10.217 Wörter, 54 Minuten Lesezeit.
Joshua
Colt und Robin hatten kaum die Augen geschlossen, da riss der Wecker sie auch schon wieder aus dem Schlaf. Denn schon in zwei Stunden würde Robins kleiner Bruder Joshua am Flughafen landen.
Die Ankunftshalle war erfüllt vom Stimmengewirr der Menschen, Durchsagen hallten und das Rollen der Koffer über blanken Boden unterstrich, das Ambiente. Robin streckte sich immer wieder, sie wollte die Erste sein, die Joshua entdeckte. Colt sah es gelassener, es gab schließlich keine anderen Ausgang an diesem Gate, doch Robin holte ihn aus seinen Gedanken, als sie loslief, um ihren Bruder zu begrüßen, als er gemeinsam mit einer Flugbegleiterin aus der Tür trat.

Die Wiedersehensfreude war auf beiden Seiten riesig, Joshua war so aufgeregt von seinem Neuanfang in Yuma-City, der Big City überhaupt, zumindest war das aus der Sicht des achtjährigen so. Alles hier wirkte für ihn aufregender, bunter und viel größer als in dem kleinen, verschlafenen Tranquility auf der anderen Seite des Planeten Yuma. Die Vorstellung, eine neue Schule zu besuchen und dazu noch mit Robin und Colt zusammenzuwohnen, fand er unglaublich spannend. Es fühlte sich tatsächlich an, wie eine richtige Familie, die er sich so sehr wünschte.
Die Gardine bewegte sich leicht am geöffneten Schlafzimmerfenster und die frechen Spatzen vor dem Fenster machten Lärm. Die Sonne ärgerte Saber immer wieder durch seine geschlossenen Augen. Und so langsam spürte er das Pochen des vergangenen Abends in seinem Kopf nach. Er bewegte seinen Arm über das Bett und musste etwas enttäuscht feststellen, Sincia lag nicht mehr neben ihm. Er hatte offenbar so tief geschlafen, dass er nicht einmal bemerkt hatte, wie sie aufgestanden war.
Stöhnend öffnete er seine Augen, doch das Licht des neuen Tages war ihm gerade noch viel zu hell und die Spatzen da draußen nervten ihn. Schwerfällig drehte er sich auf die Seite und eine Packung Kopfschmerztabletten, auf denen ein Herz gemalt war, kam in sein Blickfeld, dazu eine große Flasche Mineralwasser. Er musste leicht grinsen, doch selbst das verursachte einen kleinen stechenden Schmerz in seinem Kopf. Er rollte sich auf die andere Seite des Bettes und setzte sich auf und griff nach der Packung Tabletten, von denen er gleich eine zu sich nehmen würde.
Wenig später zappte er sich durch die TV-Kanäle. Das Bett zu verlassen, gehörte noch nicht zu seinen Plänen. Im Fernsehen liefen noch Berichte von der Vereidigung, die er nur beiläufig betrachtete, während er immer wieder einnickte. Nach einer halben Stunde schaltete er den Fernseher aus, das ständige Gerede konnte er nicht länger ertragen. Schließlich stand er etwas grummelnd auf, schlurfte ins Wohnzimmer, nahm seinen Kommunikator vom Tisch und las seine neuesten Nachrichten.
Sincia war also gemeinsam mit Robin in der Stadt unterwegs, um noch einiges für Joshua zu besorgen. Colt hatte ihm auch bereits geschrieben: „Falls du nüchtern bist, wir sind ab 15 Uhr im Sportzentrum des Oberkommandos, Halle 3. Hombre ist auch da!“
Saber schüttelte grinsend mit seinem Kopf: „Was denkt der Cowboy, dass ich mir die Kante gegeben hätte, oder was?“ und er warf einen Blick auf die Uhr. Bis 15 Uhr hatte er noch gut zwei Stunden Zeit, das war genug, um zu duschen und etwas zu essen, dachte er, während er durch seine Wohnung ging und immer wieder mal über einen Karton steigen musste.
Ja, nicht nur beruflich würde sich einiges für ihn ändern, sondern auch privat, in drei Tagen würden Sincia und er in ein schönes Stadthaus unweit des Oberkommandos ziehen. Ein neues Kapitel begann für sie beide. Als er von den Kartons wieder auf sah, erschrak er sich kurz vor sich selbst, als er in den Spiegel im Flur schaute, okay Duschen und Rasieren würde sein Spiegelbild wieder im alten gewohnten Glanz erstrahlen lassen, hoffte er und ging ins Badezimmer.
Halle 3
Colt und Fireball saßen in der lichtdurchfluteten Sporthalle, die in verschiedene Bereiche unterteilt war. Halle 3 war für die Kampfsportarten vorgesehen, die das Oberkommando für seine Offiziere und auch für die Schüler der angeschlossenen Schulen anbot, darunter Fechten, Karate, Boxen und Kendo.

Joshua, der seit sechs Monaten in Tranquility Karate Unterricht hatte, sollte auch in den nächsten Tagen eine sportliche Prüfung ablegen und trotz seiner Ankunft heute morgen wollte er direkt heute schon mit seinem neuen Verein trainieren und Freunde finden. So hatten Colt und Fireball beschlossen, den Jungen zu begleiten, der Cowboy beobachtete den Achtjährigen mit einem stolzen Lächeln.
Joshua gab alles, man sah, wie viel er in den letzten Monaten gelernt hatte und Colt war sich sicher, dass er die mit links Prüfung schaffen würde. Und doch spürte der Cowboy ein leichtes Unbehagen bei dem Gedanken an das, was nun auf ihn zukommen würde. Schließlich trug er nicht nur Verantwortung gegenüber Robin, sondern plötzlich auch für ihren kleinen Bruder, der jetzt bei ihnen wohnen würde. Das war schon eine Nummer für sich. Colt vertraute da voll und ganz auf Robins weibliche Intuition, klar, er mochte Joshua wirklich gern, aber es war eben doch ein Unterschied, ob man gemeinsam ein paar Ausflüge machte oder plötzlich den Alltag miteinander teilte.

Colt schaute kurz neben sich, Fireball hing an seinem Kommunikator, bestimmt schrieb er mit Aaiko, die er heute Morgen am Raumhafen verabschieden musste: „Er sieht sie doch spätestens in drei Tagen wieder“, dachte Colt schmunzelnd und lehnte sich entspannt zurück. „Hach ja, die erste Liebe …“ und er erinnerte sich an Addison Simpson, ein Mädchen aus der Grundschule, die ihn immer dolle gekniffen hatte, aber trotzdem immer mit ihm Sandwiches getauscht hatte. Sie hatte seine Guavengelee Sandwiches gemocht und er ihre Erdnussbutter-, Marmeladen-Sandwiches. Er musste innerlich lachen, es war eine so schöne Erinnerung und er fragte sich, “was sie wohl heute macht?”
“So richtig in Fahrt kommen sie da nicht!”, riss ihn Royu, der nun plötzlich vor ihm stand aus seiner Erdnussbutterhaften Erinnerung. Colt blickte zur Seite und nickte ihm zur Begrüßung zu: “Davon habe ich keine Ahnung!”, gab er ehrlich zu und blickte weiter zum geschehen. Fireball lachte kurz auf, wandte sich dann aber wieder seinem Kommunikator zu. Colt sah seinen Kumpel fragend an und zuckte mit seinen Schultern. Er würde sich heute Abend auf jeden Fall ein Erdnussbutter-Sandwich gönnen, vielleicht sogar mit Kaktusmagelee.
Robin betrat die Halle, um Joshua abzuholen, die Stunde würde also gleich zu Ende sein. Colt stand auf und begrüßte sie. Danach begrüßte sie Royu und Fireball. “Habt ihr drei noch was vor?” fragte Robin, denn so ganz zufällig war dieses Trio wohl nicht hier zusammengekommen: Colt nickte: “Ja, wir wollen danach noch auf den Schießplatz.” erzählte er seiner liebsten. Robin nickte und schaute zu den Kindern, die Stunde war beendet und Joshua winkte ihnen zu und rannte schnell aus der Halle, um sich umzuziehen. Somit verabschiedete sich Robin wieder, sie würde im Auto auf Joshua warten und dann in die Stadt zurück zu Sincia fahren.
Ungefähr 15 Minuten später betrat auch Saber die Halle und der Schotte blickte sich erst einmal um. In den verschiedenen Bereichen waren noch einige Sportler aktiv. Es war Punkt 15 Uhr, und er entdeckte die drei Abgestellten, die so wirkten, als warteten sie auf etwas. Er trat grüßend an sie heran und fragte auch gleich: “Auf was wartet ihr?” Colt grinste und lehnte sich an die Wand der Halle: “Auf dich und Hombres Visitor-ID-Card. Denn ohne darf er nicht auf den Schießplatz!” Saber verstand und gesellte sich zu den drei Wartenden.
Einige Minuten später öffnete sich die große, schwere Hallentür und Captain Hikari trat gemeinsam mit seinem Vater ein und überreichte seinem Sohn die ersehnte Visitor-ID-Card. Nun konnte es auf den Schießplatz gehen und alle machten sich auf den Weg nach draußen.
Kendo
Ein lauter Knall hallte durch die Halle, alle stoppten und drehten sich dem Lärm zu. Royu hatte ein Bokutō, den Holzstab, der beim Kendo verwendet wird, mit etwas mehr Schwung als beabsichtigt direkt vor Captain Hikaris Füße geworfen. In Royus Gesicht konnte man klar und deutlich ein: “Ups!” ablesen. Colt fragte etwas belustigend zu Saber: “Stirbt er jetzt?” Saber musste grinsen. Denn die Blicke von Captain Hikari und dessen Vater waren eher strafend, als belustigend. Fireball trat neben Colt und beobachtete das Geschehen.
Captain Hikari hob das hölzerne Schwert auf und sah es an. Royu grinste, als Shinjiro zu ihm schaute: “Lauf!” sagte Shinjiro leise und leicht drohend Richtung seines Bruders und ging langsamen Schrittes auf ihn zu. Royus grinsen, verschwand und blickte hinter sich, schließlich war er unbewaffnet und sein Bruder kam immer näher, er würde doch nicht?
Saber trat an Fireball heran: “Was ist denn los?” – “Royu hat ihn herausgefordert.” erklärte Fireball seinem Freund. Saber verschränkte seine Arme und beobachtete, was da gleich geschehen würde, so ein Schwertkampf am Nachmittag hatte schließlich schon was.
Royu war mittlerweile ins Japanische gewechselt und redete auf seinen Bruder ein, der ihn immer noch geradewegs verfolgte. Er wagte es nicht, Shinjiro den Rücken zuzudrehen. Fireball und sein Großvater lachten leicht. “Hey, das war nur ein Spaß! Ich bin unbewaffnet, du wirst doch nicht …!?” versuchte er, Shinjiro zu stoppen.
Saber musste etwas schmunzeln, obwohl er nichts verstand, doch die Szene hatte etwas komisches. Shinjiro wurde schneller und Royu beim Zurückweichen ebenso, er sprang auf einen Judo-Matten stapel. Shinjiro schlug nach dessen Füßen: “Hey, lass das!” rief er und sprang vom Mattenstapel. “Da sind Zeugen!” und er zeigte auf Colt und Saber und stolperte dabei fast.
Fireball übersetzte, Saber und Colt mussten etwas auflachen, Shinjiro sah zu den Schotten und dem Cowboy und sagte nahezu gleichgültig in Royus Richtung: “Es sind nur zwei!” Fireball dolmetschte lachend, Saber und Colt, sahen sich an und beobachteten weiter das Spektakel, welches ihnen die beiden Japaner da boten. Royu rannte in die Ecke, in der sein Vater stand. Dieser nahm ein Kendo-Schwert, welches mit anderen an einer Wand lehnte und warf es seinem Sohn zu.
Shinjiro stellte sich in die Mitte, richtete sein Schwert auf seinen Bruder und forderte ihn laut zum Kampf auf. „Das dürfte jetzt interessant werden!“, meinte Saber, doch Colt nahm die Szene da schon ernster auf, vielleicht lag es an den japanischen Worten, die in seinen Ohren noch immer so fremd klangen. Vielleicht gehörte das alles auch dazu, aber einen kräftigen Schlag von diesem Schwert würde Colt nicht abbekommen wollen! Der Großvater sagte mit forderndem Ton etwas in Richtung seiner Söhne. “Sie sollen jetzt endlich anfangen!” übersetzte Fireball, die Worte.
Royu trat an Shinjiro und blieb drei Schritte vor seinem Bruder stehen. Die beiden sahen sich an, verbeugten sich und nahmen ihre Schwerter kampfbereit in beide Hände. Da schlug Shinjiro blitzschnell von rechts und Royu blockte den Angriff gekonnt ab. Saber nickte anerkennend. Der hallende, dumpfe Aufprall der beiden Holzschwerter erfüllte die Halle. Saber war sich nun sicher, die beiden würden sich nichts schenken. Colt war überrascht, wie schnell es zur Sache ging. Nach dem letzten Schlag stoppte Shinjiro, bevor sein Holzschwert den Nacken seines Bruders berührte. “Er ist tot!” sagte Fireball und nickte. “Wow, was eine Präzession, das hätte auch verdammt schiefgehen können!” dachten sich Colt und Saber.
Auch Royu pustete seine Luft, aus, die er vor Schreck angehalten hatte und richtete sich wieder auf. Diesmal war es Royu der seinen Schlag nach unten links zielte, Shinjiro blockte diesen und Royus Schwert flog durch die Luft. Schnell holte sich der jüngere sein Bokutō wieder und wich zurück, Shiniiro war ihm auf den Fersen und holte nach oben aus, doch Ruyu schaffte es, diesen zu blocken und es folgten wieder drei schnelle Technik basierte Schlageinheiten. Diesmal war es Royu, der vor Shinjiros Brust stoppen musste. Royu grinste, aber im selben Moment kam schon die nächste Attacke seines Bruders und er musste schnell zurückweichen, um etwas Abstand zu gewinnen. Shinjiro holte aus, Royu duckte sich und rannte unter dem Schwert seines Bruders weg und rettete sich wieder auf den Mattenwagen: “Ok, Deal, wir beenden es …”, er konnte nicht weiter sprechen, denn er musste aufspringen, Shinjiro zog sein Schwert über den Mattenstapel, auf dem er hockte.
“Ich verhandle nicht! Und ja, ich werde es beenden!” kam es von Shinjiro. Royu rollte mit seinen Augen, sprang vom Mattenstapel und rannte nun direkt auf Shinjiro mit seinem Schwert zu und gab jetzt nochmal alles und schaffte es sogar, seinen Bruder zurückzudrängen. Schlag auf Schlag, laut und kräftig und sie drückten die Schwerter gegeneinander und stießen sich weg.
Royu stürzte und hockte sich hin, ließ aber Shinjiro nicht aus den Augen. Fireball sagte etwas zu Royu, dieser sah zu seinem Neffen und Fireball grinste ihm frech entgegen: “Hä?” kam es außer Atem von Royu und machte ein fragendes Gesicht und drehte sich darauf sofort wieder blitzschnell um. Verdammt er hatte sich ablecken lassen, doch zum Ärgern blieb ihm keine Zeit, er blockte erneut einen Angriff von seinem Bruder ab, bei einem weiteren sprang er zur Seite und rannte auf Fireball zu. “Ähm, Hombre, du solltest auf deine Deckung achten!” tippte Colt Fireball an, um ihn zu warnen. Fireball blickte Richtung seines Onkels und riss seine Augen auf. Denn dieser zeigte mit seinem Holzschwert auf ihn. Fireball zog sich hastig zurück und Shinjiro stellte sich Royu in den Weg.
Colt beobachtete scharf das Vorgehen in der Halle und musste tatsächlich schmunzeln, das war ja fast besser als vorm TV zu sitzen. Offenbar wollte Royu das Schwert gegen Fireball richten, wegen der Ablenkung. Doch bevor es dazu kommen konnte, hatte sich Captain Hikari dazwischen gestellt und seinen Sohn damit vor dem Kampf bewahrt. Saber sah Fireball nach, der tatsächlich bei seinem Großvater in Deckung gegangen war. Der ältere sagte etwas zu seinem Enkel und zeigte auf seine Söhne und Fireball nickte. Der Schotte schaute darauf, erwartend zum Zweikampf der beiden Brüder.

Royu griff im Endspurt schnell und offensiv an und traf seinen Bruder, der nicht schnell genug war, am Handgelenk. Saber riss erschrocken seine Augen auf und sog scharf die Luft zwischen seinen Zähnen ein. Colt und Fireball kommentierten gleichzeitig mit einem: „Autsch!“, und verzogen ihre Gesichter, als ob sie den Schmerz selbst spürten. Royu hielt ebenfalls erschrocken inne und sah entschuldigend zu seinem Bruder. Shinjiro ging in die Hocke und verzog vor Schmerzen sein Gesicht. Der unabsichtliche Treffer hatte gesessen, er atmete tief durch, um den Schmerz zu unterdrücken. Royu der sich ebenfalls erschrocken hatte, trat besorgt näher, um nachzusehen, ob alles in Ordnung war. Doch da stand Shinjiro bereits wieder auf und griff mit der linken, seiner unverletzten Hand nach dem Schwert. Royu reagierte blitzschnell und blockte den Schlag.
Diese Aktion schuf etwas Abstand zwischen den beiden. Beide griffen gleichzeitig an, einer schlug, einer blockte und Royu drehte sich einmal um sich selbst. Dabei verlor er für einen Augenblick seine Deckung, nutzte aber im selben Moment die ungeschützte Flanke seines Bruders und holte aus. Beide hielten inne, Shinjros Stab lehnte Millimeter vor Royus Hals. Und Royus an Shinjiros rechter Seite und sahen sich an und atmeten schwer.
„Tja, unentschieden!“, rief Fireball und warf beide Arme zur Seite. Colt blinzelte zweimal: „Wie jetzt?“ – „Na, der Kampf ist vorbei!“, meinte Fireball mit einem Grinsen. Der Cowboy schmollte tatsächlich etwas und steckte eine Hand in die Hosentasche. Saber gefiel die Technik, die Kämpfe waren zwar schnell vorbei, denn es gab kein langes Fechten. Die beiden waren sich im Kampf ebenbürtig gewesen, der Schotte war sich sicher, dass sie es gemeinsam erlernt hatten.
Der Großvater sagte etwas zu seinen Söhnen und ging Richtung Ausgang. Royu sah seinem Vater nach und fragte: “Was ist denn, war doch nur Spaß!” Fireball kommentierte es: “Tja, ein Unentschieden ist halt auch kein richtiges Ende.” Royu nickte und blickte zu seinem Neffen: “Ich hätte ja nie gedacht, dass er annimmt!” und zeigte auf seinen Bruder. Und alle verließen die Sporthalle.
„Kommst du mit auf den Schießplatz?“, fragte Royu vor der Halle seinem Bruder. Shinjiro musterte ihn skeptisch. „Du hast mir wahrscheinlich den Arm gebrochen, ich muss wohl woanders hin!“, erinnerte er ihn und verabschiedete sich dann.
Villa Hikari
Hitomi war dabei, das neue Haus einzurichten. Der Duft frischer Farbe hing noch in der Luft und durch die geöffneten Fenster strömte die klare, warme Frühlingsluft herein. Drei Tage lang waren sie zuvor in einem Hotel eingesperrt gewesen. Doch jetzt endlich konnten Shinjiro und sie zusammen mit ihrem Sohn hier etwas Neues starten. Sie hatte das Gefühl, dass sie in den letzten Jahren in einem grauen Alltag gefangen gewesen war. Niemals hätte sie gedacht, dass sie tatsächlich noch einmal auf Yuma leben würde und das zusammen mit Shinjiro, es fühlte sich alles wieder nach Leben an. Waren ihre Gedanken, während sie mit einem Lächeln eine Vase auf den hellen Holztisch stellte und die Blumen errichtete. Sie sah auf und ihr Blick glitt hinaus, durch die halb geöffnete Terrassentür in den Garten. Die Sonne spiegelte sich auf den Glasfronten und irgendwo zwitscherte ein Vogel. In der Ferne war ein leises Dröhnen eines startenden Schiffes zu hören. Das war das einzige, was sie daran erinnerte, nicht weit vom Oberkommando zu leben, ansonsten war es um sie eine friedliche Ruhe. Ein kleines Lächeln huschte über ihr Gesicht und sie trat hinaus.
Das Haus lag inmitten üppigen Grüns und war von der Straße nur frontal einsehbar, alles dahinter war gut abgeschirmt, was ihnen Ruhe und Privatsphäre schenkte. Es war ein deutlicher Kontrast zu ihrem modernen Heim auf Jarr. Ein Hupen holte sie aus ihren Gedanken: “Oh, das werden die letzten Möbel sein.” vermutete sie und lief ins Haus zurück.
Konflikt
Auf dem Schießübungsplatz betrachteten sie verschiedene Handfeuerwaffen und Laserblaster, die ihnen gerade mitsamt Munition gebracht worden waren. Darunter befand sich auch ein alter Colt mit sechs Schuss. Der Cowboy Colt nahm die Waffe in seine Hand und drehte die leere Trommel und freute sich, als er das Geräusch hörte: „Schönes Teil” sagte er und betrachtete den Revolver, “da musste man wirklich noch schießen können!“ Royu nahm den Revolver von Colt entgegen und betrachtete ihn einen Moment lang und nickte schließlich zustimmend: “Ja, damals war der Mensch noch die Technik, trotzdem möchte ich die Technik von heute nicht missen!“ und gab das gute Stück wieder an Colt zurück. Saber betrachtete einen neuartigen Blaster, während Fireball den Gesprächen lauschte. Oft hatte er hier schon mit Colt gestanden und trainiert, denn alles, was er über das Schießen wusste, hatte er von dem Cowboy gelernt, “der wohl als kleines Kind in ein Fass voller Schießpulver gefallen war.” Fireball musste bei diesen kurz vor sich hin grinsen.
Colt nickte Royus Aussage zu und betrachtete den Revolver in seiner Hand: “Schon mal auf Menschen geschossen?” fragte Colt plötzlich ohne Vorwarnung. Saber und Fireball blickten von dem modernen Blaster auf den sie sich angeschaut hatten.
“Wenn ich nein sagen würde, würde ich lügen!” sagte Royu nach einigen Augenblicken. Colt nickte und Saber schluckte trocken. Fireball atmete tief ein und fragte sich, warum er so überrascht deswegen war. Sein Onkel war Befehlshaber einer Task-Force Spezialeinheit, die auf der Erde und nicht gegen Outrider operierte. Doch es so klar aus Royus Mund zuhören machte schon einen Unterschied.
Royu sah und spürte die Reaktion der drei jungen Männer vor sich: “Es ist ihre größte Angst, oder?” fragte er ruhig und feststellend in die Runde und nahm sich eine neuartige Präzisions-Handfeuerwaffe und lud sie leer durch. Saber nickte und war der Erste, der antwortete: “Ja, Sir, ich habe oft darüber nachgedacht.” Royu schaute Saber erwartend an: “Zu welcher Antwort sind sie gekommen, Major Lancelot?” fragte Royu nun im Colonel Style nach. Colt hörte sofort auf bei dieser Tonlage, für einen kurzen Moment dachte er sogar, Captain Hikari stünde wieder irgendwo im Hintergrund und verlangte diese Antwort.
Saber dem es gerade nicht anders ging, als Colt nickte den Colonel entgegen: “Ich stehe im Militärdienst und ich habe mich der Waffe somit verpflichtet, wenn es der Sache dient, ja!” Royu sah zu Colt, der sichtlich mit sich haderte: „Sie haben sich mit Ihrem Gesuch zum Leutnant dem Militärdienst verschrieben, Mr. Wilcox, und zwar mit allem, was dazugehört. Dass Sie das nie bedacht haben, würde mich jetzt wundern!“
Colt sah auf und schaute zuerst zu seinen Freunden, die auf seine Antwort gespannt waren. So atmete Colt erst einmal tief ein, bevor er nickte: “Ich habe schon auf Menschen geschossen.” ließ er die Bombe platzen, doch die entsetzte Reaktion blieb aus. Saber presste seine Lippen aufeinander, schließlich wusste er, dass Colt für kurze Zeit mit einigen Kopfgeldjägern im Grenzland unterwegs war. “Es ist nichts, worauf ich stolz bin.” stellte er sofort klar, denn am liebsten würde er diesen vollkommen verrückten und lebensmüden Teil aus seiner Laufbahn für immer streichen. Doch das ging nicht, es gehörte zu ihm, mit allem, was damals geschehen war, mit allem, was er gesehen hatte, und es war selten etwas Schönes gewesen. Er wusste, was Menschen anderen Menschen aus den niederträchtigsten Beweggründen antun konnten, doch hier und jetzt darüber reden wollte und konnte er auch noch nicht! “Ich weiß, worum es geht, wenn zwei Seiten sich gegenüberstehen, das war das, worüber ich die meiste Zeit nachgedacht hatte, wenn das Leben von anderen und meines auf dem Spiel stand, dann ist meine Antwort natürlich, ja!”
Fireball schluckte, ihm ist bewusst, worauf auch seine Zukunft hinausläuft, denn auch er saß zusammen mit seinen Freunden, zwar nicht mehr im selben Schiff, aber zumindest im Boot!
Royu kommentierte das Gesagte ruhig und nachdenklich: „Es wird irgendwann zu so einer Situation kommen. Auf einem Outrider zu schießen, stelle ich mir auch leichter vor, jedoch läuft man Gefahr, den Blick und die Sensibilität dafür zu verlieren.“ und ließ den Satz offen stehen, und öffnete demonstrativ das Munitionslager des alten Revolvers und hielt ihn in die Mitte. Colt und Saber sahen einander an, sie verstanden sofort, was Royu ihnen damit sagen wollte. Ja, gegen die Outrider waren sie schnell am Abzug, oft dachten sie überhaupt nicht darüber nach. Die Gefahr bei sowas war, dass man abstumpfen konnte und das galt es zu verhindern. Dieser Tragweite wurde sich Saber gerade wieder bewusst, er würde ab jetzt darauf mehr achten. Vor allem musste er sich dringend um die Team-Nachsorge, nach großen Einsätzen kümmern. Das hatte er tatsächlich vernachlässigt und würde sich in den nächsten Tagen darum kümmern. Nicht auszudenken, sollten sie mal in einen humanitären Konflikt kommen, dann hätte er keinen Leitfaden, um sein Team aufzufangen.
„Wurden Sie schon mal getroffen?“, wollte Colt wissen. Royu grinste und schüttelte mit seinem Kopf: „Nie etwas Ernstes, das ist wohl auch so ein Hikari-Ding, wir überleben den größten Scheiß und sterben am Ende an einem Schnupfen oder so!“ Colt und Saber mussten darauf leise lachen und die zuvor betrübte Stimmung war wie weggeblasen. Jetzt begannen Colt und Royu endlich ihr Duell.
Flexverband & Sahnetorte
Captain Hikari lief durch den Gang der Krankenstation im dritten Stock des Oberkommandos. Dieser Bereich war wie ein hauseigenes modernes kleines Krankenhaus eingerichtet, ein Arzt und zwei Schwestern waren rund um die Uhr vor Ort. Der Flügel verfügte über fünf Krankenzimmer, wo hin und wieder jemand zur Beobachtung über Nacht bleiben musste. In besonders schweren Notfällen gab es sogar einen komplett eingerichteten OP-Saal.

Die Flügeltüren öffneten sich und er verließ die Station. Royu hatte ihm tatsächlich den Arm gebrochen, nun hatte er eine hübsche blaue Arm- und Handgelenkschiene und wäre ab heute jede Woche einmal hier Gast. “Das fängt ja gut an!” dachte er und stieg in den Fahrstuhl. Er wollte eigentlich seinem Vater das Oberkommando zeigen, das würde er auch noch tun, aber nicht mehr heute. Auch hatte sich sein Vater schon wieder verabschiedet.

Shinjiro beschloss, noch die neuesten Ermittlungsberichte zur Subversion einzusehen. Der Fahrstuhl öffnete sich lautlos und brachte ihn in die oberste Etage. Als sich die Türen öffneten, trat er in den Vorraum der Chefetage. Auch hier war alles vor wenigen Wochen renoviert worden, der Empfangsbereich war offen und lichtdurchflutet, dank der hohen Fenster, die sich je nach Sonnenstand automatisch abdunkelnden.
Misses Ellnys saß in ihrem offenen Büro, gemeinsam mit einer Dame, vermutlich aus der Verwaltung, an einem kleinen Tisch. Die beiden machten Kaffeepause und genossen dabei ein Stück Sahnetorte und tauschten vermutlich den neuesten Oberkommando-Tratsch aus. Er grüßte, als er am Büro vorbeiging, denn die beiden hatten ihn zunächst gar nicht bemerkt und stören wollte er nicht. Doch ein kleines Grinsen konnte er sich nicht verkneifen. Misses Ellnys und die andere Dame sahen sich überrascht an und sprangen darauf sofort auf: „Captain Hikari, mit Ihnen haben wir heute gar nicht gerechnet! Es ist nichts vorbereitet“, stöckelte Misses Ellnys ihm nach, „Und was ist passiert?“, fragte sie direkt, als sie den blauen Synth-Flex Verband an seinem Arm sah, doch Shinjiro lief weiter, stoppte kurz vor dem Eingang seines Büros und sagte: „Machen Sie ruhig weiter, ich bin heute auch gar nicht da!“, und verschwand in sein Büro. Mrs. Ellnys und die andere Dame blieben zurück, schauten sich fragend an und nach einem Moment beschlossen sie sich wieder zu ihrem Kaffeeklatsch zurückzukehren.
Er blieb im Eingangsbereich seines Büros stehen und sein Blick fiel auf das große, handgemalte Bild des Mount Fuji, das er vor wenigen Monaten in Naku gekauft hatte. Im Vordergrund war die Burg zu sehen, dahinter der klare Lake Shirahama, der „See des weißen Strandes“. Den Namen trug der See zu Recht, zarte Pinselstriche ließen das Licht auf den flachen, hellen Kieselsteinen, die rund um den See lagen, glänzen. Shinjiro versank für einen kleinen Moment in dem Bild und ging dann Richtung Schreibtisch.
Bei der Eingabe seines Passworts am PC merkte er, wie umständlich das Schreiben in nächster Zeit werden würde. Er las die letzten Erkenntnisse des Geheimdienstes. Und überflog noch einige Berichte und stoppte bei einem, der allerdings schon einige Monate alt war. Es war ein Randbericht, aus einem Logbuch, eines Raumschiffes, das auf Patrouille war. Er rief sich die Daten des Schiffes, auf sein Monitor. Der Bericht stammte von einem Patrouillenschiff, das während eines Routineflugs ein schwaches Signal aufgefangen hatte. Damals war es als unbedeutende Anomalie im All eingestuft worden, da es theoretisch auch von anderen Schiffen in der Nähe stammen konnte. Doch solche Fälle waren eher selten und normalerweise ließ sich die Ausgangsquelle schnell zweifelsfrei zuordnen. Er loggte sich in den Bordcomputer des Schiffes ein, welches auf Alamo, als Ausbildungsschiff fungierte und somit nahezu tägliche Überwachungsflüge absolvierte.
Er sah sich den damaligen Rasterortungsschirm des Schiffes an. Shinjiro aktivierte die Abschirmung und ein Monitor fuhr aus der Tischplatte hervor. Und stellte eine TSID-Verbindung mit König Jarred her. Dieser nahm nach einigen Momenten sehr verwundert ab. “Guten Tag, First-Grad, kannst du dich nicht einfach mal ausruhen?” Shinjiro schrieb währenddessen weiter und wartete grinsend, bis sein Freund mit seiner Begrüßung fertig war. “Guten Tag, eure Hoheit, sind sie zu Hause?” fragte er spöttisch. Jarred musste grinsen, natürlich war er noch nicht wieder zurück auf Jarr, sondern würde bis morgen auf Yuma in seiner Residenz bleiben. “Was gibt es denn so Wichtiges, dass es TSID sein muss?” Shinjiro nickte: “Ich schicke dir gleich etwas, sage mir bitte, was du davon hältst!” und schrieb noch den Rest zu Ende und leitete die gesammelten Daten weiter. In dieser Zeit, in er sich Jarred alles durch las und genau begutachtete, lehnte sich Shinjiro zurück und wartete, bis Jarred fertig war.
“Das klingt sehr interessant, doch sollte dort etwas sein, hätten wir das Signal, doch bestimmt schon längst auf den anderen Patrouillenschiffen aufgenommen.” gab Jarred seine erste Einschätzung, um die ihn sein Freund gebeten hatte. Shinjiro sah nachdenklich zu Jarred: “Vielleicht habt ihr das sogar nur eben nicht gefiltert, weil das Signal unter Anomalie fiel!” Nun dachte Jarred einen Moment lang nach: “Ich kann veranlassen, dass dieses Signal auf allen Bordcomputern gesucht werden soll!” Shinjiro nickte und nahm den digitalen Pen in seine gesunde Hand, um diese Anordnung zu unterschreiben, er benötigte drei Versuche, bis er diese abspeichern und auch Jarred zukommen lassen konnte.
Jarred hatte ihn dabei beobachtet und rief daraufhin die unterschriebene Anweisung auf und fragte: “Oh, neue Signatur?” Shinjiro grinste und musste leise lachen: “Sehr schön beobachtet und ja, ich möchte demnächst alles mit Links machen!” spottet er etwas und hob kurz seinen rechten Arm, der fest in der blauen Bandage gewickelt war. Jarred hob seine Augenbrauen, gestern war sein Freund doch noch recht unverletzt, erinnerte er sich: “Erzählst du es, oder soll ich fragen?” kam es darauf von Jarred. “Mir kam ein Kendo-Schwert in die Queere!” erklärte Shinjiro und Jarred konnte sich ein kleines Lachen nicht verkneifen. Kurz darauf verabschiedeten sie sich und Shinjiro beendete die Abschirmung und die Verbindung. Und lehnte sich jetzt noch ein paar Minuten in seinem Stuhl zurück.
Klartext
Saber und Fireball hatten sich ein Stück vom Schießstand zurückgezogen. „Wie geht’s mit dir weiter?“, fragte der Schotte schließlich. „Mir ist bekannt, dass du mit achtzehn ins Oberkommando eintreten wirst.“ Fireball sah nach dieser Frage zu seinem ehemaligen Boss und antwortete: „Das bin ich doch schon längst“, kam es etwas monoton, „Es wird dann nur offiziell.“ Saber runzelte leicht seine Stirn: „So entschlossen klang das gerade nicht.“ sprach er seine Gedanken aus. Fireball schüttelte darauf mit seinem Kopf und antwortete mit einem kleinen Lächeln: „So sollte das gar nicht rüberkommen, es ist halt einfach so.“ Saber musste nun etwas lachen, doch jetzt wollte es der Schotte ganz genau wissen und stellte sich vor seinen ehemaligen Piloten: “Also, Jet oder Kampfschiff?”, forderte der Schotte den japaner zu einer Antwort heraus. Fireball stoppte und rollte gedanklich mit seinen Augen: “Ich habe bereits meine Entscheidung getroffen, möchte sie aber jetzt noch nicht offiziell machen, die paar Wochen kann es jetzt auch noch warten.” erklärte er. Saber nickte, er wusste, dass Fireball damit seinen 18. Geburtstag meinte: “Du möchtest es also jetzt noch nicht sagen, etwa wegen deines Vaters?” Fireball blieb stehen, atmete tief ein und sah zum Schotten: “Ja und nein, es ist auch einfach so für mich, eine Line die ich mir gesetzt habe und es damit neu beginnen möchte!” Das verstand Saber: “Finde ich gut!” bestärkte er Fireball sogar für diesen Weg. Fireball schaute überrascht zum Schotten, er hätte nicht gedacht, dass dieser das so nachvollziehen würde. So sah er den Oberhelden des Oberkommandos grinsend entgegen: “Ja, finde ich auch!” und beide lachten.
“Der Schwertkampf zwischen deinem Onkel und Vater war beeindruckend, wenn man bedenkt, dass dein Vater 16 Jahre nicht trainiert hat!” Fireball setzte sich ins Gras des kleinen Hügels, von hier aus hatte man einen tollen Blick über den Schießplatz. “Wer sagt denn, dass er es in den 16 Jahren nicht trainiert hat?”, stellte Fireball eine Gegenfrage. Sabers Interesse war geweckt und er setzte sich neben Fireball ins Gras: “Das ist wie Fahrradfahren, sagt er.” Der Schotte musste sich ein Grinsen unterdrücken und sagte feststellend: “Also trainiert er mit dir!”

Fireball lachte stumm auf: “Mit mir, ja, das passt!” Als sie sich wieder beruhigt hatten, beobachteten sie, wie Colt und Royu wahrscheinlich in eine Fachsimpelei ums Schießen geraten waren: “Es ist viel passiert, Shinji,” begann der Schotte und durchbrach das Schweigen. Fireball hob seine Augenbrauen, selten hatte Saber ihn Shinji genannt und wenn war es ernst, also hörte er gespannt zu, was da jetzt kommen würde. Saber sprach im ruhigen Ton: “Ich möchte gerne wissen, wie du die letzten Monate siehst, es interessiert mich …” er machte eine kleine Pause und sah Fireball an, “es interessiert mich, als Freund, es ist alles so verdammt schnell damals gegangen.” sprach Saber klar mit Fireball über sein Empfinden. Der Jüngere nickte und blickte wieder Richtung Schießstand, und Saber tat es ihm gleich.
“Ich war anfangs auch sauer und das auf alles und jeden, das kann ich heute zu geben.” begann er und atmete tief ein und aus, denn es schmerzte ihm nach wie vor, kein Teil mehr der Ramrod Crew mehr zu sein. Saber nickte, es war ihm klar, dass Fireball sauer auf ihn gewesen war, alles andere wäre auch lächerlich gewesen. Fireball sprach weiter: “Ich meine, es hat sich einfach alles … mit der Rückkehr meines Vaters verändert, am Anfang dachte ich, cool, doch dann war alles der größte Mist, der hier passiert.” redete sich Fireball seinen Zorn von damals von der Seele, “Doch Anfang des Jahres, habe ich verstanden, dass mein Vater nicht gegen mich handelt, sondern für mich. Und ganz ehrlich, das zu erkennen, war schon ’ne Nummer.” gab er zu. Saber musste dabei Schmunzeln, er kannte es von sich selbst, manches sah man als Sohn erst im Nachhinein: “Ja, das kenne ich!”, bestätigte er. Fireball blickte darauf zu Saber und der Schotte nickte ihm zu: “Ich hatte wohl bis dato, nie jemanden vor mir gehabt, der sagte, bis hierhin und nicht weiter.” Saber wusste ganz genau, was Fireball ihm da erzählte und er merkte auch, dass sein junger Freund sehr gesetzt und klar sprach, er druckste nicht herum, er erzählte einfach wie es ist, aber der Schotte richtete sich etwas auf und sprach scherzhaft: “Ach ich bin wohl niemand …” Fireball grinste, Saber nickte, denn heute wusste auch der Highlander, wie wichtig sein Vater für ihn war. Umso erstaunlicher fand er die positive Wandlung seines Freundes in einer doch so kurzen Zeitspanne.
Natürlich hatte Fireball auch in Commander Eagle eine Autorität vor sich gehabt und ganz bestimmt waren Colt und er es für Fireball bis zu einem gewissen Punkt auch gewesen. Aber einen Vater kann halt niemand ersetzen, genau wie ein Vater auch keinen Freund ersetzen konnte. Denn gerade diese spezielle Verbindung, dieses stille Vertrauen spürte Saber jedes Mal, wenn er seinen Vater vor sich hatte. Und obwohl Fireball seinen Vater nur in den ersten Monaten seines Lebens um sich gehabt hatte, war diese Verbindung noch da, also wird sie von Anfang an stark gewesen sein. Und nach sechzehn Jahren wurde an dieses Band fast nahtlos angeknüpft, diesmal von beiden Seiten „Ich spiele nicht, dass ich sein Vater bin, ich bin es!“ Diese Worte von Captain Hikari hallten in Sabers Kopf nach, der Captain hatte nach seiner Rückkehr die Rolle des Vaters nicht nur sofort wieder eingenommen, sondern sie auch kampfbereit und aus tiefster Überzeugung verteidigt. Und hatte mit diesem Satz damals beim Rapport eine klare Grenze gezogen und es war das einzige Private, worauf Captain Hikari damals eingegangen war. Hut ab, dachte Saber.
“Trotzdem macht er mich manchmal wahnsinnig!” fügte Fireball noch mit an und Saber kam damit wieder in die Unterhaltung zurück und er musste nach dem Gehörten zustimmend auflachen: “Ja, das ist so und ich glaube, das soll auch so sein!” teilte er mit Fireball. Manchmal fühlte Saber ganz ähnlich, vor allem in alltäglichen Dingen, in kleinen Verhaltensmustern, die sein Vater an den Tag legte oder Überzeugungen, die er nicht teilte. Und jedes Mal, wenn Saber das bewusst wurde, musste er im Nachhinein immer schmunzeln. Fireball gab darauf nur ein „Hm!“ nickend zurück.
Saber atmete ein: “Ich hatte mir ehrlich gesagt Sorgen gemacht, dass du dich mit dem plötzlichen Auftauchen deines Vaters schwertust und es eher kompliziert zwischen euch werden würde, das scheint überhaupt nicht der Fall gewesen zu sein!” teilte Saber seine Gedanken von damals. Fireball nickte dem Highlander zu: “Ja, ich hatte mir immer vorgestellt, dass ich ihm alle möglichen Vorwürfe machen würde oder ihn sogar ignorieren würde, es gab eine Zeit da war ich voller Wut auf ihn. Weil Menschen, die ich nicht einmal kannte, erzählten mir immer was von ihm, das hatte mich wütend gemacht, weil sie ihn gekannt hatten und ich nicht. Das war genau in der Zeit damals auf Alamo, als wir uns kennenlernten, alles ging immer nur um ihn.” öffnete er sich seinem ehemaligen Boss und Saber verstand nun tatsächlich auch einiges besser, alle hatten den Jungen immer mit Captain Hikari verglichen, niemand hatte Fireball gesehen und dieser hatte damals gegen alles und nahezu jeden rebelliert, was auch nur ansatzweise in Richtung seines Vaters ging.
Das hatte sich auf Ramrod geändert, denn dort musste Fireball nicht mehr dagegen ankämpfen, dafür gab es andere Kämpfe, vor allem zwischen ihm und Colt. Anfangs hatte der Cowboy unbewusst, später ganz bewusst, die Rolle eines großen Bruders eingenommen. Mit Colt hatte Fireball endlich jemanden, der ihm auf Augenhöhe begegnete, der ihm Konter gab und an dem er sich reiben konnte. Oft wollte Saber bei den Auseinandersetzungen dazwischen gehen, doch hatte dann für sich beschlossen, dass die beiden das regeln mussten und hey, sie waren im All unterwegs gewesen, wo keiner der beiden abhauen konnte. Zudem hielt Colt das aus und genau das hatte Fireball gebraucht und als die Fronten dann irgendwann mal geklärt waren, wurde auch Fireball ruhiger, jedenfalls im Team. Jedoch auf ihn hatte Fireball immer gehört, wenn auch manchmal mit einem murren, aber es hatte immer zwischen den Schotten und den Japaner funktioniert: “Aber du hast ihm keine Vorwürfe gemacht.” stellte Saber erneut fest! Fireball stützte seine Ellenbogen auf seine Knie und erzählte: “Nein, es kam mir tatsächlich nie in den Sinn, als ich ihn gesehen habe wollte ich ihn kennenlernen und ihm zuhören, ok, letzteres war einfach, ich konnte anfangs kaum sprechen, das war sein Vorteil!” erzählte Fireball von den ersten Begegnungen, die er wohl nie wieder in seinem Leben vergessen würde.
“Er erzählte mir alles, was ich wissen wollte, ohne irgendetwas zu beschönigen oder herunterzuspielen, was im ersten Moment hart war, vor allem als es um die Schlacht vor Jarr ging, sagte er mir einfach, dass ich überfordert gewesen war und das jetzt so akzeptieren muss.” Saber stieß nach dem Gehörten seine Luft hörbar aus, aber ja so war es und wie sollte man diese Tatsache von damals auch beschönigen?
“Weißt du, so hatte noch nie jemand mit mir gesprochen, alles wurde immer ausgeschmückt, waren Lobgesänge oder es wurde totgeschwiegen.” Saber atmete tief ein: “Ja, die letzte Schlacht zu verarbeiten war nicht leicht, drei Tage danach standen wir schon bei deinem Vater im Rapport und ich muss sagen, es war der schlimmste, den wir je hatten, da gab es kein “Kuscheln”, sondern es wurden uns knallharte Fakten um die Ohren gehauen, danach waren wir tagelang völlig fertig, aber es hallt heute immer noch nach. Und ja, es wäre wirklich nicht mehr lange gut gegangen!” Fireball sah überrascht zu Saber: “Wow, das wusste ich nicht, aber mir reichte der letzte gemeinsame durchaus!” Saber lächelte und sagte: „Ja, du hattest damals einfach alles im wahrsten Sinne verschlafen!” Fireball presste seine Lippen aufeinander und nickte.
“Steht etwas seit dem letzten Rapport zwischen uns?” wollte es Saber jetzt genau von Fireball wissen! Fireball hob seinen Kopf und schaute zu Saber: “Nein!” kam es direkt darauf von Fireball: “Es hat eine Weile gedauert, als ich verstanden hatte, dass du nicht als Freund, sondern als Befehlshaber gehandelt und entschieden hast.” Der Highlander atmete erleichtert auf: “Danke Shinji!” und sprach nun auch seine Gedanken, die er über seinen jungen Freund hatte, direkt aus: “Da muss viel mit dir passiert sein in Japan, es tut dir gut, das habe ich schon letztens festgestellt aber leider vergessen es dir zu sagen!” Fireball schaute sich um, mittlerweile waren noch weitere Schießfreudige eingetroffen.
Royu und Colt hatten sich mittlerweile etwas zu trinken geholt und unterhielten sich, während sie die anderen beim Schießen zusahen: “Ja”, begann er und erinnerte sich, “Nach dem Team canceling verbrachte ich eine Woche nur mit meinem Vater, wir fuhren herum, er zeigte mir alles, erklärte mir alles, machte alles anfassbar. Und seit Naku habe ich begriffen, wer ich bin, was ich lange nicht wahrhaben wollte, ich las 1000 Jahre Familiengeschichte und es reißt einem erst einmal zu Boden. Darauf, kamen Wochen mit meinem Großvater, ich hatte noch nie so lange Gespräche mit ihm und ich liebte es immer mehr ihm zuzuhören.”, erzählte er und ging sich mit einer Hand durch seine Haare. Saber musste schlucken, auch er selbst hatte vor wenigen Monaten diese Erkenntnisse der Bewusstwerdung gehabt und das war nicht immer leicht, aber umso leichter wurde es, wenn man es immer wieder vor Augen und vor allem um die Ohren bekam. Also fragte der Schotte herausfordernd: “Wer bist du?”
Fireball sah auf, atmete ein und sprach mit fester Stimme: „Ich bin Shinji Hikari, ein direkter Nachkomme des Seii Taishōgun von Naku. Und verdammt, diese Welt, das gibt es alles wirklich noch!“ Saber stand auf, nickte stolz und stellte sich vor Fireball, dieser sah ihn groß an. “Es ist mir eine Ehre euch kennenzulernen, ich bin Richard Ian Lancelot und Nachkomme des Earl of Aventalot, der Westlichen Highlands. Und verdammt ja, bei uns auch!” und er grinste seinem Gegenüber an. Fireball sah Saber indes sprachlos an. Saber überlegte und sprach weiter: “Ein Shogun-Titel entspricht dem eines Herzogs“, erklärte er. Fireball ließ sich zurück ins Gras fallen. “Ja, klar, wem erzähle ich das hier überhaupt …” sprach er ernüchternd und rollte mit seinen Augen. Saber lachte beherzt auf.

“Was, du nicht auch noch, erwarte bloß nicht, dass ich vor dir knickse Hombre!” sagte Colt, dem fast alles aus dem Gesicht gefallen war, als er Fireballs Vorstellung gehört hatte. Fireball erschrak und riss seine Augen auf. Colt sah ihn musternd an und verschränkte seine Arme. “Knicksen, geht auf die Gelenke, Mr. Wilcox, wir haben das Ding mit dem Verbeugen!” erklärte Royu grinsend und Colt sah darauf augenrollend zu Royu.
Royu trat auf seinen Neffen zu: „Das hätte dein Vater hören sollen und nicht ich“, sagte er leise und verbeugte sich vor ihm. Fireball erwiderte die Geste, kurz, aber respektvoll, bevor er sich umdrehte und in Richtung des Hauptgebäudes am Schießplatz ging: “Hey Hombre, was ist?” rief ihm Colt nach, Fireball hob seine Arme in die Luft und rief zurück: “Ich brauch’ jetzt was zu trinken!” und ging weiter. “Warte …” und Colt rannte ihm nach. Saber sah den beiden nach.
Absatz 8
Saber sah zu Royu, der gerade mit seinem Kommunikator beschäftigt war. Nach wenigen Augenblicken hob dieser den Blick und verkündete: „Mr. Lancelot, ich habe dem First Grand den Arm gebrochen!“
Saber musste grinsen, und gemeinsam gingen sie langsam in die Richtung, in der Colt und Fireball verschwunden waren: „Sie müssen stolz auf Ihren Bruder sein, Mr. Hikari“, begann Saber das Gespräch. Royu sah sich um, dann nickte er beinahe verhalten: „Mr. Lancelot, ich gehörte zu den Menschen, die geglaubt hatten, dass er tot ist.“ Saber sah ihn verständnisvoll an, er selbst gehörte schließlich auch dazu.
“Stolz, hm…”, begann Royu und dachte etwas nach: “Er ist mein Bruder und wahrscheinlich sehe ich ihn damit mit anderen Augen, von daher kann ich ihnen diese Frage nicht objektiv beantworten, aber ich habe Hochachtung vor ihm, das ist auch eine Definition von Stolz, aber ein anderes Gefälle. Und ja, ich bin sehr froh, dass er noch lebt und wieder da ist, es tut allen gut und heilte auch irgendwie die Familie!” Saber nickte: “Vor allem seinem Sohn tut es sehr gut!” Saber und Royu kamen am Gebäude an und schauten sich um.
Doch von Colt und Fireball war keine Spur mehr. So entschieden sie sich, draußen Platz zu nehmen, um auf die beiden Flüchtlinge zu warten, die irgendwann schon wieder auftauchen würden. “Ja, das mit Shinji ist so eine Sache, die irgendwie nicht so gut gelaufen ist, aber dafür kann er nichts.” sagte Royu. Saber sah den Japaner vor sich fragend an: “Wie meinen Sie das?” Royu überschlug seine Beine und überlegte: “Als wir damals diese Nachricht von Shinjiros verschwinden, oder Tot bekamen, waren wir, wenn ich heute zurückblicke, wochenlang wie gelähmt, plötzlich stand ich in der Position von meinem Bruder, ich war täglich bei meinen Eltern und Hitomi war voller Trauer.” Royu atmete tief ein, als er sich daran weiter erinnerte, doch er erzählte weiter: “Es stand sogar zur Diskussion, dass Shinji zu mir kommen sollte, jedoch hätte das im selben Atemzug bedeutet, dass Hitomi nicht nur ihren Mann, sondern auch ihren Sohn verloren hätte.”
Saber pustete die Luft aus, er war gerade sehr überrascht über dieses offene Gespräch: “Warum hat ihr Vater diese Rolle nicht übernommen?” ging der Schotte in die Offensive und knüpfte an Royus Offenheit an. Royu musterte den Schotten und atmete hörbar aus. Saber merkte, dass der Japaner innerlich mit sich haderte und wartete ab.
Nach einer Weile begann Royu leise, aber sehr sachlich mit ihm zu sprechen: “Nun Mr. Lancelot, Sie sind ein sehr guter Freund von Shinji und im Stab von meinem Bruder, somit wird ihnen von den beiden sehr viel Vertrauen entgegengebracht.“ – „Daran werde ich im weiteren Verlauf dieses Gespräches anknüpfen!” Saber mochte die Art und Weise, wie der Japaner ihm sagte, dass er darauf vertraue, dass nichts davon auch nur ansatzweise diesen Tisch verlassen sollte!
Saber nickte einwilligend und bedankte sich für das entgegengebrachte Vertrauen: Royu schaute über den Eingang des Gebäudes, es war niemand zu sehen. “Ihnen ist aufgrund ihrer Herkunft nicht fremd, dass der erstgeborene Sohn in diesen Familien eine andere Stellung hat, gegenüber denen, die nach ihm kommen.” Saber nickte Royu darauf bestätigend zu: “Ich weiß nicht mehr genau, wann ich es das erste Mal bewusst wahrgenommen habe, uns trennen dreieinhalb Jahre, wir müssen also noch klein gewesen sein.“
„Schon als kleines Kind musste er still sitzen, gerade stehen und sich verbeugen, bevor er sprechen durfte. Eine meiner ersten Erinnerungen an ihn ist, wie unser Vater ihm beibrachte, wie man korrekt salutiert. Wenn er lachte, wurde er ermahnt, wenn er hinfiel, hieß es, Krieger weinen nicht und er musste damit klarkommen“, begann er und machte eine Pause und blickte über den Schießplatz, über dem bereits die für Yuma so typisch rote Dämmerung einsetzte. Saber ließ das gehörte sacken, in ihm, zog sich gerade alles zusammen und legte seine Stirn nachdenklich in Falten, als ihm wieder einfiel: “Ist es das, was sie mit “Bō de Shitsukeru” meinten?” fragte er nach und Royu blickte etwas überrascht zum Schotten und nickte ihm zu: “Ich habe es mir übersetzen lassen.” erklärte Saber.
„Bō de Shitsukeru bedeutet wörtlich, ‚Mit dem Stock erziehen.‘ Doch es ist mehr als das. Es umfasst alles im Leben, wie Haltung, Denken und Fühlen. Es ist die Fixierung auf ein Ziel, auf Gehorsam, auf Perfektion. Es gibt keine Abweichungen, oder individuelle Entscheidungen, keine Schwäche und kein ‚Ich‘, nur Disziplin und Pflicht. Es galt immer besser zu sein als die anderen. Fehler bedeuten Hansei Selbstreflexion durch Strafe, oder Züchtigung, es waren keine Schläge aus Wut, sie waren kontrolliert und ein Teil der Ausbildung. “Fehler mussten gespürt werden”, hat unser Vater immer gesagt, nur so lernt man, sie nicht zu wiederholen. „Jedenfalls war alles, was für ein Kind normal ist, wie Freunde treffen, Streiche spielen usw. für Shinjiro nie existent gewesen.“
Saber drehte, ohne etwas zu sagen, seinen Kopf, denn keine Worte würden dem gerecht werden, was er gehört hatte. Er war betroffen und erschüttert, obwohl ihm die geschichte von militärischen erziehungsmethoden nicht fermd waren. Hätte er doch tatsächlich geglaubt, dass solche Methoden längst Geschichte sein. Was Royu da beschrieben hatte, erinnerte ihn an den alten “Albion Code“, ebenfalls eine strenge englische Form des frühen militärischen Drills, bei dem Kinder zu Soldaten geformt wurden, wo Disziplin und Gehorsam das höchste Gut war. Er musste sich darüber informieren, nicht auszudenken, wenn es tatsächlich noch Einrichtungen gab, die dieses Vorgehen lehrten. Und zusätzlich war er sehr dankbar dafür, dass der Großvater diese nicht auch noch bei Fireball angewandt hatte. Und das, obwohl sogar Saber in Fireball viel mehr sah als einen “einfachen” nur einen Kampfpiloten. Fireball sprach zudem immer sehr liebevoll von seinem Großvater, nicht einmal ansatzweise von jemanden, der seinen Sohn unter Drill gestellt hatte.
Royu lehnte sich etwas zurück und atmete tief ein: „Wie Sie seinem öffentlichen Lebenslauf entnehmen können, ging er bis zum 16. Lebensjahr auf die besten Militärschule des Landes und erhielt privaten Unterricht bei Generälen, Taktikern und hatte so genannte militärische Erzieher. Was da abging, weiß ich nicht. Sein ganzer Tagesablauf spielte sich in einem militärischen Umfeld ab. Mit 17 studierte er auf Jarr, in dieser Zeit müssten sich König Jarred und Shinjiro irgendwie kennengelernt haben. Mit 18 begann auf Alamo seine Laufbahn im Neuen Grenzland und später im Oberkommando.“ erzählte Royu sehr nüchtern. Eine Weile herrschte Stille, nur der Wind spielte über den Platz und ab und zu hörte man Schüsse.
Saber ließ den Blick über den Schießstand schweifen, während die Worte in ihm nach hallten. Es fiel ihm schwer, sich eine Welt ohne Nachsicht vorzustellen, wo es keinen Raum für Fehler gab, dafür aber umso mehr für Disziplin, Kontrolle und Erwartungen. Kein Wunder, dass der Mann, der heute Captain Hikari war, so präzise, beherrschend, ja fast unnahbar wirkte, jedenfalls auf den ersten Blick. Und doch war da etwas in ihm, das wohl nie ganz erstickt worden war. Schließlich sprach Fireball von seinem Vater so, wie ein typischer Siebzehnjähriger eben von seinem Vater sprach, zwar mit Respekt, aber auch mit einem leisen Trotz.
Und da war dann noch Captain Hikaris Frau … Sie hatte all die Jahre tatsächlich auf ihn gewartet, man wartet doch nicht auf jemanden, den man nicht liebt. Wie König Jarred hatte auch sie die Hoffnung nie aufgegeben, dass er eines Tages zurückkehren würde. Das funktioniert doch nur, wenn da jemand im privaten Umfeld liebevoll, ja sogar weich sein kann. Vollkommene Gegensätze, wie Saber fand und er schüttelte langsam mit seinem Kopf und räusperte sich, bevor er daraufhin vorsichtig nachfragte: „Und Sie?“ Royu sah zum Schotten und lächelte verhalten: „Ich kam dafür wohl nie infrage. Wie schon gesagt, mich rettete, dass ich der Zweitgeborene bin. Irgendwann fand mein Vater heraus, dass ich sportlich gut aufgestellt bin und gut zielen kann, das förderte er in mir, aber geschlagen hatte er mich nie, wenn sie das meinen. Ich habe halt keine Superkräfte“, antwortete er kurz und knapp..und musste etwas lachen.
„Superkräfte?“, hakte Saber nach, denn er verstand nicht ganz. Royu nickte leicht. „Ich meine natürlich “Superkräfte” im übertragenen Sinne, Fähigkeiten, wie Hochbegabung, vor allem im Bereich Mathematik und “Perzeptive Totalwahrnehmung usw .. ” PTW. Ich bin wohl nur ein ganz normaler Typ im oberen Mittelfeld, der es irgendwie zum Colonel geschafft hat.“ erklärte Royu sich. Saber verstand, dachte aber kurz nach: “PTW?” hakte er nach, denn Saber kannte nur ATW also akustische Totalwahrnehmung. Royu setzte sich bequemer hin und erklärte: „Sie kennen bestimmt das absolute Gehör, eben ATW, eine Fähigkeit, die ohne Hilfsmittel jede Tonklasse eines Tonsystems exakt erkennen und ihre feinsten Nuancen wahrnehmen und sie sogar akustisch wiedergeben kann?“, fragte Royu Saber nickte. „Das gleiche Prinzip gibt es auch beim Sehen, das absolute Sehen, oder wie es fachlich heißt, die perzeptive Totalwahrnehmung. Sie funktioniert ganz ähnlich. Wenn er etwas betrachtet, nimmt er jedes noch so kleinste Detail wahr. Selbst Dinge, die für ein normales Auge gar nicht relevant sind. Sein Gehirn speichert sie nicht nur ab, sondern kann sie auch exakt wieder abrufen. Die Verknüpfung der visuellen Informationen ist bei ihm völlig anders aufgebaut, er hatte es mir einmal erklärt, aber irgendwann war ich raus.” grinste er. Saber blickte zur Seite und verstand: “Also wurde das im Drill weiter trainiert.” sprach er nachdenklich vor sich. Royu nickte.
“Ich weiß, dass viele ihn für sehr arrogant und unnahbar halten und ja in gewisser Weise ist er das auch.” gab Royu zu, “Vielleicht ist es ein Wesenszug von ihm, oder ein Mechanismus, um sich vor äußeren Einflüssen zu schützen. Doch was mich persönlich am meisten erstaunt ist, die Tatsache, dass er sich diese Haltung sechzehn Jahre lang bewahrt hat. König Jarred meinte dazu, dass genau diese militärische Ordnung Shinjiro in diesen Jahren Halt und Sicherheit gegeben haben könnte.“
Royu beendete seine Worte, und der Schotte dachte über das Gehörte nach. Ja, in gewissen Lebensabläufen konnte militärische Ordnung Sicherheit geben, besonders in Ausnahmesituationen, denn dafür wurden einige Abläufe sogar gemacht. Saber hielt einen Moment in seinen Gedanken inne. Waren die sechzehn Jahre nicht genau das gewesen? Es war eine Ausnahmesituation, in der sich Captain Hikari wiedergefunden hatte, eine Zeit, in der man geistig und mental an etwas festhalten musste. Schließlich war er allein, in einem fremden Universum, unter fremden Menschen. König Jarreds Theorie klang tatsächlich sehr logisch.
„Ich verstehe, und es beantwortet viele Fragen und ändert auch meine Sicht auf vergangene Ereignisse, doch trotzdem bin ich sehr geschockt“, gab Saber zu. Für ihn war es unbegreiflich, wie ein Mann, dazu noch der eigene Vater, sein Kind, sein Sohn einem Drill-System aussetzen konnte, ja, es regelrecht opferte und zum Objekt machte. Ein anderes Wort fiel Saber tatsächlich nicht ein.
“Doch wofür?” dachte er und erschrak, dass er es tatsächlich hörbar ausgesprochen hatte. Natürlich hatte es Royu gehört und sagte: “Wofür … ja, das ist schwer zu beantworten und wird, vermute ich, auch immer ein Geheimnis bleiben.“ Saber konnte dieser Antwort wenig abgewinnen, auch verstehen würde er es nicht. Seinem Kind, welches er noch nicht mal hatte, könnte er das niemals antun, selbst wenn er großes Potenzial in ihm erkennen würde, nicht mal ansatzweise wollte er an so etwas auch nur denken: „Dennoch scheint Ihr Bruder, so wie ich mitbekommen habe, zu Ihrem Vater ein gutes Verhältnis zu haben!“ Royu sah den Schotten darauf einen kurzen Moment nachdenklich an: “Ich weiß nicht, ob das tatsächlich so ist, er hatte sich nie negativ über Vater geäußert, was in ihm wirklich abgeht weiß ich nicht, seine Frau wird es wissen und bestimmt auch Jarred, aber sonst wird das alles niemals jemand erfahren, nicht einmal ich, so wie es ausschaut!” antwortete er. Der Schotte atmete tief ein und aus, um sich innerlich zu beruhigen. Royu nahm die Atmosphäre um den jungen Schotten auf und fügte an: “Und doch wäre es dumm, ihn jetzt nicht an dieser Position zu haben, denn sonst wäre das alles umsonst gewesen! Und um es mit Captain Hikaris Worten zu sagen, “Ich bin zurückgekommen, um den Outridern in den Arsch zu treten!”
Sabers Gesichtszüge entspannten sich tatsächlich nach dem Gehörten und er blickte leicht grinsend auf: “Das hat er wirklich gesagt?” Royu nickte, “Oh ja und es wird ihm eine Ehre sein!” fügte Royu noch mit an. Saber nickte darauf und blickte in den Himmel, wo ein Schwarm Vögel vorbeizog. Aber eine Frage brannte ihm persönlich noch auf der Seele: „Wie kam es zu der Freundschaft zwischen Ihrem Bruder und König Jarred?“ Royu zuckte darauf nur mit seinen Schultern: „Wie das bei den beiden kam, weiß ich nicht. Aber sie tun sich gut. Jarred ist immer als Erster über alles informiert, vielleicht hilft ihnen diese Information irgendwann einmal.“ Saber nickte dankend und speicherte sich das gleich gedanklich ab. Es war allgemein bekannt und es wurde auch kein Geheimnis darum gemacht, dass König Jarred und Captain Hikari gute Freunde waren. Doch in der Öffentlichkeit agierten sie mit einem professionellen Abstand und hielten sich an Protokolle.
Da bekam Saber eine Nachricht von Colt und sah zu Royu: „Die beiden sind beim Cowboy zu Hause und reden über die Hochzeit!“ Royu rollte mit seinen Augen und stand genervt auf: „Ja, danke fürs Warten lassen!“ Saber grinste und erhob sich ebenfalls, zusammen gingen sie zum Hauptgebäude des Oberkommandos. Um sie herum wurde es auch schon langsam dunkel.
„Was ist in Naku?“, fragte Saber und wechselte damit auch direkt das Thema. Royu grinste und erklärte: „Was für Ihre Familie Aventalot ist, ist für uns Naku. Es gibt eine schöne Webseite darüber, kann ich nur empfehlen.“ Saber nickte und fügte schmunzelnd hinzu: „Danke, über Aventalot gibt es das übrigens auch!“ Royu nickte trocken und grinste: „Ich weiß.“ Saber schüttelte seinen Kopf und musste kurz auflachen.
Silver Spur
Robin hatte sich sehr gefreut, als Colt zusammen mit Fireball vor der Tür gestanden hatte. Sie hatte ihn umarmt, schnell war das vertraute Band auch zwischen den beiden wieder da. Gemeinsam hatten Colt und Robin ihm dann ihre Wohnung gezeigt, die Fireball sehr gemütlich fand, warmes Licht, helle Farben und natürlich Western-Details, alles sehr bodenständig, es passte einfach perfekt zu den beiden. Schnell brachten sie ihn auf den neuesten Stand, Robin berichtete, dass Joshua tatsächlich schon einen Freund in der Nachbarschaft gefunden hatte. Die blonde Lehrerin war einfach immer wieder überrascht, wie schnell ihr Bruder Kontakt knüpfen konnte.
Mit einem guten Glas Kaktussaft ging es an die Hochzeitsplanung, Colt gelassen in seinem Sessel lehnte und diese Atmosphäre sichtlich genoss, berichtete, was sie alles planten, natürlich bemängelte er in einem Nebensatz das nicht vorhandenen Rodeo, als er sich dem essen zuwandte: „Lasst mich raten, es gibt Steak!“ nahm Fireball überzeugt vorweg, Colt lachte auf: „Ja, Hombre und du bekommst sogar gleich zwei, damit du groß und stark wirst.“ Fireball rollte etwas mit seinen Augen, aber grinste: „Wer kommt denn alles?“, wollte er nun wissen, auch um vom Thema abzulenken: „Um die fünfzig Gäste!“, antwortete Robin direkt, Fireball nickte: „Na gut, das ist überschaubar.
„Und wo soll das Ganze stattfinden?“ Colt stand auf, als hätte er nur darauf gewartet, dass er fragt und holte einen Flyer vom Esstisch. Mit einem breiten Grinsen reichte er ihn seinem Freund: „Ah, im Silver Spur Saloon! Hab davon gehört“, nickte Fireball, während er den Flyer aufklappte.
Die Silver Spur Saloons waren im Neuen Grenzland seit Beginn ein echter Kultort, besonders für all jene, die den wilden Westen liebten. Mit ihren urigen, zugleich aber technisch modernen Ausstattung fingen die Saloons das Lebensgefühl der frühen Grenzjahre perfekt ein. Eine erfolgreiche Kette, die es verstanden hatte, Westernromantik mit modernem Komfort zu verbinden.
Der Saloon auf dem Flyer war ganz im Stil einer alten, Scheune gehalten: grobes Holz, breite Flügeltüren, ein langer Tresen aus dunkler Eiche, über dem alte Hufeisen und Öllampen hingen. An den Wänden zierten Fotos die Vertäfelung von Cowboys und Indianern, Mustangs und staubigen Highways. Es roch nach Holzrauch und gebratenem Fleisch, Klänge einer Country Band, die jeden Abend live aufspielte und zum Linedance einlud, waren ein erwarteter Standard. Es war nahezu unmöglich, dort kurzfristig eine Feier zu veranstalten, der Silver Spur war auf Monate, wenn nicht ein ganzes Jahr im Voraus ausgebucht. Wie Colt es doch geschafft hatte, einen Termin zu bekommen, blieb ein Rätsel. Aber genau das passte zu ihm, schließlich strahlte Robin vor Freude und nun konnte auch Fireball es kaum noch erwarten und r musste sich etwas als Trauzeuge einfallen lassen! Das würde ein Fest werden, wie man es im Neuen Grenzland so schnell nicht vergessen würde: „Ja, nichts anderes hätte ich mir für euch vorstellen können, kitschig Pink hätte auch nicht zu euch gepasst!“ kommentierte er nur. Robin und Colt sahen sich an und lachten laut auf: „Das Hombre überlassen wir dann dir!“, konterte Colt spöttisch. Fireball rümpfte darauf seine Nase: „Das wird noch eine Weile dauern!“ – „Sag sowas nicht, schau uns an!“, gab Robin lachend zurück. Fireball sah zu seinem Freund neben sich und sagte: “Dass er wirklich als Erstes mit festen Satteltaschen ist, hätte ich nicht gedacht, aber ich glaube es auch erst, wenn er ja gesagt hat!” Colt stieß Fireball etwas an, “Hey!”
Die Wohnungstür wurde aufgeschlossen und Joshua stürmte direkt ins Wohnzimmer. Er begrüßte Fireball, den er schon über ein Jahr nicht mehr gesehen hatte und begann ihm sofort zu erzählen, was er heute alles mit seinem neuen Freund entdeckt hatte. Yuma war spannend, aufregend und vor allem viel größer als so eine kleine Stadt wie Tranquility. Fireball lächelte leicht und schüttelte mit seinem Kopf, während ihn Joshuas Informationsflut förmlich überrollte: „Wow, klingt, als hättest du den halben Planeten erkundet“, sagte er schmunzelnd. Joshua lachte darauf und sprang fast auf und ab und begann, noch schneller von allen Details zu berichten. Fireball sah zu Colt, der ihn angrinste, er nahm einen Schluck Kaktussaft und hörte den Jungen zu, schließlich war alles um ihn herum so neu, auch wenn es ganz schön anstrengend war, allem gleichzeitig zu folgen.
Robin schmunzelte und legte Joshua sanft eine Hand auf die Schulter, auch um ihn zu beruhigen: „Okay, kleiner Entdecker, das waren jetzt genug Informationen, jetzt ab ins Badezimmer und beim Abendessen kannst du uns dann alles noch einmal in Ruhe erzählen.“ Joshua protestierte kurz, ließ sich aber von ihrer ruhigen Autorität aus dem Wohnzimmer schieben. Zusammen verließen sie das Wohnzimmer, während Fireball ihnen nachsah und leise lachte.
Auch Colt und Fireball verließen das Wohnzimmer und gingen in die Küche. Colt lehnte sich an die Küchenzeile. Fireball ging zur Balkontür und schaute in den beleuchteten grünen Park, dort gingen Hundehalter mit ihren Bellos spazieren und vereinzelt sah man einen Jogger. Fireball schaute wieder zu Colt und musste ein wenig grinsen: “Mit Joshua kannst du ja gleich üben für deinen eigenen Mini Cowboy!” scherzte der Japaner, der Joshuas Redefluss immer noch in seinen Ohren hatte. Colt blickte auf und lachte einmal kurz auf. “Ja, es wird anders werden.“
Fireball lehnte sich neben Colt und nickte: ”Ja, viel Verantwortung.” Colt sah zum Balkon und erklärte: “Er freut sich sehr, herkommen zu können, was ist, sollte es mit der Schule nicht klappen, wird er äußerst enttäuscht sein!” Fireball verstand nicht: “Dann eben eine andere, auf dem Weg hierher, habe ich mindestens drei gesehen und Yuma ist riesig!” lenkte Fireball ein. Colt nickte: “Ja das wäre kein Problem, aber Robin arbeitet in der Grundschule und hat auch den Lehrplan und die geführten Abschlüsse der Highschool des Oberkommandos gesehen, sie würde es sich für ihren Bruder wünschen, er hätte damit überall gute Chancen, egal welche Laufbahn er dann später einschlagen würde.” – “Ach so, ich würde abwarten, Joshua ist ein schlauer Junge, warum sollte er es nicht schaffen. Er sitzt nicht zwischen 60 Prozent wie Du vor zwei Jahren.” grinste Fireball frech. Colt rollte darauf mit seinen Augen: “Und Du bekommst gleich Flugstunden und zeigte mit seinem Kopf Richtung Balkon!” Fireball sah in die besagte Richtung und kommentierte: “I Believe I Can Fly!” Colt lachte. Fireball nickte: “Das klingt schon besser! Warte ab, für alles wird sich eine Lösung finden!” war sich Fireball sicher. Colt nickte, darauf meldete sich Fireballs Communicator: “Lass mich raten Aaiko!” kam es von Colt breit grinsend. Fireball schüttelte mit seinem Kopf: „Nein, mein Onkel, ich werde wohl vermisst und er schaute auf seine Uhr: “Ups, wir wollten heute noch essen gehen, das habe ich komplett vergessen!” Colt schüttelte mit seinem Kopf: “Und Du willst Kampfschiff Pilot sein!” Fireball äffte ihn ein wenig nach und verließ die Küche. Colt grinste und sagte, „Komm‘ ich fahr Dich, das geht schneller, bis das Taxi da ist!” sagte er und Fireball verabschiedete sich von Robin und Joshua.
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