11.042 Wörter, 58 Minuten Lesezeit.
Absatz 1
Es war dunkel um ihn herum, als er seine Augen öffnete, vom Bett aus konnte er aus dem Fenster in den Nachthimmel blicken, und er hörte ein monotones, kontinuierliches Piepsen, das den Raum leise beschallte. Eine Schwester trat an sein Bett und schaute ihn lächelnd an: „Guten Morgen, Mr. Hikari, Sie sind im Girard Hospital in Jarr. Hören Sie mich?“, fragte sie bestimmt. Fireball nickte leicht mit seinem Kopf, der sich anfühlte, als würde er Tonnen wiegen, und schlief darauf gleich wieder ein. Die Schwester richtete sich auf und änderte an einem Gerät eine Einstellung, bevor sie das Zimmer wieder verließ.
Erst spät in der Nacht betraten Shinjiro und Hitomi ihre Suite, nachdem sie Ramen in einem kleinen japanischen Restaurant essen gewesen waren. Dieser Ausflug hatte Shinjiro mit voller Wucht in eine vertraute Welt zurückkatapultiert, die er 16 Jahre lang nicht um sich gehabt hatte. Sie hatten überhaupt nicht geplant, so lange zu bleiben, doch der Abend entwickelte sich mit gutem Sake und japanischem Bier zu einer gemütlichen und vor allem vertrauten Runde. Er konnte sich neben Hitomi mit anderen Menschen auf Japanisch unterhalten, 16 Jahre fand diese Sprache nur in seinem Kopf, mit ihm selbst, statt. Und gerade flammte in ihm Heimweh, auf. Wie oft er sich in den vergangenen Jahren den japanischen Frühling mit seiner Kirschblüte und den alten Fuji-san vorgestellt hatte, wusste er nicht mehr. Meist ging er aber gedanklich durch sein Haus in Japan, es hatte ihn immer für einen Moment nach Hause gebracht, zu Hitomi und Shinji, seiner Familie, mit dem schmerzlichen Wissen, dass er sie nie wiedersehen würde. Da fielen ihm seine Eltern ein, ein Gedanke, der erst, seitdem er wieder zurück war, in sein Bewusstsein kam. Sie wussten noch nichts von seiner Rückkehr. Doch gerade war nur eins am wichtigsten: dass es seinem Sohn wieder gut geht! Nichts hatte er sich mehr gewünscht, jetzt konnte er ihn kennenlernen, ein Gefühl, aus Freude und Furcht stieg in ihm auf, doch die Neugier siegte zusammen mit der Freude. Er schloss seine Augen, sein Kopf fühlte sich gerade an, als würde er platzen. Hitomi war bereits zu Bett gegangen. „Tja, durch ein riesiges Einkaufszentrum zu rennen, macht wohl auch müde!“, grinste er und folgte dem Beispiel seiner Frau.
Absatz 2
Saber hatte die ganze Nacht vor den Berichten verbracht. Als der Morgen anbrach, saß bereits der Cowboy am gedeckten Frühstückstisch und schob ihm eine Tasse heißen Kaffee hin. Der Schotte seufzte und strich sich über seine müden Augen. Colt warf einen fragenden Blick zu Saber. Saber, der den Blick des Cowboys richtig gedeutet hatte, erzählte von seiner unfreiwilligen Nachtschicht, wie er versucht hatte, die Angelegenheiten zu klären und von einem Bericht zum nächsten gesprungen war. „Die Augenringe habe ich mir wohl damit verdient“, schloss der Schotte seine Erzählungen mit einem gequälten Lächeln, ab. Colts Augen wurden bei Sabers Erzählungen immer größer. „Unsere Berichte waren also alles andere als formell“, kam es vom Cowboy, und er rollte mit seinen Augen. Statt den Dienstgrad von Eagle, hatten sie ihn meist mit „Eagle“ oder gar „Aprils Vater“ betitelt. Weil das Verhältnis zwischen dem Kommander und Team Ramrod doch schon sehr ungezwungen, ja fast freundschaftlich war.
Somit nahm sich Colt für heute vor, seine Berichte auf diesen Fehler zu korrigieren. Nicht auszudenken, dieser Untersuchungsausschuss würde darauf stoßen. Doch jetzt wollte er erst einmal frühstücken und nahm sich einen großen Schluck Kaffee und wechselte das Thema, auch um den Schotten auf andere Gedanken zu bringen: „Fireball wird heute wahrscheinlich schon wach sein!“ Saber nickte, auch er hatte vor, heute wieder nach seinem Piloten zu sehen. „Ich hoffe, er erholt sich auch schnell, diese Ruhe an Bord ist ja schlimm!“, kommentierte der Schotte mit einem breiten Grinsen. Der Cowboy fuhr entsetzt hoch: „Ach, letztens war ich dir aber zu laut!“ Beide lachten und frühstückten erst einmal.
April betrat eine halbe Stunde später gut gelaunt den Aufenthaltsraum des Friedenswächters und begrüßte ihre beiden Teamkollegen, während sie sich ihre Lieblingstasse füllte. „Ihr seid schon gut beschäftigt, kann ich helfen?“, fragte sie und setzte sich. „JA!“, kam es von den Saber und Colt nahezu gleichzeitig. April riss erstaunt ihre Augen auf.
Das Ehepaar Hikari saß noch beim Frühstück, Hitomi warf einen prüfenden Blick auf Shinjiro, der immer noch nasse Haare vom Duschen hatte: „Wolltest du nicht zum Friseur gehen?“, fragte sie, während sie sich ein Croissant nahm. Shinjiro, der vertieft auf sein Tablet blickte, und etwas las, sah auf und nickte ihr bestätigend zu. Hitomi schmunzelte: „Ich treffe mich heute mit Marianne.“ Shinjiro nickte erneut und kommentierte, ohne aufzublicken: „Schön, also habt ihr euch schon getroffen.“ Hitomi biss in ihr Croissant, das mit süßer Marmelade bestrichen war, und stupste ihn unterm Tisch gegen sein Bein. Shinjiro grinste leicht, doch er schaute immer noch nicht auf. Hitomi genoss ihr Croissant und stand dann auf, ging zu ihm. Dabei legte sie ihren Kopf auf seine Schulter und schaute einige Sekunden mit auf das Tablet: „Was gibt es da so schrecklich Interessantes?“, flüsterte sie. „Nichts …“ war seine kurze Antwort. „Ah …“, flüsterte sie ihm ins Ohr und richtete sich wieder auf. „Du hörst mir gar nicht zu!“ Shinjiro legte das Tablet auf den Tisch und stand auf, um sie zu umarmen: „Doch, ich höre zu! Erzähl weiter!“, grinste er. „Jetzt will ich auch nicht mehr reden!“ kam es leicht eingeschnappt von ihr. Shinjiro nahm sie in seine Arme und schob sie langsam Richtung Sofa, auf das sie sich beide schließlich fallen ließen. „Gut, man muss ja nicht immer reden“, sagte er, bevor er sie sich küsste.
Colt klappte sein Notebook zu, und stand auf, er hatte den Waffeninstallateuren zugesagt, heute beim Beladen dabei zu sein. Zu seiner Schande musste der Cowboy sich eingestehen, dass er diese ganzen Abläufe noch nie beobachtet hatte. Er wusste, was da gemacht wurde, aber wie viel Herzblut diese Jungs, die sich darum kümmerten, hineinsteckten und wie viel Wissen sie rund um Laserkraft und Geschütze hatten, war ihm nie bewusst gewesen. Auch durch wie viele Hände Ramrod eigentlich ging, bis er wieder einsatzfähig war, ließ Colt staunen.
Saber hatte bereits den Friedenswächter verlassen und lief an den Hangars, in denen schon geschäftiges Treiben war, vorbei. Dieser kleine morgendliche Spaziergang ließ ihn wach werden, doch die Müdigkeit, der nicht vorhandenen Nacht steckte ihm in den Knochen. Er betrat das Hauptgebäude. Der Morgen zeigte hier ein gemütlicheres Bild von: „Zuspätkommen“ bis zu „Ach, ein Kaffee geht noch!“ war alles dabei. „Guten Morgen, Saber!“, begrüßte ihn Kommander Eagle und riss ihn damit aus seinen Beobachtungen: „Guten Morgen, Sir, entschuldigen Sie, dass ich Sie … Ich war mit meinen Gedanken woanders.“ Der Kommander lachte kurz auf: „Ja, das war nicht zu übersehen! Was gibt es denn an so einem schönen Morgen Schweres zum Nachdenken, vielleicht kann ich ja helfen?“, fragte Charles direkt mal nach. Der Schotte schaute den Kommander nachdenklich an und nickte: „Ja, Sir, das können Sie tatsächlich!“
Hitomi und Shinjiro waren in Eile, sie hatten ein längeres Arztgespräch und wollten nun irgendwie noch pünktlich sein. Shinjiro zog sich eilig an. Hitomi war noch im Bad und richtete sich. Sie hatte vor, heute eines ihrer neuen Kleider auszuführen.
Shinjiro stand mittlerweile schon ungeduldig an der Tür. Und wartete auf Hitomi, die gerade aus dem Schlafzimmer kam. Ja, sie sah wunderschön aus, aber sie waren in Eile: „Wo bleibst du denn?“, fragte er und zeigte auf seine Uhr. „Wer wollte denn nicht aufstehen?“, kam es darauf ruhig von ihr, und sie schlüpfte in ihre Schuhe. „Wer hat denn damit angefangen?“, konterte er zurück. Hitomi blieb vor ihm stehen, und strich ihn über die Wange: „Los, sonst kommen wir wirklich noch zu spät!“, sagte sie und ging an ihm vorbei. Shinjiro rollte mit seinen Augen: „Das sage ich doch die ganze Zeit!“, murmelte er vor sich hin und schloss die Tür.
Absatz 3
Saber und Kommander Eagle saßen zusammen und Saber erläuterte dem Kommander die Sache mit den Berichten. Eagle war sehr erstaunt über diese Tatsache und konnte auch nicht verstehen, wie so ein Fauxpas passieren konnte. Er hatte wirklich die Grenze zwischen beruflich und privat verschwimmen lassen. Er entschuldigte sich bei Saber und ging zum Fenster. Nach einer kleinen Pause fragte er den Schotten: „Saber, was würden Sie sagen, wenn Captain Hikari meine Position im Oberkommando übernehmen würde?“ Saber, blickte fragend auf: „Sir?“ Der Kommander drehte sich um und sah den Highlander direkt an: „Es wird wahrscheinlich so kommen, der Stab hält weiterhin an einem First-Grad, für das Neue Grenzland fest. Die Abstimmungen werden in den nächsten Wochen anlaufen.“ Saber war jetzt sprachlos, er wusste, dass Captain Hikari, damals für diese Stelle vorgesehen war, aber dass es jetzt schon im Gespräch ist, hätte er nicht erwartet. Saber räusperte sich: „Kommander Eagle, ich kann dazu gar keine Meinung abgeben, alles, was ich bis jetzt von Captain Hikari weiß, empfinde ich ihn als sehr kompetent, aber ein richtiges Urteil steht mir nicht zu! Aber ihnen scheint es damit nicht gut zu gehen, oder?“, fragte er nach, er konnte sich vorstellen, dass solch eine Veränderung für den Kommander sicher nicht leicht war.
Eagle lächelte Saber entgegen und verneinte: „Saber, ich bin ebenfalls dafür, aber wenn man so einen Posten so viele Jahre innehatte, fällt es schwer, Abschied zu nehmen.“ Saber nickte verständnisvoll: „Also halten Sie Captain Hikari für geeignet?“ Eagle nickte: „Ja, er ist der Mann, der für diesen Platz gemacht wurde“, sagte er kurz und knapp. Saber nickte, diese Information musste auch erst einmal in ihm sacken: „Dann glaube ich, dass er dafür der richtige ist, ich halte ihn auch für sehr geradlinig in dem, was er tut“, fügte Saber seine persönlichen Beobachtungen mit an. Eagle nickte zustimmend. Saber musste kurz schmunzeln. Und dachte einen Moment nach, bevor er sich dazu entschied, den Kommander direkt zu fragen: „Sir, woher kommt das?“ Eagle glaubte zu verstehen, worauf Saber hinaus wollte. Und überlegte, wie er es den Schotten in kurzen Sätzen erklären könnte.
„Die Familie Hikari ist seit Generationen mit dem Militär verbunden, es geht sogar noch weiter zurück, sie stammt aus einer kaiserlichen Nebenlinie. Aber es gingen viele hochrangige Offiziere und Generäle aus dieser Familie hervor, und ich glaube, dass, seitdem die Menschheit fliegen kann, auch immer ein Hikari da oben gewesen ist“, fügte der Kommander leicht grinsend hinzu. Saber nickte verstehend: „Samurai?“ Eagle nickte: „Shogun!“ Saber hob erstaunt seine Augenbrauen, die Information war für Saber, der sich mit Adelshäusern und deren Ständen gut auskannte, gerade sehr interessant. Er hatte zwar gewusst, dass die Hikaris eine militärische Familie waren, aber dass sie das auch schon seit Jahrhunderten waren, war neu. Warum hatte Fireball davon nie etwas erzählt? Wunderte er sich: „Warum wurde Fireball da nicht herangeführt? Ich meine, in ihm steckt sehr viel Potenzial!“, sprach Saber seine Frage darauf gleich mit aus. Kommander Eagle setzte sich. „Nun, Genaueres weiß ich, da jetzt auch nicht, ich weiß, dass Captain Hikaris Vater seinen Sohn im Griff hatte. Warum er seinen Enkel so frei aufwachsen ließ, kann ich mir nur damit erklären. Vielleicht Trauerbewältigung, Wiedergutmachung? Es kann alles gewesen sein“, sprach Eagle seine Gedanken dazu aus. „Wiedergutmachung?“, wiederholte der Schotte leise. Eagle zuckte mit seinen Schultern: „Es wäre meine Erklärung.“ Saber nickte, und ihm wurde erst jetzt bewusst, dass hinter dem Heldenbild von Captain Hikari eine ganze Familie stand, die lange hatte trauern müssen. Wenn man einen Sohn, Bruder, Mann oder Vater verlor, war es egal, wofür er gestorben ist. Und Fireball war damals das Baby, der Sohn dieses verlorenen Sohnes.
Sabers Blick fiel während seiner Gedanken auf die Uhr an der Wand und er sprang erschrocken auf. „Entschuldigen Sie, Kommander, aber wir müssen in 30 Minuten den Hangar räumen. Ich danke Ihnen für das Gespräch!“, sagte er, während er aus dem Büro stürmte. Der Kommander hatte sich ein wenig erschrocken, als Saber von seinem Stuhl aufgesprungen war, er musste ein wenig lachen und verabschiedete Saber, der schon verschwunden war.
König Jarred saß mit seinem Sohn Roland in einem prächtigen Konferenzraum des Palastes zusammen. Die Atmosphäre war ernst, die kommende Entscheidung von weitreichender Bedeutung. Jarred erklärte seinem Sohn die neue politische Konstellation, die das zukünftige Verhältnis zum Grenzland maßgeblich beeinflussen würde. „Die neue Vereinbarung sieht vor, dass im Kriegsfall auch unsere Truppen unter dem Befehl des First Grad stehen würden. Diese Entscheidung könnte die Beziehungen zum Grenzland erheblich vertiefen“, fasste es Jarred noch einmal zusammen.
Sollten sie zustimmen, würden auch die Truppen des Königreichs Jarr im Kriegsfall unter dem Befehl des First Grad stehen. Prinz Roland hatte aufmerksam zugehört, und nach einiger Zeit der Überlegung sprach er: „Vater, ich vertraue auf Ihre Entscheidung, ich habe kein Problem, die Beziehungen mit dem Neuen Grenzland weiter zu intensivieren, und das wäre ein guter Anfang. Ihre persönliche Beziehung zu Captain Hikari habe ich bei dieser Entscheidung außen vor gelassen!“ Jarred nickte, er wusste, dass Roland vorhatte, das Königreich wieder in das Neue Grenzland anzuschließen. So wie Jarred es vor 16 Jahren vorgehabt hatte und jetzt auch wieder vorhat. Doch von heute auf morgen würde es nicht funktionieren.
Jarred legte Roland die Urkunde zur Abstimmung vor: „Sehr gut, mein Sohn, also machen wir das gemeinsam!“ So besiegelten sie ihre Entscheidung und gaben sich danach einen Handschlag.
Absatz 4
Hitomi und Shinjiro saßen am Bett ihres Sohnes, der noch immer schlief. Während Shinjiro am Pad einige Flugformationen und Manöver plante, die er später mit Captain Lorenz fliegen würde, vertiefte sich Hitomi in ihren Gedanken. Sie stand auf und ging zum Fenster und ließ ihren Blick über die Stadt schweifen. Sie hatte ihre kleine Familie wieder zurückbekommen und dieser Gedanke erfüllte sie mit tiefer Dankbarkeit. Doch gleichzeitig war ihr bewusst, dass viele neue Herausforderungen auf sie alle drei zukommen würden. Die Zweisamkeit mit ihrem Mann war etwas, das sie in den vergangenen Jahren schmerzlich vermisst hatte. Wie haben sie es beide geschafft, ohne einander zu überleben? Es fühlte sich an wie damals, als sie trotz der vielen familiären Herausforderungen immer Spaß miteinander hatten. Sie atmete tief ein und dachte daran, wie viele Steine Shinjiro und ihr damals in den Weg gelegt worden waren. Die Hikaris waren gegen eine Beziehung, und selbst ihr Vater hatte sich vehement dagegen gesträubt, dass sie in die Hikari-Familie einheiratete. Doch trotz des ganzen Widerstands hatten sie sich nicht aufgegeben und für ihre Liebe gekämpft, obwohl sie noch so jung gewesen waren.
Und jetzt? In den vergangenen Tagen hatte sie so viel gelacht, wie im ganzen letzten Jahr nicht. Doch trotz der Freude über die Rückkehr ihres Mannes schwebte der Verlust von gemeinsamen 16 Jahren im Hintergrund. Und doch war es ein Geschenk, ein Geschenk des Neuanfangs.
Fireball öffnete schwerfällig seine Augen, alles war noch verschwommen, doch das Bild wurde langsam schärfer, neben seinem Bett saß ein Mann. „War das etwa sein Vater?“, fragte er sich, und im selben Moment trat seine Mutter in sein Sichtfeld: „Hallo, Shinji!“, begrüßte sie ihn liebevoll lächelnd, wie er es von ihr kannte. Fireball nickte leicht und sah zu dem Mann, der ihn nun auch freundlich ansah und dann auch ruhig mit ihm sprach: „Hallo mein Sohn, gut, dass es dir wieder besser geht!“ Fireball musterte den Mann stumm, der ihn gerade „Sohn“ genannt hatte, es war sein Vater, und seine Mutter war auch hier. Die Gedanken trafen ihn geballt. Überfordert schlossen sich seine Augen wieder, denn es kostete ihn gerade ungeheure Kraft, all das zu begreifen. Da spürte er eine Hand auf seiner Schulter und die Stimme, die wieder ruhig mit ihm sprach: „Shinji, es ist schön, dich kennenzulernen, dir geht es bald wieder gut.“
Fireball öffnete nach einigen Augenblicken wieder seine Augen. Er wollte sich diesen Mann, der sein Vater war, ansehen, er musterte ihn, und dieser hielt seinem Blick stand. Er war tatsächlich Realität, die gerade vor ihm stand! Fireballs Augen wurden wieder schwerer. Egal, wie sehr er sich auch anstrengte, es fiel ihm so schwer, sich gerade zu konzentrieren, und er schlief wieder ein. Shinjiro nickte und setzte sich wieder.
„Na, wenigstens haben wir nette Nachbarn“, sagte Colt, als Ramrod die neue Parkposition neben dem Peacekeeper erreicht hatte. Saber grinste: „Ja, nur mit dem Unterschied, von der Besatzung war mehr als die Hälfte schon wieder auf Yuma und die, die noch vor Ort sind, schlafen nicht auf dem Schiff, weil es eben ein reines Kampfschiff ist und nicht dafür ausgelegt war, tagelang durch das All zu fliegen.“
Colt winkte ab: „Dann ist wenigstens Ruhe! Ich sage doch, nette Nachbarn!“ Saber antwortete spitz: „Du musst auch immer das letzte Wort haben, Bill!“ Colt blickte überrascht auf und sah fragend zum Schotten. Er kannte sich gerade gar nicht aus, was war denn nun kaputt? Saber grinste Colt entgegen, dieser schaute ernst zu Saber und schnaubte: „Ja!“ „Richard!“ April wusste gerade gar nicht, was los war, Saber hatte Colt so gut wie noch nie Bill genannt.
Als die Triebwerke hinunterfuhren, stiegen sie aus ihren Satteleinheiten aus und gingen durch, was sie heute noch zu tun hatten. Auf jeden Fall Papierkram, denn sie hatten bald 3 Tage frei und die Reparaturarbeiten mussten überprüft werden, zwar nur auf dem Papier, aber sie gingen in die Wartungshistorie von Ramrod ein. Colt, der darauf gar keinen Bock hatte, dachte sich: „Das hört hier ja gar nicht mehr auf“, beschwerte er sich.
Und ging grummelnd an Saber und April vorbei, um seinen Kram zu holen: „Na dann testen wir heute mal das Offizierscasino.“ April sah dem Cowboy nach. „Was hat er denn?“, wollte sie von Saber wissen, dieser zuckte nur mit den Schultern.
Kommander Eagle saß im ersten Stock des Offizierscasinos, vor ihm dampfte ein großer Kaffee. In seinem Büro war es ihm viel zu still geworden, seine E-Mails und den anderen Schreibkram, konnte er auch von hier aus erledigen. Er sah sich um, während er seinen Kaffee genoss, sein Blick fiel auf zwei Neuankömmlinge, es waren tatsächlich Shinjiro und Hitomi. Charles stand auf und begrüßte die beiden. „Was macht ihr beiden denn hier?“, fragte er, aber freute sich, Hitomi wiederzusehen. „Lorenz und ich machen gleich einen kleinen Ausflug“, antwortete Shinjiro leicht grinsend. Charles hob skeptisch eine Augenbraue: „Aha, ihr wollt also spielen.”, roch Charles die Lunte. Shinjiro nickte und verabschiedete sich. Charles sah zu Hitomi und meinte: „Dann schauen wir es uns zusammen von hier oben an.“ Und er zeigte Hitomi einen guten Platz.
Colt, Saber und April betraten das Offizierscasino. Im ersten Stock entdeckten sie den Kommander mit einer Frau und gingen auf die beiden zu. Eagle hatte bemerkt, dass sie hier oben nicht mehr alleine waren. Er sprach Hitomi leise an: „Das Team von Shinji.“ Die Japanerin drehte sich um und sah sich die drei genauer an. Saber und Colt begrüßten den Kommander, April begrüßte ihren Vater mit einer kleinen Umarmung. „Hallo Daddy, was machst du hier?“, fragte sie und erkannte die Frau, die neben ihrem Vater stand, es war Misses Hikari.
Der Kommander stellte die drei vor. Hitomi lächelte allen sehr freundlich entgegen. Die drei begrüßten die Mutter ihres Freundes ebenfalls, auf das Händeschütteln verzichteten sie allerdings, sie wollten sie nicht in Bedrängnis bringen. „Wir sind hier oben, um zuzusehen, wie Captain Hikari und Captain Lorenz heute ein Manöver über dem Flugfeld veranstalten, ich nenne es spielen, aber gut, nennen wir es Manöver“, beantwortete Charles die Frage seiner Tochter. Hitomi lächelte bei den letzten Worten. „Also gibt es noch was zu sehen, ja, dann nehmen wir den Fensterplatz da!“ warf Colt darauf ein und zeigte auf eine halbrunde Sitzecke. Das Team verabschiedete sich und die drei setzten sich.
April sah zu Misses Hikari, während sie wartete, bis ihr Notebook hochgefahren war. „Ein echt hübsches Kleid“, musterte April, und ihr fiel ein, dass sie noch gar nicht durch die Geschäfte von Jarr spaziert war. Aprils Fachwissen über Mode verriet ihr auch den Designer und das Emblem der Handtasche erkannte sie auch sofort. Misses Hikari war sehr distanziert, aber sie strahlte etwas aus! Was April sehr gut gefiel! Diese Frau hatte 16 lange Jahre auf ihren verschollenen Mann gewartet, jetzt hat sie ihren Mann wieder, was muss das für ein Gefühl sein, musste man sich da erst wieder neu kennenlernen? Bestimmt! Aber was ist, wenn man sich nach 16 Jahren überhaupt nicht mehr versteht? Das alles konnte sich April nicht vorstellen, egal wie sehr sie es auch versuchte.
Das Offizierscasino füllte sich und auf dem Vorfeld versammelten sich auch einige Leute. Es hatte sich wohl herumgesprochen, dass es heute hier etwas zu sehen gibt. Die drei gingen zu Kommander Eagle und Misses Hikari, als die beiden Jets auf dem Vorfeld zur Startbahn rollten.
„Arbeiten mit Varieté, das hat was“, kommentierte Colt, der neben Saber stand, das Aufgebot: Kurz darauf schoss der erste Jet über die Startbahn und stieg im 90-Grad-Winkel nach oben, gefolgt von dem zweiten. Beide Maschinen trafen sich in der Luft und flogen kurzzeitig Bauch an Bauch. Alle waren begeistert, von der perfekten Abstimmung der Piloten und dem Vertrauen in die Technik. Hitomi stand ruhig am Fenster und beobachtete das Geschehen am Himmel, doch ihre Augen leuchteten. Nach 16 Jahren sah sie Shinjiro wieder fliegen, wie gerne hatte sie ihm immer dabei zugesehen. Fünf weitere Jets kamen dazu, die während des Starts ihre Rauchsysteme zündeten, bevor sie in verschiedene Richtungen ausschwärmten und so eine Palmenkrone aus Rauch in den Himmel malten.
Die Jets von Captain Hikari und Captain Lorenz flogen frontal aufeinander zu und drehten in letzter Sekunde ab, was zu Jubel und Begeisterung der Zuschauer führte. Saber schüttelte nur den Kopf, während Misses Hikari lächelte. Colt schwankte zwischen Bewunderung und Wahnsinn, klar wusste er, dass dies Teil des Trainings der Piloten war, um im Kampf agil zu sein. Die Jets formierten sich zu einer Pfeilspitze, flogen einen Looping und landeten aus dem Looping heraus. Nach der Landung wackelten sie mit den Seitenrudern, was so aussah, als würden die Flügel den Zuschauern winken.
Absatz 5
Die Jets rollten in den Hangar, wo sich die Mechaniker sofort wieder um die Maschinen kümmerten. Lorenz stieg aus seinem Jet und jaulte laut durch die Halle: “Auuuuuh” … Shinjiro grinste, er wusste, was nun kommen würde. Aus allen Ecken im Hangar ertönte Geheule. Ein Ritual nach einem erfolgreichen Übungsflug.
Shinjiro ging zu Lorenz, beide schlugen ihre Arme ineinander und bedankten sich für das kleine Spielchen. Sie traten gemeinsam hinter dem Hangar und standen in der Mittagssonne. Lorenz griff in die Brusttasche seines Fliegeranzugs und holte eine Zigarre heraus: „So, das war der Abschluss von der Scheiße von vor 16 Jahren!“, kommentierte er und wickelte die Zigarre aus der Folie. Shinjiro sah Lorenz fragend an. Lorenz lachte: „Ja, die wollte ich damals nach der Schlacht mit dir rauchen. „Nachdem ich gelandet war, hatte ich sie auf das Rollfeld geschmissen, und dich verflucht habe.“ erzählte er. Shinjiro hob seine Augenbrauen: „Nett von dir!“, und nickte Lorenz zu. Der aschblonde Deutsche zündete die Zigarre an: „Glaub mir, mit fünf Lücken in der Formation zurückzufliegen, macht keinen Spaß!“ Hikari nickte betrübt und erwiderte: „Ja, Robens, Jason, Marcello und Król“ Zählte Shinjiro die damals gefallenen Piloten auf.
Lorenz nickte und paffte den ersten Qualm: „Dann rauchen wir sie für sie!“, schlug Lorenz vor. „Ja, das machen wir!“, kam es darauf von Shinjiro, und sie setzten sich hinter das Hangartor auf ein paar Betonstopper. „Hier, der erste Zug ist für dich, Captain!“, sagte Lorenz und reichte ihm die Zigarre. Shinjiro nahm sie entgegen und zog daran und verzog darauf direkt sein Gesicht: „Boah, ich hatte ganz vergessen, wie widerlich das ist“, kommentierte er und musste sich einen kratzenden Husten von der 16 Jahre alten Zigarre verkneifen. Lorenz nahm ihm die Zigarre wieder ab, zog daran und meinte: „Ja, genau das Richtige für einen solchen Abschluss!“
Saber, Colt und April waren bereits wieder in ihre Arbeit vertieft. Saber versuchte, so viel wie möglich vor seinem dreitägigen Urlaub zu erledigen. Er ging die E-Mails, die sein Team betrafen, durch: „Na großartig!“, sprach er seine Gedanken flüsternd vor sich aus. April und Colt blickten von ihrem Tun auf: „Hey, Säbelschwinger, was ist los, ist dir eine Laus über dein Notebook gelaufen?“, fragte Colt, als er das zerknirschte Gesicht seines Bosses sah. Saber blickte überrascht auf, er hatte wohl seinen Unmut doch hörbar ausgesprochen, denn April und Colt sahen ihn fragend an. Der Schotte lehnte sich einatmend zurück: „Unser Urlaub fällt aus“, teilte er den beiden knapp mit. April riss ihre Augen auf: „Aber warum?“, fragte sie ein wenig enttäuscht, denn sie hatte schon Pläne gehabt, die Shopping-Malls abzuklappern. Colt war da schon ungehaltener und polterte los: „Ich habe Robin eingeladen, sie wird morgen Vormittag ankommen, was gibt es denn zu tun, es ist doch rein gar nichts los und einsatzfähig sind wir auch nicht!”
Saber schaute Colt nickend an: “Das ist es ja, wir haben nichts zu tun und sind nicht einsatzfähig, wir bekommen morgen drei Kadetten aus Alamo zugewiesen, die …” April unterbrach den Schotten: “Warum Kadetten, was sollen wir mit ihnen machen?” Saber sah April ernst an: “Das wollte ich gerade erzählen!” sagte er und April blickte ihn darauf entschuldigend entgegen: “So viel wie ich gelesen habe, sind es Abschluss Kadetten, mit herausragenden Leistungen, ein Schütze, ein Navigator und ein Pilot, alle werden seit drei Tagen mit Ramrod vertraut gemacht.” Colt und April stand tatsächlich der Mund leicht offen.
Colt fand seine Sprache als Erster wieder: „Was? Das darf doch nicht wahr sein, auf wessen Mist ist das gewachsen, die möchten uns austauschen, wollen die uns doch.“ sprach er verschwörerisch und warf seine Arme in die Luft, so sauer war er. Am liebsten wäre er aufgestanden und gegangen, sein Blick schweifte durch das Offizierscasino, um sich abzulenken, und er erblickte Captain Hikari, der auf Kommander Eagle und auf seine Frau zuging. „Hm!“, kam es von Colt, und er fixierte den japanischen Captain: „Ich weiß, wessen Mist das ist!“, murmelte er und verfolgte den Captain mit einem festen Blick. Saber verstand, was Colt meinte, und nickte: „Ja, das Gesuch ging dringlich an General Whitehawk und wurde von Captain Hikari unterzeichnet“, bestätigte er Colts Annahme. Der Cowboy schlug auf den Tisch: „Was ist das für eine Tour?“
April beobachtete ihren Vater, als sich Captain Hikari und seine Frau direkt verabschiedeten und das Offizierscasino direkt verließen. Die Blondine sah den beiden nach, bis sie aus ihrem Blickfeld waren, und ihr fiel auf: Das Ehepaar hatte gar keine Interaktion miteinander, es gab keine Umarmung oder einen Kuss, noch etwas Vertrautes zwischen den beiden. War da vielleicht doch nicht alles in Ordnung? Aber Misses Hikari hatte sich doch die Flugshow ihres Mannes begeistert angesehen. War das die Trennung von Dienstlichem und Privatem? Fragte sie sich.
Kommander Eagle setzte sich zu den dreien an den Tisch und blickte in eine Runde von betrübten Gesichtern: „Was ist los mit euch, ist euch eine Laus über die Leber gelaufen?“, fragte er mal nach. „Ja, eine japanische!“, knurrte Colt seine dem Kommander entgegen. Eagle schaute dem Cowboy nicht verstehend entgegen. April klärte ihren Vater auf und erzählte von ihrem gestrichenen Urlaub und den neuesten damit verbundenen Ereignissen: „Sollen wir ersetzt werden, oder warum sollen wir Kadetten auf Ramrod einarbeiten?“, fragte sie besorgt nach. Kommander Eagle schüttelte darauf etwas schmunzelnd mit seinem Kopf: „Nein, es soll eine Ersatzcrew geben, ihr seid, wenn euch ein Mitglied fehlt, absolut nicht einsatzfähig.“ Saber nickte dem Kommander entgegen, Colt rollte mit seinen Augen. Eagle sprach weiter: “Ich muss auch mit anfügen, wirtschaftlich seid ihr gerade ein Geldfresser, ihr seid die Besatzung eines Friedenswächters, ein Kampfschiff, welches ständig von A nach B unterwegs sein sollte und dafür ausgelegt ist bis zu 4 Tage am Stück im All zu sein.” Colt schüttelte ungläubig mit seinem Kopf: “Ja schön und gut, aber wir waren manchmal bis zu einer Woche am Boden, wenn wir Urlaub hatten.” Kommander Eagle nickte verstehend und fügte mit an: “Ich muss zugeben, es war mein Fehler, für euch keine Ersatzcrew organisiert zu haben.”
April nickte jetzt auch verstehend: „Also wusstest du von diesem Gesuch.“ Der Kommander nickte: „Ja, ich wusste es, aber nicht, dass es so schnell gehen würde. Colonel Murry hat eine gute Nase für Piloten, er wird nicht jemanden für Ramrod ausbilden, der keine Ahnung hat“, versuchte er die beiden umzustimmen. Doch Colt fügte zu dem gerade Gehörten hinzu: „Aber niemand kann Ramrod so einsetzen wie wir!“ April sah zu Colt und zeigte mit einem Finger in seine Richtung: „Du bist nur sauer, weil dein Urlaub flötengeht, Cowboy!” Colt sah sie nickend an: „Ja, denn ich bekomme Besuch! Und erzähle mir nicht, dass der feine Captain von und zu Kamikaze, nicht wusste, dass wir 3 Tage freihaben sollten.“ Eagle sah Colt ernst an. „Colt, es ist jetzt so und wir müssen den Kadetten morgen das Schiff zeigen, sie müssen es kennenlernen!“, kam es darauf von Saber.
Erste Gespräche
Hitomi bekam im Taxi einen Anruf und drückte den Anrufer auf stumm und ließ das Gerät in ihrer Handtasche verschwinden. Shinjiro, der das Geschehen beobachtet hatte, fragte sie direkt. „Wie oft willst du meine Eltern noch wegdrücken?“ Hitomi sah ihn ertappt an: „Ich weiß einfach nicht, was ich ihnen sagen soll“, antwortete sie ihm leise. Shinjiro sah sie an: „Sie werden wissen wollen, wie es Shinji geht“, kam es darauf von Shinjiro. Hitomi schaute aus dem Fenster und sprach: „Es geht ja nicht nur um Shinji, wie soll ich ihnen deine Rückkehr am Telefon erklären?“
In der Suite angekommen, ging Shinjiro direkt unter die Dusche, er war durchgeschwitzt, zudem roch er auch noch nach Zigarrenqualm. Hitomi schaute über den hübsch gedeckten Tisch, sie war neugierig, was der Zimmerservice heute Mittag aufgetischt hatte, und machte Musik an. Sie setzte sich in einen der Sessel und schaute auf ihren Kommunikator. Shinjiro kam aus dem Schlafzimmer, er zog sich gerade noch ein Shirt über und trug jetzt eine schwarze Hose mit einem schwarzen Hemd und schloss gerade seinen Gürtel. Alle Kleidungsstücke waren liebevoll handverlesen von Hitomi. Er sah auf und blickte in Hitomis fragende Augen: „Und hast du eine Idee?“ Und hob ihren Kommunikator. Shinjiro trat an sie heran und nahm das Gerät an sich und betrachtete den Kommunikator in seiner Hand: „Ja, wenn es das nächste Mal klingelt, geh ran, alles andere wird sich garantiert ergeben“, sprach er ihr Mut zu. Hitomi nahm ihm das Gerät nickend wieder ab. Shinjiro nahm sie in seine Arme.
Für die Ramrod-Crew hieß es, den Friedenswächter auf Hochglanz zu bringen, schließlich würden sie morgen Gäste an Bord haben. Es war nicht unordentlich, aber alles Private, was so herumlag, wollten sie in ihre Quartiere bringen. Colt schimpfte immer noch, wie sollte er Robin das erklären? Er würde kaum Zeit für sie haben, dabei freute sie sich doch so sehr auf ihn und er sich auf sie. Alles nur wegen dieses Captains, das war doch Absicht, war es doch! April war auch etwas säuerlich, auch sie hatte sich auf ein paar schöne Tage gefreut. Saber las sich die Lebensläufe der drei neuen Team-Anwärter durch und fand sie alle gut ausgebildet! Saber war gespannt, die drei Morgen kennenzulernen. Diese Entscheidung ist richtig und gehörte eigentlich zum Standardverfahren. Er legte die Unterlagen beiseite, auch er hatte noch einige Dinge verstreut herumliegen, die er eben noch wegräumen musste.
Shinjiro saß im Krankenzimmer seines Sohnes, Hitomi traf sich gerade mit König Jarreds Frau zum Tee. Und statt allein in der Suite zu sitzen, war er in die Stadt zum Friseur gegangen, wie er es Hitomi heute Morgen noch gesagt hatte. Jetzt nutzte er die Zeit und las sich das Steuerungshandbuch des Friedens-Wächters auf seinem Pad durch, das Handbuch hatte ihm Colonel Murry vorgestern zugeschickt, und seitdem beschäftigte er sich damit. Er selbst kannte den alten Murry noch, er hatte ihn damals noch aktiv mit dem Jet ausgebildet. Er las weiter und zoomte Grafiken ran, spielte kurze Videos ab und las sich die Boden- und Flugdynamik durch … Er vernahm ein kleines Stöhnen und blickte auf.
„Hallo Shinji!“, sprach er und legte das Tablet zur Seite. Fireball holte Luft, um zu sprechen, und benötigte eine Weile, bis die Worte hörbar herauskamen: „Ich habe dich gehört über Funk, wie?“ kam es angestrengt aus ihm, aber er blieb wach. Sein Vater wartete geduldig und ließ ihn alles sagen. Und begann, seinem Sohn langsam alles zu erzählen. Er sprach von der kriegerischen Auseinandersetzung, die vor Jarr stattgefunden hatte, und davon, dass er wohl schon zu lange im Einsatz gewesen war. Die Erschöpfung hatte schließlich ihren Tribut gefordert, und sein Körper war zusammengebrochen. Drei Tage hatte er im Tiefschlaf verbracht. Doch nun, so versicherte er, ginge es ihm allmählich wieder besser.
Fireball hörte seinem Vater aufmerksam zu, er konnte es fast nicht glauben: Er lag drei Tage im Tiefschlaf. Gleichzeitig kamen ihm schrittweise die Geschehnisse an Bord wieder in sein Bewusstsein. „Oh Mann, und er hatte Ramrod so gesteuert?“, schoss es ihm durch den Kopf, und er atmete tief ein, während er langsam mit seinem Kopf schüttelte. Shinjiro merkte gerade die Verzweiflung, die in seinem Sohn aufstieg, und sprach ihn beruhigend zu: „Es ist alles irgendwie gut gegangen, du hast das Schiff sicher gelandet, mach dir darüber jetzt keinen Kopf“, sagte er und hoffte, dass es helfen würde. Fireball sah seinen Vater einen Moment lang fragend an: „Aber du, wie?“ Shinjiro lächelte, und erzählte, wie er sich an das große Outriderschiff gehängt hatte und plötzlich in diesem Kampfgeschehen auftauchte. „Es war pures Glück, würde ich jetzt sagen“, beendete er seine Erzählung. Fireball schloss seine Augen, auch diese Situation kam ihm wieder in seine Erinnerungen, und er sagte leise: „Ja …“
Colt hatte sich ein wenig beruhigt, machte aber zur Bedingung, die nächsten Tage pünktlich Feierabend zu haben! Saber und April waren damit mehr als nur einverstanden, denn ein missgestimmter Cowboy war ja nicht zum Aushalten.
Sie kamen im Zimmer ihres Freundes an, und das Bild, das sie sahen, zeichnete jedem von ihnen ein Grinsen ins Gesicht. Ihr Freund schaute auf einem Tablet und grinste den dreien entgegen, als sie eintraten. Colt sah seinen Hombre grinsen, und vorbei war seine schlechte Laune: „Na, wie ist es so auf Drogen?“, konnte sich der Cowboy nicht verkneifen. Fireballs Antwort darauf war nur ein leichtes Augenrollen. Auch Saber und April freuten sich, Fireball wieder lachen zu sehen. Sie erzählten ihm, wie sein Vater mit Captain Lorenz heute geflogen war, und Colt zeigte Fireball davon ein kurzes Video, das er aufgenommen hatte. Aber sie merkten nach einer Weile, dass es Fireball doch sehr anstrengte, konzentriert zu bleiben. So verabschiedeten sich die Drei und entschuldigten sich auch gleich, falls sie es morgen nicht schaffen sollten.
Karambolage
König Jarred saß an diesem Abend noch hinter seinem Schreibtisch und las sich noch einige Unterlagen bei einem Glas Wein durch. Als es an der Tür klopfte: „Ja, bitte!“, sagte er, und fragte sich, wer um diese Zeit noch etwas von ihm wollte. Sein Sekretär Philippe trat ein: „Eure Hoheit, verzeihen Sie die Störung, aber da möchte sie jemand sprechen.“ Jarred blickte fragend zur Tür und legte die Unterlagen vor sich auf dem Tisch ab: „Na dann, herein!“ Philippe machte einen Schritt zur Seite, und Shinjiro trat ein. Der König nickte seinem Sekretär zu, der daraufhin das Büro verließ.
Jarred stand auf, umrundete seinen Schreibtisch und ging seinem Freund entgegen. Shinjiro sah sich um und strich mit einem Finger über die Holzlehne eines Stuhls: „Regierst du noch, oder hast du Zeit?“, fragte er, und Jarred lachte kurz und zeigte Shinjiro den Weg ins Nebenzimmer. „Ich habe nur noch etwas gelesen, für dich habe ich natürlich Zeit. Was führt dich zu mir?“, wollte Jarred wissen, als sie den Raum neben dem Büro betraten. Es gab bequeme, halbhohe Chesterfield-Ledersessel und zwei Sofas, vor denen alte, wertvolle Teppiche auslagen. Die großen Fenster, die auch einen Balkonzugang hatten, waren mit schweren, Vorhängen behangen. Und der große, schwere Karambolage-Billardtisch davor wartete nur darauf, bespielt zu werden. An den Wänden hingen verschiedene Gemälde, Urkunden und sonstige private Sammlerstücke des Königs. Shinjiro kannte diesen Raum gut; es war Jarreds Rückzugsort, oder wie er es immer nannte, „Spielzimmer“. Hier war König Jarred einfach nur Jarred. Und sie beide hatten in den Räumen schon so manches gute und weniger gute Gespräch gehabt. Erinnerte sich Shinjiro, als er langsam auf den Billardtisch zuging und eine Kugel leicht anstieß, bevor er auf Jarreds Frage antwortete: „Die Vergangenheit.“
Jarred nickte, denn er wusste, dass Shinjiro heute mit ihm reden wollte. Er hatte seinem Freund die Zeit gegeben, um anzukommen und alles erst einmal zu verarbeiten. Er war sich sicher, dass Shinjiro auf ihn zukommen würde, wenn er bereit war. Also nahm er zwei Queues von der Wand und drückte einen davon Shinjiro in die Hand. Dabei musterte er seinen Freund, und nickte ihn ab. Danach ging er zur anderen Seite des Tisches und rollte Shinjiros verschobene Kugel wieder in die Mitte: „Schicke Frisur!“, konnte es sich Jarred dann doch nicht verkneifen. Shinjiro grinste, er hatte nur darauf gewartet, ließ es aber unkommentiert und positionierte sich auf der anderen Seite des schweren Billardtisches: „Ich nehme Weiß!“, beschloss der Japaner und musterte die Kugeln vor sich. Jarred fühlte sich gut. Früher hatten sie oft gemeinsam Billard gespielt, so auch einen Tag vor der ersten Outrider-Schlacht.
Jarred beugte sich hinab und stieß kraftvoll die gelbe Kugel an. Shinjiro beobachtete, wie sich die Kugeln auf dem blauen Samt verteilten, und blickte fragend zu Jarred: „Wer hat entschieden, dass du anfängst?“ Jarred grinste: „Na ja, ich bin der König!“ Shinjiro argumentierte er. Shinjiro nickte nur: „Ahh …“
„Hier standen wir vor 16 Jahren auch“, sprach Jarred seine Gedanken aus. Shinjiro nickte und antwortete: „Ja, daran hatte ich auch gerade gedacht.“ Jarred beobachtete den Japaner erneut: „Und jetzt, 16 Jahre später, stehst du hier neben mir und wir spielen weiter, als ob nie etwas gewesen wäre. Du bist gesund, munter und … schaust gut aus“, sagte er, immer noch fassungslos und kopfschüttelnd. Shinjiro lachte kurz und suchte sich eine Position, um besser auf Jarreds Kugel zielen zu können.
Jarred sprach indes weiter: „Weißt du, ich hatte mich all die Jahre daran geklammert, dass du noch am Leben bist, obwohl jeder das Gegenteil behauptet hatte.“ Shinjiro nickte still, beugte sich zum Tisch hinab, und zielte auf die gelbe Kugel und schubste seine Weise über den Tisch: „Na ja, zwei Minuten später und sie hätten alle recht gehabt!“, sagte er nüchtern und richtete sich auf.
Jarred blickte fragend über den Tisch. Shinjiro bemerkte den Blick und fragte: „Glaubst du, dass ich nach dieser Aktion genauso ausgesehen habe?“ Der König schüttelte langsam den Kopf: „Nein, natürlich nicht. Mir will nur einfach nicht in den Kopf, dass dir die Outrider geholfen haben sollen“, sprach es Jarred aus und hoffte, endlich eine Antwort zu bekommen.
Shinjiro blickte nachdenklich zu Jarred: „Du warst also nicht auf Pectos?”, fragte er nach, denn es schien ihm seltsam, dass sein Freund nichts von seinen Aussagen dort wusste. Jarred schüttelte mit seinem Kopf: „Nein“, begann er, „ich habe nur die ärztlichen Befunde gelesen und auf die Entscheidung gewartet, wie es mit dir weitergehen soll“, teilte er Shinjiro mit und griff nach der blauen Kreide und rieb die Spitze seines Queues ein.
Shinjiro verstand: Jarred hatte also darauf gewartet, bis er zu ihm kam, er wollte alles persönlich von ihm hören. Er würde seinem Freund heute also alles erzählen, die Atmosphäre in Jarreds „Spielzimmer“ war dafür deutlich entspannter als in dem kalten Verhörraum auf Pectos.
Während Jarred noch seinen Queue mit der Kreide einrieb, blickte er abwartend zu Shinjiro, der sichtlich nach Worten suchte.
Der Japaner presste seine Lippen zusammen und sah Jarred entschlossen an: „Nun, mir haben auch keine Outrider geholfen, sondern Menschen!“, entschloss er sich, direkt mit der Tür ins Haus zu fallen. Jarred stoppte abrupt in seinem Tun und erstarrte. Beinahe hätte er sogar die Kreide fallen lassen. Was hatte ihm Shinjiro da gerade erzählt? Er sah sprachlos zu seinem Freund, der auf eine Reaktion wartete.
Jarred konnte mit seinen Lippen nur ein stummes „Was?“ formen und ging daraufhin zum Holzglobus, öffnete ihn und schenkte sich auf diesen Schreck einen Mortlach-Whisky ein. Einige Momente später schien Jarred seine Sprache wiedergefunden zu haben und drehte sich zu Shinjiro: „Weißt du, was das bedeutet, Menschen, sie sind …“ Shinjiro unterbrach Jarred: „Sie haben kein Interesse an dieser Seite des Universums, sie haben fast dieselben Probleme wie wir und die Outrider heißen dort ›Deathcula‹, also beruhige dich!“, bat er Jarred, denn Shinjiro konnte sich vorstellen, dass diese Informationen, jemanden schon aus der Bahn werfen konnten. Jarred stellte sein Glas etwas lauter als gewollt ab: „Beruhigen!“ murmelte er und trat eilig aus dem Raum. Shinjiro beobachtete seinen Freund stumm. Wo geht er hin, was hatte er vor?
Jarred kam nach einigen Augenblicken zurück und schloss die große, schwere Holztür hinter sich. Und wandte sich zu Shinjiro, der ihn die ganze Zeit stumm beobachtete: „Ich habe alle weggeschickt, damit uns niemand stört oder hört“, erklärte er. Shinjiro verstand. „Bitte erzähle mir alles von vorn, ich bin gerade sehr verwirrt. Was war nach der Explosion passiert? Bei uns war innerhalb von einer Minute auf die andere alles vorbei“, sprudelte es jetzt aus Jarred, und er trat wieder an den Billardtisch heran. Shinjiro nickte und begann: „Was genau danach passierte, weiß ich selbst auch nicht mehr, mir wurde es auch nur erzählt.“ Jarred reichte Shinjiro ein Bier, dieser nahm es entgegen und sprach weiter: „Irgendwie muss ich es geschafft haben, den Jet im 45-Grad-Winkel nach links zu ziehen, wie zuvor erwähnt, selbst das weiß ich nicht mehr, der Dimensionssprung hat alles, was an diesem Schiff war, mitgerissen, somit auch mich. Mein Jet, oder besser der Rumpf, wurde auf der anderen Seite von der Energie abgestoßen. Die umliegenden Planeten dort haben das Geschehen schon länger beobachtet. Und als alles explosionsartig wieder zurückkam, schwärmten sie aus, um zu schauen, dass für sie keine Gefahr besteht.
„Sie scannten den Schrott ab, der da im All herumtrieb. Tja und irgendwie muss ich noch gelebt haben und sammelten mich ein, hätten sie es nicht getan, hätte es sich ehe erledigt gehabt, es gab keinen Sauerstoff mehr und der Rumpf war so beschädigt der hätte den Druck von außen allerhöchstens nur noch 1 Minute standgehalten, wenn überhaupt.” Jarred hörte die Erzählungen seines Freundes, er konnte es nicht fassen, er atmete erneut tief ein, er wollte alles hören und benötigte einen klaren Kopf, er griff nach seinem Queue und versuchte sich wieder auf das Spiel zu konzentrieren und stieß erneut seine Kugeln über den Tisch. Dann blickte er zu Shinjiro, der am Tisch lehnte und die Kugeln beobachtete: „Wie ging es weiter?“, fragte Jarred.
Shinjiro nickte und positionierte sich, um das Spiel fortzusetzen, und erzählte weiter: „Ich wurde irgendwann wach, ich hatte überhaupt kein Körpergefühl mehr, ich konnte nicht einmal daran denken, etwas zu bewegen.“
Und er stieß die weiße Kugel gegen den Rand des Tisches, die Kugel rollte zurück und berührte sanft die gelbe. Jarred beobachtete den Stoß, der eindeutig ein Foul war, ließ es aber unkommentiert. „Wo warst du?“, fragte er jetzt und stemmte eine Hand in seine Hüften und überlegte, wie er jetzt weiterspielen sollte. Shinjiro griff zur Kreide und erzählte: „Auf einem Hochsicherheits-Militärgelände in einem Krankenhaus auf einem Planeten namens Priamos.” gab er Auskunft und nahm einen Schluck des Bieres. Jarred nickte hinnehmend, er wollte es sich anhören, ohne darüber groß nachzudenken, oder zu werten, und das Spiel half ihm dabei gerade sehr! Er stieß die gelbe Kugel in Richtung Weiß und beschloss daraufhin, sich auch ein Bier zu öffnen.
Gemeinsam stießen sie den unteren Teil ihrer Flasche gegeneinander. Jarred ging zum Fenster und schaute hinaus: „Ich kenne die ärztlichen Befunde, was mich am meisten erstaunt. Es gibt keine Anzeichen für ein Trauma. Wie geht das, nach so einer Sache?“ Und er schaute Shinjiro dabei ernst an. Der Japaner stellte sein Bier auf den Rand des Billardtisches und beugte sich über diesen und hoffte, das Spiel für sich entscheiden zu können. Bevor er gegen die weiße Kugel stieß, lachte er kurz auf: „Du fragst nach Trauma? Ich vermute, ich habe dort so jedes Trauma ausgetragen, was es so gibt, eine Zeit lang wollte ich einfach nur sterben, manchmal dachte ich, meine Gedanken sind nicht mal mehr meine.” Jarred starrte seinen Freund an und hörte genauestens zu: „In den ersten zwei Jahren sprach niemand mit mir, ich hörte eine Sprache, die ich nicht zuordnen konnte, ich hörte trotzdem zu, um wenigstens etwas Fremdes in meinen Kopf zu bekommen. Ich wusste weder, wo ich war, noch, warum ich da war. Ich ging natürlich immer noch davon aus, ich bin hier.“ Jarred war fassungslos: „Mit dir hat niemand zwei Jahre lang gesprochen?“ Shinjiro nickte: „Ja, ich hatte nur meine Gedanken, und glaub mir, Gedanken können fies sein! Vor allem, wenn du keinerlei Zeitangaben hast und eines Tages realisierst, du bist nicht da, wo du sein solltest.“
Jarred versuchte, sich das alles auch nur ansatzweise vorzustellen, er konnte es nicht, es machte sich in ihm ein beklemmendes Gefühl der totalen Hilflosigkeit und des Ausgeliefertseins breit. Er ging zum Tisch und legte die Kugeln wieder auf Anfang, um das Foulspiel zu beenden: „Durftest du hinausgehen?“ Shinjiro nickte, während er den Anstoß machte. „Ja, als ich wieder laufen konnte, aber nur in diesen Sicherheitsbereich, es war auch ständig jemand bei mir, und seitdem glaube ich dir, man gewöhnt sich daran, man sieht denjenigen irgendwann gar nicht mehr. Ich wollte herausfinden, wo ich war. Ich berührte alles, Beton, Holz, Gras, Erde, ich sah den Himmel und die Sterne, und da fiel es mir zum ersten Mal auf, es war nichts Bekanntes zu sehen. Egal, welche Sternbilder ich von der Erde, Yuma oder Jarr durchging, es war davon nichts zu erkennen. Es gab nichts Vertrautes, weder die Sterne noch die Menschen. Diese Erkenntnis war beängstigend.“ Und er nahm darauf den letzten Schluck seines Bieres und erzählte weiter.
„Eines Tages brachte man mich in einen Raum, ein Mann setzte sich mir gegenüber, und sprach mich im feinsten Oxford-Englisch an, er wollte alles wissen, ich verstand nur die Hälfte. Mir fiel es unglaublich schwer, der englischen Sprache zu folgen, als ob ich sie vergessen hätte, sie war nur noch teilweise vorhanden, um es kurz zu machen: Ich hörte seine Worte, aber ich verstand sie nicht. Jedenfalls waren es immer die gleichen Fragen, nach dem zweiten Mal antwortete ich einfach nicht mehr, dann kamen neue Fragen und das Spiel wiederholte sich.“ Jarreds Augenbrauen zogen sich zusammen und er sagte wissentlich: „Zermürbung!“ Shinjiro nickte: „Ja, und weißt du, es ist verständlich, dass Menschen, bei denen diese Verhörfolter angewandt wird, irgendwann wie ein Wasserfall reden, nur um mit jemandem zu sprechen.“
Jarred atmete tief ein und nahm sich den letzten Schluck seines Bier. „Hast du es geschafft?“, fragte er und stieß die gelbe Kugel gegen die andere Seite des Tisches, diese kullerte langsam wieder in die Mitte. Shinjiro beobachtete Jarreds Spielzug und ging eine Runde um den Tisch. Jarred stand vor ihm und bearbeitete schon wieder seinen Queue mit Kreide. Shinjiro lehnte sich seitlich gegen den Tisch und sah Jarred an: „Wenn wir unser Gespräch jetzt beenden, was tust du?“ Jarred verstand gerade nicht, aber er antwortete: „Ich würde über das Gesprochene nachdenken.“ Shinjiro nickte: „Genau! Und in welcher Sprache würdest du das tun?“ Jarred zuckte mit seinen Schultern: „Auf Französisch!“, kam es selbstverständlich von ihm. Shinjiro stieß sich vom Tisch ab und legte seinen Queue auf die Tischkante: „Ich hatte zwei Jahre lang nur meine Gedanken, die mir antworteten. Und diese sind nun mal auf Japanisch, so waren der Beton, das Holz, der Himmel und die Sterne nicht auf Englisch, es war Japanisch. Bei diesen Verhören musste ich das Gesagte erst einmal wieder übersetzen und somit auch meine Antworten. Das verschaffte mir Zeit, über meine Antworten gut nachzudenken. Ein englischer Muttersprachler hat diese Zeit nicht und hätte eben geredet wie ein Wasserfall.“ Jarred verstand und hielt diese Erkenntnis für sehr interessant.
„Jedenfalls zeigte man mir eines Tages meinen Jet, oder das, was davon noch übrig war. Ich sah Technik, jetzt nicht viel höher entwickelt als unsere, aber doch schon etwas ausgereifter, bei einigen Dingen waren sie weiter, bei anderen noch nicht.“ Shinjiro griff zu seiner Flasche. „Hast du noch eins?“ Jarred lachte: „Bestimmt, ansonsten muss ich zu einer Tankstelle fahren“, scherzte er und öffnete erneut den Holzglobus. „Wenn du fährst, bring gleich noch Zigaretten mit!“, kam es darauf von Shinjiro. Jarred antwortete immer noch lachend: „Die habe ich!“ und zeigte die Schachtel, wie ein Schuljunge, der etwas Verbotenes hatte. Shinjiro grinste: „Na dann …“ und sie öffneten eine Fensterfront zum Balkon. Eine Pause würde gut tun.
Jarred und Shinjiro traten auf den Balkon und lehnten sich an das steinerne Geländer und genossen die kühle spätsommerliche Abendluft. Shinjiro zündete sich eine Zigarette an und kommentierte: „Ich musste heute schon mit Lorenz eine 16 Jahre alte Zigarre rauchen.“ Jarred fragte erstaunt: „Wie kam es denn dazu?“ Shinjiro stieß den ersten Rauch aus und erklärte amüsiert: „Es war seine Siegeszigarre, die er damals aufs Rollfeld geworfen hat, als er mich verfluchte. Heute Mittag waren wir in der Luft und danach haben wir mit der Geschichte von damals abgeschlossen.“ Jarred nickte zwar verstehend, aber fügte etwas entsetzt hinzu: „Ihr raucht also neben einem Hangar!“ Shinjiro grinste Jarred entgegen: „Dann melde es doch.“ Jarred lachte.
Eine Zigarettenlänge standen sie schweigend nebeneinander, um die eigenen Gedanken zu ordnen. Jarred brach die Stille und wechselte das Thema: „Wie geht es dir?“, fragte er erneut seinen Freund, denn eine Antwort hatte er bis jetzt nicht erhalten. Shinjiro blickte in den dunklen Schlossgarten und pustete dem Qualm der Dunkelheit entgegen: „Was meinst du?“, fragte er und drehte sich zu Jarred um. Der König lehnte sich gegen das Geländer: „Wie ich es gefragt habe, du bist gerade eine Woche wieder hier und es wirkt, als ob du da einsteigst, wo du aufgehört hast.“ Shinjiro nickte einige Male vor sich: „Ich habe mir das auch immer anders vorgestellt. Doch es hilft, um anzukommen!“ Letzteres sprach er leiser aus. „Hm!“, kam es darauf von Jarred, denn so ganz zufrieden war er nicht mit der Antwort: “Und was ist mit dem First-Grad?
Shinjiro drückte seine Zigarette aus und verschränkte seine Arme vor der Brust: “Ich lasse das ganze Prozedere erst einmal anlaufen. Entschieden habe ich mich aber noch nicht, falls du das meinst.“ Jarred fragte darauf etwas besorgt: “Geht es dir zu schnell?“ Shinjiro schüttelte den Kopf: “Nein, wäre die Sache mit Shinji nicht, hätte ich mich bestimmt schon entschieden.“ Jarred verstand. “Ich habe gehört, ihm geht es schon viel besser, konntet ihr bereits miteinander sprechen?“, fragte Jarred nach, der sich noch gut daran erinnerte, wie glücklich und stolz Shinjiro damals auf seinen Sohn gewesen war. Und dann hatte er ihn nicht einmal aufwachsen sehen. Shinjiro blickte in die sternenklare Nacht und bestätigte mit einem knappen „Ja“. Jarred sah zu seinem Freund und erzählte ihm: “Weißt du, vor einem Jahr habe ich mit Shinji in diesem Raum gestanden und ihm von dir erzählt. Wie stolz du auf ihn wärst und so weiter.“ Shinjiro blickte zu Jarred und lächelte leicht: “Das bin ich!“ Jarred schmunzelte. “Aber ich hoffe, du hast die weggelassen!“, fragte Shinjiro und zeigte auf die Zigaretten. Jarred lachte und führte an: “Natürlich!” Und ihm fiel noch eine weitere erfreuliche Kleinigkeit an seinem Freund auf: “Ich sehe, du trägst deinen Ehering!“ Shinjiro hob seine linke Hand und erklärte: “Ja, den habe ich gestern gefunden … Danke!“, sagte er, während er seine Hand betrachtete, an der ein schlichter goldener Ring funkelte, den er 16 Jahre lang nicht getragen hatte. „Verrückt …“, sprach er leise und atmete tief ein.
Jarred hatte Shinjiros Worte gehört und stellte sich neben ihn und sprach: „Als ob man nie weg war!“ Daraufhin rollte Shinjiro mit den Augen und sagte: „Ja, das höre ich in letzter Zeit öfter …“ und stieß sich vom Balkongeländer ab, blickte Jarred frech an und grinste: „Meine Frau sagt das auch …“ Daraufhin ging er, ohne sich umzudrehen, zurück in Jarreds „Spielzimmer“. Jarred musste daraufhin lachen und folgte Shinjiro kopfschüttelnd.
Deathcula
Sie nahmen sich ein weiteres Bier. „Aber woher kommen diese Menschen, ich meine, wie gelangten sie in die Phantomzone?“, fragte Jarred jetzt neugierig. Shinjiro setzte sich in einen der Sessel, und Jarred folgte ihm. Shinjiro schüttelte leicht mit seinem Kopf und versuchte zu erklären: „Es ist keine Phantomzone, es ist ein anderer Teil des Universums. Die Galaxie wird “United Sol System“ genannt, also gehe ich davon aus, dass es mindestens zwei Galaxien sein müssen. Wie sie dort hingelangten, haben sie mir nie erzählt, wahrscheinlich, um sich zu schützen. Und die Deathcula, also Outrider, sind künstliche, „dumme“ Soldaten, die Wrangler genannt werden. Sie haben eine Art Rangfolge. Also muss es eine organische Intelligenz dahinter geben. Das ist es wohl, was sie “Nemesis“ nennen. Diese Intelligenz wird in einen Supercomputer transferiert und funktioniert wie eine KI, die ständig dazulernt.“
Jarred war sprachlos, dachte nach und fragte: „Woher kommen die Outrider oder Deathcula?“ Shinjiro lehnte sich im Sessel zurück und schlug die Beine übereinander. „Tja“, sagte er leise und betrachtete das Etikett der Flasche. „Jedenfalls gehören sie auch nicht in den Teil des Universums, wo ich war. Und doch verfügen die Outrider über eine Technologie, die es ihnen ermöglicht, von einem Punkt zum anderen im Universum zu springen. Die Hoffnung ist, dass sie sich irgendwann selbst zerstören, weil sie dafür so ungeheuerlich viel Energie benötigen. Vor 16 Jahren zum Beispiel hatte es Monate gedauert, bis genug Energie gebündelt war und sie in unseren Teil des Universums ins Neue Grenzland einfallen konnten. Sie sind wie Heuschrecken.“ Jarred war beeindruckt und wollte wissen: “Was haben die Menschen dort für Erkenntnisse mit den Begegnungen der Outrider gezogen?“ Shinjiro nickte: “Vor allem ging deren Entwicklung in ein Frühwarnsystem. 10 Sekunden vor einem Sprung zu wissen, jetzt kommt etwas, ist schön und gut, aber 10 bis 15 Minuten sind besser. Da lief die Entwicklung der Energieabtastung rund um die Planeten auf Hochtouren, und zwar mit Erfolg. Vor jedem Sprung baut sich eine gewisse Spannung auf, auf die die hochsensiblen Abtaster reagieren.“ Jarred warf sofort ein: „Ja, daran müssen wir unbedingt weiterforschen!“ Shinjiro stimmte natürlich zu: „Ich habe alles, was ich darüber weiß, auf Pectos mitgeteilt, alles andere liegt jetzt bei den Wissenschaftlern. “Gut!” kam es darauf von Jarred.
Shinjiro nickte, nahm einen Schluck von seinem Bier und ging wieder zum Billardtisch. Jarred beobachtete seinen Freund: “Wie kamst du zu dem Jet? Es ist deiner, aber eben modifiziert.“ Shinjiro stieß eine Kugel an und sagte: “Sie zeigten mir ihre Maschinen, und das ist der Punkt, wo sie auch weiter sind, was das Fliegen nicht gerade einfacher macht, sie sind schnell, fast zu schnell, noch einen Ticken mehr und ein Mensch würde diese G-Kräfte nicht mehr aushalten. Was ihnen jedoch fehlte, waren ausgereifte Taktiken.“ Jarred stand auf und stellte sich neben Shinjiro: „Sie hatten also die Technik, konnten sie aber nicht effektiv nutzen!“, stellte Jarred fest.
Shinjiro nickte: “Richtig, ich vermute, sie haben keine lange Militärgeschichte. Wir können auf Konflikte von Hamoukar bis zum Zweiten Weltkrieg zurückgreifen“, erklärte er. Jarred nahm einen Schluck seines Bieres und dachte an das Gesagte und die menschliche Geschichte. Die Narben vergangener Konflikte prägten die Völker und ihre Kulturen, Erinnerungen an Leid und Verlust. Trotzdem hatten die Menschen aus diesen dunklen Zeiten auch wertvolle Lektionen gelernt, die ihnen hoffentlich dabei helfen würden. Frieden zu erhalten. Doch als König wusste er am besten: Frieden ist fragil, als ob ein falscher Schritt alles wieder ins Chaos stürzen könnte. Hoffentlich würde es nie wieder so weit kommen.
Einige Momente später wandte er sich wieder an Shinjiro: „Warum haben sie deinen Jet repariert?“ Shinjiro holte seinen Queue, der an der Wand gelehnt stand, und schaute sich die Spitze an: „Ich denke, es war das Prinzip: Lerne fremde Technik kennen. So wie wir den Schrott der Outrider untersuchen, haben sie auch meinen Schrott-Jet untersucht. Es war Forschung und Bastelei.“ Jarred kniff seine Augen zusammen und fixierte wieder die gelbe Kugel, und stieß sie über den Tisch und stellte fest: „Also hatten sie vor, dich gehen zu lassen?“
Shinjiro nickte leicht und antwortete: „Ja, obwohl ich zum größten Teil isoliert war, konnte ich mich in den vergangenen Jahren auf der Basis frei bewegen. Wahrscheinlich hatten sie auch nicht mehr damit gerechnet. Es gab 15 Jahre lang keine Möglichkeit, also war ich ein Gefangener der Zeit. Für sie und für euch war das gut, für mich schlecht. Erzählte er und atmete tief ein und aus.
Jarred richtete sich auf und musterte stumm seinen Freund: “Wie hast du gelebt? Haben sie dich gut behandelt?“ Diese Frage brannte Jarred schon seit Shinjiros Rückkehr auf der Seele. Shinjiro berichtete alles wie selbstverständlich. Jarred konnte sich denken, dass sich Shinjiro nach all den Jahren mit seiner Situation arrangiert hatte. Der Japaner grinste kurz auf: “Ich war kein Gefangener, wenn du das meinst, ich hatte ein Quartier auf der Basis und behielt dort meinen Rang und war so etwas wie ein Militärberater. Allerdings war mein Radius eingeschränkt. Doch ich muss zugeben, ich fühlte mich mit der Zeit wohl, auch weil ich mich in den letzten drei bis vier Jahren damit abgefunden hatte, nie mehr zurückzukommen. Hoffnung keimte erst wieder auf, als auch dort die Outrider erneut aktiv wurden“, beantwortete Shinjiro, nach Jerreds Geschmack etwas oberflächlich, seine Frage. Aber ihm war auch klar, dass Shinjiro in den vergangenen 16 Jahren nur auf einer Militärbasis gelebt hatte, mit eingeschränktem Radius. In Jarreds Ohren klang das wie ein Gefangener. Doch er wollte Shinjiro jetzt auch nicht unnötig Details aus der Nase ziehen. Doch war eventuell genau das der Grund, warum sich sein Freund so schnell wieder in den Militäralltag hier eingefunden hatte? Weil er eben nichts anderes kannte? Jarred stoppte seinen Gedankenfluss abrupt.
Das musste er auf jeden Fall mit seinem Freund ein anderes Mal tiefer klären! Und er lenkte seine Überlegungen wieder zum Kern. Es wäre also schon eher möglich gewesen, Shinjiro zurückzubringen, hätten die Kämpfe damals nicht aufgehört. Doch dann hätten sie die Outrider das Neue Grenzland überrannt und sie wären untergegangen. Nicht auszudenken, was damals alles hätte passieren können. Und Jarred wurde erneut schmerzlich bewusst, was sein bester Freund für sie alle getan hatte! Shinjiro war getrennt von allen gewesen, hauptsächlich von seiner Familie, und sah seinen Sohn nicht aufwachsen, der König war sich sicher, dass das für Shinjiro das schmerzhafteste an der ganzen Geschichte war. Und doch war Shinjiro mehr oder weniger immer existent gewesen. „Es ist, als wäre er nie weg gewesen“, schoss es jetzt auch Jarred durch den Kopf. Die Wahrheit in dieser Aussage war fast unheimlich. Und die Erinnerungen waren nie verblasst, weil Shinjiro eben noch am Leben war. Jarred schüttelte erneut mit seinem Kopf und betrachtete Shinjiros Werk auf dem Billardtisch.
Sie spielten zwei Runden und schwiegen, bis Jarred fragte: “Woher hast du damals gewusst, dass die Kuppel des Outriderschiffs, in dem sich Nemesis befand, zerstört werden musste? Uns wurde es erst nach mehrmaligem Analysieren der Schlacht klar.“ Jarred das Gespräch wieder um und stieß seine gelbe Kugel über den Tisch. Shinjiro beobachtete Jarreds Spiel: “Ich bin damals mit Lorenz immer wieder sehr weit über diese Kuppel gekreist. Ich beobachtete das Geschehen rund um das Schiff der Outrider, sobald sich auch nur etwas Fremdes diesem Schiff näherte, schwärmten diese Hyperjumper aus, es war also etwas sehr Wichtiges an Bord, was unbedingt beschützt werden musste.
Und als der Funkspruch der Analytiker kam, dass sich dort die Hauptenergiequelle befand, war mir klar, volles Rohr rein! Allerdings dachte ich da an die Kavallerie! Ich habe nicht einmal ansatzweise an eine Kamikaze-Aktion gedacht. Ich hatte vor, in diesen Korridor zu fliegen, mit den Hyperjumpern im Schlepptau, also sendete ich diese Funksprüche. Und der alte Major Danwens hat es dann auch verstanden und diese Funksprüche bestätigt, dann ging es auch schon los. So haben sich die Hyperjumper an mich gehängt und ich konnte in diesen Tunnel hineinfliegen, wo dieses Artilleriefeuer, der Outrider nicht existent war, denn sie würden ihre Kuppel, ihre Energiequelle, nicht selbst beschießen.“
Shinjiro atmete tief ein und schloss seine Augen. Jarred merkte, dass es Shinjiro schwerfiel, darüber zu sprechen, so fragte er ruhiger weiter: “Also wolltest du kurz vorher hochziehen und die Hyperjumper da hineinfliegen lassen?” Shinjiro nickte stumm. Jarred blickte ihn ernst an und fragte: “Warum hast du nicht hochgezogen?“ Shinjiro sah seinen Freund an: “Als ich in diesem Tunnel war, drehten alle Instrumente in meinem Jet durch, ich wusste nicht, ob der Jet dazu überhaupt noch in der Lage war, neben mir war überall Flakfeuer. Die Sicht war wegen der Helligkeit der Laser gleich null und die Geräuschkulisse ohrenbetäubend.“ Er machte eine kurze Pause, bevor er langsam weitersprach: “Einige dieser Geschütze haben den Rumpf meines Jets getroffen, ich wurde von den eindringenden Splitterfeldern getroffen, und als ich das realisierte, wusste ich, ich kann gar nichts mehr hochziehen. Erstens: Weil mir die Kraft durch die körperlichen Treffer gefehlt hatte. Zweitens: Hätte ich hochgezogen, wäre es nicht sicher gewesen, dass ich hochkomme. Ich wusste nicht, wie beschädigt der Jet durch die Treffer tatsächlich war.“
Jarred verstand und war sehr bestürzt: “Also blieben dir nur noch die 45 Grad links.“ Shinjiro nahm seinen Queue und fixierte seine weiße Kugel. Und stieß sie gegen Jarreds Gelbe und sagte dabei: “Ja, nicht realistisch, aber eine Chance, wenn auch klein. Also gab ich Gas, aktivierte alle Waffensysteme und hoffte, dass alles ganz schnell gehen würde.“ Eine bedrückende Pause entstand zwischen den Beiden: “Es ist eben nicht so gelaufen, wie es hätte sollen“, sagte Shinjiro und ging nach draußen. Jarred erstarrte bei diesen Worten. Shinjiro hatte bis zum Schluss noch so klar denken können. Er hatte nicht mit seinem Leben abgeschlossen, er wollte da irgendwie herauskommen und hatte es auch geschafft, nur nicht auf ihrer Seite des Universums. Jarred atmete tief ein, lehnte seinen Queue gegen den Billardtisch und folgte Shinjiro nach.

Jarred betrat den Balkon, sein Freund stand rauchend am Geländer, und er stellte sich neben ihn und wartete, als er das Schweigen mit ruhiger Stimme brach: “Hast du es so auf Pectos erzählt?“ Shinjiro wusste, was Jarred meinte, er pustete den Qualm aus und nickte stumm: “Ja!” Jarred nickte ebenfalls: “Das ist gut!“ Mehr als ein bestätigendes “Hm!” kam darauf von Shinjiro nicht. “Wie geht es jetzt weiter, ich meine privat?“, wechselte Jarred das Thema. Shinjiro drehte sich zu Jarred um: “Meine Eltern wissen seit heute, dass es mich noch gibt.“ Jarreds Augenbrauen gingen nach oben: „Hast du mit ihnen gesprochen?“ Shinjiro lachte kurz auf und erklärte: “Hitomi hat es ihnen schonend beigebracht. Und ich habe mit meiner Mutter, bevor ich zu dir kam, gesprochen.“ Jarred zog an seiner Zigarette und fragte: “Und? … dein Vater?“ Shinjiro zuckte kaum merklich mit seinen Schultern: “Er war garantiert im Hintergrund“, war dessen knappe Antwort. “Was hat sie gesagt?“, wurde Jarred nun neugierig. Shinjiro lehnte sich an das Geländer: “Ich zitiere mal: ‚Du regst uns gerade sehr auf”, und er lachte leise, mit einem hörbaren Sarkasmus auf. Jarred nickte verhalten: “Also werdet ihr in absehbarer Zeit nach Japan reisen?” Shinjiro nickte stumm: “Aber erst, wenn es Shinji wieder gut geht, das ist jetzt erst einmal wichtig.” Jarred verstand und fügte an: “Also bleibst du zunächst hier.” Shinjiro stemmte seine Arme in die Hüften und sah Jarred an: “Ja, ich werde Eagle und die Truppen des Oberkommandos, nach Yuma zurückschicken, damit es dort wieder normal weiter läuft.” Jarred stimmte zu, mit solch einen abbefehl hatte er in den kommenenden Tagen schon gerechnet: “Was hast du mit der Ramrod Einheit vor?“ Shinjiro grinste Jarred entgegen und deutete an, wieder hineinzugehen, ihm wurde gerade etwas kalt. Drinnen angekommen, stellte er sich vor den Billardtisch und schaute auf die Kugeln: “Ich habe gewonnen!“ Jarred blickte ebenfalls über den Tisch und sagte: „Nur, weil ich etwas aus der Übung bin!“ Shinjiro lachte, und Jarred fragte noch einmal nach, während er die Kugeln wieder neu anordnete: „Also, was hast du vor?“ Shinjiro setzte sich wieder in einen der Sessel: “Erst einmal Ordnung hineinbringen! Da steht ein hoch technisiertes Kampfschiff und es muss am Boden bleiben, nur weil es gerade keinen Piloten gibt.“ Jarred glaubte zu verstehen: “Also ziehst du Shinji von Ramrod ab!“ Shinjiro blickte darauf zu Jarred: “Er wird unter dieser Führung, wie sie zurzeit ist, das Schiff nicht fliegen! Aber es gibt Entwicklungspotenzial bei Captain Lancelot! Wenn es da Fortschritte geben wird, werde ich meine jetzige Entscheidung überdenken!“
Jarred ging ebenfalls zu einem der Sessel und setzte sich Shinjiro gegenüber und dachte über das Gesagte nach: “Ich hatte so was schon vermutet, also möchtest du das Team auf Vordermann bringen. Und in Captain Lancelot sehe ich ebenfalls sehr viel Potenzial!“ Shinjiro grinste: “Nein, das sollen sie mal schön selbst machen und sich klar werden, was sie hier überhaupt tun, ich gebe Ihnen dafür etwas Zeit.” sagte er und machte eine Pause, streckte seine Beine aus und sprach bestätigend weiter: “Und was Captain Lancelot betrifft: Ja, ja er hat das Zeug dazu, guter Hintergrund, gute Familie, aber er kann nicht aus dem Potenzial schöpfen, das ihm gegeben ist.“ Jarred nickte einmal kräftig, schließlich wusste der König um Sabers Herkunft, und sagte: “Das heißt, es für ihn jetzt zu erkennen!“ Shinjiro nickte Jarred bestätigend zu: „Ja, er ist noch jung, doch hätte er schon weiter sein können. Aber er will es, das hat er mir gesagt, und damit kann gearbeitet werden.“
Jarred hörte die Worte seines Freundes. Shinjiro hatte damals mit 23 schon seinen zweiten Stern als Captain. Mit 26 steckte bereits der vierte goldene Stern an Shinjiro. Jarred wusste aber auch, dass hinter seinem Freund ein Vater stand, der immer eine Hand über ihn hatte, wie ein Schatten, der ihn führte und in jungen Jahren auf seinen Weg hinwies, und das nicht immer nur mit Worten. Der Weg war vorgegeben gewesen, bei ihm und bei Shinjiro.
“Hast du noch Fragen? Wenn nicht, würde ich es für heute beenden. Unterbrach Shinjiro die Ruhe und Jarred sah seinen Freund an, dass er müde war: „Nein, erst einmal nicht, das meiste wurde beantwortet und ich habe ausreichend Stoff zum Nachdenken und Sortieren. Ich bin froh, zu wissen, dass du dich nicht umbringen wolltest!“ Shinjiro hörte Jarreds Worte und erzählte ihm: “Darum ging es mir hauptsächlich, dass du das weißt!“
Jarred war erleichtert über die Worte seines Freundes. Shinjiro war es wichtig gewesen, ihm zu sagen, dass er sich damals nicht opfern wollte! Denn dieser Umstand war es, den Jarred damals nicht verstehen konnte und der ihn lange nicht hat schlafen lassen. Sein Freund hatte damals gerade eine Familie gegründet und es waren garantiert noch weitere Kinder geplant. Und dann fliegt er ungebremst in ein Schlachtschiff. Jarred war dankbar, dass er die Chance bekommen hatte, die Wahrheit zu erfahren, und das von Shinjiro persönlich!
Jarred stand auf, als Shinjiro es tat: „Ich danke dir für dieses Gespräch und für deine Freundschaft!“, sagte er und legte Shinjiro einen Arm um die Schulter und begleitete ihn nach draußen.
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