4.503 Wörter, 24 Minuten Lesezeit.
Absatz 1
Fireball ging es zusehends besser, er saß mittlerweile in seinem Bett und griff nach dem Tablet, das ihm sein Vater dagelassen hatte. Noch immer war die Tatsache, dass sein Vater wieder zurück war, für ihn schwer greifbar. Obwohl er schon einige Sätze mit ihm gesprochen hatte, fühlte sich das alles noch unwirklich an. Er pustete Luft aus und surfte im Internet, um seine Gedanken, die sich gerade überschlugen, zu ordnen. Er las die Nachrichten über die letzte Outrider-Auseinandersetzung durch, und je mehr er las, kamen die Situationen von diesem Tag in sein Bewusstsein zurück. Da war so einiges schiefgelaufen, und er fühlte sich plötzlich dieser Situation ausgeliefert. Er musste zugeben, dass er völlig überfordert gewesen war. Er wusste, dass er als Pilot nicht richtig gehandelt hatte. Er hat einfach weitergemacht, ohne daran zu denken, aufzuhören und die ganze Sache abzubrechen, was seine Pflicht gewesen wäre, wenn er nicht mehr flugfähig war. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wäre er da mitten in einem Manöver ohnmächtig geworden, er hätte nicht nur sich, sondern auch seine Freunde in Gefahr gebracht.
Er ließ vom Tablet ab und ließ sich ins Kissen zurückfallen und schloss seine Augen: „Scheiße!“, murmelte er leise vor sich hin. Die Realität, die Verantwortung und die Schuldgefühle fielen über ihn ein. Er wusste, dass er sich seinen Fehlern stellen musste, aber in diesem Moment fühlte er sich einfach nur überwältigt. Der grelle Alarm, das hektische Funkfeuer, die schnellen Manöver, all das spielte sich in Endlosschleife vor seinem inneren Auge ab. Er konnte das Rauschen in seinen Ohren hören, das er damals ignoriert hatte. Fireball erinnerte sich daran, wie seine Instinkte ihn im Stich gelassen hatten und er nur noch mechanisch gehandelt hatte. Er öffnete erschrocken seine Augen und starrte an die Decke. Die weißen Platten schienen ihn zu erdrücken, und das leise Summen der Klimaanlage klang wie ein unaufhörliches Dröhnen in seinem Kopf.
Und dann war da noch April. Ja, sie beide waren in der letzten Zeit nicht gerade freundlich miteinander umgegangen. April und er hatten immer eine besondere Verbindung gehabt, er wusste, dass er einen Weg finden musste, sich mit April zu versöhnen. Aber wie?
Saber, Colt und April gingen an diesem Morgen gemeinsam ins Offizierscasino, um die neuen Crew-Anwärter willkommen zu heißen. April spürte ein komisches Gefühl in sich aufkommen, aber sie war entschlossen, der Sache mit Neugier zu begegnen. Das hatte sie sich fest vorgenommen! Schließlich würde diese Veränderung allen zugutekommen.
Colt hatte gestern Abend Robin von dem vermasselten Urlaub und dessen Änderungen berichtet. Die blonde Lehrerin war anfangs sehr traurig gewesen, hatte sich aber dennoch dazu entschieden, nach Jarr zu kommen. Sie freute sich nun auf die gemeinsamen Abende zusammen und war zuversichtlich, dass sie sich am Tage gut die Zeit vertreiben würde. Schließlich hatte Jarr eine Menge kulturelle Aktivitäten zu bieten, auf die sie sich freute. Der Cowboy schwärmte vor sich hin, als er darüber nachdachte, welch wundervolle Freundin er doch hatte. Und konnte es kaum erwarten, sie heute Abend fest in seine Arme zu nehmen.
Saber hatte beschlossen, alles auf sich zukommen zu lassen. Warum sollten sie nicht eine doppelte Besetzung aller Steuereinheiten auf Ramrod haben? Der aktuelle Zustand war schließlich auch keine Dauerlösung! Zudem würde er sein Team vergrößern und alle wären flexibler. Schließlich wurden größere Schiffe sogar dreifach besetzt. Die Ersatzcrews waren vollwertige Teammitglieder, die neben ihren Aufgaben auch noch anderen Tätigkeiten im Oberkommando nachkamen, aber im Ernstfall jederzeit abrufbar wären. Diese Struktur würde nicht nur die Effizienz und Flexibilität des Teams erhöhen, sondern auch die Belastung einzelner Crewmitglieder verringern, indem Aufgaben gleichmäßiger verteilt würden. Saber war sich sicher, dass diese Entscheidung langfristig für alle nur Vorteile bringen würde. Die zusätzlichen Teammitglieder würden die operative Sicherheit erhöhen und gleichzeitig die Ausbildung und Einsatzbereitschaft aller Beteiligten verbessern. So vorbereitet zu sein, würde ihnen in kritischen Situationen den nötigen Vorteil verschaffen.
Als die vier mit ihren Gedanken ins Offizierscasino einbogen, wurden sie bereits von Colonel Murry erwartet. Der Mann, Anfang 60, strahlte eine Aura der puren Lebensfreude aus, die sich in seinen fröhlichen Augen widerspiegelte. Trotz seines Alters und der vielen Jahre im Dienst, schlug in seiner Brust noch immer das Herz eines Piloten. Colonel Murry war eine feste Größe im Oberkommando. Seine unerschöpfliche Wissensquelle und seine reichen Erfahrungen machten ihn zu einer hoch respektierten Autorität. Viele sahen in ihm nicht nur einen Vorgesetzten, sondern auch einen Mentor. Seine Hingabe, Piloten auszubilden und ihnen zur Seite zu stehen, war beispiellos.
Saber, Colt und April freuten sich, ihn wiederzusehen, und begrüßten ihn herzlich. Denn Murrys Anwesenheit im Offizierscasino auf Jarr war mehr als nur die eines erfahrenen Offiziers. Colonel Murry stand für Kameradschaft, Disziplin und Hingabe im Dienst. Jeder, der das Privileg hatte, unter seiner Anleitung zu dienen, wusste, dass er nicht nur einen außergewöhnlichen Lehrer, sondern auch einen wahren Freund an seiner Seite hatte.
Colonel Murry, der immer gerne lachte, wandte sich nach der Begrüßung den drei jungen Männern zu, die er aus Alamo mitgebracht hatte, und begann, sie den Star Sheriffs vorzustellen: „Captain Rider …“ Saber unterbrach Murry entschuldigend: „Bitte, Sir, Captain Lancelot!“ Colt und April tauschten vielsagende Blicke aus, während Colonel Murry abermals kurz darauf lachte: „Natürlich, Captain Lancelot! Darf ich Ihnen Ihre Offiziersanwärter vorstellen? Das ist Henry Wolloth, 24, ein Flugingenieur mit dem Schwerpunkt Navigation. Und Alexander Wilhelm, ein 23-jähriger Pilot, der auf der Peacekeeper 7 ausgebildet wurde. Und die Nummer drei im Bunde ist Taylor Smith, 24 Jahre, ein Scharfschütze aus unserer Talentschmiede auf Alamo.“ Damit beendete der Colonel die Vorstellungsrunde. Saber, Colt und April nickten den dreien freundlich zu.
„Willkommen auf Jarr!“ hieß Saber seine vermutlich neuen Teammitglieder willkommen und die drei salutierten. Der Schotte nickte und musste im nächsten Moment hart schlucken.
Denn für ihn als Captain begann damit etwas Neues: Sein Team vergrößerte sich und er hatte für weitere drei Menschen die Verantwortung, falls auch sie sich dazu entscheiden würden, unter seinem Kommando in den Kampf zu starten. Sein erstes Team hatte sich der Highlander auf Alamo allein zusammenstellen können, doch jetzt wurden ihm drei bereits komplett ausgebildete Offiziersanwärter anvertraut. Das war schon eine etwas andere Dynamik, und ihm wurde gerade hier und jetzt nochmals seine Verantwortung als Captain vor Augen geführt.
Saber war sich bewusst, dass die Integration von neuen Mitgliedern in sein bestehendes Team eine Herausforderung darstellen könnte. Schließlich brachte jeder von ihnen eine eigene Persönlichkeit, eigene Fähigkeiten und eigene Erfahrungen mit, die es zu berücksichtigen galt. Dies erforderte von ihm nicht nur Führungsstärke, sondern auch Empathie und Verständnis.
„Howdy, und ich hoffe, ihr seid darauf vorbereitet, dass es hier nie langweilig wird“, begrüßte nun auch der anfänglich auf Widerstand gebürstete Cowboy die Kadetten. Und Saber nickte seinem Freund und Scharfschützen dankend zu. April nickte nun ebenfalls den dreien willkommenheißend zu und ergänzte: „Wenn ihr Fragen habt oder Hilfe braucht, zögert nicht!“ Damit lockerte sich die Anspannung aller Anwesenden und Saber, Colt und April blickten dem Tag etwas positiver entgegen.
Murry sah sich breit grinsend in der Runde um, so gefiel es dem Colonel, der aus Erfahrung wusste, dass eine Teamerweiterung immer Spannungen mit sich brachte. Vor allem bei Crews, die so eingeschworen und lange Zeit auf engstem Raum autonom agierten, wie die Ramrod Einheit.
Absatz 2
So vergingen die Stunden und es war ein recht bereichernder Austausch, wie alle fanden. Am frühen Nachmittag, gestärkt nach einem guten Mittagessen, führten Saber, Colt und April die drei Neulinge durch den Friedenswächter Ramrod und zeigten ihnen das Schiff in seiner ganzen Pracht. Gemeinsam durchliefen sie alle Innenräume und drehten anschließend mehrere Runden um das riesige Kampfschiff und begutachteten das Fahrwerk, die Triebwerke und die Feuerleitstände. Als sie unter dem Friedenswächter standen, zeigte Colonel Murry Saber unauffällig an, ihm zu folgen. Der Schotte verstand erst nicht, was Murry beabsichtigte, doch er bemerkte bald, welche Richtung der Colonel eingeschlagen hatte.
In der Ferne entdeckte Saber Kommander Eagle, der zusammen mit Captain Hikari im Schatten der Gangway stand und interessiert das Treiben unterhalb des Friedens-Wächters beobachtete. Der Colonel beschleunigte seine Schritte und steuerte direkt auf die beiden zu. Hikari nahm seine Sonnenbrille ab, als er Murry auf sich zukommen sah. Der Colonel ergriff die Hand des Captains und konnte sie gar nicht mehr loslassen, legte seine andere Hand noch obendrauf und freute sich sichtlich. Seine Begeisterung war unübersehbar und fühlbar ansteckend.
Saber beobachtete die herzliche Begrüßung, und der Schotte hatte bemerkt, dass Captain Hikari dem Colonel seine Hand entgegengestreckt hatte. Nach einiger Zeit ließ Colonel Murry von Hikari ab. Und der Captain setzte sich seine Sonnenbrille wieder auf. Während der Colonel nun Kommander Eagle begrüßte, und es war offensichtlich, dass auch die beiden sich schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen hatten. Während Eagle und Murry miteinander sprachen, ging Captain Hikari einige Schritte auf Saber zu und stellte sich neben ihn.
„Wie läuft es, Captain Lancelot?“, fragte er und verschränkte seine Arme vor seiner Brust und beobachtete das Geschehen unterhalb von Ramrod. Saber, der von dieser Interaktion des Captains sehr überrascht war, antwortete: „Sehr gut, Sir, besser als erwartet!“ und blickte ebenfalls in die gleiche Richtung. Und der Schotte musste zugeben, dass der hochpolierte Ramrod einfach fantastisch in der Nachmittagssonne aussah. Der Captain nickte. „Sehr gut! Ich habe von einer Missstimmung gehört“, lenkte Hikari das Thema in eine andere Richtung. Saber sah den Captain an, der immer noch Richtung Ramrod blickte. „Ja, es kam sehr überraschend, Sir! Doch ich bin mir sicher, dass es dem Team ganz gut damit gehen wird“, erklärte er.
Saber hatte schnell bemerkt, dass sich April und auch Colt mit dem Zuwachs im Team langsam anfreunden konnten. Schließlich bedeutete es auch für sie, regelmäßig freizuhaben, was sie sicherlich zu schätzen wussten. Hikari nickte darauf und ging langsam auf den Friedenswächter zu. Im Hintergrund ergriff nun Murry das Wort und rief: „Aber solange ich hier bin, müssen wir alle drei essen gehen.“, und zeigte auf Hikari, der ein kleines Stück vor ihnen lief. „Und er bezahlt“, lachte der Colonel. Saber schaute grinsend zu Eagle, der ebenfalls näher kam. Captain Hikari hob eine Hand und winkte ab. „Das habe ich gehört!“, rief er zurück. Jetzt war es Kommander Eagle, der Hikari zurief: „Dann holen wir noch Lorenz dazu, damit sich das auch für dich lohnt!“ Der Colonel lachte herzhaft und schlug Eagle begeistert auf die Schulter. Der Schotte grinste und schüttelte mit seinem Kopf. Er mochte diese herzliche Art des Colonels, die immer eine lockere und freundliche Atmosphäre schuf. Murry drehte sich zu Saber, der neben ihm ging, und sagte mit einem Augenzwinkern: „Captain Lancelot, ich hoffe, Sie haben einen guten Appetit. Nach 16 Jahren kann er ruhig einen ausgeben!“, lachte der Colonel weiter. „Keine Sorge, Sir“, antwortete Saber lachend, und sie traten in Ramrods Schatten.
Colt und Henry sahen sich die unteren Geschütze an. „Das ist unsere Fliegenklatsche, wenn die Outrider Schmutzfüße von unten angreifen“, erklärte der Cowboy sehr anschaulich, und die beiden lachten. Plötzlich salutierte Henry. Colt blickte überrascht auf. Unweit von ihnen stand Captain Hikari und hatte offenbar die Fliegenklatsche mitbekommen. Widerwillig salutierte auch Colt. Und Captain Hikari lächelte kaum merklich. „Weitermachen!“, sagte er und lief an ihnen vorbei. Colt schaute dem Captain skeptisch nach. Er wurde einfach nicht warm mit dessen Art und Weise. Henry, war jedoch begeistert: „Wahnsinn, oder? Niemand hätte gedacht, dass er noch lebt, und nun ist er wieder da. 16 Jahre Phantomzone, wer will das schon? „Irre!“, sprudelte es aus dem australischen Scharfschützen hervor. Colt sah Henry ein wenig fassungslos an. „Ja, wahnsinnig irre“, kam es sarkastisch darauf vom Cowboy. Henry, sprach indes weiter: „Vielleicht erfährt man auch mal, was da so abging!“ Colt nahm seinen Hut vom Kopf und ging sich durch seine Haare und setzte ihn wieder auf. „Vielleicht schreibt er ja ein Buch“, kommentierte er Henrys Aussage und ging zu den anderen Geschützen. Henry sah dem Cowboy etwas verdutzt nach. „Naja, also ich würde es kaufen“, sagte er und folgte dem Texaner.
König Jarred machte einen Spaziergang vor dem Nachmittagstee. Er ließ den Blick über die blühenden Pflanzen und gepflegten Wege schweifen, während er den gestrigen Abend mit Shinjiro Revue passieren ließ. Es hatte ihm gutgetan, sich wieder mit seinem Freund zu unterhalten. Früher hatten sie solche Abende regelmäßig genossen, an denen sie frei reden konnten. Sie hatten zusammen gelacht, gestritten und auch geweint. Shinjiro wusste Dinge über Jarred, die lieber niemand erfahren sollte. Jarred musste kurz etwas schmunzeln, als er daran dachte, wie er Shinjiro, der 15 Jahre jünger war, kennengelernt hatte. Was sich damals als erzwungener Zweck entwickeln musste, endete in einer tiefen Freundschaft. Sie hatten erkannt, dass sie beide in ihrem Leben keine wirkliche Wahl gehabt hatten und in ihrer Rolle bleiben mussten.
Als König hatte man nahezu keine Freunde, das wurde ihm früh beigebracht! Er spazierte weiter, der Schotter knirschte unter seinen Schuhen. Zwei Katzenkinder liefen in der Ferne über die weite Grünfläche, gefolgt von einem Hofangestellten, der versuchte, sie wieder einzufangen. Jarred musste grinsen, den neuen Wurf der roten königlichen Katzen hatte er noch gar nicht begutachtet. Aber wie es aussah, waren alle gesund, musste er lachen.
Doch Jarred fühlte, dass er Shinjiro etwas schuldete. Eines Tages würde er bestimmt etwas für ihn tun können! Sein Freund hatte 16 Jahre alleine in der Fremde verbracht, ohne einen vertrauten Menschen an seiner Seite. Und doch war der König den Menschen auf der anderen Seite des Universums unglaublich dankbar, dass sie Shinjiro gerettet hatten. Heute Morgen hatte er ein großes Budget zur Verfügung gestellt, um die Weiterentwicklung der Frühwarnsysteme zu beschleunigen. Es war eine notwendige Maßnahme, um die zukünftigen Bedrohungen der Outrider frühzeitig erkennen und abwehren zu können. Jarred wusste, dass dies nicht nur zum Schutz seines Königreiches, sondern auch zum Schutz des gesamten neuen Grenzlandes war. Er blieb vor seinem eigenhändig gezüchteten Rosenbusch stehen und nahm den Duft der Blüten in sich auf.
Absatz 3
Noch bevor Robin die Zimmertür ganz öffnen konnte, umarmte sie Colt stürmisch und zog er sie schon an sich. Er wollte sie am liebsten nie wieder loslassen, und warum roch sie so unglaublich gut? Robin hatte ihm gefehlt; drei lange Wochen waren vergangen, seit sie sich das letzte Mal gesehen hatten. Noch immer überrascht von der stürmischen Begrüßung, genoss die Blondine jeden Moment davon. In Colts Armen fühlte sie sich sicher und geborgen. Die Erinnerungen an den letzten Kampf und die damit verbundenen Ereignisse, die Sorge um Fireball, Colts besten Freund, und die Herausforderungen der neuen Teamstrukturen – Robin wusste, dass sich der Cowboy mit Veränderungen sehr schwertat. Und gerade jetzt kamen sie in geballter Ladung auf ihn zu. Colt warf die Tür mit einem Fuß hinter sich zu, für diesen Moment gab es nur sie beide, vereint in ihrer Liebe.
Fireballs Zustand verbesserte sich kontinuierlich; sein Sprechen wurde langsam deutlicher, aber es war immer noch sehr leise. Er hatte heute die Intensivstation verlassen und war nicht länger von den kahlen, weißen Wänden umgeben. An diesem späten Nachmittag waren seine Eltern bei ihm und seine Mutter verwöhnte ihn mit allerlei Leckereien, die sie in Jarr auftreiben konnte. Hitomi berichtete von dem Telefonat mit seinen Großeltern und übermittelte ihre liebevollen Genesungsgrüße. Währenddessen beobachtete Shinjiro seinen Sohn, der Hitomi kaum richtig zuhörte, sondern in Gedanken zu versinken schien. Shinjiros Blick wanderte zum Nachttisch, auf dem das Tablet lag. Er tippte es an und überprüfte die letzten Aktivitäten, die sich als geballte Ladung von Nachrichten und Berichten über die jüngste Schlacht herausstellten.
Er richtete seinen Blick wieder auf seinen Sohn und unterbrach abrupt das Gespräch zwischen Mutter und Sohn. „Wie geht es dir, Shinji?“, fragte er mit fester Stimme. Hitomi blickte überrascht zu ihrem Mann, der ihr zunickte. Sie verstand, dass er allein mit Shinji sprechen wollte. „Ich bin gleich wieder da“, sagte sie und verließ das Zimmer. Shinjiro setzte sich mit dem Tablet in der Hand auf das Bett und wartete auf eine Antwort. Fireball lehnte sich in sein Kissen zurück und legte sich eine Hand über seine Augen. „Ich habe Kopfschmerzen“, murmelte er leise vor sich. „Geht es darum?“, fragte sein Vater direkt und drehte das Tablet um, auf dem ein Presseartikel über das letzte Gefecht angezeigt wurde. Fireball atmete schwer aus und ein kleines „Hm!“ war seine ausweichende Antwort. „Okay“, sagte Shinjiro. „Dann lass uns darüber reden.“
Fireball blickte auf, er hatte aber gerade keine Lust dazu und sprach leise: „Ich weiß überhaupt keinen Anfang und kein Ende, es ist alles schiefgelaufen.“ und lehnte sich wieder in das Kissen zurück. Shinjiro hörte den widerwilligen Unterton in der Stimme seines Sohnes und stellte fest: „Nun, das liegt daran, dass du mit der gesamten Situation überfordert gewesen warst! Situationsbedingt hast du nicht richtig gehandelt!“ Fireball riss bei diesen ungewohnten Worten seine Augen auf. Sein Vater wusste also bereits genau, was an Bord von Ramrod passiert war. Er atmete tief ein und drehte seinen Kopf auf die Seite. Er konnte seinen Vater in diesem Moment einfach nicht ansehen. Stattdessen richtete er seinen Blick auf das Fenster, an dem der Regen heftig gegen die Scheiben peitschte. Er machte sich schwere Vorwürfe. Als Pilot hätte er sagen müssen, dass es nicht mehr sicher war, mit ihm zu fliegen. Nach einigen Momenten der Stille spürte er eine Hand auf seiner Schulter und hörte, wie sein Vater in einem ruhigen, aber bestimmenden Ton sprach: „Shinji! … Sieh mich an!“
Fireball presste die Lippen fest aufeinander und sah seinen Vater widerwillig an. „Du weißt, dass du einen Fehler gemacht hast. Das ist gut. So wirst du ihn hoffentlich nicht wiederholen. Es ist deine Pflicht als Pilot, zu sagen, ob du flugfähig bist oder nicht. Akzeptiere den Fehler und lerne daraus. Du wirst sehen, dass es dir besser gehen wird! … Jetzt ist aber das Wichtigste, dass du wieder gesund wirst. Alles, was danach kommen sollte, darum kümmern wir uns dann!“
Fireball kniff die Augen zusammen, er merkte, wie ihm die Tränen in die Augen stiegen, er wollte jetzt nicht heulen, es ging nicht um den blöden Fehler! Vielmehr war es die Tatsache, dass ihm gerade die ungeschönte Wahrheit gesagt wurde. Sein Vater sagte es ihm, ohne etwas zu beschönigen oder herunterzuspielen. Zwischen den Zeilen war ein: “Ich helfe dir!“ Und dieser jemand war auch noch sein Vater, das Gefühl war gerade so neu, er konnte es nirgends einordnen. Er atmete tief ein und nickte seinem Vater nur stumm entgegen.
Absatz 4
Colt und Robin rannten durch den warmen Sommerregen, in der Hoffnung, halbwegs trocken im Restaurant anzukommen. Dort wartete „Steak au poivre“ oder etwas Ähnliches auf sie – nun ja, französische Kuh eben, wie Colt Robin versprochen hatte. Robin lachte ausgelassen; sie genoss die Zeit gerade sehr.
„Lass uns hoffen, dass wir nicht wie zwei begossene Pudel ankommen“, sprach Colt eilig, während sie in eine kleine, charmante Seitenstraße bogen, in der sich das Restaurant befand. „Wir sind da, schnell rein. Und ich hoffe, der Grill ist schon an“, drang der Lockenkopf hastig, um nicht noch nasser zu werden.
Das Servicepersonal führte sie zu ihrem Tisch. Robin und Colt hatten viel zu erzählen. Obwohl sie so oft telefonierten, war es doch etwas anderes, vor allem viel Schöneres, sich gegenüberzusitzen. Robin berichtete Colt, dass sie ohnehin geplant hatte, nach Jarr oder sogar direkt nach Frankreich zu fliegen. Sie beschäftigte sich in letzter Zeit intensiv mit der europäischen Kultur und dachte auch darüber nach, eine neue Sprache zu lernen. Colt lauschte aufmerksam den Worten von Robin. Er hielt es für interessant, aber das wäre nichts für ihn. Schließlich könnte er sowieso bald Französisch, wenn er noch länger auf Jarr bleiben müsste. Nachdem Robin ihre Erzählungen beendet hatte, betrachtete sie den Cowboy eine Weile und fragte: „Und du? Du bist nicht glücklich gerade, oder?“ Colt sah überrascht auf und verzog leicht sein Gesicht. „Es passieren gerade viele Veränderungen“, antwortete er ihr etwas ausweichend.
Robin nickte verständnisvoll. Sie kannte den Cowboy und das Team jetzt schon lange genug, um zu erkennen, dass es mit den Vieren nicht für immer so weitergegangen wäre. Die blonde Lehrerin war sich sicher, dass auch Colt das insgeheim wusste. Doch er hatte eine Art Familie in seinen Kollegen und Freunden gefunden und wollte das Gefühl des „Nachhausekommens“ nicht aufgeben. Deshalb ließ er seinen ganzen Frust am Neuankömmling aus. Seit dem plötzlichen Auftauchen von Fireballs Vater hatte sich alles für Colt spürbar verändert. Natürlich freute er sich für seinen Freund, aber er konnte sich nicht vorstellen, dass Fireball mit der Art und Weise seines Vaters klarkommen würde, besonders Menschen, die denken, sie seien etwas Besseres – waren für Fireball ein rotes Tuch. Doch was Colt an der ganzen Situation noch viel mehr reizte, war, dass sogar Saber begann, einige der Marotten von dem Captain zu übernehmen. Die Stille beim Arbeiten konnte Colt noch tolerieren, aber dass Saber sich nun mit seinem Rang und Namen vorstellte und ihn im gleichen Atemzug „Bill“ nannte, war etwas befremdlich.
Hinzu kam, dass Colt einfach nicht hinter Captain Hikari steigen konnte. Egal bei welcher Situation, schien der Captain immer die Oberhand zu haben! „Was steht zwischen dem Captain und dir?“, wollte Robin jetzt wissen und blickte liebevoll zu Colt. „Was meinst du?“, fragte darauf der Cowboy, der von dieser direkten Frage etwas überrascht war. „Ich meine, wenn es ein völlig Unbekannter wäre, wäre es dir doch egal, oder?“, erklärte die Blondine, während sie ihre Stoffserviette auf ihren Schoß legte. Colt dachte einen Moment darüber nach und ließ seinen Blick durch das gut gefüllte Restaurant schweifen. „Ja, aber ich habe täglich mit ihm zu tun. Es sieht sogar so aus, als würde er in Zukunft Kommander Eagle ablösen, um so ein Dings Grande zu sein, und niemand scheint ein Problem damit zu haben, nicht einmal Eagle selbst. Das habe ich jedenfalls von Saber erfahren. Ich hätte kein Problem damit, wenn Hikari einfach nur da wäre, verstehst du?“
Robin nickte verstehend, sie erinnerte sich: Als Colt ihr damals die Geschichte über Fireballs Vater erzählt hatte, war er beeindruckt von diesem Captain. Er war sogar so etwas wie ein Held für ihn gewesen. „Also entspricht das innere Bild, das du von Captain Hikari hattest, nicht dem, was jetzt vor dir steht?“ Colt atmete langsam aus und zuckte leicht mit seiner Schulter: „Ja, vielleicht ist das sogar so“, murmelte er nachdenklich. Robin beobachtete Colts Reaktion aufmerksam und legte leicht ihren Kopf zur Seite, bevor sie weiter fragte: „Was ist da noch, Colt? Ich sehe doch, dass etwas in dir arbeitet.“ Colts Blick wanderte kurz zu Robin. “Sie ist so klug und wunderschön!“, schoss es ihm kurz durch seinen Kopf und er fühlte sich ein wenig verlegen, ihr davon zu erzählen. Doch er fasste sich ein Herz. Wenn Robin ihn nicht verstehen würde, wer dann?
Leise sprach er: „Weißt du, ich muss zugeben, dass Captain Hikari etwas in mir ausgelöst hat, das mich nicht mehr loslässt.“ Nun war es ausgesprochen! Und so blöd fühlte es sich gar nicht an, stellte der Lockenkopf überrascht fest. Auch in ihm arbeitete der Rapport noch immer und er wollte sich nicht eingestehen, dass er seitdem vermehrt über seine Zukunft nachdachte. Robin beobachtete Colt, der einen inneren Kampf ausfocht, und legte sanft ihre Hand auf seine. „Was ist es?“, flüsterte sie. Colt betrachtete ihre zarte Hand, die auf seiner lag und ein Kribbeln auf seiner Haut verursachte. „Weißt du, als er mich nach meinen Zielen im Leben fragte, sagte ich ihm, dass ich mit meinem Leben zufrieden bin. Aber offen gesagt habe ich mir darüber noch nie Gedanken gemacht. Ich kann gut schießen und damit Geld verdienen. Ich habe meine besten Freunde um mich und alles scheint in Ordnung zu sein.“ Robin strich mit ihrem Daumen über Colts Hand und erwiderte: „Aber das reicht dir nicht.“ Colt schüttelte seinen Kopf und sprach weiter: “Bis vor einer Woche war es noch gut, aber je mehr diese unbeantwortete Frage in mir nachhallt, desto mehr möchte ich doch vorankommen. Was ist, wenn es die Outrider eines Tages nicht mehr geben sollte? Ich möchte, dass meine Frau …“ Dabei blickte er kurz zu Robin auf, “und vor allem meine Kinder im Frieden aufwachsen und ich ihnen ein gutes Leben ermöglichen kann!“
Robin war gerührt von Colts Worten, sie hatte durchaus den kleinen Seitenblick von ihm mitbekommen und lächelte ihn an: „Das ist doch gut, du bist bereits mit diesen Gedanken auf dem Weg, ein Fundament zu setzen. Und ich glaube nicht, dass Captain Hikari dich damit abwerten wollte, sondern helfen!“, sagte Robin beruhigend. Colt musterte Robin. So hatte er es noch gar nicht gesehen, aber warum sollte ihm jemand wie Hikari helfen wollen? Er würde auf jeden Fall darüber nachdenken, aber nicht mehr heute: „Ja, vielleicht, trotzdem bleibe ich wachsam!“, kam es darauf von Colt. Robin lächelte: “Es ist schön, deine Zukunftspläne zu hören, und sie klingen wunderschön!“ Colt glaubte gerade, rot zu werden, und versuchte, aus dieser Situation zu entkommen: „Zukunftspläne? Ich? Also … Ähm, doch, die habe ich!“ gab er dann doch kleinlaut zu und blickte Robin sanft in ihre Augen: “Und du bist der größte Teil dieses Planes. Ich liebe dich“, sagte er und umfasste dabei ihre Hand fester, ohne seinen Blick von ihren blauen Augen zu lösen. Robin genoss seine Worte und Berührung sehr, sie hatte Schmetterlinge im Bauch, ihr knallharter Cowboy saß vor ihr und sprach über seine Gefühle und Pläne, die sie mit ihm teilte.
Nach dem Essen, bei dem sie wild spekulierten und fantasierten, wie ihre gemeinsame Zukunft aussehen könnte, verließen sie Arm in Arm das Restaurant. Die Straßen waren vom Regen nass, die Luft unangenehm, warm und feucht. Die Lichter der Laternen spiegelten sich in den Pfützen und das leise Plätschern des Wassers aus den Regenrinnen begleitete sie auf ihrem Weg. Robin brach das gemütliche Schweigen: „Colt?“, begann sie und schaute zu ihm. Colt blieb stehen und sah sie an. „Unsere Luftschlösser, die wir vorhin bauten, ich möchte sie in Wirklichkeit!“, erklärte die Lehrerin vorsichtig, mit einem entschlossenen Glanz in ihren Augen. Colt verlor sich abermals in ihren blauen Augen und er flüsterte: “Echt? Robin lächelte etwas: “Ja, echt!“ „Also, nun ja … ich frage mich schon länger und nun dich, also weißt du, ich habe …“, stammelte der Cowboy vor sich, der sonst um keinen Satz verlegen war.
Robins Lächeln wurde immer breiter: “Was fragst du dich?“, versuchte sie zu helfen. „Also ja, ich frage mich, also eigentlich ja dich!“ Der Lockenkopf unterbrach sich erneut, um noch einmal seine Gedanken zu sortieren. Robin ließ ihm die Zeit, die er benötigte, aber sie musste sich ein kleines Grinsen verkneifen. Colt atmete jetzt tief ein und fragte ohne Umschweife: “Möchtest du meine Frau werden?“, und er dachte, gleich aus seinen Stiefeln zu kippen. Robin lächelte, er hatte es tatsächlich endlich geschafft, sie zu fragen, und sah ihm tief in seine hellblauen Augen, und hauchte ihm ein flüsterndes „Ja!“ entgegen.
Colts Herz machte einen Satz, oder Aussetzer, er wusste es nicht. Er hielt einen Moment inne, bevor er, leicht stotternd, nachfragte: „Also, ja?“
„Ja!“, bestätigte Robin mit einem breiten Grinsen. Darauf zog er sie sanft zu sich und küsste sie mitten in dieser nassen, doch sehr romantischen Stadt. Ein leichter, warmer Windzug streifte sie, als ob selbst die Natur diesen Moment segnen wollte. Im Hintergrund bog ein Auto um die Kurve und das Licht streifte sie sanft. Aber sie bemerkten es nicht, zu vertieft waren sie in ihrem Kuss und gemeinsamen Traum.
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