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3.787 Wörter, 20 Minuten Lesezeit.


Absatz 1

Colt und Saber betraten die Etage der Intensivstation, und waren über das Aufgebot überrascht, als sie König Jarred und Kommander Eagle vor der Station in einem abgesicherten Wartebereich vorfanden. April, die zusammen mit ihrem Vater gekommen war, ging zu den beiden und erklärte, dass Fireballs Mutter gleich eintreffen würde. Colt und Saber atmeteten vor Erleichterung tief ein. Im ersten Moment dachten sie, dass etwas mit ihrem Freund war. Saber erkannte, dass sie eigentlich nicht hier sein sollten, und zog Colt und April weg vom Geschehen. 

Einige Minuten später stieg ein Fahrer des Palastes zusammen mit Hitomi aus dem Fahrstuhl. König Jarred und Kommander Eagle nahmen sie in Empfang. April war beeindruckt von der Ausstrahlung der Frau, die sie zum ersten Mal sah, und ohne Zweifel Fireballs Mutter war. Eine Frau mit halblangen, glänzenden, braunen Haaren mit leichten Wellen und einem sehr modischen Outfit. 

Hitomi spürte ein beklemmendes Gefühl, aber versuchte, ihre Fassung zu wahren: „Was ist passiert, wie geht es ihm, wo ist er?“, fragte sie natürlich besorgt direkt nach der Begrüßung. Jarred bat sie, sich zu setzen. „Bitte sage mir nicht, dass er …“ Jarred legte vorsichtig eine Hand auf Hitomis Schulter und bat sie, ihn anzusehen. Seine Augen schimmerten, denn er verstand, was Hitomi befürchtete. Mit einem beruhigenden Lächeln schüttelte er leicht mit seinem Kopf und sprach sanft: „Deinem Sohn geht es den Umständen entsprechend gut, glaub mir, Hitomi, ihm geht es bald wieder besser! Aber …“ Hitomi fragte vollkommen überfordert: „Aber? Jarred, bitte, was ist los?“ Und sie blickte hilfesuchend zu Charles.

Jarred atmete tief ein und sprach etwas leiser: „Shinjiro!“ Hitomi erschrak und sah Jarred ungläubig an. Jarred nickte: „Er ist wieder da!“ Es blieb still. „Verstehst du, Shinjiro!“ In dem Moment wich alle Farbe aus Hitomis Gesicht, ihr Herz begann schneller zu schlagen, sodass sie dachte, dass es jeder hören musste. Langsam blickte sie wieder zu Charles, auch dieser nickte ihr bestätigend entgegen. „Shinjiro?“, flüsterte sie kaum hörbar. „Aber, wie, seit wann?“, fragte sie und sah wieder zu Jarred.

Jarred nickte: „Seit drei Tagen! Er tauchte plötzlich mitten in einer … Auseinandersetzung, mit den Outridern auf.“ – „Ihm geht es gut, hervorragend sogar“, erzählte Jarred, doch Hitomi, sah Jarred weiterhin einfach nur fassungslos an, ihre Augen wurden langsam feucht. „Kann das wirklich wahr sein?“, fragte sie sich, während Jarred weitersprach. Die Japanerin nickte nur, so sprachlos war sie. Jarred musste etwas schmunzeln und plauderte: „Und, er freut sich auf dich.“ 

Charles reichte Hitomi ein Glas Wasser, was sie dankbar entgegennahm, und sie sah sich um. „Wo, wo ist er?“, fragte sie, mit bebender Stimme. Jarred zeigte in Richtung der Station: „Er ist bei Shinji.“ Hitomi, atmete tief ein. Sie stand auf und machte sich mit einem Tuch etwas frisch. So verheult, konnte sie ihrem Mann, nach 16 Jahren, doch nicht unter die Augen treten“, waren ihre ersten Gedanken. Die so absurd waren, dass sie schmunzeln musste.

Nach einer Weile schaute sie zu Jarred und Charles: „Nur, wie ist das möglich?“, fragte sie wieder ungläubig. Charles schmunzelte: „Das kannst du ihn gleich selbst fragen, wir haben darauf auch noch keine Antwort bekommen. Es ist, als ob er nie weg gewesen wäre.“ Jarred stand auf, um die Situation auch etwas aufzuheitern, denn schließlich war es ja eine gute Nachricht! „Dann kannst du auch gleich entscheiden, ob er gut aussieht oder nicht.“ und grinste breit. Hitomi bekam große Augen und ihre Ohren wurden etwas rot.

Nach einigen Sekunden nickte sie den beiden zu. Jarred verstand und ging zu ihr: „Ich begleite dich bis zur Tür!“, bot Jarred an und betätigte den Knopf, an der Wand. Und die Tür zur Station öffnete sich vor Hitomi. Doch bevor sie eintrat, flüsterte Jarred ihr zu: „Er hat auch ein wenig Angst.“ Hitomi schaute Jarred fragend an. Jarred nickte und grinste. „Hat er mir gesagt … gestern!“ Hitomi lächelte und betrat die Station.

Absatz 2

April hielt sich ihre Hände vor ihr Herz, als sie Misses Hikari auf die Station gehen sah. Was muss in dieser Frau gerade alles vorgehen? Sie hat 16 Jahre gewartet und würde auch jetzt noch warten. „Könnte sie das?“ 

Okay, das war echt zu viel für den Cowboy, da waren Robins schnulzige Serien, die er manchmal mit ihr schauen musste, ja, richtig billige, „Low-Budget“-Produktionen.

Absatz 3

Captain Hikari, stand neben dem Bett seines Sohnes und betrachtete ihn wie die Male davor. Shinjiro fand, dass er schon „besser“ aussah, er hatte wieder etwas Farbe bekommen. Morgen würde er langsam aufwachen, der Arzt hatte ihm erklärt, dass sich der gesamte Aufwachprozess bis zu einer Woche hinziehen könnte, sie müssten ihn langsam von den Medikamenten entwöhnen. 

Der Captain ging näher und legte seinem Sohn eine Hand auf die Schulter. Nach einigen Augenblicken drehte er sich wieder um und hielt inne und war wie gelähmt: „Hitomi“, flüsterte er und ließ seinen Blick nicht von ihr, auch Hitomi wagte es nicht einmal zu blinzeln, zu groß war die Gefahr, dass das alles nur ein Traum war. Doch seine Stimme, die nur ein Flüstern gewesen war, hatte sie sanft umarmt. Nie hätte sie geglaubt, dass sie ihren Namen noch einmal mit dieser Stimme hören würde. Sie nickte leicht, und ihre Augen füllten sich langsam mit Tränen, und sie ging auf ihn mit weichen Knien zu. Jeder Schritt schien wie eine Ewigkeit, als sie auf ihren Mann zuging, den sie so viele Jahre vermisst hatte. Als sie vor ihm stand, streckte sie zitternd eine Hand nach ihm aus. Vorsichtig berührten ihre Fingerspitzen seine Wange, so als hätte sie Angst, dass es gerade wieder einmal nur ein Traum war. Ihr Finger glitt sanft über seine Wange zu seinem Kinn. Es war kein Traum, er stand wirklich vor ihr, sie konnte ihn berühren. Die Realität dieses Moments durchströmte sie mit Emotionen, die sie nicht in Worte fassen konnte. Shinjiro ließ es geschehen, als ihre Finger sanft seine Haut berührten. Obwohl ihre Berührungen nicht mehr als ein zarter Hauch von nichts waren, durchzog es ihn mit einer überwältigenden Intensität. Er schloss für einen Moment seine Augen. Hitomi strich langsam über seine Brust und stoppte auf seinem Herzen, das genauso raste wie das ihre. Leise, kaum hörbar, hauchte sie: „Shinjiro!“

Eine Hand griff sanft nach ihr, er zog sie zu sich heran. Sie umarmten sich zögerlich und etwas unsicher, doch es fühlte sich, je näher sie sich kamen, immer vertrauter an. Seine Arme umfassten sie fester, sie umarmte ihn, während langsam einige Tränen über ihre Wangen liefen. Es war tatsächlich real, er war real, sie roch ihn und spürte sein Herz schlagen. Es kam ihr so vor, als würden ihre Herzen wieder in Einklang schlagen.

April hatte sich wieder gefangen, ihr Vater und König Jarred waren schon gegangen, sie sah sich um und fand nur noch Colt neben sich wieder. „Wo ist denn unser Boss?“, fragte sie. Colt, der auch gerade in Gedanken bei seiner Robin gewesen war, schaute sich um, Saber war nicht zu finden: „Tatsache weg!“, bestätigte er und zuckte mit seinen Schultern: „Tja, ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich benötige erst einmal einen eiskalten Kaktussaft!“ Er nahm April einfach in den Arm und beide gingen in die Cafeteria. 

Wo sie Saber hinter einem großen Pott Kaffee auf der Außenterrasse im Halbschatten vorfanden. Der Schotte genoss die Vormittagssonne, als er seine beiden Pappenheimer auf sich zukommen sah: „Tja!“, kam es von Colt, als er sich neben Saber setzte: „Fireball werden wir dann heute wohl nicht sehen, da oben ist Familientreffen.“ April wurde wieder etwas schwer ums Herz und fügte, ein wenig traurig, hinzu: „Und er bekommt von all dem gar nichts mit!“ Colt nickte April zu und meinte darauf: „Das wird er ja bald.“ Und stand auf, um den versprochenen Kaktussaft zu holen.

Eng umschlungen, standen sie da, als hätten sie Angst, ihre Umarmung sei begrenzt. Wie lange sie das schon taten, wussten sie nicht, sie benötigten keine Worte, es zählte nur dieser Moment. Ihr Atem ging in gleichmäßigem Rhythmus des anderen über, das Wiedersehen war doch so ganz anders als in ihren Vorstellungen! „Vergib mir!“, flüsterte Shinjiro und brach das Schweigen. Hitomis  Kopf ruhte auf seiner Brust, leicht schüttelte sie diesen und schaute etwas zu ihm auf, ohne die Umarmung dabei zu lösen: „Das habe ich schon!“, kam es genauso leise von ihr. Er sah sie an und öffnete seinen Mund und wollte etwas sagen, doch es kam nichts. Langsam schloss er seine Lippen und presste sie leicht aufeinander. Langsam schüttelte er mit seinem Kopf, und ihm stiegen Tränen in die Augen. Hitomi schloss ihn enger an sich, als sie merkte, dass er gerade völlig die Fassung verlor. 

Sie ließ ihm seine Zeit, bevor sie sanft sprach: „Lass uns später reden.“ Er nickte und nach zwei weiteren Atemzügen löste er langsam die Umarmung. Hitomi strich ihn noch einmal mit ihrem Handrücken über eine Wange. Und wandte sich dann ihrem Sohn zu. Er sah so hilflos aus, am liebsten wollte sie ihn aus diesem Bett herausholen und mit nach Hause nehmen. Sie wusste von Jarred, dass sie Shinji bald aufwachen lassen würden, doch war der Anblick für sie erschreckend. 

„Und, wie findest du ihn?“, fragte sie Shinjiro und strich dabei über den Arm ihres Sohnes. Shinjiro lächelte seine Frau an und antwortete: „Perfekt!“ Da war es, sein Lächeln, es war dieses Lächeln, welches ihr so gefehlt hatte, jetzt wusste sie, dass alles wieder gut werden würde. Shinjiro bemerkte, wie sie ihn anschaute und den Blick gerade nicht deuten konnte. Ein wenig unsicher fragte er: „Was ist?“ Hitomi lächelte: „Nichts.“ Und strich ihn mit einer Hand zärtlich durch seine Haare und wandte sich wieder ihrem Sohn zu. Shinjiro ließ diese Geste so stehen und stellte seiner Frau einen Stuhl hin und nahm sich selbst auch einen.

Absatz 4

König Jarred und Kommander Eagle, fuhren auf das Militärgelände. Jarred würde gleich eine Rede zu seinen Einheiten halten, um sie weiterhin zu ermutigen, ihr Bestes für das Königreich zu geben. Die beiden unterhielten sich in diesem privaten Rahmen, in der Limousine, auf Französisch. 

„Shinjiro steht also wieder zu 100 Prozent im Dienst?“, kam es von Eagle mit einem besorgten Unterton. Jarred nickte wissend: „Ja, er wurde auf Pectos von Kopf bis Fuß durchgecheckt und von einem unabhängigen Komitee inklusive dem vereinten Militärstab verhört“, teilte er mit Charles sein Wissen. Eagle verstand: Diese Verhöre waren das reinste Psychospiel. „Wann war das?“, wollte Eagle nach diesen Informationen wissen. „Vorgestern!“, antwortete Jarred knapp. „Was?“, kam es fast erschrocken von Eagle. Der König blickte fragend auf. „Er stand gestern, wie selbstverständlich bei mir im Büro. Als ob … ja, als ob nichts gewesen wäre.“ Jarred lehnte sich auf der weichen Sitzbank zurück und blickte nachdenklich aus dem Fenster, an dem das sommerliche Jarr vorbeizog. Er konnte die Fassungslosigkeit von Kommander Eagle nachvollziehen. Doch genau das war es, was Shinjiro bestätigte. Jarred beharrte dies genauso wenig, wusste er doch, woher das kam. Aber nichtsdestoweniger, hielt Shinjiro stand, das hatte sich in den vergangenen 16 Jahren nicht verändert. 

„Mich hat General Whitehawk benachrichtigt, was der Militärstab beraten hatte. Und es scheint, als wäre der Stab weiterhin sehr interessiert an Shinjiro“, durchbrach Eagle die kurzzeitige Stille. Jarred musterte Eagle und nickte. „Wie geht es Ihnen damit, Charles?“, hakte der Monarch nach. Kommander Eagle schaute aus dem Autofenster und dachte nach: „Es war abzusehen, er wurde nie außer Dienst genommen! Doch er sollte erst einmal ankommen, 16 Jahre, verstehen Sie, König Jarred?“ Jarred stimmte nickend zu, er konnte Eagles Bedenken wie kein anderer nachvollziehen, ließ diese aber erst einmal offenstehen. Denn es hing zu viel daran. 

„Ich hatte heute Morgen ein Treffen mit einem Diplomaten aus Alamo, der mir mitteilte, dass sie Captain Hikari nach wie vor in der Position des First Grad haben wollen, so wie es damals beschlossen wurde!“ Kommander Eagle schüttelte mit seinem Kopf: „Und sie, eure Hoheit, wie sehen sie das Ganze?“ König Jarred atmete tief ein und aus: „Meine persönliche Meinung lasse ich außen vor! Als König und Bündnispartner sehe ich in Captain Hikari einen Mann, der genau an die Position des First Grad gehört!“ Und reichte Kommander Eagle eine Verschlusssache, bevor der Wagen hielt: „Doch einer muss noch zustimmen, und zwar Captain Hikari selbst.“ Mit diesen Worten stieg Jarred aus der Limousine.

Saber, Colt und April waren bereits seit einer Stunde im Wartungshangar, in dem Ramrod wieder auf Vordermann gebracht wurde. April, saß in ihrer Satteleinheit und ging die Fehlerprotokolle durch: „Da hatte Ramrod ja einige Probleme gehabt“, stellte sie fest. Sie behob die Protokolle und war den ganzen Nachmittag damit beschäftigt. 

Nach einigen Stunden beendete sie ihre Arbeit. Sie war mit ihrem Vater zum Abendessen verabredet und würde sich jetzt in ihr Quartier begeben, um sich dafür fertig zu machen. Sie ging in den Aufenthaltsraum, um sich von Saber zu verabschieden. Der Schotte war vollends in seine Arbeit vertieft und nickte dabei nur. 

Colt war im Hangar beschäftigt, Ramrod sollte neue Waffen bekommen, die er sich ansehen wollte! Sie so roh zu sehen, fand der Cowboy interessant und spannend. So vergingen die Stunden und Colt wusste über alles Bescheid und freute sich auf seinen Feierabend, den er mit Robin am Telefon verbringen würde. Bald sind Ferien in Yuma City, und er überlegte, ob er sie nach Jarr einladen sollte. „Ja, das ist doch eine gute Idee!“, fand er und nahm sich fest vor, sie nachher zu fragen! Er schlenderte mit diesem Gedanken die Rampe nach oben und ging erst einmal ins Bad, um zu duschen, und Hunger hatte er auch!

Saber saß noch immer im Aufenthaltsraum vor seinem Notebook, mit einem guten schottischen Pfefferminztee, den ihm seine Mutter geschickt hatte, für ein Stück Heimat, in der Fremde. „Namen sind wichtig!“ Da war es wieder. Ständig, seit dem Aufeinandertreffen mit Captain Hikari, ging ihm dieser Satz nicht mehr aus dem Kopf. Den Namen Saber Rider begleitete ihn nun schon so lange, manchmal, ja, das musste er zugeben, dachte er gar nicht mehr an seinen richtigen Namen. „Richard“, sprach er ihn leise vor sich aus. Und dachte über den Nachhall nach. Ein Poltern riss ihn aus seinen Gedanken und er blickte in Richtung Küche, wo die Krachquelle herkam. Colt machte sich lautstark daran, zu kochen. Genervt vom Schreck sah er zu dem Krawallmacher. Der Cowboy war frisch geduscht, mit freiem Oberkörper, und nur mit einer Jogginghose bekleidet. Saber blickte sich belustigt um. Hatte Colt ihn nicht gesehen? 

Fast tänzelnd holte Colt sich die frischen Steaks aus dem Kühlschrank, die er sich heute gekauft hatte, und auf die er sich schon den ganzen Tag gefreut hatte. Er griff pfeifend nach einer Pfanne. Saber grinste breit und rief aus seiner Ecke: „Colt! Du bist nicht alleine!“ 

Der Cowboy erschrak und machte sich einen Spaß daraus. Er drehte sich um und bedeckte mit seinen Händen seine Brust und sagte zum genervten Saber: „Aber nicht gucken!“,  sagte er flötend und machte einen Schmollmund. Saber lachte auf und erwiderte darauf. „Du Spinner! Sag lieber, was es zum Abendessen gibt!“

Kommander Eagle saß an seinem Schreibtisch und las die Akte, welche er von König Jarred bekommen hatte. Es waren gekürzte Gutachten von Shinjiro. Die Blutergebnisse und die daraus resultierenden GEN- und DNA-Abgleiche von Fireball bestätigten, dass Shinjiro der ist, der er ist. Interessanter waren da schon die MRT-Untersuchungen, denn laut diesen musste Shinjiro sehr schwer verletzt gewesen sein, und laut den Ärzten, die dieses Gutachten erstellt hatten, muss es Jahre gedauert haben, um den jetzigen Zustand so wiederherzustellen. Das brachte Eagle zum Nachdenken: Was ist in der Phantomzone tatsächlich geschehen? Das psychologische Gutachten bestätigte, dass keine Kriegstraumata vorhanden waren. Eagle hatte plötzlich Hunderte Fragen in seinem Kopf. Er legte die Akte beiseite. Es klopfte und er sah erschrocken auf seine Uhr und stand erschrocken auf, hatte er doch glatt das Abendessen mit seiner Tochter vergessen.

🟠 Absatz 5 🟠

Shinjiro und Hitomi betraten die Suite, Hitomi sah sich um, während sie weiter eintrat. Sie drehte sich zu ihrem Mann, der sich gerade seiner Schuhe entledigte. Sie setzte sich auf die große, gemütliche Couch und ließ alles um sich herum wirken, sie wollte jetzt einfach nur hier sitzen und alles sacken lassen. Diesen Tag würde sie wohl nie vergessen. Die Sorge nach Jarreds Anruf, der Flug und alles, was darauf folgte, war anstrengend gewesen. Shinjiro ging zum Tisch und schaute, was der Koch heute kredenzte, was auffiel: Der Tisch war für zwei gedeckt. 

Er sah auf und schaute zu Hitomi, die sehr müde aussah, es musste gerade alles äußerst anstrengend für sie gewesen sein, und er ging langsam zu ihr. Er setzte sich vorsichtig neben sie, nach einigen Augenblicken zog er sie an sich heran. Hitomi schloss ihre müden Augen und lehnte sich an ihn, sie genoss den kleinen Halt, den er ihr gerade gab. Es fühlte sich trotz der 16 Jahre Trennung so vertraut an, was sie überraschte, und ihr Herz begann wieder schneller zu schlagen. 

Sofort hatte sich wieder diese Nähe eingestellt, mit der sie wohl gerade gar nicht umgehen konnten, oder trauten sie sich beide nicht? Sie wollte nur in seinen Armen sein, es war perfekt! Eine ganze Weile saßen sie einfach nur so da, ohne etwas zu sagen. Hitomi ließ sich plötzlich nach hinten auf das Sofa fallen und zog Shinjiro lächelnd mit sich. 

Überrascht von ihrer Aktion, ließ er sich doch mitziehen und schloss seine Augen, als er sich an sie lehnte. Nach weiteren Augenblicken merkte er, wie Hitomi sich bewegte und ihn nun umarmte. Er öffnete seine Augen und blickte direkt in ihr Gesicht. Hitomi sah ihn ernst an und sprach mit fester Stimme: „Ich war sauer auf dich, und das bestimmt ein Jahr!“ Shinjiro schaute sie weiter an und hörte zu. 

„Ich war ohnmächtig vor Trauer und auch Wut.“ Sie strich ihm, als sie erzählte, mit einer Hand, durch seine Haare. „Eines Tages habe ich realisiert, was geschehen war. Du hast uns aus Jarr weggebracht, weißt du noch, wie durcheinander ich damals war?“ Er nickte nur stumm. „Ich hatte nicht einmal Zeit, unsere Sachen zu packen.“ Shinjiro hörte konzentriert zu und hatte jetzt auch die Erklärung, woher seine Klamotten hier stammen. Hitomi machte eine kleine Pause und schluckte schwer: „Du hast Shinji und mich in Sicherheit gebracht. Du hattest geahnt, was geschehen würde.“ – „Und knapp eine Woche später war Jarred persönlich bei uns, um zu erzählen, was geschehen war.“ Und ihr liefen die ersten Tränen über die Wangen. Shinjiro wagte es kaum zu atmen. Er musste sich jetzt anhören, wie viel Leid er über Hitomi und seine Familie gebracht hatte, und es zerriss ihm das Herz. 

„Ich wollte das alles nicht glauben, ich hatte Shinji nicht mehr losgelassen, er weinte so sehr, er muss gespürt haben, dass etwas geschehen war, er war doch noch so klein, und doch alles, was ich noch von dir hatte!  Ich war wie gelähmt, du hattest gesagt, du kommst wieder.“ Ihre Tränen wurden weniger, doch ihre Stimme war immer noch voller Traurigkeit und Verzweiflung, die sich seit damals angesammelt hatte. „Ich weiß nicht mehr, wie lange Shinji und ich bei deinen Eltern gewohnt hatten. Ich konnte einfach nicht mehr nach Hause zurück, wo mich alles an dich erinnert hatte. Dein Vater sagte eines Tages, ich solle mich zusammenreißen, Shinji muss groß werden und benötigt eine Mutter. So kehrte ich, allein mit Shinji, nach Monaten wieder in unser Haus zurück.“ Shinjiro schloss seine Augen, während er Hitomi festhielt. 

„Plötzlich war ich eine alleinerziehende Mutter, die Leute redeten: Du hast uns verlassen, bist bei einer anderen Frau und so weiter.“ Shinjiro nickte und richtete sich ein wenig auf, um Hitomi besser halten zu können. Er wusste, was es im konservativen Japan hieß, als Frau ein Kind zu haben, aber keinen Mann dazu. Er lehnte seinen Kopf an ihren. Hitomi genoss einen stillen Moment in dieser Position. Sie wusste, er wollte alles hören, so fuhr sie fort. 

„Shinji war und ist ein Frechdachs, aber es kann ihm einfach keiner lange böse sein. Er wuchs mit den Kindern deines Bruders auf, sie sind wie Geschwister.“ Shinjiro bewegte sich nicht, während er Hitomi aufmerksam zuhörte. „Dein Vater meinte einmal, dass Shinji mal was hinter die Ohren bräuchte.“ Auch wenn Großvater es niemals zugeben würde, er liebt es, Shinji mit seinem Temperament um sich zu haben. Er hat Shinji viel Aufmerksamkeit geschenkt und ihn auch oft mit zum Flugplatz genommen. Und doch hat sich Shinji in den vergangenen Jahren etwas verloren, er weiß noch nicht, wo sein Platz im Leben ist. 

Flugtechnisch ist er gut aufgestellt, wie ein alter Hase, sagt Colonel Murry, sein Mentor in Sachen Fliegen. „Jedoch: Lebenstechnisch ist er noch unüberlegt, ja, manchmal auch etwas unbeholfen, halt noch sehr jung, da fehlte ihm der Vater, der ihn lenkt und führt.“ Shinjiro blickte sich im Raum um: „Den hat er jetzt!“, sprach er in den Raum.  Hitomi nickte und wischte sich die letzten Tränen aus ihrem Gesicht. „Ja, es wird ihm guttun! Ich bin mir sicher, dass er sich nach dir sehnt!“, sagte sie und hob ihren Kopf. „Genau wie du, dich nach ihm!“, kam es von Hitomi, und sie blickte Shinjiro in die Augen. Doch bevor sie sich in diesen verlor, blickte sie nach unten und gestand: „Ich habe die Unterschrift und damit die Erlaubnis für die Ramrod-Einheit gegeben, es tut mir leid.“ 

Shinjiro nickte einige Male langsam und sah sie nun eindringlich an: „Ja, ich weiß“, sagte er leise zu ihr und blieb an ihren Augen hängen. Hitomi blickte auf und sah seine Reaktion und versuchte, ihm zu erklären: „Du wirst sehen, er ist …“, doch sie kam nicht weiter, ihre Worte verstummten, als sich ihre Blicke trafen. Sekunden dehnten sich zu Ewigkeiten aus, in denen nur sie beide existierten. Die Welt um sie herum schien zu verschwinden. Langsam und auch etwas unsicher bewegten sie sich aufeinander zu. Bis sich sanft, fast unmerklich ihre Wangen berührten, dabei durchfuhr sie ein Schauer, der alles, was 16 Jahre nur in Erinnerungen existiert hatte, lebendig werden ließ. 

Vorsichtig legten sich ihre Lippen aufeinander.  Ihre ersten Küsse waren von einer zärtlichen Unsicherheit geprägt, als sie sich langsam wieder mit dem Gefühl des anderen vertraut machten. Ihre Nähe war elektrisierend, jede Berührung ließ sie zucken, jedes Flüstern schien Funken zu schlagen. In diesem Moment, zählte nur eines: die Intensität ihres Zusammenseins, das Verlangen, das sie so lange nur in ihren Träumen gekannt hatten.

Doch mit jeder Sekunde wuchs die Sicherheit und die Intensität ihrer Küsse wurde fordernder, ihre Hände begannen, den vertrauten Konturen zu folgen. Die Sehnsucht nach dem anderen, die sich angesammelt hatte, entlud sich in einem verzehrenden Tanz, der nur für schnelle, tiefe Atemzüge unterbrochen wurde. Das Verlangen steigerte sich, als ihre Umarmungen enger wurden und ihre Hände fordernder wurden. Sie suchten nach der vertrauten, warmen Haut des anderen. Kleidungsstücke fielen unbeachtet zu Boden. Die Nähe, die ihnen so lange verwehrt geblieben war, kam über sie wie ein Sturm, alles um sie verschwand, wie in einem Vakuum, als sie sich diesem Moment hingaben.



© Echoes of the Frontier – www.echoesfrontier.de Folge uns auf Instagram & YouTube

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