5.750 Wörter, 30 Minuten Lesezeit.
#1 Herrenvilla
Im Büro des Königs blieb Royu zunächst in der Nähe der Tür stehen. Jarred dagegen stand mitten im Raum und als er bemerkte, dass Royu nicht näher kam, drehte er sich langsam zu ihm um: „Du bist dagegen, es medikamentös zu machen.“ kam es von Jarred feststellend, Royu ließ seinen Blick kurz durch den Raum wandern, dann nickte er: „Ja, aus gutem Grund.“ und hob eine Hand und deutete zur Tür, dorthin, wo Shinjiros Zimmer war: „Was sagt er selbst dazu?“ fragte Royu ungewohnt fordernd. Jarred antwortete nicht, aber sein Blick blieb ernst. Auf Royus Gesicht erschien für einen flüchtigen Moment ein kurzes, schiefes Lächeln, eines, das mehr Bitterkeit als Humor enthielt. Es verschwand genauso schnell wieder. Und schüttelte mit seinem Kopf, ging zwei Schritte in den Raum hinein und blieb stehen.
„Ich weiß, was ein zu hoher Cortyrexspiegel anrichtet“, begann er ruhig. „Und ich weiß auch, was passiert, wenn der Körper sich daran gewöhnt.“ und seine Stimme wurde härter: „Ich habe zu viele Männer gesehen, die aus dem Krieg zurückkamen, traumatisiert, zerbrochen und wenn man diesen Spiegel zu schnell herunterdrückt …“ Er machte eine kurze Pause, „… steht man plötzlich am Rand des Wahnsinns.“ und sein Blick traf den des Königs. „Und das ist erst der Anfang.“, sagte Royu.
Jarred nickte: “Ich wusste, dass du das erkennst, er hat jedoch kein Kriegstrauma!” Royu nickte: “Habe ich gemerkt!” und stemmte seine Hände in die Hüften. Jarred setzte sich schließlich in einen der schweren Sessel und deutete mit einer ruhigen Bewegung auf den gegenüberstehenden, „Setz dich.“ Royu zögerte, ließ sich dann aber doch in den Sessel sinken, lehnte sich jedoch nicht zurück: „Wie wollt ihr das auffangen?“ fragte er schließlich, „Das ist …“ und er hob entschuldigend seine Hände: „… verrückt.“ Jarred sah ernst auf und antwortete leise: „Ich tue das als sein Freund.“ Royu hob den Kopf und sah er Jarred für einen Moment einfach nur an, dann verengten sich seine Augen: „Als sein Freund?“ wiederholte er sich schärfer… „Damit schicken sie ihn durch die Hölle.” Dann hob er den Blick wieder zu Jarred: „Und ihr habt es ihm nicht einmal gesagt.“
Jarred nickte: „Ich bin mir sehr sicher, dass Shinjiro genau weiß was mit ihm geschieht, doch er muss es sich selbst eingestehen.” erklärte Jarred fest. Royu lehnte sich zurück und nickte: “Ich sage ja, verrückt!” Jarred setzte sich etwas auf: “Royu, je schneller er es durchläuft, umso schneller wird er es auch verarbeiten!” Royu überschlug seine Beine: “Was ist wenn nicht?” Jarred verstand diesen Einwand durchaus, doch er erklärte: “Er hat erstklassige psychologische Betreuung durch meinen Leibarzt, er ist spezialisiert, was Traumata angeht. Auch ich habe im privaten Vorsorge getroffen, ich habe einen Sohn, der ebenfalls am Kriegsgeschehen teilnimmt! Und du weißt bestimmt noch besser als ich, wie wichtig so etwas danach ist.” Royu blickte ernst Richtung Jarred: “Hier geht es aber nicht um etwas, was gerade vor einer Stunde passiert ist!” Jarred nickte: “Auch das ist uns bewusst und dazu benötigen wir auch deine Hilfe!” Royu drehte seinen Kopf in Richtung des Königs: “Nein!” kam es direkt und schnell von ihm.
Jarred richtete sich darauf etwas auf: „Möchtest du wirklich, dass Shinjiro das alles erst durchstehen muss, wenn er längst im Ruhestand ist? Wenn das Militär nicht mehr um ihn herum ist, es ist das, womit er sich identifiziert, wenn nicht das Einzige, was ihm eine gewisse Sicherheit gibt. Denn wenn diese vermeintliche Sicherheit eines Tages wegfällt, kommen die Dämonen der Vergangenheit zurück. Und dann wartet auf ihn nicht Ruhe, sondern der nächste Kampf. Ich wünsche mir etwas anderes für ihn. Wenn dieser Tag kommt, soll er sich zurücklehnen können. Vielleicht seine Enkelkinder auf dem Arm halten, über sie lachen und das Leben genießen können. Wenn wir jetzt nichts tun, wird er das womöglich nie erleben. Genau darum geht es mir. Er hat so viel allein durchgestanden. Irgendwann muss dieser ganze Mist aufhören, der ihn daran hindert, wirklich frei zu leben. Er soll seinen Sohn so sehen können, wie er es sich wünscht. Im Moment kann er ihn nur in eine bestimmte Richtung leiten. Für die nächsten Jahre mag das funktionieren. Aber du weißt genauso gut wie ich: Auf lange Sicht wird es die beiden trennen. Und genau jetzt haben wir eine Chance, etwas daran zu ändern. Ja, es ist unangenehm für ihn und alle Beteiligten, doch stell dir vor, wie katastrophal das wäre. Und Shinjiro stünde wieder allein da, mit allem.“ beendete Jarred seine Erklärung.
Royu hatte Mühe, seine Fassung zu bewahren. Die Worte des Königs trafen ihn mit voller Wucht. Aus dieser Perspektive hatte er das alles noch nie betrachtet. Nein, wenn er ehrlich war, musste er sich eingestehen, dass er es all die Jahre unter den Teppich der Vergangenheit gekehrt hatte.
Jarred räusperte sich und sprach weiter: „Lass es uns als Geschenk betrachten. Sonst würde ich mir wohl mein Leben lang Vorwürfe machen, ihn so zurückgelassen zu haben.“ Royu hörte ihm zu und sah ihn ungläubig an: „Als Geschenk?“ wiederholte er und ließ das Wort noch einmal auf sich wirken, schließlich schüttelte er mit seinem Kopf: „Warum?“ fragte er dann leiser: „Ich meine … es könnte Ihnen doch völlig egal sein. Das ist etwas zutiefst Persönliches.“ Und Royu machte eine weitere kurze Pause, und suchte im Gesicht des anderen nach einer Antwort: „Es geht ans Eingemachte. Das kann Jahre dauern und im schlimmsten Fall völlig nach hinten losgehen.“ und runzelte leicht seine Stirn, während er weiter nach den richtigen Worten suchte: „Ich meine, Sie haben Ihre eigene Familie, Eure Hoheit. Und Dinge, die ungleich wichtiger sind als das hier. Warum also ist es Ihnen so wichtig, sich darum zu kümmern?“ Gut, Jarred war Shinjiros Freund, sein einziger wirklicher Freund, der einzige, dem sein Bruder vertraute und dem er sich eventuell öffnen konnte. Doch in Royus Augen ging das hier weit über einen einfachen Freundschaftsdienst hinaus.
Jarred konnte Royus Einwürfe und Gedankengänge durchaus nachvollziehen: „Glaub mir, seit seiner Rückkehr habe ich mir viele Gedanken darüber gemacht, was ich ihm überhaupt geben könnte. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob Shinjiro überhaupt bewusst ist, wie vielen Menschen er damals auf Jarr und Pectos das Leben gerettet hat. Und es wäre damals auch nicht seine Pflicht gewesen, mein Königreich zu verteidigen und trotzdem hat er es getan.“ und Jarred machte eine kurze Pause, als würde er die Bilder noch einmal vor sich sehen. Royu hörte nur stumm zu. „Und als er zurückkam, war er sofort wieder der Captain-General, von einem Moment auf den anderen wurde wieder von ihm verlangt, genau das zu sein, was er immer gewesen ist und was er nun wieder ist.“ Jarreds Blick wurde darauf nachdenklicher: „Und ich kann mich davon nicht freisprechen. Auch ich habe ihn sofort wieder eingebunden, um den Umstand zu umgehen, ihn nach Pectos auszuliefern, aus den Gründen, die wir heute kennen.“ Royu nickte kaum merklich und stimmte zu, Jared sprach weiter: „Alle sehen in ihm eine Art Maschine, etwas, das einfach immer funktioniert.“ Jarred sah kurz zu Royu: „Manchmal glaube ich, er selbst sieht sich genauso. „Weißt du, Royu… mir wurde beigebracht, dass ein König keine echten, vertrauensvollen Freundschaften haben kann. Doch Shinjiro hat mir, damals wie heute, immer wieder das Gegenteil bewiesen.“ und Jarreds Stimme wurde fester: „Er ist mir niemals in den Rücken gefallen und ich weiß, dass er es auch niemals tun würde!“ Und Jarred lehnte sich zurück: „Er weiß Dinge über mich, die niemals seinen Mund verlassen würden. Und umgekehrt ist es genauso.“ und er machte eine kurze Pause: „Vor allem aber hat er bewiesen, dass jemand, der so viel erlebt und durchgestanden hat, dennoch als Mensch zurückkommen kann und sich weiterhin in den Dienst der Menschen stellt.“ Dann huschte dem König ein entschlossener Ausdruck übers Gesicht: „Und ja… er soll den Outridern in den Arsch treten. Das soll er tun und sich dann auch irgendwann zurückziehen können.” erklärte er und sah Royu dann direkt an: „Das ist es, was ich ihm mit den Möglichkeiten geben kann, die mir zur Verfügung stehen. Eine Chance auf ein Leben… das er am Ende vielleicht doch noch als lebenswert empfinden kann.“
Royu nickte: “Ich verstehe, worauf Sie hinaus möchten!” sagte er und stand auf. Jarred blieb sitzen, und ließ Royu seine Emotionalität zu diesem Thema, kannte er sich doch gut mit der japanischen Kultur aus, den anderen mit den eigenen Gefühlen nicht zu belästigen. Royu trat hinter den Schreibtisch und blieb am Fenster stehen und blickte schweigend hinaus. Natürlich wünschte er sich das alles für Shinjiro, doch gerade jetzt schien ihm der denkbar ungünstigste Zeitpunkt, um ein solches Trauma aufzubrechen. Andererseits verstand er auch Jarreds Gedanken: Gerade der erhöhte Cortisol-spiegel konnte ein Fenster öffnen, in dem eine Verarbeitung überhaupt erst möglich wurde. Dann fragte er schließlich, ohne sich umzudrehen: „Wer weiß davon, oder wer soll überhaupt davon wissen?“
Jarred erhob sich nun ebenfalls und ging ein paar Schritte auf ihn zu: „Nur die engsten“, erklärte er ruhig: „Du, ich und vor allem Hitomi, damit sie ihn bewusst begleiten kann. Sie steht ihm am nächsten und wird als Erste merken, wenn sich etwas in ihm verändert.“ Erklärte er und machte eine kurze Pause: „Also… bist du dabei?“ Royu atmete hörbar ein und ließ seinen Blick langsam durch den Raum wandern, der mit dem Licht des späten Nachmittags erhellt wurde. Konnte er das wirklich zulassen? Doch schließlich nickte er langsam. Dann sah er den König an und atmete schwer aus. König Jarred trat noch einen Schritt näher: „Danke.“ Royu presste die Lippen fest aufeinander.
„Mr. Lancelot weiß davon!” sagte Royu und ging vom Fenster und Richtung Billardtisch, auf dem die Kugeln noch so lagen vom letzten Spiel. Jarred fuhr herum: “Woher?” fragte er, doch noch während er die Frage stellte, lenkte er bereits ein: „Wenn du es für richtig hältst, dann weihe ihn ein“, sagte er schließlich ruhig. „Vielleicht hilft es ihm im Oberkommando, die richtigen Entscheidungen zu treffen, ohne von Unwissenheit gebremst zu werden.“ Royu nickte: “Trotzdem, das ist verrückt!” musste er seinen Unmut darüber nochmal kundtun! “Er ist nicht allein, du als sein Bruder, dem er vertraut und ich als sein bester Freund sind bei ihm!” Royu ging sich durch die Haare und in Richtung Tür: “Ich muss los, Shinji wartet schon ewig!” und verabschiedete sich schnell, er musste einfach raus. Jarred sah, wie sich die Tür schloss und atmete tief ein und aus.
#2 Männerabend
Drei Stunden später saßen Saber, Colt, Fireball und Royu zusammen beim Schotten zusammen. Der Abend war längst locker geworden, die Gespräche wechselten zwischen lautem Gelächter und nachdenklichen Momenten. Es tat allen sichtlich gut, einfach einmal von den ganzen Ereignissen der letzten Tage abzuschalten.
„Robin hat sich gut eingelebt“, sagte Colt schließlich. „Das Klima in den Highlands scheint ihr wirklich gut zu tun und dem Baby bestimmt auch.“ Saber sah zum Cowboy neben sich: „Wenn sie zurückkommen, werden wir sie wahrscheinlich kaum wiedererkennen“, stellte der Schotte grinsend fest. „Oder sie euch nicht!“, mischte sich nun auch Fireball ein. Colt schnaubte, empört auf: „Ach, hört mal den neuen Frauenexperten hier!“ und zeigte auf Fireball, der neben ihm auf dem Sofa saß. Die Runde brach in Gelächter aus: „Er und Aiko telefonieren gefühlt den ganzen Tag“, ergänzte Royu trocken und grinsend. Fireball drehte sich zu seinem Onkel: „Ach, woher willst du das wissen? Du bist doch immer erst abends wieder da.“ Royu lehnte sich entspannt zurück und erklärte: „Ganz einfach. Wenn ich gehe, hängst du an dem Ding. Wenn ich wiederkomme, hängst du immer noch dran, das Muster ist ziemlich eindeutig.“
„Ja, ja… die erste Liebe“, säuselte Colt mit einem breiten Grinsen. Fireball rollte mit seinen Augen: „Als ob du dich überhaupt noch an deine erste Liebe erinnerst!“ Saber grinste und wartete, was nun kommen würde. „Natürlich“, widersprach Colt und nickte: „Die erste vergisst man nicht. Niemals!“ war sich der Lockenkopf sicher. Fireball zog seinen Kommunikator hervor: „Na dann los! Wie heißt sie? Wir finden sie.“ Da griff Colt blitzschnell nach dem Gerät und nahm es ihm aus der Hand: „Nix da!, das ist nichts für Grünschnäbel.“ Währenddessen hatte Saber seinen Kommunikator hervorgeholt und hielt ihn demonstrativ bereit: „Na los, Cowboy … “, forderte jetzt auch er breit grinsend. „Spuck’s aus.“ Colt ließ sich dramatisch ins Sofa zurückfallen: „Ach, ihr seid unmöglich…“ Fireball rückte ein Stück zur Seite und verschränkte seine Arme. „Sag ich doch“, meinte er trocken. „Du weißt es gar nichts mehr.“ und schnappte sich seinen Kommunikator wieder zurück.

„Aber rein mathematisch liegt Saber in den letzten Jahren drei zu zwei vorn, dunkelziffer unbekannt“, warf Fireball plötzlich beiläufig in die Runde. Saber wäre beinahe sein Communicator aus der Hand gefallen. Royu sah dem blonden Schotten mit einem breiten Grinsen entgegen. Colt runzelte seine Stirn und sah seinen Hombre fragend an. Fireball hingegen lachte bereits los und sprach weiter: „Layla, Lilly und Sincia gehen auf Sabers Konto“, erklärte er vergnügt. „Und Annabel und die gute Robin auf dich, Kuhhirte.“ Saber beugte sich leicht nach vorn und Fireball ging hinter dem Cowboy in Deckung. „Hey!“, protestierte Colt lachend, während er zwischen Saber und Fireball hin und her sah.
„Wer bist du eigentlich, Hombre, der Geheimdienst oder was?“ fragte Colt und sah Fireball halb amüsiert und halb misstrauisch an. Royu lachte leise, nahm sein Bier vom Tisch und lehnte sich zurück. „Tja… stille Wasser sind tief.” und prostete dabei mit sichtlicher Freude den Schotten zu. „Manchmal sehr tief“, setzte Fireball noch einen drauf. Das war zu viel. Saber stand auf und Colt reagierte, packte Fireball und hielt ihn hinter sich fest. Trotzdem kam der Schotte nah genug heran und verpasste dem jungen Japaner eine Kopfnuss. „Autsch!“ protestierte Fireball, nun halb zwischen Colt und dem Sofa eingeklemmt: „Ja, ja… die Wahrheit tut eben weh!“ Colt lachte auf: „Die Frage ist nur, wem sie am meisten wehtut“, kommentierte er trocken, während er seinen Freund wieder freiließ.
Fireball strich sich durch die Haare, vergeblich, denn seine Frisur war endgültig nicht mehr zu retten. Colt lehnte sich grinsend zurück, er liebte diese Momente, in denen sie einfach nur herumalbern konnten und für einen Augenblick fiel die ganze Spannung des sonst so stressigen Alltags von allen ab. Doch plötzlich dämmerte Colt etwas: „Mo-mo-Moment mal, Hombre!“ begann er und setzte sich aufrechter hin und stieß seinen besten Freund mit gespieltem Ernst an: „Als ob du hier ein unbeschriebenes Blatt wärst. Was ist denn mit Madarin, Claudia, April… und jetzt Aiko?“ fragte der Lockenkopf und deutete auf ihn: „Also, wenn wir schon rechnen, dann liegst du hier ganz klar vorne!“ kam es von Colt, der auf seine Rechenkünste gerade sehr stolz war und blickte in die Runde.
Royu horchte auf und grinste Richtung seines Neffen. Fireball zog seine Augenbrauen streng zusammen: „Da war rein gar nichts!“ Colt nickte zustimmend und grinste schief: „Sag ich doch Grünling.“ und Saber schüttelte mit seinem Kopf und sagte: „Das war eher der Beschützerinstinkt der Damen, mehr nicht, Colt.“ Royu beugte sich zu seinem Neffen hinüber und schnippte ihm leicht gegen die Stirn. „Augen auf!“ Colt und Saber brachen in Gelächter aus: „Übermorgen wird er achtzehn“, meinte Colt grinsend: „Dann legt er richtig los.“ Royu schnaubte leise: „Dann macht ihm Aiko schneller den Kopf kürzer, als er gucken kann. Unterschätzt das Mädchen mal nicht.“ sagte er. Saber nickte, Colt dachte nach. “Dann stehst du unter dem Pantoffel, Hombre!” Fireball sah nun zu Colt: “Das bist ja dann wohl eher du!” Saber sah zu seinen beiden Pappenheimern, genau das fehlte an Bord von Ramrod, obwohl sich Alex und Colt so manchmal einen Schlagabtausch lieferten, war das hier eine ganz andere Stimmung.
„Wart’s ab, Kurzer“, meinte Colt jetzt schief grinsend: „Wenn sich hier erst mal alles wieder beruhigt hat, geht’s richtig ab. Meine Hochzeit, dann deine Party, danach Sabers Hochzeit…“ und er zählte mit seinen Fingern mit, als würde er gerade einen Taktikplan aufstellen: „Den Rest des Jahres kommen wir aus dem Feiern gar nicht mehr raus.“ und hielt kurz etwas erschrocken inne und schüttelte mit seinem Kopf: „Und danach die Babys…“ und Colt zog sich seinen Hut tiefer ins Gesicht und seufzte theatralisch: „Hilfe. Das wird am Ende noch stressiger als jetzt!“ Saber, Royu und Fireball sahen den Cowboy an, so ganz unrecht hatte er nicht, da stand tatsächlich noch einiges auf dem Plan.
Saber wandte sich schließlich wieder an Fireball zu: „Wie läuft das dann eigentlich? Stehst du nach deinem Geburtstag direkt im Dienst des Oberkommandos?“ wollte er jetzt wissen. Fireball zuckte mit seinen Schultern: „Ich bin noch gar nicht dazu gekommen, das mit meinem Vater zu besprechen. Und so wie es im Moment aussieht, wird das auch nicht so schnell passieren. sagte er etwas abgehackt und nahm einen Schluck von Colt texanischen Kaktussaft und fügte dann hinzu: „Fest steht nur, dass ich parallel mit der Captain’s-Ausbildung anfange.“ Saber hob überrascht seine Augenbrauen: „Also direkt als First Lieutenant?“ Fireball nickte: „Den Rang des Second Lieutenant habe ich ja schon seit drei Jahren, auch wenn er offiziell erst mit achtzehn greift, aber ich habe ihn.“ Saber nickte zustimmend und Colt verstand nun ebenfalls, es war im Grunde genau das, was Neo ihm einmal vorausgesagt hatte. Nur eines hatte dieser damals nicht bedacht: Fireball war längst ein ausgebildeter Kampfpilot, mit echter Einsatzerfahrung. Für sein Alter war das alles andere als gewöhnlich, aber nun einmal Realität. „Aber wie genau das alles am Ende abläuft… steht ohnehin noch in den Sternen.“ beendete Fireball das Thema. Und der Abend verlief weiter mit viel Lachen.
#3 Absatz
+++Erinnerungen+++
Shinjiro stand vor einem Monitor, wie lange schon, wusste er nicht mehr. Immer wieder liefen dieselben Manöver über den Bildschirm. Formationen, Angriffe, Ausweichbewegungen, Taktiken, die sich ständig wiederholten und doch nie ganz gleich waren. Jedes Mal gab es mindestens eine Abweichung, auch wenn nur um ein Grad.. Er musste sie finden und mit müden Fingern markierte er die Abweichungen mit dem Pen direkt auf dem Monitor. Dann startete die Sequenz erneut. Wieder. Und wieder. Seine Augen brannten und seine Beine waren längst schwer geworden. Neben ihm stand ein Sergeant mit verschränkten Armen und harter Stimme.

„Abweichungen im zweiten Manöver, Anzahl, Grad.“ forderte dieser, ohne Bitte, ohne Höflichkeit. Es war ein Befehl. Shinjiro zwang seine Gedanken zur Ordnung und blickte auf seine Markierungen, die vor ihm langsam zu verschwimmen drohten: „Drei Abweichungen um Zehn und um dreißig Grad, Sir!“ Der Sergeant nickte, doch das war für ihn nicht sichtbar, er hörte nur die nächste Aufforderung: „Manöver vierzehn und Abweichung.“ – „Eine Abweichung. Acht bis zehn Grad, Sir!“ Der Sergeant nickte wieder: „Exakt und?“ Shinjiro schluckte, denn sein Kopf war schwer. Der Mann wartete und blickte auf die Uhr, die im Hintergrund tickte: „Acht Grad, Sir!“ Der Sergeant tippte eine Einstellung in das System: „Falsch.“ Der Bildschirm flackerte: „Noch einmal. Und ohne Raten!“ Das Manöver vierzehn lief erneut und Shinjiro zwang sich, jeden Punkt zu verfolgen, jede Linie, jede minimale Kursveränderung. Dort bewegte sich ein einzelner Punkt anders als vorgesehen und er korrigierte sich: „Neun Grad, Sir!“ Der Sergeant stoppte die Simulation und der Monitor wurde schwarz. Und die nächste Abfrage startete: Schnell, präzise und ohne vorgesehene Pause, Zahlen, Winkel und Richtungen, Shinjiro antwortete nur noch automatisch. Und als der Sergeant schließlich fertig war, drehte er sich wortlos um und verließ den Raum. Erst jetzt ließ Shinjiro seine Schultern sinken und setzte sich langsam und griff nach seiner Wasserflasche. Sein Kopf war so schwer wie Blei. Vor seinen Augen tanzten noch immer Punkte und Zahlen mit minimalen Abweichungen.
Er schloss seine Augen, nur einen Moment ausruhen, dachte er sich. Die Tür ging erneut auf, und Shinjiro riss seine Augen auf, es kam ihm vor, als wäre kaum eine Sekunde vergangen. Schnell stand er auf und sah schon, was dieser in einer Hand hielt: “Das jetzt auch noch!” dachte sich der 13-Jährige und setzte sich dem Mann gegenüber. „Gib alle Manöver ein. Berechne die gesamten Linien im Kurs X. Du hast eine Minute.“ Der Sergeant sagte es nicht laut, aber der Befehl ließ keinen Spielraum und keine Zeit, denn die tickte bereits im Timer neben ihm.
Shinjiro griff nach dem Pen, seine Hand bewegte sich über das Pad, während er die Daten der letzten Stunden abrief wie: Manövernummern, Winkel und Vektoren. Seine Zahlen füllten das Display und neben ihm lief der Timer gegen ihn. Ein scharfes Piepen durchschnitt plötzlich die Stille und Shinjiro blickte auf. Der Sergeant sah kurz auf das Pad, dann wieder zu ihm. Sein Gesicht blieb ausdruckslos: „Nochmal. Fünfundfünfzig Sekunden.“ Der Timer sprang zurück und begann sofort erneut zu laufen. Shinjiro atmete einmal tief ein und setzte den Pen erneut an. Seine Hand glitt schneller über das Pad, während sein Kopf versuchte, die Linien im Raum zusammenzusetzen. Vektoren überlagerten sich, Winkel verschoben sich, Kurslinien kreuzten sich in ihrem Kopf wie ein Netz. Alles musste gleichzeitig stimmen, wie ein Orchester. Der Timer piepste erneut. „Fünfzig Sekunden“, sagte der Sergeant im selben unbeirrbaren Ton: „Und nenne mir dabei die drei größten Spannungsfelder, Berechne sie parallel in die konstante Linie ein.“
Shinjiro schluckte und öffnete zwei Berechnung-Tabs nebeneinander. Das Display schob sich holografisch leicht auseinander. Mit schnellen Bewegungen wechselte er zwischen beiden Ansichten, ergänzte Werte, korrigierte Vektoren und setzte die Abweichungen direkt in die Hauptlinie ein. Der Timer lief Unbarmherzig weiter.
Es klopfte und die Tür öffnete sich im nächstenMoment, und sein Vater trat ein und dessen Blick wanderte kurz durch den Raum: „Wie weit seid ihr?“ fragte er und der Sergeant sah vom Tablet auf, ohne die Haltung zu verändern: „Soweit fertig, wir wollten das Switchen noch einige Male wiederholen.“ antwortete er und tippte erneut eine Einstellung an und der Timer zählte wieder rückwärts. Wieder lief die Sequenz. Wieder die Berechnungen. Wieder die Korrekturen. Der Timer piepte, noch einmal und noch einmal. Nach gefühlt endlosen Durchgängen hob sein Vater schließlich die Hand: „Genug für heute.“ und der Sergeant nickte knapp, das Training war beendet.
Im Auto herrschte zunächst Stille, nur der gleichmäßige Rhythmus des Septemberregens auf der Windschutzscheibe. Nach einer Weile fragte sein Vater: „Wie viele Manöver waren es heute?“ Shinjiro saß, mit schweren Augen auf dem Beifahrersitz und sein Kopf war gegen die Lehne gelehnt: „Acht Manöver“, murmelte er müde: „Fünf Strategien… mit sechsundzwanzig Abweichungen.” Dabei blieb sein Blick starr nach draußen gerichtet, wo die Lichter der Stadt an ihm vorbei zogen und in den Regentropfen am Fenster verschwommen. Sein Vater nickte nur und konzentrierte sich wieder auf den Verkehr und der Regen wurde stärker.
Als sie zu Hause ankamen, schlief Shinjiro bereits auf dem Beifahrersitz. Sein Vater beugte sich leicht zu ihm und stupste ihn an: „Komm!“, sagte er, „Das Abendessen ist bestimmt schon fertig.“ Shinjiro blinzelte, schwerfällig öffnete er die Tür und stieg aus. Im Haus roch es nach Abendessen, es gab Katsuo mit Gemüse und Sesamreis. Eigentlich mochte er das sehr, heute jedoch blieb der Hunger aus. Royu erzählte währenddessen lebhaft von seinen Sportclubs aus der Grundschule und musste immer wieder über seine eigenen Geschichten lachen. Seine Stimme füllte den Raum. Shinjiro hörte zu, zumindest versuchte er es.
„Was ist mit dem Kyūdō?“ fragte sein Vater schließlich und sah zu Royu, „Ich habe dich doch letzte Woche für das Bogenschießen angemeldet.“ Royu nickte sofort: „Es beginnt nächste Woche, ich habe heute nur zugesehen.“ Sein Vater nickte zufrieden und genoss das essen weiter.
„Morgen ist Kendo, Shinjiro“, fuhr Royu wieder voller Energie in seine Richtung fort: „Sensei Iwate bringt uns neue Abwehrtechniken bei.“ freute er sich und war aufgeregt. Shinjiro nickte stumm, die Stimmen am Tisch klangen für ihn inzwischen seltsam weit entfernt, als würden sie durch Wasser zu ihm dringen. Nach einigen Minuten stand er auf: „Danke für das Essen“, sagte er leise und ging in den ersten Stock und verschwand schließlich im Badezimmer, unten wurde weiter geredet.
Er saß in der Wanne mit dem 40 Grad heißen Wasser, er holte Luft und tauchte hinunter und blieb so lange es ging unter Wasser, dabei zählte er die Sekunden. Unter der Wasseroberfläche war alles dumpf und die Welt draußen verschwand. Nur sein Herzschlag, er blieb, bis sein Atemreflex ihn nach oben zwang zum Auftauchen. Er tauchte auf und sog die Luft ein.
“Das waren 60!” hörte er als er wieder auftauchte, Royu stand vor ihm: “Nein, 77!” berichtigte Shinjiro und Royu sprang fast in die Wanne und sagte, bevor er tauchte: “Jetzt zählst du!” und schon war er mit seinem Kopf unter Wasser. Shinjiro grinste und fing an zu zählen. “103” sagte er zu Royu, als er wieder auftauchte: “Echt!” fragte dieser und Shinjiro grinste und stieg aus, er wollte nur noch ins Bett. Royu tauchte noch einmal und fragte, nachdem er wieder aufgetaucht war: “Wann gehen wir zum Schraubenladen?” Shinjiro, der hinter der Abtrennung gerade seine Zähne putzte, sagte noch mit der Zahnbürste im Mund: “Vielleicht morgen nach dem Kendo!” Royu tauchte wieder ab und stieg nun auch aus. Shinjiro verließ das Badezimmer und ging in sein Zimmer, warf sich auf den Futon und schlief kurz darauf ein.
+++Erinnerung ende++
Shinjiro öffnete langsam seine Augen, er lag noch so da, wie er vor ein paar Stunden eingeschlafen war. Für einen Moment blieb er regungslos liegen und ließ seinen Blick ruhig durch den Raum wandern und bemerkte, dass er sogar noch komplett angezogen war. Es war still und dunkel, nur das blasse Mondlicht, das durch die Fenster fiel, war die einzige Lichtquelle. Langsam bewegte er sich, weil er so lange völlig reglos gelegen hatte, schmerzte beinahe jeder Muskel. Sein Körper fühlte sich steif an, außerdem hatte er Durst. Vorsichtig setzte er sich auf und stand schließlich auf. Mit langsamen Schritten ging er zur Minibar und öffnete den kleinen Kühlschrank und hielt inne.
Zu seiner Überraschung standen dort zwei Flaschen „Kenzus Eistee“, ein japanischer Eistee, den man nur aus Getränkeautomaten kannte. Es war als Kind sein Lieblingstee, wo hatte Hitomi den denn hier aufgetrieben? Er nahm sich direkt eine Flasche und öffnete sie. Der erste Schluck ließ ihn kurz innehalten, wie viele Jahre war das her? fragte er sich und trotzdem schmeckte er noch genauso gut wie damals und ein kleines Schmunzeln legte sich auf seine Lippen. Shinjiro sah zu der Standuhr, es war erst drei Uhr morgens und verließ das Zimmer.
Die Villa lag in völliger Stille, alles schlief. Nur einige sanft gedimmte Lampen an den Wänden tauchten die Flure in ein warmes Licht. Er ging langsam weiter und betrat das große Wohnzimmer auf der Etage. Vor der breiten Fensterfront stand eine Gruppe schwerer Sessel, die auf die dunkle Landschaft draußen ausgerichtet waren. Er ließ sich in einen davon sinken. Seine Beine legte er auf den Hocker vor sich, dann lehnte er sich zurück. Schweigend sah er hinaus in die dunkle Nacht.
Sein Verstand kreiste um alles und stellte ihm immer wieder die Frage: “Was ist nur los mit dir?” Als wüsste er es nicht selbst und schüttelte zweifelnd seinen Kopf und nahm noch einen Schluck von seinem wohl immer noch liebsten Getränk. Und musterte das Etikett und überlegte, ob er sich nicht doch vielleicht ein paar Kisten davon bestellen sollte. Ein leichtes stummes Grinsen huschte über sein Gesicht. Ein Wachmann lief leise durch den Gang der Villa. Er war auf seiner halbstündigen Kontrollrunde. Als er den Captain im Sessel sah, blieb er kurz stehen, nickte knapp und setzte seine Runde fort.

Und doch kam in der Stille der Nacht dieses leise Drängen wieder zurück. Der Traum ließ ihn nicht los, dabei war er so unspektakulär gewesen, kein Kampf, kein Alarm, kein Chaos. Nur sein ganz gewöhnlicher Tag, ein Alltag, wie er ihn damals so oft erlebt hatte, langweilig. Und doch setzte der Traum genau dort wieder ein, wo er zuvor geendet hatte, wie ein Film, den man nur kurz pausiert hatte und der nun einfach weiterlief. „Schraubenladen …“, murmelte er leise vor sich hin und musste unweigerlich grinsen. Gleichzeitig schüttelte er leicht seinen Kopf über sich selbst.
Sein Blick wanderte wieder nach draußen, in der Ferne zeichnete sich ein dunkler Berg ab, dessen Konturen vom blassen Mondlicht erfasst wurden. Darüber glitten hin und wieder kleine rote Lichter durch die Nacht, vermutlich Schiffe des Oberkommandos oder zivile Flugzeuge oder Raumgleiter. Er beobachtete sie eine Weile, dann wurden seine Augen schwer und schlossen sie langsam, sein Kopf sank leicht zur Seite, an die Lehne des Sessels.
„Guten Morgen, du bist sogar schon angezogen! Es ist noch nicht einmal halb sechs.“ riss ihm eine Stimme aus der Stelle seines Schlafes. Für einen Moment war er sich nicht einmal sicher, ob er gerade wirklich geschlafen hatte oder einfach nur weggenickt war. Er atmete tief ein und unterdrückte den Drang, sich ausgiebig zu strecken.
Jarred trat näher und ließ sich in den Sessel neben ihm sinken, ohne ein weiteres Wort blickte er ebenfalls nach draußen, wo der Morgen bereits zu grauen begann. Am Himmel wurde das Schwarz, zu blau und auch dieses wurde langsam heller. Und irgendwo in der Ferne begannen die ersten Vögel zu zwitschern.
„Schon angezogen?“ wiederholte Shinjiro nach einigen Minuten des Schweigens Jarreds Worte und blinzelte noch etwas benommen. Dann sah er an sich herunter und schnaubte leise: „Ich bin immer noch angezogen.“ und richtete sich ein wenig im Sessel auf, rieb sich kurz über die Augen und sah zu seinem Freund hinüber: „Und was machst du hier?“ fragte er schließlich. „Du streifst durch die Gänge … im Morgenmantel.“ Jarred nickte gelassen: „Ja“, bestätigte er ruhig: „Das ist meine morgendliche Runde vor meinem ersten Kaffee.“ Shinjiro ließ ein leises Lachen hören: „Jarred, das Schlossgespenst.“ und Jarred musste ebenfalls lachen und lehnte sich etwas zurück und nickte: „Ja“, und strich sich über seinen Bart: „Ich habe schon für so manchen morgendlichen Schrecken gesorgt.“ Shinjiro nickte glaubhaft. Und es wurde wieder still zwischen den beiden.
„Wie geht es dir?“ durchbrach Jarred ruhig das Schweigen. Shinjiro hob langsam seine Augenbrauen und blickte zu Jarred neben sich und wandte seinen Blick dann wieder nach draußen, dorthin, wo der Berg langsam aus der Dunkelheit trat und mit jedem Augenblick immer mehr von seinen konturen preisgab: „Wenn ich sage, gut … glaubst du mir das?“ fragte er einsilbig. Jarred ließ sich mit der Antwort einen Moment Zeit: „Mhm … nein.“ kam es dann von ihm und Shinjiro nickte kaum merklich: „Gut!“, sagte er ruhig, ja fast leise: „Dann sind wir wenigstens auf dem gleichen Stand der Dinge.“ Jarred lehnte sich etwas tiefer in seinen Sessel zurück und betrachtete ihn von der Seite: „Also ist es dir bewusst“, stellte er fest. Shinjiro atmete ruhig ein: „Ja, seit gestern.“ und ein paar Sekunden vergingen, in denen beide einfach nur nach draußen sahen. „Wirst du es dir anschauen?“ Shinjiro stieß ein kurzes, leises, spöttisches Lachen aus: „Als ob ich da eine Wahl hätte“, sagte er schließlich mit einem leichten, gereizten Unterton und fuhr sich einmal fest durch seine Haare und schüttelte den Kopf: „Der denkbar unpassendste Zeitpunkt.“
Jarred ließ den Satz einfach stehen und beobachtete einen Moment lang Shinjiro, ob noch mehr kam: „Weißt du eigentlich, was hier gerade los ist?“ Jarred nickte ruhig: „Ja. Ich stecke mittendrin.“ sprach er ruhig und fügte mit an: „Ich werde mich alle vierundzwanzig Stunden mit dem Stab treffen.“ Shinjiro nahm seine Beine vom Hocker und setzte sich etwas aufrechter hin: „Soll mich das beruhigen?“ fragte er ernster. Jarred bemerkte sofort, wohin das ging. Shinjiro versuchte, das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken. Weit weg von dem eigentlichen Punkt, doch Jarred ließ sich darauf nicht ein und blieb ruhig sitzen, sah weiter hinaus in das langsam heller werdende Morgenlicht und fragte dann beinahe beiläufig: „Habt ihr jemals darüber gesprochen?“
Shinjiro lehnte seinen Kopf an die Rückenlehne des Sessels und starrte geradeaus. Jarred sagte nichts, er ließ ihm die Zeit, die er brauchte. Und tatsächlich vergingen einige Minuten, bis Shinjiro schließlich sprach: „Vor ein paar Monaten, ja.“ Jarred horchte auf und zog konzentriert seine Augenbrauen zusammen: Shinjiros Stimme war ruhig, fast zu ruhig. „Er musste es tun“, zitierte er. „Das waren seine Worte.“ Jarred nickte mehrmals langsam, dann schluckte er: „Und?“ Shinjiro öffnete seine Eisteeflasche, nahm den letzten Schluck und drehte den Verschluss wieder zu. Erst dann sah er Jarred direkt an: „Er hat recht.“ Die Worte trafen Jarred unvorbereitet und er sah ihn fragend an. Shinjiro grinste schief, fast ironisch. Dann hob er seine Hand vor sich und betrachtete sie, als würde sie jemand anderem gehören: „Seine Hand hat mich nie berührt.“ Und in diesem Moment, als er es aussprach, zog sich etwas in seiner Brust zusammen. Es fühlte sich an, als würde plötzlich die Luft im Raum fehlen. Jarred spürte, wie sich auch in ihm ein beklemmendes Gefühl ausbreitete und räusperte sich leise. Denn die nächsten Worte, die er aussprach, fielen ihm schwer: „Bō de shitsukeru.“ Es waren nur drei Worte, doch Shinjiro erstarrte und hatte das Gefühl, Augenblicklich zu ersticken. Vor seinen Augen blitzen grell wieder dieses Bild auf. Die Hand seines Vaters, wie sie nach dem Stock griff, der neben der Tür seines Büros hing. Immer wieder dieselbe Bewegung. Immer wieder griff diese Hand danach. Shinjiro wusste, dass es nur Erinnerungen waren, nur Bilder. Nichts, was wirklich gerade geschah und doch gab es kein Entkommen und seine Hand zuckte unkontrolliert. Die leere Flasche glitt ihm aus den Fingern und fiel lautlos auf den weichen Teppichboden: „Ja“, flüsterte er kaum hörbar und Jarred wusste sofort, was passiert war. Diese wenigen japanischen Silben hatten gereicht, um etwas in Shinjiro auszulösen, das sich nun direkt vor ihm zeigte, körperlich, aber vor allem seelisch.
Shinjiro wollte aufstehen, einfach gehen, weg von hier. Doch sein Körper reagierte nicht, er saß da wie festgefroren, genauso wie damals, jedes Mal, wenn sein Vater nach dem Bambusstock griff. Jedes Mal hatte er sich vorgenommen, einfach wegzulaufen. Doch jedes Mal blieb er einfach stehen.
Seine Brust zog sich schmerzhaft zusammen. Unruhig fuhr er sich mit einer Hand durch die Haare und zog leicht daran, nur um sich selbst im Hier und Jetzt zu halten. Jarred bemerkte die Bewegung und griff ruhig, aber bestimmt nach Shinjiros Handgelenk, er sollte sich nicht selbst verletzen. Doch in genau diesem Moment erschrak Shinjiro und sprang auf. Jarred zuckte ebenfalls zusammen und stand nun direkt vor ihm und für einen Augenblick sahen sie sich beide erschrocken an.
Shinjiro wollte etwas sagen, doch kein Wort kam heraus. Die Enge in seiner Brust wurde stärker, jeder Atemzug schmerzte und er wagte kaum, zu blinzeln. Denn jedes Mal, wenn er es tat, kamen die Bilder zurück. Und plötzlich war da wieder diese Hand. Sie umfasste sein Handgelenk. Fest. Unerbittlich. Ein Griff, der stärker war als er selbst und der keinen Zweifel daran ließ, was als Nächstes passieren würde. In seinen Ohren hörte er das Vibrieren des Stockes in der Luft und im nächsten Moment spürte er ihn.
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