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Absatz #1
+++Erinnerungen+++
Früher als erwartet war Shinjiro mit seinem Privatlehrer Sensei Ito fertig geworden; vermutlich war dem alten Mann die drückende Sommerhitze zu viel geworden. Er radelte durch die Straßen und in weiter ferne sah er wie ein feuerwerk gezündet wurde, es war Obon und zwischen den Häusern hingen Papierlaternen, und aus der Ferne klang Musik, ach ja, das Bon Odori, viel es ihm wieder ein und der Himmel leuchtete über ihm in Rot und Gold auf.
Er fuhr weiter und hielt kurz am Automaten an, an dem er heute Nachmittag die “Ziege” getroffen hatte, hatte sie überhaupt einen Namen? Und schaute auf ihre Auswahl, Pflaumensaft und verzog sein Gesicht: “Das muss man mögen.” sagte er und blickte zur gegenüberliegenden Straßenseite auf dem Sportplatz, der in bunten Lichtern erstrahlte, dort war bestimmt die ganze Nachbarschaft unterwegs und er könnte schwören, darunter war auch irgendwo sein Bruder.
Jedes Jahr fand dort das “Bon Odori” ein traditionelles japanisches Sommerfest mit Feuerwerk statt, es gab viele kleine Verkaufsstände, mit handgemachten Süßigkeiten, oder herzhaften Snacks. Er schaute in die Menge, es wurde getanzt und gesungen. Er schaute auf seine Uhr, das Feuerwerk würde gleich beginnen: “Na ja, das könnte man sich anschauen.” dachte er und stellte sein Fahrrad ab und zog sich aus dem Automaten seinen Lieblings-Eistee und setzte sich neben diesem auf die Betonkante und wartete. Während er alles um sich herum beobachtete. Die Menschen hatten, trotz der drückenden schwülen Sommerhitze, Spaß, es wurde viel gelacht, und bei einigen Szenen, die sich ihm boten, musste auch er grinsen.
“Los komm mit Shinjiro!” forderte ihn jemand neben sich auf, es war Royu, der mit seinen Freunden hier durch das Fest streifte. Shinjiro stand auf: “Nein, ich möchte nur das Feuerwerk sehen!” sagte er zu Royu, der von vielen rumlaufen, ganz durchgeschwitzt war, oder er hatte sich mit seinen Freunden eine Wasserschlacht geliefert, denn diese sahen genauso aus.
“Na los komm, Royu, lass ihn.” zog ihn ein Freund wieder weg und sie rannten zum Sportplatz. Shinjiro sah ihnen nach und schaute sich weiter um, dabei entdeckte er das Mädchen in der hellblauen Yukata, mit den großen Kamillenblüten, sie hatte einen Fächer in der Hand und alberte mit ihren Freundinnen herum, und machten immer wieder von sich Fotos und kicherten dabei laut. Royu und seine Freunde liefen um die Mädchen herum und ärgerten sie immer wieder, indem sie sie mit ihren kleinen Wasserspritzpistolen nass machten.
Shinjiro trank seinen Eistee aus und ging nun doch einige Schritte auf die Wiese zu blieb jedoch am Rande stehen, denn genau diese kichernden Mädchen kamen auf ihn zugerannt: “Hilfe, die Nervensägen ärgern uns die ganze Zeit!” beschwerten sie sich aber nicht wirklich, sondern umrundeten ihn kichernd. “Ja, hilf uns!” forderten sie ihn erneut auf und kreischten darauf auch gleich wieder belustigend auf, als sie mit Wasser von Royu und seinen Freunden bespritzt wurden.
“Na toll und wer hilft mir?” dachte sich Shinjiro, jetzt war er inmitten einer Ziegenherde und wollte eigentlich schon wieder in die andere Richtung gehen, da fasste ihn ein Mädchen an der Hand und er konnte gar nicht so schnell reagieren und sie zog ihn auf den Sportplatz, die anderen liefen mit. Entkommen war nicht mehr möglich, er war umgeben von fünf lachenden und quietschenden Mädchen, die mit Wasserpistolen verfolgt wurden, und er jetzt auch, wie es aussah, das Mädchen kannte er nur flüchtig, sie wohnte in der Nachbarschaft.
Sie stoppten etwas abseits und verscheuchten die nervigen kleinen Jungs, das Feuerwerk begann und von diesem Standpunkt aus hatte man einen tollen Blick. Da drückte ihn jemand ein Taiyaki in die Hand, das sogar noch warm war und er schaute in das Gesicht der Geberin, es war die Ziege in der hellblauen Yukata, sie erklärte: “Von meinem Vater, er gibt eine Runde für das Feuerwerk aus und sie zeigte auf einen kleinen Stand, hinter dem ein Mann in der traditionellen Bon Odori Kleidung und in einem schnellen Tempo viele Taiyakis produzierte, die Schlange der Kunden war lang.
Shinjiro sah sich um, anscheinend halfen Taiyaki gegen laute quietschende Mädchen, denn es war plötzlich ruhig, das würde er sich merken. Er verbeugte sich leicht: “Danke!” und sah sich die gefüllte Waffel in Fischform an: “Und hast du auch einen Namen?” fragte er und biss von der Waffel ab, die mit Anko einer süßen roten Bohnenpaste gefüllt war und einfach mega gut war. Das Mädchen nickte und sagte: “Ich heiße Hitomi Sato!” und lächelte ihn dazu auch noch an. Hinter ihm hörte man wieder Gekicher. „Na, das klingt besser als Ziege!” sagte er und Hitomi fächerte ihm darauf kichernd Luft zu, “anscheinend ist dir zu heiß” sagte sie und Shinjiro trat darauf einen Schritt zur Seite.
Darauf gesellten sich zwei Jungs zu der kleinen Gruppe, die gerade das Feuerwerk bewunderte. „Was macht er denn hier?“ kam es scharf von Sasuke und positionierte sich vor Shinjiro und drängte dabei Hitomi einen halben Schritt bei Seite. Shinjiro hob erstaunt seinen Blick und musterte den etwa gleichaltrigen, aber kräftigen Jungen vor sich und sagte kein Wort. Hitomi trat wieder neben Shinjiro. „Bist du jetzt der Bestimmer hier, Sasuke?“ fragte sie energisch, das Schubsen ließ sie sich nämlich nicht gefallen. Shinjiros Augenbrauen gingen nach oben: „Sasuke…?“
„Du erinnerst dich also noch.“ sagte er und ein kurzes, spöttisches Lächeln huschte über sein Gesicht. Das Feuerwerk tauchte sie in blaues, flackerndes Licht.
Hitomi blicke zwischen den beiden hin und her.. “Ihr kennt euch?” fragte sie, während sich inzwischen auch die anderen neugierig um sie versammelt hatten. Sasuke verzog leicht den Mund: „Ich passe nur auf.” – „Worauf?“, fragte Shinjiro. Eine Rakete zischte in den Himmel. Sasuke holte aus und schubste Shinjiro, dass dieser rückwärts ins taumeln geriet, doch er fing sich im letzten Moment ab, doch sein Taiyaki landete auf der Wiese: „Hau ab!“, fauchte Sasuke, „Du hast hier nichts zu suchen!“ und für einen Augenblick war nur das Knallen des Feuerwerks zu hören. Shinjiro richtete sich langsam auf, er hätte zurückstoßen können und für einen kurzen Moment spannte sich sein Körper an.
„Du hast hier nichts zu suchen.“ Die Worte trafen mehr als der Stoß, und hielt inne, er spürte die Blicke der anderen, die warteten. So klopfte er sich ruhig den Staub von seiner Hose, als wäre es nur ein Missgeschick gewesen, seine Finger zitterten leicht, was aber nur für ihn spürbar war.
Hitomi trat vor Sasuke: „Hey, spinnst du, was soll das?!“ fragte sie. „Hab ich dich gefragt?“ schnitt Sasuke sofort zurück. „Ach, lass ihn doch…” sagte nun ein anderer: “Los kommt mit, ich habe gehört, Kiyoshi und Shouta haben Sake abgezweigt, wir wollen es mal probieren.” Alle lachten auf und folgten dem Sake Abenteuer. Shinjiro beobachtete die Szene und ging in die entgegengesetzte Richtung.
Hitomi, die mit ihren Freundinnen mit geschoben wurde und schon einige Meter entfernt war, drehte sich noch einmal um: “Wartet doch mal!” sagte sie und alle drehten sich zu ihr und sahen, was sie meinte, und liefen sofort wieder weiter. Sasuke zuckte nur mit seinen Schultern, als ginge es ihm tatsächlich nichts mehr an. Einer der anderen Jungs antwortete stattdessen: „Ich war mit Shinjiro in der Grundschule in einer Klasse. Er ist damals mitten im Schuljahr auf die Itsukame School gewechselt, einfach so von heute auf morgen und war immer so für sich.“ und Sasuke fügte hinzu: „Schon immer ein bisschen komisch, ja.“ und sah nicht einmal mehr hin. „Los, kommt jetzt“, sagte er und sie folgten den anderen die schon hinterm Sportplatz waren. Hitomi blieb noch stehen und sah, wie Shinjiro wieder Richtung Getränkeautomat ging, nicht hastig, nicht gekränkt wirkend, eher… gefasst. Als hätte er das erwartet.
Am Getränkeautomaten angekommen, zog er sich doch noch einen Eistee für zu Hause. “Gehst du schon wieder?” Shinjiro nahm seine Flasche aus dem Ausgabefach des Automaten und sah sie an: “Ja und du? Schmeckt dir Sake nicht?” fragte er und tätigte erneut eine Auswahl am Display. Hitomi schüttelte ernst mit ihrem Kopf: “Ich hätte es eh nicht probiert.” sagte sie und Shinjiro nahm währenddessen eine zweite Flasche aus dem Ausgabefach und sah sie an: “Danke … für das Taiyaki, mein Name ist Shinjiro” stellte er sich jetzt auch mal vor und gab ihr eine Flasche Pflaumensaft. Hitomi sah zur Flasche und dann zu ihm: “Danke, Shinjiro!” sagte sie und lächelte ihm wieder entgegen. Er nahm sein Fahrrad und setzte sich darauf und sah sie noch einmal an: “Sagst du Royu bitte, er soll nach Hause kommen!” Sie nickte und er ließ sich die steile Straße auf seinem Fahrrad hinunterrollen.
Hitomi sah ihm nach und ging wieder auf den Festplatz, um ihrem Vater zu helfen, dabei würde sie Ausschau nach dem frechen Royu halten. Als sie am Stand ihres Vaters ankam, packte dieser einige Taiyakis für eine Kundin in eine Tüte. Er schaute zu seiner Tochter und lächelte sie an: “Na, hast du Spaß?” fragte er, während er den neuen Teig in die Formen goss, Hitomi nickte und wischte einen Tisch vor sich ab.
“Wer war der Junge?” fragte ihr Vater breit grinsend. Hitomi fuhr erschrocken herum und ihre Ohren wurden etwas rot, doch anscheinend hatte ihr Vater von dem Tumult auf der Wiese nichts mitbekommen: „Ach, irgendjemand, er nennt mich immer Ziege.” und hoffte so ihren ganz schön neugierigen Vater abzuwimmeln. Sato-San lachte: “Ziege?” und sein Lachen wurde herzhafter und schaute seine fast 13-jährige Tochter an, die das gerade überhaupt nicht lustig fand und tippte gegen ihre Stirn: “Dann mag er dich!” sagte er und begrüßte seine neuen Kunden. Hitomi schaute auf: “Was? … so ein Quatsch!” sagte sie und sah in Richtung des Getränkeautomaten.
Shinjiro betrat das Haus, schob die Tür hinter sich zu und zog sorgfältig seine Schuhe aus. Und ging in die Küche, öffnete den Kühlschrank und stellte die Flasche grünen Eistee hinein. Aus dem Wohnzimmer drang gedämpfte Musik, es waren die Trommeln vom Bon-Odori-Fest, vermischt mit Stimmen. Er blickte ins Wohnzimmer, die Schiebetüren zum Garten standen weit offen. Seine Eltern saßen davor und unterhielten sich ruhig. Shinjiro trat an den Rand des Zimmers und verbeugte sich leicht: „Ich bin zurück.“ sagte er, sein Vater hob einen prüfenden Blick und ein kurzes Nicken: „Leg mir deine Aufgaben auf den Schreibtisch, damit ich sie mir morgen gleich ansehen kann, damit wirst du ja fertig geworden sein.“ Shinjiro nickte stumm und ging in sein Zimmer und holte aus einer Schublade die Aufgaben hervor und blätterte sie durch. “Mist zwei fehlen noch!” stellte er fest und schaute in Richtung Bürotür und auf die Aufgaben in seiner Hand.
Er ließ das noch nicht fertig gewordene Blatt auf seinem Schreibtisch liegen. Einen Moment betrachtete er die halbfertige Rechnung, die sauber gezogenen Linien, die plötzlich ins Leere führten. Den Rest der Aufgaben legte er ordentlich auf den Schreibtisch seines Vaters.
Und ging dann ins Badezimmer und legte sich kurz darauf ins Bett. Doch der Schlaf durfte nicht kommen. Durch das offene Fenster wehte noch immer gedämpfte Musik vom Fest herein, alles klang weit weg und doch nah genug, um ihn wachzuhalten. Schritte im Flur erregten seine Aufmerksamkeit, Royu, seine Mutter brachte ihn ins Bett, und die aufgeregte Stimme seines Bruders drang leise und gedämpft zu ihm herüber. „Und dann hat Kiyoshi fast den ganzen Becher verschüttet!“ – „Und ich hab beim Tanzen mitgemacht!“ – „Und es gab drei verschiedene Sorten Kakigōri!“ Seine Mutter lachte warm. Shinjiro lag regungslos da und starrte an die Decke, unwillkürlich stellte er sich vor, wie Royu dabei wild gestikulierte, denn er war völlig außer Atem vom Erzählen.
Nach und nach wurde es stiller im Haus, Türen wurden geschlossen und Schritte entfernten sich, bis nur noch das monotone Zirpen der Zikaden draußen in der Sommernacht übrig blieb. Schwer setzte sich Shinjiro auf, schlug die Decke zurück und ging langsam zu seinem Schreibtisch. Blasses Mondlicht fiel durch sein Fenster auf das halbfertige Blatt, auf dem die Aufgaben waren, sie waren nicht schwierig und doch fühlte sich sein Kopf schwer und unklar an.
Zahl für Zahl, Schritt für Schritt, zwang er sich zur Konzentration, atmete ruhig und schrieb weiter. Fast eine Stunde später setzte er die letzte Lösung unter die Rechnung und lehnte sich zurück. Ein leises inneres Aufatmen löste die Spannung in seiner Brust und ging schließlich in ein tiefes Gähnen über.
Langsam stand er auf und schob vorsichtig seine Tür zur Seite und blickte den Flur entlang bis zum Schlafzimmer seiner Eltern, alles war Still und er ging in das Büro seines Vaters, legte das Blatt zu den anderen Aufgaben und kehrte leise in sein Zimmer zurück und schlief sofort ein.
Am nächsten Vormittag saß Royu in Shinjiros Zimmer und erzählte ihm wieder von dem Schraubenladen, Shinjiro war genervt von diesem Thema, und nahm Unterlagen aus seinem Rucksack, welche er gestern von Ito-San mitbekommen hatte und schaute kurz darüber. “Komm lass ihn uns wenigstens mal anschauen gehen!” bettelte Royu ihn an: “Was erhoffst du dir da zu sehen?” fragte Shinjiro mehr beiläufig und legte einige Blätter und Karten auf seinen Schreibtisch. “Vielleicht kann man ja sehen, wie er die Schrauben macht!” erklärte sein Bruder. Shinjiro grinste und sah zu seinem Bruder, “Was hat er nur mit diesen Schrauben?” fragte er sich und überlegte schon Royu ein YouTube Video über Schraubenherstellung rauszusuchen: “Ja, wir gehen da mal schauen!”, knickte er dann doch ein. Royu sprang auf und freute sich: “Echt? Wann?” Shinjiro zuckte mit seinen Schultern: “Mal sehen!” Royu verließ das Zimmer: “Sag Bescheid!” rief er und rannte nach unten.
“Pff, Schrauben!” murmelte Shinjiro vor sich und wollte sich gerade an den Schreibtisch setzen, da rief ihn sein Vater zu sich und ging zu ihm. Dieser saß am Schreibtisch und hatte sich gerade seine Aufgaben angesehen: “Gut, die sind richtig!” sagte er und legte sie zur Seite, und drehte sich mit seinem Stuhl in Richtung seines Sohnes, der am Schreibtisch lehnte. “Wann hast du diese hier gemacht?” und gab seinem Sohn ein Blatt, es waren die Aufgaben von letzter Nacht. Shinjiro sah auf und sah seinen Vater an: “In der Nacht.” sagte er ehrlich. Sein Vater nickte und drehte sich wieder den Schreibtisch zu: “Also warst du gestern Abend nicht fertig damit gewesen?” Shinjiro legte das Blatt auf den Stapel der anderen und sagte: “Nein, ich wollte sie heute Morgen fertigstellen.” erklärte er.
Sein Vater nickte einige Male vor sich: “Denn weißt du, heute Morgen hatte ich mich gewundert, dass aus vier Blättern von gestern Abend über Nacht fünf geworden waren. Warum hast du mir das gestern Abend nicht gesagt?” wollte er jetzt wissen. Shinjiro sah zu seinem Vater: “Ich weiß nicht.” antwortete er, denn das wusste er wirklich nicht. “Du hast mich also angelogen!” stellte sein Vater fest. Shinjiro nickte leicht. “Ich habe gehört du warst auf dem Bon Odori gestern Abend, mit einigen Mädchen.” Shinjiro riss seine Augen auf: “Ich wollte mir nur das Feuerwerk ansehen und danach gleich nach Hause kommen.” Sein Vater drehte sich wieder zu ihm und lächelte kurz auf: “Zwei Stunden geht kein Feuerwerk!” Zwei Stunden? War er wirklich so lange auf diesem Fest gewesen? Shinjiro presste seine Lippen aufeinander. “Hat dir Sensai Ito alles mitgegeben?” Shinjiro nickte: “Ja, aber ich benötige noch eine Screen-Card dafür.” Sein Vater stand auf und nickte: “Die kannst du dir nachher holen fahren!” Shinjiro trat einen Schritt zur Seite.
“Ich dulde keine Lügen! Sensai Ito hatte mich angerufen, dass ihr früher Schluss gemacht hattet.” erzählte sein Vater und schob die Tür zu und griff nach dem Stab und Shinjiro hielt die Luft an und hielt sich am Schreibtisch fest, sein Vater holte aus und Schlug zu, ein Aufschrei kam von Shinjiro, es war ein fester hieb den er so noch nicht kannte und er flog, einen schritt nach vorn und sah seinen Vater an, dieser war wütend, dass er ihn angelogen hatte und diese Lüge auch noch vertuschen wollte. “Stell dich wieder hin!” forderte er Shinjiro auf und hielt ihn am Oberarm fest und schlug fünfmal schnell hintereinander zu. Shinjiro bekam kaum noch Luft, und sein Vater holte noch einmal aus, „Glaub nicht, mich hinters Licht führen zu können!” und schlug fest zu, ein markdurchdringender Schrei hallte durch das Haus.
+++Erinnerungen ende++
Shinjiro riss seine Augen auf, der Schrei dröhnte in seinen Ohren, so real, als wäre er eben erst gefallen. Er fuhr hoch und sprang beinahe aus dem Bett, und er wusste für einen Moment nicht, wo er war. Sein Atem ging schwer und unkontrolliert, sein Körper war schweißnass und er hatte das Gefühl, diese Schläge gerade gespürt zu haben. Sein Herz hämmerte gegen seine Brust, während sein Blick suchend durch die Dunkelheit glitt. Wie lange er so da stand, wusste er nicht. Allmählich kehrte die Orientierung zurück. Die vertrauten Umrisse des Zimmers zeichneten sich im schwachen Licht ab, sein Blick ging zur Klimaanlage, die leise Summte, er sah zum Schrank, dann zum Schreibtisch und zu der halb geöffneten Badezimmertür und mit jedem weiteren Atemzug wurde ihm klarer, wo er war.
Er fuhr sich mit zitternder Hand durch seine nassen Haare und ging mit schweren Schritten zum Fenster und schaute auf die in dunkler Nacht gehüllte, stille Außenanlage, die vereinzelt beleuchtet war, ein Wachmann lief umher. Er blickte zum rot blinkenden Tower und atmete tief ein. Draußen war alles still, doch in ihm hallte der Schrei noch immer nach.
Was war nur los, das waren doch keine normalen Träume mehr, woher kamen plötzlich diese Erinnerungen? All die Jahre hatte er nicht mehr daran gedacht, es war nicht mehr greifbar gewesen, nicht mehr spürbar, eher wie etwas, das weit entfernt hinter einem Schleier lag. Und doch erinnerte er sich an die anderen Bruchstücke, die ihn hin und wieder heimsuchten: es waren zusammenhanglose Szenen, flüchtige Bilder und banale Alltagssituationen, die ohne erkennbare Ordnung aufblitzten und wieder verschwanden. Aber das war gerade anders, diesmal war es kein Fragment, kein loses Bild gewesen. Sein dreizehntes Lebensjahr lief vor seinem inneren Auge ab wie ein Film. Szene für Szene und Chronologisch.
Er drehte sich um und schaute auf die Uhr, die auf dem Schreibtisch stand, es war 5 Uhr morgens, wollte er sich nicht den letzten Abend mit seinem Stab zusammensitzen, oder hatten sie es? Shinjiro riss seine Augen auf … “Oh Mann!” sagte er und ließ diese Zweifel erst gar nicht hochkommen und strich sich durch seine getrockneten verschwitzten Haare und ging duschen.
#2 Pectos
Es war noch dunkel gewesen, als ihr Vater sie geweckt hatte. Seine Stimme war ruhig, doch in seinen Augen hatte sie eine Spannung erkannt, er hatte nichts sagen dürfen und wenig später saßen sie bereits in einem Shuttle. Erst während des Fluges hatte er ihr verraten, dass ihr Ziel der Planet Pectos war. Allein der Name ließ April Herz schneller schlagen.
Saber hatte sie in das Hochsicherheitslabor beordert, um sich zwei Kameras genauer anzusehen. Kameras, hm, das klang erst einmal weniger spannend, doch als sie sich die Unterlagen dazu durchgelesen hatte, sollten diese etwas mit dem Anschlag auf Captain Hikari zu tun haben.
Als sie das Labor betraten, stockte ihr der Atem. Glaswände, die bis unter die Decke reichten. Kühle Lichtbänder, die in makellosen Linien über metallische Oberflächen glitten. Alles wirkte präzise, kontrolliert und abgeschirmt, nicht ein Staubkörnchen konnte sich hier verstecken, so kam es der Blondine jedenfalls vor. Sie versuchte, sich ihre Nervosität nicht anmerken zu lassen, doch ihre Finger waren kalt, obwohl die Raumtemperatur perfekt reguliert war und plötzlich war er da, der Druck, plötzlich wusste April, jetzt musste sie all ihr können zeigen, sich bewesen, König Jarred und Saber sollten sich nicht in ihr geirrt haben. Sie spürte eine Hand auf ihrer Schulter, ihr Vater, der ihr gerade wieder Sicherheit gab. Gut, dass er mit war und sie schaute in seine vertrauten Augen und nickte ihm zu.
Ihr Zutritt in diesem Labor war streng begrenzt, Sicherheitssysteme überwachten ihren Bewegungsradius, über den sie genauestens informiert worden waren. Für April fühlte es sich dennoch wie ein Privileg an, schließlich gehörte sie zu den wenigen, die diesen Raum überhaupt betreten durften.
Nun stand sie vor dem Glaskasten. Darin lag auf den ersten Blick eine ganz normale Pressekamera. Solide gebaut, vertraute Form, ein Objektiv, das man tausendfach gesehen hatte. Doch April wusste, dass der erste Blick täuschte.
Neben ihr stand ihr Vater, seine Präsenz gab ihr Halt. Sie richtete sich unbewusst etwas gerader auf, zwang ihre Schultern in eine selbstbewusste Haltung. Wenn dies eine Prüfung war, dann würde sie bestehen, nahm sie sich vor. Und beschloss, sich die Kamera in einer Containment-Kammer anzusehen.
#3 Yuma
Royu und Fireball liefen ihre morgendliche Runde durch den Park. Der Kies knirschte unter ihren Schuhen und die Luft war noch kühl, und doch versprach es ein warmer Frühlingstag zu werden. „Und? Hast du gestern mit deinem Vater gesprochen?“ wollte Royu wissen, während sie weiterliefen, Fireball senkte den Blick auf seine Schritte und schüttelte leicht mit seinem Kopf: „Nein, er hatte keine Zeit.“ sagte er mit flacher Stimme und versuchte beiläufig zu klingen, doch die Enttäuschung darin war nicht zu überhören. Royu nickte darauf nur ein, „Hm.“ und ein paar stille Sekunden vergingen. Dann brach es aus Fireball heraus: „Was soll ich überhaupt hier? Ich sitze nur herum, ihr hättet mich genauso gut mit nach Japan zurückschicken können. Die Hochzeit wird ohnehin nicht stattfinden.“ und seine Worte wurden schneller und schärfer, „Colt, Saber und alle haben keine Zeit, sie stecken in irgendeiner Mission fest!“ und er verstummte, da er wusste, dass er unfair war. Dass keiner von ihnen absichtlich fehlte. Aber das änderte nichts an dem Gefühl, überflüssig zu sein und genau das fraß ihn auf.
Royu blickte stumm geradeaus, während Shinji sich alles von der Seele redete. Er sagte nichts und wartete, ob noch mehr kam, doch als nur noch das rhythmische Auftreten ihrer Schritte blieb, stieß er scharf die Luft aus: „Weil du genau jetzt hier sein sollst, Shinji“, begann er ruhig, aber bestimmend, „Alles andere kann man nachholen wie Feiern, ja selbst Hochzeiten.“ zählte Royu auf und warf seinem Neffen einen kurzen Seitenblick zu. Doch Fireball blickte geradeaus, hörte aber zu, was ihm sein Onkel erzählte. Und Royu sprach weiter: „Dein Vater, braucht dich jetzt. Und ehrlich gesagt, hör auf, nur an das zu denken, was du verpasst, das ist egoistisch. Wichtig ist, dass es ihm bald besser geht, alles andere ordnet sich danach.“ beendete Royu und sie liefen weitere Schritte stumm nebeneinander.
Fireball schwieg und sein Blick ruhte auf dem Weg vor ihm, schließlich nickte er leicht: „Natürlich hoffe ich das“, murmelte er, nicht anderes wünschte er sich, doch, wobei sollte er seinem Vater groß helfen können? dachte er … Sie liefen eine weite Kurve, vier Kilometer hatten sie inzwischen hinter sich gelassen, der Atem ging gleichmäßiger, die Anspannung wich langsam der Erschöpfung.
Royu brach das Schweigen. „Was steht heute noch an, Shinji?“ Fireball atmete tief ein und wieder aus.“ „Ich habe später zwei Vorlesungen, Großvater geht sie später mit mir durch.“ und ein schiefes Lächeln huschte über sein Gesicht: „Und sonst mal wieder nichts.“ „Gut.“ kam es von Royu, „Sag mir Bescheid, wenn du fertig bist. Dann machen wir Halle 3 im Oberkommando unsicher.“ Und ein Hauch von Leben kehrte in Fireballs Augen zurück, und sie liefen weiter.
Jarred und Shinjiro saßen sich beim Frühstück gegenüber. Das helle Morgenlicht fiel durch die hohen Fenster. „Du hättest mich wecken sollen“, sagte Shinjiro unvermittelt und leicht vorwurfsvoll. Jarred biss ruhig in sein Croissant, er hatte mit diesem Vorwurf gerechnet und nickte ohne aufzusehen: „Möchtest du es jetzt hören, oder nicht?“, fragte er schließlich ernst. Shinjiro hob seine Kaffeetasse, nahm einen Schluck und machte eine knappe Handbewegung, die eindeutig bedeutete: “Ja, erzähl.” Jarred legte das Croissant beiseite und sah ihn direkt an und erklärte ihm detailliert, wer alles an seiner Rettung beteiligt gewesen war, wie schnell reagiert worden war, wer die Entscheidungen getroffen hatte, wer das Risiko eingegangen war. Er verschwieg nichts, auch nicht, dass sein Shinji alles mitbekommen hatte. Die irritierenden Blitzlichter der Kameras, die erhöhten Cortisolwerte und das Cerephikon. Mit jedem Satz wurde Shinjiros Miene ernster und der Kaffee in seiner Hand blieb unberührt. Jarreds Stimme war zwar ruhig und sachlich, doch unter der Oberfläche lag etwas anderes: Sorge. Und vielleicht ein Hauch von Schuld.
Shinjiro hörte sich alles geduldig an, doch irgendwie konnte er die ganzen Informationen gar nicht erfassen, was ihm gerade mehr Sorgen machte, als seine Sicherheit und rieb sie seine Augen, denn sein Blickfeld war wieder eingeschränkt und teilweise unscharf. Jarred war mit seinen Ausführungen fertig. Und schenkte sich selbst erneut Kaffee ein, denn eine Servicekraft war an diesem Morgen nicht anwesend, weil der König Shinjiro von diesen top secret Ereignissen erzählen wollte.
Er sah zu seinem Freund, der zu seinem Erstaunen dazu noch gar nichts gesagt hatte und sich seine Augen hielt. “Dir geht es nicht gut!” stellte Jarred bestimmend fest. Shinjiro sah auf: “Ich sehe kaum etwas und ich habe Kopfschmerzen!” kam es leicht gereizt von Shinjiro zurück, Jarred nickte: “Ein Augenarzt wird es sich heute anschauen, dann wissen wir mehr.” kam es von Jarred, doch von dem Japaner kam darauf nichts. Und Jarred beobachtete ihn, hatte er ihm überhaupt zugehört? “Was sagst du zu der ganzen Sache?” wollte er jetzt doch wissen. Shinjiro lehnte sich im Stuhl zurück und sah Jarred vor sich verschwommen an. “Wurde dieser angebliche Arzt schon verhört, woher stammen seine Sicherheitsleute?” fragte er.
“General Whitehawk wird das heute übernehmen, ich meinte eigentlich, wie es dir damit geht, man wollte dich ausschalten.” Shinjiro nahm von dem mittlerweile lauwarmen Kaffee und stellte die Tasse auf den Tisch zurück: “Es hat nicht geklappt, mir tut es um Shinji leid, dass er es gesehen hat!” war seine kurze und zutreffende Antwort. Jarred verstand und sagte: “Du bist jetzt zwei Wochen hier, in der Zeit werden wir sehen, wie sich alles entwickeln wird.” stellte ihn Jarred vor die bereits beschlossenen Tatsachen. Shinjiro sah auf, er hatte gerade überhaupt keine Meinung und ging sich durch seine ungestylten Haare, die ihn immer wieder nach vorn fielen und lehnte sich ergeben zurück: “Ich brauche einen Friseur!” kam es dann zusammenhanglos, doch Jarred grinste, nickte und nahm sich von den Rühreiern. “Hast du meinen Communicator?” fragte Shinjiro jetzt auch Jarred, dieser sah zu seinem Freund und schüttelte mit seinem Kopf.
Saber und Sincia standen gemeinsam an diesem späten Mittag mit Colt, Robin und Joshua vor dem Abflug-Terminal Richtung Highlands am zivilen Raumhafen. Menschen gingen eilig an ihnen vorbei, Durchsagen hallten durch die Halle, doch für diesen kleinen Kreis schien die Welt für einen Moment stillzustehen. Robin weinte bitterlich und klammerte sich an Colt, als könnte sie die Zeit damit anhalten. Ihr Gesicht war an seine Brust gedrückt, ihre Schultern bebten. Joshua stand daneben, unsicher, die Hände halb gehoben, als wollte er helfen, wusste aber nicht wie. Colt hielt sie fest, eine Hand strich ihren Rücken, die andere in ihrem Haar: „Hey…“, murmelte er leise und strich ihr sanft über die Wange: „Wir telefonieren jeden Abend, versprochen.“ Doch sie schüttelte ihren Kopf. „Nimm es als Urlaub“, fuhr der Lockenkopf sanft fort und lehnte seine Stirn an ihrer: „Genieß die Highlands, die Ruhe, die frische Luft und die Dudelsäcke“ und ein zärtliches Lächeln huschte dabei über sein Gesicht. „Denn ich wette, mit dir um die Satteltaschen meines Großvaters, in ein paar Monaten wirst du dir wünschen, du hättest diese Zeit noch einmal, wenn der Schreihals da ist.“ und ein schwaches, tränennasses Lächeln kämpfte sich über Robins Gesicht, sie schniefte und fragte brüchig: “Was soll ich denn mit den alten Satteltaschen?” Colt grinste… Ja, das war seine Frau und tatsächlich sie war es seit ganz genau drei Stunden war sie Mrs. Wilcox. Colt küsste sie sanft, so lange, so als wolle er ihr damit die Sicherheit mitgeben. Dann wischte er ihr mit seinem Daumen ihre Tränen fort: „Ich liebe dich“, sagte er leise.
Sincia nahm Robin in ihre Arme und löste so den Trennungsschmerz, der sich sonst noch weiter steigern würde, etwas auf. Colt umarmte auch Joshua, der dann mit den beiden Frauen durch den Spaceport Security Check ging, die drei winkten, noch einmal, bevor sie hinter der Glastür verschwanden.
Saber legte Colt schweigend eine Hand auf die Schulter. Er spürte sofort, wie sehr der Cowboy mit sich rang, wie er die Tränen mit aller Kraft zurückhielt.
Colts Blick hing noch immer an der Glastür des Terminals, hinter der Robin verschwunden war. Er hatte schon einmal so einen Abschied und das zerriss ihm gerade das Herz. „Was für eine Scheißsituation“, murmelte er heiser. Saber nickte langsam, treffender hätte er es selbst der Schotte nicht formulieren können. Für einen Moment schwiegen sie beide, jeder war in seinen eigenen Gedanken gefangen, jetzt waren sie allein. „Lass uns alles daransetzen, dass das hier schnell vorbei ist“, sagte Saber schließlich ruhig, aber mit Nachdruck. Colt atmete scharf durch und nickte: „Aber sowas von.“ Er blinzelte, dabei löste sich eine einzelne Träne und rollte einfach los, ohne ihn um Erlaubnis zu fragen. Mit dem Handrücken wischte er sie fast trotzig fort und sein Blick wurde härter: „Na Los, Oberheld bringen wir’s zu Ende.“ sagte Colt und beide drehten sich um und liefen durch den Raumhafen, vorbei an Duty Free und Fastfood Ketten. “Lass uns auch Fireball einbeziehen, es wäre eventuell wichtig!” kam es plötzlich vom Cowboy. Saber nickte nachdenklich, war klar, dass sie es Fireball sagen mussten, dass auch er in gewisser Weise gefährdet war, aber eine 100-prozentige Gewissheit hatten sie nicht, er wusste in Royus Gegenwart, war er sicher und das Haus der Familie wurde ständig in zivile überwacht, aber er kannte auch seinen jungen freund, sobald er sich eingesperrt fühlte und merkte das etwas nicht stimmte, rebellierte er und ließ sich von niemanden mehr beruhigen und gerade jetzt ist sein Vater dazu nicht in der Lage dazu ihn wie damals, aufzufangen.
“Da ist wohl ein Männerabend mal fällig!” kam es überraschend von Saber. Colt grinste kurz auf und nickte. “Er hat in drei Tagen Geburtstag, ich meine, man wird nur einmal 18.” sagte Colt, Saber war einverstanden und sie verließen den Raumhafen und fuhren gemeinsam zum Oberkommando.
#4 Pectos
Vorsichtig legte April das letzte Bauteil neben die übrigen Komponenten der Kamera, die unter der Helix-Sicherheitsvitrine lag, geschützt von mehrschichtigem Verbundglas und einem kaum sichtbaren Energiefeld, das selbst Mikropartikel neutralisierte. Nichts verließ diese Vitrine, ohne registriert zu werden und nichts drang ein. „Hm, das ist eine ganz normale Kamera …“ kam es fast enttäuscht von ihr. Charles trat näher und sein Blick wanderte über die zerlegten Einzelteile, als suchte er zwischen Metall und Glas nach etwas, das sich ihren Augen entzog. Das kalte Licht des Labors spiegelte sich in seiner Schutzbrille und ließ seine Miene noch verschlossener wirken, „Hm.“ mehr sagte er nicht, aber das genügte. Die Blondine zog ihre Arme aus den Schutzhandschuhen der Vitrine, während sie ihren Vater prüfend ansah und auch etwas enttäuscht ansah. “Lass uns einen Kaffee trinken und dann noch einmal von vorn beginnen.”, schlug Charles seiner Tochter vor, April nickte und sie verließen das Labor.
Im Aufenthaltsraum ließ April sich auf einen der schlichten Metallstühle sinken. Die gedämpften Gespräche und das Klirren von Geschirr aus der Küchenzeile bildeten einen merkwürdigen Kontrast zu der Anspannung, die noch immer in ihr arbeitete. Sie starrte auf den Tisch vor sich und ging in Gedanken noch einmal jede einzelne Schraube durch Bauteil für Bauteil, jede Messung und jede Anzeige. Hatte sie etwas übersehen? Frustriert und stöhnen stützte sie ihren schweren Kopf ab und rührte in ihrem Milchkaffee, als sie vor sich hin murmelte. „Also geht es um den Blitz der Kamera und nicht um ihre eigentliche Funktion …“ Charles, der sich gerade einen Schluck Kaffee gegönnt hatte, sah über den Rand seiner Tasse zu ihr hinüber und nickte langsam: „Ja“, sagte er nachdenklich: „Der Blitz war viel heller als normal, nicht nur hell, er war komplett anders.“ und stellte seine Tasse ab und suchte nach Worten. April hörte gespannt zu: „In dem Moment hatte ich das Gefühl, als würde sich alles in mir dagegen sträuben.“ April zog ihre Augenbrauen zusammen, „Sträuben?“ Charles zuckte leicht mit seinen Schultern. „Schwer zu erklären. Mein Körper war wie gelämt und hat einfach reagiert. So, als würde etwas sagen: Geh da weg.“ April schwieg einen Moment und dachte angestrengt nach. Dann griff sie nach dem Tablet und gab es ihrem Vater, “Daddy, bitte mach ein Foto von mir mit Blitz…“, forderte sie … Charles nickte und tat, wie sie es ihm sagte. April blickte direkt in die Linse und als dieser auslöste, war es zwar kurz unangenehm, aber alles normal,wie man es eben kannte… “Hm…” und sie rief auf dem Tablet, ihre erhobenen Daten der Kamera auf. “Hast du was, April?” fragte nun Charls der diesen fixierenden Gesichtsausdruck seiner Tochter kannte … April wischte durch ihre Aufzeichnungen und sprach: „Ein normaler Kamerablitz arbeitet im sichtbaren Spektrum“, sagte sie langsam: „Xenon, LED oder Plasmaimpuls, alles bleibt im Bereich von Licht.“ Sie stoppte mitten in ihrem Satz und ihre Finger bewegten sich schneller über das Display: „Es sei denn …“ Charles beobachtete sie und beugte sich zu ihr, um zu sehen was sie am tablet aufrief: „Es sei denn was?“ April zoomte in die Diagramme der vorherigen Messungen. Abrupt stand sie auf, Charles konnte gar nicht so schnell schauen und folgte ihr: „Das war kein Messrauschen .. ich muss was testen..:” sagte sie zusammenhanglos und Charles nickte nur und sie betraten die Schleuse zum Labor.
#5 Herrenvilla
Am späten Nachmittag erreichte Saber die Herrenvilla von König Jarred. Das Anwesen lag im warmen, goldenen Licht der untergehenden Sonne, so als hätte der Tag beschlossen, sich hier königlich zu verabschieden. Tatsächlich wurde Saber bereits erwartet. Philippe, der stets makellos gekleidete Privatsekretär des Königs, nahm ihn mit einem höflichen Nicken in Empfang und führte den Schotten mit geübter Selbstverständlichkeit zum Büro seiner Majestät.
Dort bot sich Saber allerdings ein unerwartet entspanntes Bild, der König und Captain Hikari waren vertieft in eine Partie Billard, hier wurden gerade ganz andere Strategien verfolgt, er trat ein und als die aufmerksamkeit auf ihm lag salutierte er vor den beiden.
Captain Hikari kam ihm mit seiner typischen, aufrechten Haltung und klaren Blick entgegen und bedankte sich bei dem jungen Schotten. Saber erwiderte den Gruß aufrichtig erfreut und konnte nicht anders, als sein Gegenüber einen Moment genauer zu mustern. Denn etwas war anders und das lag nicht an Hikaris kurz geschnittenen Haaren, sondern an der dezenten Brille mit hauchdünnem, goldenem Gestell, dass man sie beinahe übersah, und doch perfekt gewählt. Sie unterstrich seinen Stil, ohne sich aufzudrängen.
Saber trat nun näher an den Billardtisch heran und warf einen prüfenden Blick auf das Spielfeld. Mehrere Kugeln lagen bereits gefährlich nah an den Taschen, das Match war also eindeutig im vollen Gange. Der König lehnte locker am Tischrand und grinste so verdächtig zufrieden, als würde er entweder auf einen spektakulären Stoß oder auf einen ebenso spektakulären Kommentar warten. Ignorierend nahm Captain Hikari wieder seine Position ein, beugte sich konzentriert über das grüne Tuch und richtete den Queue aus. Ohne aufzusehen sagte er trocken: „Siehst du, es geht auch ohne Kommentare.“ und deutete mit einem kaum merklichen Kopfnicken Richtung Schotten. Die Kugel rollte sauber und präzise über den Tisch und verschwand in einer Ecktasche. Saber verschränkte die Arme, hob eine Augenbraue und konnte sich nicht länger beherrschen: „Sir, die Brille steht Ihnen wirklich ausgezeichnet.“ kam es nun aus ihm und bemühte sich um ein neutrales Gesicht, sein Ton war respektvoll, doch sein Grinsen weniger. Der König schnaubte amüsiert.
Captain Hikari wollte gerade die weiße Kugel anstoßen, als sein Blick den jungen Major traf, der nur wenige Schritte von ihm entfernt stand und sich redlich bemühte, ernst zu bleiben. „Schade“, sagte er und ging wieder in Position. König Jarred lachte auf. “Spielen sie mit Richard, wir haben gerade angefangen!” forderte der König und Saber nickte: “Gerne doch!” Hikari zog den Stab wieder zurück und rollte die weiße Kugel mit seiner Hand über den Tisch. Saber beobachtete dies, Jarred zeigte mit seinem Queue auf den Japaner: “Er hat schon zweimal verloren, da wird er immer unfair!” erklärte der König den Schotten. “Das verdankst du dem Umstand, dass ich nichts gesehen habe.” konterte Shinjiro. Saber lachte und nahm sich einen Queue von der Wand.

Jarred ordnete die Kugeln neu an, dank Shinjiros Aktion musste das Spiel komplett neu gestartet werden: “Der Verlierer fängt an!” fügte er noch grinsend hinzu. Captain Hikari sah Jarred nach und hob kurz seine Augenbrauen und ließ es unkommentiert und gab den Anstoß. “Wie hat es Hitomi geschafft?” Der Captain sah Jarred fragend an. “Dass du freiwillig nach einem Frisör verlangst!” und zeigte dabei auf seine Haare. Hikari zeigte auf eine Kugel und legte seinen Queue an die weiße Kugel und sagte: “Sie hat mich darum gebeten.” und stieß die Kugel an und erhob sich, “Mehr oder weniger”, fügte etwas leiser noch mit an. “… jedoch ab jetzt …” und deutete lange Haare an. Jarred griff nach seinem Queue: “Lass das, das kann keiner leiden!”
Saber fixierte die Weiße Kugel. “Eben, genau deswegen!” gab Shinjiro auf Jarreds Kommentar zurück. Saber schüttelte mit seinem Kopf und stieß die Weiße Kugel gegen eine von König Jarred. Und erhob sich darauf wieder. Jarred schaute den Japaner nachdenklich an: “Also, war es damals einfach nur, damit sich alle aufregen?” und konnte es fast nicht fassen und Shinjiro grinste. “Wirklich Sir?”, fragte nun auch Saber nach. Jarred sah nun erwartungsvoll auf Shinjiro “Ja, es war schön zu sehen, mit wem man deswegen so in Kontakt kam, von “Schneiden Sie sich ihre Haare!” bis „Gehen Sie sofort zum Frisör!” war alles dabei. Aber alle hatten ein kleines Wörtchen vergessen.” erklärte er. “Bitte!” sagte Saber. Der Captain zeigte auf den blonden Major und nickte. Jarred stellte seinen Queue ab und fragte nochmals etwas ungläubig nach: “Also hätte ein einfaches “Bitte” genügt und du hättest sie abgeschnitten?” Shinjiro sah das fragende Gesicht und musste fast auflachen: “Ja, vier Jahre, kein „Bitte“, immer nur ein, “Geh!”, „Mach!“ oder “sofort!” interessant war auch, dass von General Campbell und General Whitehawk nie etwas dergleichen kam.” und grinste etwas überlegen.
Saber beobachtete die beiden Männer vor sich und fand den Umgang höchst interessant, hatte der König nicht gesagt, dass der Captain heute schlechte Laune hatte, also sollte das die schlechte Laune sein, könnte er diese öfters haben, kommentierte Saber seine Gedanken. König Jarred stieß etwas zu kraftvoll gegen die weiße Kugel, diese hüpfte dabei über eine halbe Dreier Kugel und stieß gegen die Schwarze. “Was ist das jetzt?” fragte Hikari. Saber zuckte mit seinen Schultern. Jarred lachte: “Das ist können!” Hikari hatte eine Hand in seiner Hüfte gestemmt und schaute auf den Tisch: “Das war ein gekonntes, ein Faul und Aus zugleich!” und sah zum Schotten: “Ich habe nichts gesehen, Sir!” kommentierte Saber. “Ich auch nicht!” und Jarred zuckte mit einer Schulter. “Vor einer Stunde hätte ich es dir sogar noch geglaubt!” Shinjiro nahm die Brille ab und schaute auf den Tisch und setzte sie wieder auf: “Und ich nicht, dass ich so etwas mal brauchen würde!” und ging um den schweren Tisch.
Jarred grinste frech: “Tja, niemand wird jünger, auch du nicht, auch wenn du ausschaust wie Mitte 30.” Saber sah zu Jarred und beide nickten sich zu. Shinjiro beobachtete die beiden auf der anderen Seite des Tisches: “Das hat damit nichts zu tun, und er schaute sich die Kugeln auf dem Tisch an und sah auf: “Dieses Gespräch solltet ihr mit Lorenz führen und nicht mit mir. Der hat, seitdem er erfahren hat, dass er Großvater wird, so etwas wie eine Midlife-Crisis und er nervt mich damit!”
Saber und Jarred lachten: “Das war sowas wie ein Kompliment.“ erklärte Jarred, Shinjiro verschränkte seine Arme und blickte nun erwartend zum Schotten, der wohl nicht nur zum Spielen da war.
Saber deutete den Blick richtig und trat etwas vom Tisch ab: “Captain ich …” – “Mister” unterbrach ihn der Captain und zeigte in die Runde. Saber nickte: “Mr. Hikari, ich bin gekommen, um Ihnen von der ausgeführten Mission, betreffend des Signals, zu berichten.” Interessiert stellte Hikari seinen Queue neben sich ab und sah den jungen Schotten erwartungsvoll an. “Wir haben die Mission nach ihrem erstellten Taktikplan Captain Lorenz und der Ramrod-Einheit erfolgreich durchgeführt.“ “Sehr schön!” kam es darauf von Shinjiro und Jarred versenkte währenddessen eine Kugel von Shinjiro und Saber fuhr weiter fort: “Wir haben ein Objekt vorgefunden, eine Kugelform, welches kontinuierlich dieses Signal gesendet hat, mit einer uns unbekannten Verschlüsselung, es befindet sich auf Pectos und wird dekontaminiert, das soll nach Aussagen der Wissenschaftler 10 bis 14 Tage dauern.” beendete Saber seinen Bericht.
“Danke Mr. Lancelot, wir warten ab!” sagte Hikari. Saber nickte, es würde ihnen eh nichts anderes übrig bleiben, in dieser Situation. “Gibt es sonst noch etwas betreffend des Oberkommandos?” fragte der Japaner. Saber trat wieder an den Tisch: “Ja, es gehen Gerüchte der unschönen Art herum und auch zur Unterwanderung, einige der uns bekannten Generals agieren bereits schon auf Yuma. Und laut den Aussagen von Mr. Wilcox ist ein gewisser Timothy Dooley, ein bekannter Kopfgeldjäger, der ebenfalls darin verwickelt ist.“ Jarred sah auf und fixierte eine halbe Kugel von Hikari an. “Kopfgeldjäger tauchen immer da aus, wo es auch etwas zu holen gibt…” kam es von Jarred, Hikari nickte: “Also ist Mr. Wilcox jetzt drinnen?” Saber bestätigte dies: “Und es ist besorgniserregend, Sie wussten alles, selbst sehr private Dinge!” Hikari sah zum Schotten vor sich ernst an: “Wie verfahren sie damit?” Saber stellte seinen Queue ab: “Mr. Wilcox und ich haben unsere Partnerinnen in Sicherheit gebracht!” Captain Hikari überlegte und sah zu Jarred, der ihn zu nickte und sah darauf wieder Saber an: „Gut“, sagte er leise und stützte sich mit einer Hand am Rand des Billardtisches ab und er folgte Jarreds spiel.
Das Queue des Königs traf die weiße Kugel, Klack und das Aufeinandertreffen der beiden Kugeln hallte ungewöhnlich laut durch den Raum und in Shinjiros Kopf. Als die Kugeln erneut zusammenstießen, zerbrach der Moment. Bilder schossen durch seinen Geist, grell, unzusammenhängend, wie Splitter eines zerbrochenen Spiegels. Eine Hochzeit, weißer Stoff im Wind, ein Lächeln, ein Versprechen. Klack. Ein Kreuz, dunkel gegen einen grauen Himmel. Klack. Ein rotes spielzeuguto in einer Kiste. Klack. Kleine Schritte auf unsicheren Beinen, sein Sohn, der die Arme ausgestreckt, als wolle er die ganze Welt umarmen. Der Klang der Billardkugeln vibrierte schmerzhaft in seinem Kopf, als würde jeder Zusammenstoß eine weitere Erinnerung aufbrechen.
„Shinjiro!“ hallte eine Stimme neben ihm fest und fordernd. Er blinzelte zweimal und sah irritiert in Jarreds Gesicht. Saber, der schräg hinter den beiden gestanden hatte, beobachtete die Szene aufmerksam. Der König hatte Captain Hikari bereits drei- oder viermal angesprochen, doch dieser hatte nicht reagiert, als stünde er noch irgendwo anders weit entfernt von diesem Raum.
Der junge Schotte trat zwei Schritte näher heran. Sein Blick wanderte kurz zwischen den beiden Männern hin und her. „Ist alles in Ordnung?“ fragte Jarred und musterte Shinjiro, der ihn immer noch ansah, als ob es ihm jetzt wieder bewusst wurde, wo er war. “Ja … ” sagte er und musterte Jarred skeptisch vor sich. “Du bist dran!” sagte der König. Saber zog fragend seine Augenbrauen zusammen, irgendetwas stimmte hier gerade nicht!
#6 Pectos
„Das war kein Blitz, Daddy“, sagte April und gab ihrem Vater das Tablet. Charles nickte langsam, während sie den Korridor entlang gingen. Sein Blick glitt über die schmale Linie der Messkurve auf dem Display: „Aber was dann?“ fragte er, denn er wurde aus der Anzeige nicht wirklich schlau, für ihn sah die Abweichung aus wie ein gewöhnlicher Ausschlag, etwas, das bei empfindlichen Messgeräten immer wieder vorkam.
April antwortete nicht sofort, stattdessen betrat sie die Schleuse zum Labor. Die schweren Magnettüren schlossen sich hinter ihnen mit einem Zischen, während die sterile Luft des Hochsicherheitsbereichs durch die Kammer strömte. In ihrem Kopf hatte sich gerade ein Gedanke endgültig festgesetzt. Wenige Augenblicke später stand sie wieder vor der Helix-Sicherheitsvitrine, das kalte Licht des Labors spiegelte sich im Glas, während die zerlegte Kamera reglos darunter auf dem Edelstahltisch lag. April zog sich erneut die schwarzen Schutzhandschuhe über und griff in die Vitrine. „Wir müssen jetzt herausfinden, was dieser angebliche Blitz wirklich war, Daddy.“ Charles nickte und verschränkte kurz seine Arme: „Deswegen sind wir hier.“ April deutete auf das Tablet, da schau: „Ein normaler Kamerablitz arbeitet im sichtbaren Spektrum, also weißes Licht, manchmal leicht im ultravioletten Bereich, je nach Technologie. Aber im Grunde bleibt alles im Bereich dessen, was unsere Augen wahrnehmen können.“ Charles nickte, tippte auf die Anzeige und vergrößerte die Kurve. Und April sprach weiter, während sie den Korpus der Kamera vorsichtig in ihre Hände nahm: „Strahlung ist im Prinzip nur Energie in Form von Wellen“, erklärte sie ruhig. „Radiowellen, Mikrowellen, Infrarot, sichtbares Licht, Ultraviolett … alles das Gleiche. Nur unterschiedliche Wellenlängen.“ Charles nickte langsam und hob seine Augenbrauen: „Bis hierhin komme ich noch mit.“ sagte er und stimmte seiner Tochter zu.
“Zoomte weiter hinein, Daddy, dann siehst du, dass der Ausschlag auf der Kurve deutlich außerhalb des sichtbaren Bereichs liegt. Charles tat, was ihm gesagt wurde, doch der deutliche Bereich, den seine Tochter meinte, war für ihn weiterhin minimal. April erklärte und setzte einen Adapter an den Korpus. „Je kürzer die Wellen werden, desto energiereicher wird die Strahlung, erst kommt die Röntgenstrahlung … und danach Gamma.“ Charles hob seinen Blick und sah zu seiner Tochter, und ein schiefes, leicht amüsiertes Lächeln huschte über sein Gesicht. „Das ist die Sorte Strahlung, bei der man normalerweise einen sehr schlechten Tag hat, richtig?“ April hielt kurz in ihrem Tun inne und sah zu ihrem Vater: „Einen sehr schlechten, ja.“ bestätigte sie. Charles nickte, doch dann wurde sein Blick wieder ernster, als er erneut auf die Messkurve sah: „Liebling, du willst mir also sagen, dass der Blitz dieser Kamera …“ April drehte vorsichtig an dem Ring, der eigentlich nur für die Fokuseinstellung gedacht war: „… kein Licht war“, sagte sie nickend: „Sondern hochenergetische Strahlung, Daddy.“ und sie hob die Kamera ein Stück an und drehte die Einstellung weiter. Im Inneren der Linse flackerte plötzlich ein schwaches Leuchten auf, kaum mehr als ein Hauch, ein farbloses Schimmern, das sofort wieder verschwand, Charles blickte irritiert. Auch April legte ihre Stirn in Falten, schließlich war eine Linse dafür gebaut, Licht zu bündeln und nicht, selbst eine Lichtquelle zu sein. „Mach weiter“, sagte Charles ruhig und ließ den Blick nicht von der Optik. Millimeter für Millimeter drehte April weiter, ihre Bewegungen waren extrem vorsichtig und gleichzeitig behielt sie die Messanzeigen auf dem Monitor vor sich im Auge. Zuerst geschah nichts, dann erschien auf der Kurve ein kaum sichtbarer Ausschlag, eine kleine Welle und April hielt inne: „Da…“ sagte sie und die Linie vibrierte, wie ein leiser Impuls. “Ok, jetzt dreh den Ring ganz langsam nach vorn“, kam es flüstern und angespannt von Charles. April blickte abwechselnd zur Kamera und wieder zum Monitor, die Linse begann wieder zu glimmen, aber diesmal etwas deutlicher.
Die Messkurve reagierte sofort, mehrere kleine Wellen erschienen hintereinander, sauber aufgereiht, fast wie ein Herzschlag. Charles beugte sich näher zum Monitor: „Das ist kein Zufall.“ April presste ihre Lippen aufeinander und drehte noch einen winzigen Tick weiter. In diesem Moment explodierte ein kurzer, intensiver Lichtimpuls aus der Linse, nicht besonders hell, aber stark genug, um das Glas der Vitrine kurz aufblitzen zu lassen. Und die Messanzeigen sprangen schlagartig nach oben. April zuckte vor Schreck zusammen und hätte die Kamera beinahe fallen lassen. Für einen Moment herrschte völlige Stille, die Kurve auf dem Monitor schlug noch einmal hoch aus und stabilisierte sich dann wieder. April und ihr Vater sahen sich an, was war hier gerade geschehen?
„Das war kein Zufall“, sagte Charles leise, April blickte wieder zur Linse der Kamera. Das schwache Glimmen im Inneren pulsierte noch einmal, fast so, als hätte das Gerät gerade auf etwas reagiert, oder auf jemanden. April schluckte, sagte aber nichts, stattdessen hob sie ihre Hand ein Stück an, und die Messkurve reagierte sofort. „Daddy…?“ kam es fast hilfesuchend von ihr. Charles folgte ihren Bewegungen: „Was ist?“ April stellte die Kamera ganz vorsichtig wieder auf den Tisch unter der Vitrine. Ihre Finger lösten sich langsam aus dem Gehäuse und sie zog ihre Hände langsam aus dieser heraus. Charles blickte zu den Anzeigen, dann zu seiner Tochter und sagte ruhig, „Das ist keine Kamera, sondern eine Waffe.“ April nickte und sie warf einen Blick auf die Messkurven, „Und Zwar eine ganz gefährliche..” sagte sie leise..
#7 Herrenvilla
Captain Lorenz wurde angekündigt und betrat kurz darauf das Büro, er salutierte und ging dann direkt auf Captain Hikari zu: “Haben Sie deine Wehrlosigkeit gleich ausgenutzt?” und zeigte auf dessen neue Frisur. “Steht dir und die Brille auch!” Shinjiro sah zu Jarred und dem schottischen Major, die grinsten.
“Es gibt Neuigkeiten, auf der Kamera des Fotografen vom Rollfeld war nicht ein Bild zu finden!” Jarred ging zu Captain Lorenz: “Und die, von vor drei Tagen aus dem Hangar?“ fragte der König. Lorenz schüttelte mit seinem Kopf: “Die wird noch immer auf Pectos untersucht.” Saber nickte und hoffte, dass April und Eagle da bald Ergebnisse liefern würden und überflog die Verhöre, welche General Whitehawk heute angefangen hatte: “Und die so genannten Fotografen hüllen sich in eisernes Schweigen!” sprach er vor sich.
Hikari stieß eine rote 8 von Saber ins Aus und schaute darauf in die Runde: “Nehmt diesen Lieutenant Delweg fest und stellt ihn unter Arrest, eine Woche sollte reichen.” Saber und Captain Lorenz sahen überrascht zu Hikari. König Jarred hatte gerade seinen Queue an den Billardtisch gelehnt und verschränkte darauf seine Arme vor der Brust und überlegte. Saber trat einen Schritt nach vorn: “Sir, ich denke, dass das keine gute Idee ist.” Lorenz stimmte den Schotten zu. Hikari fixierte eine Kugel an und stieß diese knapp neben das Loch und verzog sein Gesicht, er richtete sich auf und schaute seine beiden Stabsmitglieder an: “Warum?” fragte er ernst! “Nun, es könnte die falsche Antwort, auf die Sache gerade sein.” kam es von Lorenz besorgt: “Denn nachdem Du Jonnsons suspendiert hattest, wollte man dich ausschalten!”
Captain Hikari lehnte sich gegen den Tisch und fragte Lorenz ernst: “Also lassen wir alles geschehen, nur weil etwas passieren könnte, oder wie soll ich das jetzt verstehen?” Lorenz ging sich durch seine aschblonden Haare. Saber sah zu Lorenz, dann zum König und überlegte, was das für ein Schachzug sein soll, und drehte sich zu Captain Hikari: “Ich werde ihn festnehmen, Sir!” kam es plötzlich entschlossen von dem Highlander. Lorenz sah jetzt erstaunt zu Saber: “Bitte?”
Und Captain Hikari hob überrascht seine Augenbrauen und sah den jungen entschlossenen Major vor sich an: “Sehr schön, soll ich den Befehl unterschreiben oder machen Sie das selbst, Major Lancelot?” Saber nickte, Jarred nickte. Lorenz warf seine Arme in die Luft: “Toll, klärt mich bitte jemand auf!”
Ihr Part Major Lancelot, Saber nickte und sprach: “Nun, wenn wir Delweg jetzt festnehmen, zeigt das von unser beider Kompetenz, er hatte sie kontaktiert und sein Captain mich, nehmen wir in fest, bedeutet das, dass wir die Sache in Griff haben und keine Störenfriede dulden, auch wenn der First-Grad nicht anwesend im Oberkommando ist!” erklärte Saber. Lorenz riss seine Augen auf: “Also ein Exempel, das uns Zeit gibt!” Shinjiro grinste: “Ich habe den Groschen fallen gehört, ihr auch?” Lorenz verzog sein Gesicht und kommentierte es mit: “Mhm …!” Saber ging zum Tisch und schaute wie die Kugeln lagen.
Jarred stand auf: “Ich würde sagen, wir verlegen alles weitere auf morgen.” und beendete somit das Treffen. Captain Hikari verabschiedete sich darauf, sichtlich erleichtert und abrupt und verließ das Büro. Lorenz sah ihm nach und ging daraufhin zu Saber: “Was ist los?” fragte er, Jarred schloss die Tür und sah in die fragenden Gesichter: “Wir senken das Cortisol medikamentös, das geht am schnellsten.” erklärte Jarred kurz und bündig. Lorenz und Saber verstanden. Saber war sich allerdings nicht so sicher, von Medizin hatte er keine große Ahnung, aber diese schnellen Leistungsabfälle und die Situation vor gerade mal einer halben Stunde machten ihm ein ungutes Gefühl. “Eure Hoheit, ist das auch sicher?” äußerte Saber nun doch seine bedenken. “Ich übernehme die Verantwortung, ansonsten ist alles von meinem Arzt abgesegnet worden!” Saber atmete still tief ein: “Nun gut, wenn sie meinen!” sagte Saber ernst und schaute kurz aus dem Fenster.
“Wann wollen Sie Lieutenant Delweg festnehmen?” wechselte der König das Thema. “Wir werden ihm zum richtigen Zeitpunkt bekommen!” versicherte der Schotte. Jarred stand auf: “Gut!” Saber salutierte und drehte sich um, Lorenz verabschiedete sich ebenfalls und die beiden verließen das Büro. Lorenz und Saber gingen die Treppe hinunter und unterhielten sich, sie traten aus der Villa hinaus und davor stand das Auto von Captain Hikari an diesem lehnte Fireball und hatte seine Pods in den Ohren und seine Arme vor der Brust verschränkt und schien vor sich her zu träumen.
Saber und Lorenz grinsten und traten an den jungen Japaner heran, Lorenz nahm ihm ein Pod aus seinem Ohr und Fireball erschrak ein wenig. “Steht dir so ein Auto!” sagte Lorenz breit grinsend. Fireball, der sich noch von seinem Schreck erholte, begrüßte die beiden erst einmal und fragte: “Was ist los?” und zeigte hinter sich auf die Villa. Lorenz und Saber sahen sich an und darauf zu Fireball, dieser merkte, dass die beiden auch nichts wussten und erklärte. “Der Arzt ist bei meinem Vater, und ich werde hier mal wieder außen vor gelassen.” fügte er seiner Erklärung noch etwas gereizt an. Sabers Augenbrauen zogen sich zusammen und schaute auf die Villa.
“Dann war das Meeting wohl schon zu viel gewesen.” stellte Lorenz fest. Saber nickte und sah zu Fireball, der sich den zweiten Pod aus seinem Ohr nahm. Saber merkte, dass sich bei Fireball etwas zusammenbraute, das kannte er und sollte entschärft werden! Oft hatte er es auf Ramrod erlebt, wenn er im Leerlauf war oder nicht genug wusste, um handeln zu können. Royu trat aus dem Eingang der Villa und ging zu der kleinen Gruppe, sie sahen ihn erwartungsvoll an, begrüßten ihn aber erst einmal. “Es geht ihm wieder besser und sah seinen Neffen entschuldigend an.” dieser nickte nur still. “Geduld kurzer, das wird wieder!” kam es von Lorenz optimistisch! “Bei Geduld war er nicht anwesend, als die verteilt wurde.” kommentierte Royu und öffnete das Auto und holte etwas heraus.
Saber ging einen Schritt auf seinen Freund zu und sagte: “Ich treffe mich heute mit Colt.” Fireball verstand: “Ich würde gerne, aber ich habe neuerdings einen Babysitter und zeigte auf Royu, der sich in diesem Moment aus dem Auto erhob und seinen Neffen ernst ansah.” Saber musste grinsen: “Dann kommt ihr beide!” Royu nahm die Tasche und schloss die Autotür und ging wieder in die Villa. Saber sah dem Bruder des Captains fragend nach, Fireball sagte: “Ok!” und schaute darauf fragend zu seinem jungen Freund. “Gut, das muss wohl wieder etwas nonverbal japanisches gewesen sein, was er nicht mitbekommen hatte.” Saber nickte: “Gut, bis nachher!” verabschiedeten sie sich.
Im Auto fragte Lorenz: “Was hältst du von der ganzen Sache, Richard?” Saber blinkte und gliederte sich in den Stadtverkehr ein: “Von welcher genau?” hakte der Schotte genauer nach. Lorenz steckte seinen Communicator ein: “Der Abgang!” Saber verstand, was Lorenz meinte, es war ihm also auch nicht entgangen. “Ich hoffe, es wird nicht auf Biegen und Brechen versucht, ihn so schnell wie möglich irgendwie wieder fit zu bekommen!” sprach Saber nun seine Gedanken aus. “Es ist jedoch gerade das Wichtigste!” kam es darauf von Lorenz. Saber hielt an einer Ampel und sah neben sich zu dem Captain der Air Base: “Er ist kein Roboter!” kam es vom Schotten ernst! Lorenz schaute den Major neben sich an: “Das ist mir klar, aber wir brauchen ihn aber im Oberkommando, wenn sie unterwegs mit ihrer Einheit sind und ich mit der Air Base. Im jetzigen Zustand ist das KOK nicht zu 100 Prozent einsatzbereit und das wissen sie, ich und auch die, die dafür verantwortlich sind. Wir sind angreifbar, und das im wahrsten Sinne des Wortes!” erklärte Lorenz: „Und Captain Hikari weiß es selbst auch!”
Saber nickte, natürlich war er sich dessen bewusst und schaute wieder auf die Straße. 10 Minuten später setzte er Lorenz im Oberkommando ab und fuhr dann nach Hause, um mit Sincia zu telefonieren, die vor circa zwei Stunden bei seinen Eltern angekommen sein müssten.
#8 Pectos Waffenlabor
Da die Kamera inzwischen eindeutig als Waffe identifiziert worden war, wurde sie unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen in ein spezielles Weapon-Labor gebracht. Der Transport allein hatte mehrere Freigaben benötigt: bewaffnete Sicherheit, eine abgeschirmte Transportkapsel und eine automatische Energieüberwachung, die jede kleinste Aktivität des Geräts registrierte. Die Zeit der Überführung hatten April und Charles genutzt, um sich auszuruhen. April war tatsächlich in dem kleinen Quartier eingeschlafen, das Bett war wider erwarten doch ganz bequem gewesen. Jetzt sehnte sie sich nach einer Dusche und ein gutes Essen, um gestärkt an die Kamera zu gehen, in ihrem Kopf kreiste es nur so von Theorien, doch sie fragte sie auch, wo und vor allem wer hatte die Möglichkeit, solch eine Waffe herzustellen?
Das Waffenlabor selbst wirkte völlig anders als der analytische Forschungsbereich. Hier war alles schwerer, massiver, der Raum, in dem sie stand, war extra dafür gebaut worden, Dinge zu untersuchen, die jederzeit gefährlich werden konnten. Die Wände bestanden aus mehrschichtigen Verbundplatten, verstärkt mit einer inneren Energieschicht, die Strahlung und kinetische Impulse absorbieren konnte. Die Instrumente wirkten robuster, weniger filigran als im Forschungslabor, dafür um ein Vielfaches leistungsfähiger. Jedes Messsystem war doppelt vorhanden, jedes Sicherheitssystem dreifach. In den Boden eingelassene Leitungen versorgten die Messgeräte mit stabilisierten Energieflüssen, während über ihnen holografische Anzeigen langsam ihre Daten aktualisierten. Und hinter mehreren Schichten aus verstärktem Spezialglas ruhte die Kamera nun in einer neuen Halterung. Mechanische Greifarme hielten sie fest, sodass sich selbst bei einer plötzlichen Aktivierung nichts bewegen konnte. Rings um das Objekt waren Messsonden angeordnet, die jede Form von Strahlung, Energie oder Feldveränderung registrieren sollten.
April stand vor der Hauptkonsole und betrachtete die Anzeigen. Das sterile Licht des Labors spiegelte sich in der glatten Oberfläche des Kontrollpults. Charles trat neben seine Tochter und sah durch die Schutzscheibe auf das kleine Gerät: „Kaum zu glauben“, murmelte er, denn die Kamera wirkte dort drinnen fast harmlos. „Okay, dann das Ganze noch einmal …“, sagte sie und aktivierte die Greifarme. Die metallenen Manipulatoren bewegten sich präzise und ruhig, griffen nach den Kamerakorpus und drehten ihn langsam in die gleiche Position wie zuvor. Mit einem kurzen Befehl löste sie die Linse aus der Halterung und brachte sie in den Fokus der Messsonden. Auf den Monitoren erschienen sofort neue Datenreihen. „Die Messsysteme sind stabil“, murmelte Charles und überprüfte die Anzeigen, „Keine aktive Strahlung.“ April nickte und ließ einen der feineren Greifarme nach vorne fahren. Die Spitze setzte vorsichtig am Einstellring der Linse an. „Wenn das wirklich eine Art Emissionslinse ist“, sagte sie konzentriert, „muss sie auch eine Fokusposition haben.“
Langsam begann sie, den Ring Millimeter für Millimeter zu drehen. Die Anzeigen blieben zunächst ruhig. Dann erschien eine kleine Welle auf der Strahlungsmessung. Charles beugte sich näher zum Monitor. „Da ist wieder etwas.“ April drehte weiter und die Linse begann schwach zu glimmen, zuerst ein blasses, farbloses Schimmern im Inneren der Optik: „Interessant …“, flüsterte sie und justierte die Einstellung ein weiteres Stück, als würde sie versuchen, die Schärfe eines Bildes zu finden. Und dann geschah es, mit einem plötzlichen, lautlosen Impuls brach aus der Linse ein intensiver Lichtblitz hervor, nicht wie ein gewöhnlicher Kamerablitz, sondern als würde die Energie sich aus sich selbst heraus entfalten. Das gesamte Waffenlabor wurde für den Bruchteil einer Sekunde in gleißendes, kaltes Licht getaucht. Die Schutzscheibe der Testkammer flammte auf und auf allen Monitoren schlugen die Messkurven gleichzeitig nach oben aus. „April—!“ und die Anzeigen sprangen in den roten, nicht mehr messbaren Bereich.
WARNUNG – ENERGIEANSTIEG – UNBEKANNTE STRAHLUNGSQUELLE
Und selben Moment heulte der Alarm auf, Rote Warnlichter begannen durch das Labor zu rotieren, während die Sicherheitssysteme automatisch reagierten. April ließ die Greifarme los und sah sich erschrocken um. Die Greifarme froren in ihrer Position ein und automatische Schutzschilde fuhren über die äußeren Messmodule. Charles starrte auf die Anzeigen: „Das Ding speist sich selbst!“ April stand regungslos vor der Konsole und ihr Blick war auf die Kamera gerichtet, wo im Inneren der Linse ein helles, farbloses Licht pulsierte … April flüsterte: „Das ist kein Licht.“ Charles sah sie an, während das rote Warnlicht über die Metallflächen des Labors rotierte. „Was dann?“, fragte er leise.
April starrte auf die Messkurven, wo sie mehrere Diagramme übereinander legte, doch keines entsprach einem bekannten Strahlungsmuster: keine elektromagnetische Welle, keine Teilchenstrahlung, keine thermische Emission. Sie tippte weitere Befehle in die Konsole und vergrößerte das Signal. April atmete langsam ein: „daddy… Das sind… Delta-Wellen.“ Charles runzelte etwas ungläubig seine die Stirn: „Delta-Wellen? Die gibt es doch nur im Gehirn.“ April nickte kaum merklich und sie ließ das System eine Vergleichsanalyse laufen und griff auf die medizinische Datenbank zu und tatsächlich, die Kurven überlappten sich. Charles starrte auf die Anzeige und konnte es nicht fassen: „Dieses Ding sendet Gehirnwellen?“ Doch seine Tochter schüttelte mit ihrem Kopf, „Nein.“ und sie deutete auf das Zentrum der Analyse: „Es erzeugt etwas, das mit ihnen resoniert.“
April flüsterte das Wort, das ihr plötzlich durch den Kopf ging: „Lumen.“ Charles sah sie an: „Lumen?“ – „Nicht das Licht“, erklärte sie leise: „Sondern eine Energieform jenseits des elektromagnetischen Spektrums.“ Sie vergrößerte die Anzeige, wo die Delta-Wellenstruktur stabil blieb. „Lumen-Delta-Wellen.“ und Charles blickte wieder zur Kamera. April sah auf die Kurven und dann langsam zu ihrem Vater, „Diese Wellen greifen nicht den Körper an.“ und eine kurze Pause entstand zwischen den beiden, „Sie greifen das Gehirn an.“ Der Alarm im Labor heulte weiter, doch beide starrten nur noch auf die Kamera, wo die Linse pulsierte immer im gleichen Rhythmus wie ein menschliches Gehirn im Delta-Zustand. Und April sprach kaum hörbar: „… diese Waffe zielt nicht auf Materie, sondern auf das Bewusstsein.“ Charles sah abwechselnd auf die Anzeige und auf seine Tochter. April schluckte, „Wenn diese Energieform sich mit den Delta-Frequenzen des Gehirns koppeln…“, begann sie und rang kurz nach Worten, „Dann kann sie direkt auf die tiefsten Ebenen des Bewusstseins zugreifen.“ Charles’ Blick wurde ernst: “Fass alles zusammen, ich nehme Kontakt zu General Whitehawk auf!” sagte er und April nickte entschlossen und ließ den Blick durch das Waffenlabor schweifen, in dem die roten Warnlichter immer noch über die metallenen Wände rotierten, während der Schrille zwar leiser geworden war, aber eben immer noch da war. „Okay …“, murmelte sie und sah sich suchend um: „Und wo stellt man diesen Alarm aus?“ Charles sah sie an, April zuckte mit ihren Schultern und musste plötzlich grinsen: „Wir entdecken hier gerade einen völlig neuen Waffentyp“, sagte sie trocken, „aber haben keine Ahnung, wo hier der Knopf ist, um diesen verdammten Alarm auszuschalten.“ Charles konnte sich ein kurzes Lächeln nicht verkneifen: „Das nennt man Prioritäten, April.“ Sie trat an eine der Konsolen und begann hektisch durch die Menüs zu scrollen. Überall blinkten Warnanzeigen, Sicherheitshinweise und automatische Diagnoseprogramme. „Sehr hilfreich“, murmelte sie, Charles trat neben sie und musterte die Anzeigen mit der Gelassenheit eines Mannes, der schon einige technische Katastrophen erlebt hatte: „Versuch’s mit dem Hauptsicherheitsprotokoll.“ und April öffnete ein weiteres Menü.
#9 Yuma
Hitomi saß neben ihrem Mann, der wieder ruhiger wurde, als sie angekommen war, war er nervös und unruhig gewesen. Ein Zustand, den er selbst nicht hatte stoppen können, der Arzt hatte ihm etwas gegeben, um ihn wenigstens etwas zu beruhigen. Shinjiro stand abrupt von seinem Platz auf und löste die Uhr von seinem Handgelenk als würde sie ihn plötzlich stören. Dann drehte er sich zu Hitomi, die ihn still beobachtete. Als sie seinen Blick sah, stand auch sie auf und ging zu ihm.„Was ist los?“ fragte sie leise und wollte ihn in den Arm nehmen, doch Shinjiro schüttelte mit seinem Kopf und wich einen halben Schritt zurück: „Ich weiß es nicht.“ und fuhr sich nervös durch die Haare und begann wieder im Zimmer auf und ab zu gehen. Seine Schritte waren unruhig, ja fast gehetzt, als versuche er einem Gedanken zu entkommen, der ihm dicht auf den Fersen war. Hitomi blieb stehen und beobachtete ihn mit wachsender Sorge. Plötzlich blieb er stehen und sah sie an, seine Stimme war leiser als sonst: „Ich habe manchmal Dinge vor Augen… die nie passiert sind.“ Hitomi zog fragend ihre Augenbrauen zusammen und ging langsam zu ihm: „Von welchen Dingen redest du?“ fragte sie vorsichtig, jetzt machte er ihr wirklich Angst. Shinjiro sah sie an, als er selbst noch mit den Worten ringte. In seinem Blick lag etwas, das sie so noch nie bei ihm gesehen hatte.
„Bilder… Ereignisse“, sagte er schließlich, „Sie sind wie Erinnerungen, aber ich weiß, dass sie nicht echt sind.“ Er schluckte und dachte nach: „Zum Beispiel… ich habe nie ein Tor geschossen.” und sein Blick wanderte zur Tür, als müsste er sich kurz orientieren, wo er eigentlich war. Dann trat er wieder auf Hitomi zu und seine Stimme wurde noch leiser: „Und ich habe nie gesehen, wie Shinji laufen gelernt hat.“ – „Aber ich habe es gesehen.“ Seine Stirn zog sich zusammen: „So, als wäre ich dabei gewesen.“
Hitomi sah ihm an, wie sehr ihn das alles durcheinanderbrachte, seine Unruhe, und die suchenden Blicke, das ständige Innehalten, als würde er versuchen, einen Gedanken zu greifen, der ihm immer wieder entglitt. Ihr selbst ging es mit dem, was sie sah und was er gesagt hatte, nicht viel besser.
Da klopfte es an der Tür und Royu trat ein. In den Händen hielt er Shinjiros Sachen, sowie sein Notebook und den Communicator. Ohne viel Aufhebens legte er beides ordentlich auf dem Schreibtisch ab. Shinjiro ging sofort zum Tisch und nahm den Com an sich und sah zu seinem Bruder: „Den habe ich dir abgenommen“, erklärte Royu darauf, „Nicht, dass er noch irgendwo verschwindet.“ Shinjiro nickte nur knapp, doch sein Blick blieb an seinem Bruder hängen, denn etwas arbeitete sichtbar in ihm. „Haben wir als Kinder mal einen Drachen steigen lassen?“ fragte Shinjioro unvermittelt und Royu hielt mitten in einer Bewegung inne, als hätte jemand kurz die Zeit angehalten, „Was?“ Hitomi beobachtete die beiden schweigend und Royu dachte jetzt nach und legte seinen Kopf leicht schief: „Ich glaube nicht“, sagte er schließlich: „Wie kommst du jetzt darauf?“ Shinjiro sah kurz zu Hitomi, dann wieder zu seinem Bruder. Und im nächsten Moment riss er plötzlich die Augen auf, als hätte sich ein Gedanke mit Gewalt seinen Weg gebahnt und aktivierte seinen Communicator.
Royu sah fragend zu Hitomi, sie schaute den jüngeren der beiden nur an und atmete einmal tief ein. “Wo ist Shinji?” wollte Shinjiro jetzt wissen: “Er ist unten!” sagte Royu, “Er trifft sich heute Abend mit Mr. Lancelot und Mr. Wilcox!” Shinjiro nickte etwas resignierend, hatte er doch gestern seinem Sohn versprochen, mit ihm zu reden.
Royu ging zur Tür: “Ich gehe zu ihm und warte auf dich!” und sah zu Hitomi und verließ das Zimmer.
“Er wird es verstehen, ich schicke ihn morgen Mittag vorbei, dann habt ihr Zeit!” versuchte Hitomi Shinjiro zu beruhigen, der eine wahnsinnige Unruhe in sich hatte und nicht wusste, wohin mit sich. Hitomi trat zu ihm, ohne Hast und ohne Druck, deutete sie ihn an, sich hinzulegen. Langsam legte er sich hin und Hitomi setzte sich zu ihm auf die Bettkante, behutsam strich sie ihm durch die Haare, von der Stirn bis in den Nacken, wo ihre Finger kurz verweilten. Dann begann mit ruhigen, gleichmäßigen Bewegungen die verspannte Muskulatur zu massieren. Sie sagte nichts, kein Trostwort, keine weitere Frage, einfach nur ihre Nähe und während ihre Finger weiter sanft seinen Nacken massierten, sah sie ihn an und dachte über das, was er ihr erzählt hatte, nach. Bilder, die nie passiert waren und Erinnerungen, die keine sein konnten. Langsam spürte sie, wie er ruhiger wurde, auch sein Atem wurde tiefer und gleichmäßiger. Der Sturm in seinem Inneren ließ nach, ihre Berührungen waren warm und ruhig, ein stiller Gegenpol zu dem Sturm in seinem Kopf.
Royu war bereits auf dem Weg nach unten, als hinter ihm eine Stimme erklang. „Royu.“ Er blieb stehen und drehte sich langsam um und blickte in das ernste Gesicht von König Jarred, der oben am Treppenaufgang stand. Für einen Moment sagte keiner von beiden etwas. Dann deutete der König mit einer knappen Bewegung in Richtung seines Büros.
Im Büro blieb er zunächst in der Nähe der Tür stehen. Jarred dagegen stand mitten im Raum und hatte seine Hände hinter dem Rücken verschränkt. Als er bemerkte, dass Royu nicht näher kam, drehte er sich langsam zu ihm um: „Du bist dagegen, es medikamentös zu machen.“ kam es von Jarred feststellend, Royu ließ seinen Blick kurz durch den Raum wandern, dann nickte er: „Ja, aus gutem Grund.“ und deutete zur Tür, dorthin, wo Shinjiros Zimmer war: „Was sagt er selbst dazu?“ fragte Royu ungewohnt fordernd. Jarred antwortete nicht, aber sein Blick blieb ernst. Auf Royus Gesicht erschien für einen flüchtigen Moment ein kurzes, schiefes Lächeln, eines, das mehr Bitterkeit als Humor enthielt und es verschwand genauso schnell wieder.
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