte aufstehen, doch sein Körper gehorchte ihm nicht. Als er blinzelte, sah er wieder den Arzt vor sich. Das Wohnzimmer, das in gedämpftem gehüllt Licht war, doch alles in ihm wollte nur eines: die Augen schließen und verschwinden.
„Wohin sind Sie gefahren?“ fragte Dr. Morel nun eindringlicher. Und Shinjiro schloss seine Augen, doch keine Chance sofort war er wieder dort.
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Seine Beine traten in die Pedale, obwohl sie längst keine Kraft mehr hatten. Er spürte die Kälte in seinem Gesicht. Die heißen Tränen, die Angst, die Panik. Er wollte schreien, doch kein Laut kam aus ihm, so dass es schmerzte.
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Ein kurzer, eiskalter Schmerz zuckte wieder durch seinen Arm. Shinjiro riss seine Augen auf und versuchte tief einzuatmen. Das Wohnzimmer tauchte wieder vor ihm auf. “Was war hier los, was war real und was nicht?” fragte er sich. Ein längerer kalter Schmerz erreichte sein Bewusstsein. “Ich weiß es nicht!” kam es heiser aus seiner Kehle. Der Arzt, der mittlerweile neben ihm auf der Lehne des Sofas saß, nickte. „Wo sind Sie gerade?“ fragte Dr. Morel ruhig nach, denn er wusste nicht, ob sich sein Patient noch im Wohnzimmer befand, oder wieder ganz in der Erinnerung.
Shinjiros Stimme kam brüchig. Er sagte, er stehe auf einer Brücke. Unter ihm fuhren Züge im Minutentakt vorbei. Und begann sogar die Linien aufzuzählen und wohin sie fuhren.
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Das Fahrrad fiel scheppernd zu Boden und Shinjiro griff nach dem kalten Geländer der Brücke und lehnte sich dagegen, um sich auf den Beinen zu halten. Unter ihm ratterten die Züge vorbei, einer nach dem anderen, ihr Dröhnen vibrierte durch das Metall bis in seine Arme. Die kalte Winterluft brannte in seiner Lunge, als er hastig einatmete. Sein Kopf pochte, als würde jemand von innen gegen seinen Schädel schlagen. Die Panik ließ sich nicht aufhalten. Sein Körper zitterte vor Kälte, vor Angst. Wohin sollte er gehen? In dieser Millionenstadt gab es niemanden, den er kannte, oder einen Ort, wo er hin konnte: „Hilfe“, flüsterte er kaum hörbar, in die dunkle Nacht. Als er den Kopf hob, sah er in den dunklen Himmel und beobachtete die kleinen blinkenden Lichter, wie sie sich langsam über ihm bewegten. Dann gaben seine Beine nach. Neben dem Geländer sank er auf den kalten Beton der Brücke.
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Auch im Wohnzimmer in Yuma hatte Shinjiro plötzlich das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren. Und auf seinem Arm spürte er erneut ein kaltes Stechen. Erschrocken davon riss er seine Augen auf und sein Notebook rutschte ihm von seinem Schoß, als er reflexartig ein Bein anwinkelte. Dr. Morel griff noch nach dem Gerät, doch es war schon zu spät, das Notebook schlug unsanft auf dem Boden auf und der Bildschirm wurde schwarz.
Shinjiro vernahm es, aber konnte nicht darauf reagieren, es war nebensächlich und vom Gefühl her sehr weit weg. “Was geschah auf der Brücke, Mr. Hikari?” sprach ihn Dr. Morel erneut ruhig, aber klar fordernd an. Vor Shinjiros Augen huschten kleine Lichtpunkte hin und her, als er sich wieder auf der Brücke knien sah und er durch das Geländer die Züge beobachtete.
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Er kniete auf der Brücke und blickte durch das Geländer hinunter auf die Gleise. Unter ihm rasten die Züge vorbei. Ihr gleichmäßiges Klack–klack, klack–klack hallte es von den Schienen nach oben, jedes Rad schlug im Rhythmus über die Übergänge der Gleise. Er zählte die Waggons, immer und immer wieder. Nach einer Weile zog er sich am Geländer wieder hoch und stand einfach nur still da. Wie lange, das wusste er nicht mehr. Dann stieg er wieder auf sein Fahrrad und fuhr ohne weiter darüber nachzudenken los und trat immer feste und schneller in die Pedalen unter ihm rasten die Züge, doch um ihn herum war es absolute Still, nur gleichmäßiger Atem war die einzige geräuschkulisse, ihm war Warm, doch seine Lippen sprachen eine andere Wahrheit die treppen kamen immer näher, seine hand zuckte reflexartig zur Bremse doch er bremste nicht. Sein Blick war stur geradeaus gerichtet. Wie in Zeitlupe raste er auf die Stufen zu, unter ihm näherte sich zur selben Zeit ein Zug und fuhr kraftvoll unter der Brücke durch, sein Vorderrad erreichte die erste Stufe und es glitt hinüber… Doch dann riss ihn jemand kraftvoll vom Fahrrad und er sah, wie sein Rad von der Treppe hinunter stürzte und sich dabei mehrfach überschlug und unsanft prallte er auf dem kalten, harten Beton auf.
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Und fand sich auf dem Sofa in der Herren-Villa wieder, doch das gedimmte Licht war ihm plötzlich viel zu grell und er schloss seine Augen wieder, doch ein zwirbelnder kalter Schmerz zwang ihn, wieder seine Lieder schwerfällig zu öffnen. Langsam erkannte er wieder das Wohnzimmer in Jarreds Villa. Sein Bein war noch immer angewinkelt auf dem Hocker vor ihm. Er ging sich mit einer Hand fest durch seine Haare und atmete gefühlt zum ersten Mal aus. “Wer hat sie vom Fahrrad gerissen?” hörte er Morels Stimme interessiert nachfragen, Shinjiro sah neben sich und blickte den älteren Mann kurz fragend an, und musste eine Gedanken erst einmal ordnen: „Ich weiß es nicht“, brachte er erstickt hervor: „Ich habe niemanden gesehen und niemanden gehört.“ und er schüttelte langsam mit seinem Kopf, als er nach all den Jahren wieder daran dachte. Morel musterte Shinjiro vor sich und nahm wieder auf dem Hocker Platz: „Was dachten Sie in diesem Moment?“ fragte er dann. Shinjiro räusperte sich und atmete so tief ein, wie er konnte, und antwortete nach einigen Augenblicken: „Schade, Dr. Morel nickte nur leicht.
Shinjiro schüttelte mit seinem Kopf und lehnte sich zurück und schloss seine Augen und sein Atem beruhigte sich ein wenig.
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Ein hupender Zug brachte ihn wieder auf die Brücke zurück, sein ganzer Körper schmerzte vom Aufprall auf den Beton, langsam richtete er sich auf, doch kalt war ihm nicht, obwohl er das Beben seiner Lippen spürte. Suchend sah er sich um, doch die Brücke war leer und lag ruhig im dunkeln, niemand war hier oben und der eisige Februarwind wehte ihn durch seine Haare. Erst jetzt drang die Kälte wirklich zu ihm durch, kroch langsam in sein Bewusstsein. Vorsichtig zog er sich wieder ganz auf die Beine.
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Dr. Morel ließ ihm diese kleine Pause und bewegte den Pen in seinen Händen und fragte: “Mr. Hikari, hören Sie mich?” und wartete auf eine Reaktion. Shinjiro bewegte sich kurz und nickte nur langsam, ließ jedoch seine Augen geschlossen. “Was geschah dann?” fragte Morel weiter. Doch eine Antwort blieb aus.
Und ein punktueller kalter Schmerz erreichte Shinjiro wieder und er öffnete seine Augen, er sah alles verschwommen. “Wissen sie wo sie sind?” hörte er jemand fragen, Shinjiro nickte nur und rieb sich schwerfällig seine Augen: “Was geschah dann?” fragte Dr. Morel noch einmal nach. Erschöpft ließ Shinjiro seinen Kopf nach hinten fallen und pustete seine angestaute Luft hörbar aus.
“Ich lief die Straße neben den Gleisen entlang, ich weiß nicht mehr, wie ich von der Brücke kam, ich lief dort einfach gerade aus, irgendwann hielt ein Auto neben mir und mein Vater stieg aus. Dann wurde ich irgendwann zu Hause wach, ich hatte einige Tage Fieber und ein Arzt war bei mir, das war es.” beendete er seine Erzählung. Er wollte jetzt nur noch liegen, sein Kopf pulsierte und er schloss seine Augen.
Dr. Morel stand auf, hob das Notebook vom Boden auf und betrachtete es kurz. Ja, das Gerät war sichtlich beschädigt, ohne ein Wort zu sagen, legte er es auf einen nahegelegenen Tisch. Dann schaute er zu König Jarred hinüber, der ihn zunichte und langsam auf ihn zukam. Beide setzten sich an den Tisch: “Es ist sehr gut, er war die ganze Zeit im Hier und Jetzt!” erklärte der Doktor dem König. “Was bedeutet diese Geschichte?” fragte Jarred, der noch immer von dem Gehörten vereinnahmt war. Morel blickte kurz zu dem Captain hinüber, der völlig erschöpft auf dem Sofa lag: “Nun, werde alles noch genauer analysieren“, sagte Morel ruhig: „Aber es muss ein Wendepunkt gewesen sein. Vor allem der Moment, in dem er erkannt hat, dass sein Vater ihn nie wirklich angesehen hat.“ erklärte Morel und machte eine kurze Pause: „Ich vermute, dass er sich ab diesem Zeitpunkt innerlich allem ergeben hat.“ Jarred nickte langsam: “Mit anderen Worten, er wurde gebrochen!” Dr. Morel nickte bestätigend.
„Wer hat ihn dann gerettet?“ fragte Jarred nachdenklich, mehr zu sich selbst: „Wie kam er auf die Straße, wo ausgerechnet sein Vater nach ihm suchte?“ Morel zuckte darauf nur leicht mit seinen Schultern: „Vielleicht weiß er es wirklich nicht mehr. Der Schock darauf kann Erinnerungen auch vollständig auslöschen.“ erklärte er und hielt kurz inne: „Und manchmal, Eure Hoheit, gibt es Dinge zwischen Himmel und Erde, die sich nicht so leicht erklären lassen.“ Jarred lehnte sich in seinem Stuhl zurück und verschränkte langsam seine Arme.
“Und machen sie sich keine Gedanken, warum er nicht mit ihnen spricht und sie auch bei diesem Thema blockiert. Das zeigt eher, wie eng ihre Beziehung ist. Manchmal fällt es einem Menschen leichter, solche Dinge einem Außenstehenden zu erzählen.” Jarred nickte darauf langsam: “Danke, Dr. Morel, sie haben das besser im Griff!” Dr. Morel erwiderte das Nicken: “Ja bei Traumabewältigung ist es wichtig im Hier und Jetzt zu bleiben und zu wissen, wo man gerade ist, gibt man sich dem hin und geht nicht wissentlich in das Geschehen hinein, verlagert es sich nur und kommt schlimmer irgendwann zurück, das gerade war fast Lehrbuchmäßig!” sagte er und ging noch einmal zu dem Captain hinüber. „Er schläft nicht, es ist Erschöpfung.” teilte er mit, “Falls etwas sein sollte, ich bin auf meinem Zimmer. Gute Nacht, König Jarred“, verabschiedete sich Dr. Morel nahm sein Buch und zog sich zurück. Jarred wünschte dem Doktor ebenfalls eine gute Nacht und nahm er das Notebook seines Freundes an sich und sah es sich kurz an. Dann legte er das Gerät wieder ab und lehnte sich wieder zurück, er würde warten, bis er wieder zu sich kam. Und seine Gedanken wanderten zurück zu dem, was Dr. Morel gesagt hatte. Shinjiro war nie wirklich gesehen worden, nicht als eigene Persönlichkeit und schon gar nicht sein eigenes Wesen, und tatsächlich spielte das militärisch gesehen überhaupt keine Rolle. Weil es nur von allem abgelenkt hätte.
Shinjiro hatte stattdessen etwas anderes entwickelt. Er konnte diese hochrangigen Offiziere lesen, ihr Verhalten einschätzen und mit ihnen umgehen. Ihre Sprache sprechen und sie sogar manchmal vor den Kopf stoßen, ohne dabei auch nur ein Protokoll zu verletzen. Das war schließlich seine Welt gewesen. Die Beobachtung dieser Männer, was sie sagten, wie sie sich verhielten, was sie wirklich meinten, war zu seinem Spiel geworden. Unbewusst vielleicht, aber für ihn überlebenswichtig. Auf diesem Feld fühlte er sich sicher, dort kannte er sich aus. Und Shinjiro wusste das! Diese Arroganz, die er oft zeigte, war kein Zufall, das wusste Jarred. Sie war etwas, das er sich angeeignet hatte, sowas wie ein Schutzschild. Eine Art, nicht gesehen zu werden und gerade dadurch doch gesehen zu werden. Doch vor allem trennte sich Shinjiro damit ab. Trotzdem hatte er einmal Glück gehabt, Hitomi. Jahrelang war sie vermutlich der einzige Mensch gewesen, der ihn wirklich gesehen hatte. Was für ein Segen, dass diese Frau in sein Leben gekommen war. Dachter er sich und …
„Gute Strategie, Kompliment.“ wurde Jarred aus seinen Gedanken gerissen und sah auf. Shinjiro war aufgestanden und trat an den Tisch, nahm sein Notebook auf und betrachtete den Schaden. Dann sah er zu Jarred, der ebenfalls aufstand und ihm zunickte und Beide sahen sich nur kurz an: „Gute Nacht“, sagte der Japaner und ging zu seinem Zimmer. Jarred sah ihm mit einem leichten Grinsen nach: „Gut, dann brauchen wir wohl eine neue!“ rief er Shinjiro noch nach. Es war klar, dass Shinjiro diese Strategie jetzt durchschaut hatte und er ging in den dritten Stock.
Shinjiro erreichte sein Zimmer. und als er begann, sich auszuziehen, fiel sein Blick auf seinen Unterarm. Dort waren mehrere kleine, runde, rote Punkte, und er betrachtete sie einen Moment etwas irritiert und sah dann fragend zur Tür.
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