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Absatz 1
Jarred spazierte wie jeden Morgen seine Runde durch den Schlossgarten und genoss die noch frische Luft. Hier und dort sah er bereits einen Gärtner, der sich auf den Tag vorbereitete, und wünschte einen guten Morgen, als er an ihnen vorbeischlenderte. Er kam an seinen gezüchteten Rosen vorbei, die dieses Jahr besonders prachtvoll blühten.
In der Ferne sah er Roland, der seine morgendliche Runde zusammen mit Shinjiro lief, Jarred musste lächeln: „Na, da haben sich ja zwei gefunden!“, dachte er sich und ging unbeirrt weiter. Denn auch Roland mochte es, sich am frühen Morgen völlig zu verausgaben. Wie oft hatte ihn sein Sohn schon dazu ermutigen wollen? Jarred hatte es bestimmt auch einige Male versucht, aber er musste feststellen, dass Joggen einfach nicht sein Sport war. Und jetzt würde er auch nicht mehr damit anfangen, da zog er lieber einen schönen, ausgiebigen Spaziergang am Morgen vor und hielt gelegentlich ein Pläuschchen, oder fachsimpelte mit den Gärtnern.
Nach ein paar Kilometern trennten sich Roland und Shinjiro, um den Tag zu beginnen. Shinjiro dachte über das Gespräch mit dem Sohn seines besten Freundes nach. Roland ist sehr klug und weiß genau über seine Zukunft Bescheid, mit all den Verantwortungen, die auf ihn zukommen würden. Er hatte einen klaren Weg vor sich, den er gehen musste! Nur so wurden eine Dynastie, Erblinie und Traditionen weitergeführt. Wenn man in eine solche Konstellation hineingeboren wurde, ist das einfach so. Das wusste Shinjiro selbst am besten!
Schon früh wusste auch er, wohin es für ihn gehen sollte, da gab es keine Wahlmöglichkeit und wenn, nur sehr begrenzt. Sein Vater bereitete ihm diesen Weg und jede gravierende Abweichung wurde von diesem sofort unterbunden. „Es ist besser, eine Sache schnell und scherzhaft zu beenden!“, hörte er die Worte seines Vaters, in seinen Ohren nachhallen, und ihm blieb für einen Moment die Luft weg. Abrupt stoppte er in seinem Lauf und der Weg vor ihm verschwamm für einen kleinen Moment vor seinen Augen. Vor sich sah er das Gästehaus, das sich vor seinen Augen langsam scharfstellte. Nach einigen Momenten zog er tief Luft in seine Lungen und wartete, bis sich sein Atem wieder beruhigt hatte, und ging dann langsam in das Gebäude.
Absatz 2
Saber und Colt saßen noch beim gemeinsamen Frühstück, das mittlerweile eher einem Brunch glich, zusammen. Der gestrige Rapport steckte den beiden immer noch in den Knochen. Da schlug Colt ohne Vorwarnung und lauter als gewollt, mit seiner Hand auf den Tisch, sodass Saber vor Schreck fast das Tablet fallen ließ, auf dem er gerade las.
„Ich habe es doch gesagt, das gibt noch Spaß! Und da ist er, der Spaß!“, sprach er aufgebracht. Saber atmete tief ein und legte sein Tablet beiseite und griff nickend nach einem Apfel und begann, diesen aufzuschneiden: „Beruhige dich, ich versuche auch gerade, alles zu ordnen!“ Der Cowboy nahm seine Kaffeetasse und schüttelte mit seinem Kopf: „Ja, dann ordne mal, ich kann das nicht.“, ächzte Colt und nahm einen Schluck des texanischen Kaffees, der ihn jedoch mehr in Wallung brachte, statt zu beruhigen: „Wie kann es sein, dass dieser Arrogante, äh… „Captain“ – fast wäre dem Cowboy ein anderes Wort herausgerutscht. Er schluckte und sprach weiter: „Wie kann es sein, dass er Commander Eagle so über den Mund fährt? Und Eagle sagt einfach mal nichts dazu?“ – „Nein, stattdessen weist Hikari Eagle zurecht … Erklär es mir bitte, Saber!“, forderte Colt den Schotten nicht gerade auf die feine englische Art auf.
Saber steckte sich einen Apfelschnitt in den Mund und lehnte sich zurück: „Es ist so, Commander Eagle ist ein Major, und Hikari, ein 4-Sterne-Captain, also ein General. Damit steht Hikari einige Ränge über Major Eagle“, begann der Schotte, und Colt pustete Luft aus und lehnte sich zurück, nun fiel ihm auch nichts mehr ein. „Aus welchem Stall kommt bitteschön sein Hombre?“, fragte er sich im nächsten Atemzug und griff erneut nach seiner Tasse Kaffee. Doch bevor er trank, kam ihm noch sarkastisch über die Lippen: „Und zum Schluss wird er noch unser Commander, oder wie soll ich das jetzt verstehen?“
Saber nahm sich ein weiteres Apfelstückchen und sah zu dem wütenden Cowboy: „Er ist es! Na ja, eigentlich“, antwortete der Highlander sehr ruhig, und steckte sich den Apfelschnitt in den Mund. Daraufhin war es mit dem Cowboy vorbei, er stand auf und verließ grummelnd die Küche. Saber sah ihn fragend nach: „Wo willst du hin?“ Der Cowboy stoppte, bevor er den Raum verließ: „Ich gehe zu Fireball! Hält man ja nicht aus hier!“ Saber ließ alles stehen und liegen: „Warte, ich komme mit!”
Etwas außerhalb von Cité de Jarr, saßen April und ihr Vater in einem Bistro beim Brunch. Hier hatten die beiden genügend Ruhe, um sich zu unterhalten, etwas, was in den letzten aufregenden Tagen vollkommen untergegangen war. Natürlich war auch zwischen den beiden der gestrige Rapport Thema Nummer eins. Die Blondine war zwar noch immer völlig durch den Wind, aber auch sehr überrascht von den gerade erhaltenen Informationen. Ihr Vater hatte sie über die neuen Konstellationen im Rang aufgeklärt. Und ihr blieb kurz der Mund leicht offen stehen: „Warum steht das nirgends, ich meine, offiziell ist davon nichts zu finden.“ Charles nickte verständnisvoll, bevor er weitersprach: „Das wird es noch, wenn es so weit ist, Liebes.”, versicherte er ihr.
„Weißt du April, nach dem ersten Outriderkrieg und dessen tragischem Ende musste die komplette Führungsebene im Oberkommando erneuert werden. Außer General Whitehawk und Major Danwens gab es ja niemanden mehr. Danwens, stand kurz vor seinem Ruhestand, es kamen zwei Nachfolger in Betracht, und das waren Captain Hikari, allerdings waren sich viele unsicher wegen seines Alters.“ April nickte und fügte wissentlich hinzu: „Ja, er war damals gerade einmal 26 Jahre alt!“ Charles nickte bestätigend und fuhr fort: „Richtig, doch Captain Hikari bekam die Zustimmung, sollte aber bis zur endgültigen Vereidigung mit Major Danwens agieren. Der zweite Mann neben Hikari war General Campbell, ein Schotte“, fügte Eagle noch betrübt hinzu. April senkte ebenfalls ihren Kopf. Campbell war mit seiner kompletten Besatzung damals beim ersten Angriff der Outrider ums Leben gekommen. Es schauderte sie bei dem Gedanken, so im All zu sterben.
Doch ihre Gedanken klärten sich auf, als ihr die Serviererin ihre heiße Schokolade mit Milchschaum hinstellte. Während sie den cremigen Milchschaum löffelte, ordnete sie das soeben Gehörte: Wo tauchte ihr Vater in dieser Geschichte auf? Also fragte sie genauer nach: „Also wären Captain Hikari und General Campbell heute die beiden, die das Kavallerie-Oberkommando leiten würden?“ Charles nickte und griff nach einem Croissant: „Ja, Hikari als First-Grad und Campbell zu 100 Prozent in seinem Stab. Es war geplant, das neue Grenzland, vollkommen unabhängig von der Erde, agieren zu lassen. Dazu benötigt man auch eine vereinte Militär-Streitmacht. Auf der Erde ist es ein 5-Sterne-General, der allerdings nur zu Kriegszeiten vereidigt wird. Im neuen Grenzland sollte es ein First-Grad sein, der das gesamte militärische Geschehen mit einem Stab koordiniert“, holte Charles etwas geschichtlich aus, um es seiner Tochter detaillierter erklären zu können. April nahm ihre heiße Schokolade in beide Hände und führte die breite Tasse zu ihrem Mund: „Aber dazu kam es nie!“, sagte sie, bevor sie den süßen, cremigen Inhalt trank.
Charles nickte: „Richtig, Captain Hikari und General Campbell waren auf Jarr, als der erste Outriderkrieg ausbrach. Es wurde damals viel spekuliert über die Anomalien. Dann kam der Überfall, Campbell starb und Hikari galt als verschollen“, erzählte Charles in einer sehr ruhigen Tonlage. April blickte zu ihrem Vater und stellte ihre Tasse ab und hörte weiter seiner Geschichte zu: „Ich weiß noch, wie wir stundenlang alles abgesucht haben, um wenigstens etwas von ihm zu finden“, erinnerte sich Charles und machte eine Pause. „Doch wir fanden nur Dunkelheit, Trümmer, wenige Körper, Eis und fremdes Metall“, sprach es Charles sehr leise, und schwermütig schonungslos aus. Selten hatte er darüber gesprochen, nicht einmal mit seiner Frau und schon gar nicht in Aprils Gegenwart. April sah ihren Vater mitfühlend und innerlich schockiert an, seine Augen waren voller Schmerz. Und sie erschrak, als ob ihr erst jetzt bewusst wurde, was ihr Vater damals erlebt hatte. Warum wurde dieses Ereignis so wenig beachtet? Es muss schrecklich gewesen sein, ihr Vater und alle anderen, waren die ersten Menschen, die einem intergalaktischen Krieg vollkommen unvorbereitet gegenübergestanden hatten. Und somit waren sie auch die einzigen, die dessen Opfer gesehen hatten und alles danach wieder zum Laufen bringen mussten. Tatsächlich waren es die ersten Helden und Veteranen, nur durch deren Wissen konnten sie heute so im All agieren, wie sie es taten.
Sie fühlte Trauer, für die ersten Opfer dieses Angriffes, und an dem Blick ihres Vaters sah sie, dass auch er in diesem Moment die Bilder vor sich sah. Sie legte ihm ein Croissant auf seinen Teller, um ihn aus seiner Starre zu holen. Charles blickte liebevoll auf und widmete sich dem Buttergebäck.
„Aber Daddy, Captain Hikari war so lange weg und galt mehrheitlich sogar als tot. Ist es gut, ihn dann wieder in den Dienst zu stellen?“, fragte April vorsichtig und besorgt nach.
Eagle verstand, worauf seine Tochter hinauswollte, und dachte nach, während er etwas Erdbeermarmelade auf sein Croissant gab: „Rein menschlich gesehen stimme ich dir vollkommen zu, April. Militärisch gesehen ist das ein normales, sogar standardisiertes Verfahren. Man gilt ab fünf Monaten als verschollen, wenn man von einem Einsatz nicht mehr zurückkommt, oder es keine weiteren Lebenszeichen gibt. Die Länge vom Verschollensein bis zum Wiederauftauchen ist dabei irrelevant. Der verschollene Status erlischt normalerweise nach zehn Jahren und man wird, dann als tot erklärt. Aber aufgrund dessen, dass Hikari dem Grenzland Zeit verschafft hatte, wollte man für ihn etwas tun. So entschied man vor sechs Jahren, dass dieser Status, bis auf Weiteres aufrechterhalten werden soll. Captain Hikari wurde also nie für tot erklärt. Damit erlosch auch nie seine Dienstbarkeit. Und er wurde unabhängig auf Pectos bestätigt.”
April bekam große Augen: „Also ist es, als ob er nie weg gewesen wäre?“ Charles nickte daraufhin. „Er wurde direkt 12 Stunden nach seiner Rückkehr über mehrere Stunden, auf Pectos, verhört und ärztlich durchgecheckt!“, fügte Charles noch hinzu, und mehr durfte er auch nicht sagen. Die Blondine sah auf, Pectos war für April ein kalter Ort, sie wusste, dass dort Militärbasen waren und es auch ein Hochsicherheitsgefängnis gab. Und das war auch schon alles, mehr wusste die Zivilbevölkerung auch nicht, alles andere waren Gerüchte oder gar Verschwörungstheorien, die wild im Netz kreisten. Doch das, was stimmte, war: Dass der Planet bereinigtes Gebiet war, dort gilt nur das Militärgesetz. Wäre etwas auffällig an Captain Hikari gewesen, wäre er jetzt nicht hier.
April senkte ihren Blick. Dass die Einrichtungen auf Pectos keinen Kuschelkurs fuhren oder zimperlich waren, konnte sie sich gut vorstellen! Doch neugierig war sie, was Captain Hikari in den vergangenen 16 Jahren alles erlebt und gesehen hatte. Vor allem: Wo war er gewesen, wie hat er überlebt? Doch das, da war sich die Blondine sicher, blieb auf Pectos und nur im Wissensstand von einigen wenigen. Resigniert atmete April tief ein und aus. Sie fand die Berichte ihres Vaters mehr als spannend. Schade war es, dass Saber und Colt das nicht hören konnten, aber sie nahm sich vor, den beiden davon zu erzählen!
„Also wird es in der Zukunft einen First-Grad im neuen Grenzland geben?“, fragte April jetzt direkt. Charles nickte einige Male: „Voraussichtlich ja, allerdings wird es davor einige Abstimmungen geben und Captain Hikari muss selbst auch zustimmen!“, erwiderte er und nahm von seinem Kaffee. „Oh!“, kam es ein wenig bedrückt von April, und sie sah ihren Vater besorgt an: „Und du, Daddy, geht es dir gut damit?“, fragte sie, als sie den Wehmut in seiner Stimme gehört hatte. Eagle lehnte sich entspannter zurück und lächelte sie an: „Liebes, es ist natürlich nicht so einfach. Ich wusste, dass ich den Kommandoposten im Oberkommando nicht rangtechnisch besetzte. Es sollten ja auch nur 3 bis 5 Jahre sein, deswegen hatte ich es damals gemacht und mein Kommando an Bord des Peacekeepers niedergelegt.“ April zupfte an ihrem Croissant.
„Leider kam alles anders. Rangtechnisch stand General Whitehawk im Gespräch, First-Grad zu werden, doch er hatte damals abgelehnt. Da das Königreich Jarr die militärische und wirtschaftliche Allianz verlassen hatte. Wäre das einem kriegerischen Akt gleichgekommen. Leider war das KOK nun auch nicht in der Lage, neue Generäle ohne den vereinten Stab und mit der Zustimmung des Königs auszurufen.“ April nickte. Diesen militärischen und gleichzeitig auch politischen Balanceakt kannte sie, noch vor nicht einmal einem Jahr, waren Jarr und das Neue Grenzland theoretisch und auch praktisch Feinde gewesen, nur das Bündnis hatte die Lage entspannt. Und sie und ihre Freunde waren tatsächlich ein Teil von dieser Geschichte.
„Somit wurden es letztlich 16 Jahre für mich, in denen ich mit dem vereinten Militärstab das Oberkommando befehligte. Bis ein neuer Kandidat für den First-Grad gefunden wurde.” April horchte auf: „Und ihr habt wirklich in dieser Zeit niemanden gefunden?“, fragte April nun doch zweifelnd nach. Charles sah April eine Weile liebevoll an und schmunzelte dann leicht: „Doch, doch, nur da gab es eben Bestätigungsprobleme.“ April wurde neugierig: „Wer?“ Wollte sie es jetzt wissen, und grinste. Charles musste kurz auflachen: „Das darf ich dir nicht sagen, Liebes.“
April lehnte sich schmollend zurück, war natürlich klar, die interessanten Dinge bleiben wieder unter dem Schweigermantel. „Doch das Blatt hat sich jetzt ohnehin gewendet, jetzt ist Hikari zurück, und ja, wir werden sehen“, beendete Charles seine Erzählungen. April nickte verstehend und sah sich im Bistro um und dachte gleichzeitig über das Gehörte nach. Nach einigen Augenblicken fasste sie sich ans Herz und sah zu ihrem Vater, der sich ein Stück guten Käse gönnte: „Du kamst mit Captain Hikari nicht klar, oder?“, fragte sie und schnappte sich eine Weintraube von der Käseplatte. Charles sah seine Tochter überrascht an: „Wie kommst du denn darauf?“, fragte er und genoss sein Stück „Brie de Meaux“ auf dem hausgemachten Nussbrot. Und es schmeckte vorzüglich und er genoss jeden Bissen.
April zuckte nur mit ihren Schultern: „Ach, es ist nur so ein Gefühl“, meinte sie darauf und rührte in ihrem Kakao. Der Kommander schüttelte mit seinem Kopf: „Ich gebe zu, dass Captain Hikari kein einfacher Charakter ist. Und als er damals, als 18‑Jähriger, nach Alamo kam, sind wir gelegentlich aneinandergeraten“, erinnerte sich Charles. April lauschte und wusste, dass ihr Vater in ungefähr der Zeit, als MTI auf Alamo für die Ausbildung der neuen Rekruten diente, und somit sogar eine Zeit lang Captain Hikaris Ausbilder gewesen sein musste.
„Doch beim Militär zählt allerdings nur die fachliche Komponente. Ob das immer so richtig ist, lassen wir mal offen. Captain Hikari hat eine sehr strenge militärische Erziehung genossen, er ist äußerst intelligent, unterschätze ihn nicht! Aber eines kann ich mit Sicherheit sagen: Er würde nie jemanden ins offene Messer laufen lassen. Er ist gerecht, aber behält die Fäden, in seinen Händen“, fasste es Charles kurz zusammen. April war überrascht, wie ihr Vater über den Captain sprach: „Daddy, ich weiß nicht, wie ich ihn ansprechen soll. Ich habe sogar, ich weiß nicht, ob es das richtige Wort ist, „Angst“ vor ihm. Er ist so schrecklich unnahbar. Colt bezeichnet ihn sogar als arrogant“, sprach sie aus, was ihr auf der Seele lag.
Ihr Vater nahm ihre Hand und sprach beruhigend: „April, er ist trotzdem ein Mensch, mit ihm kann man sogar manchmal sehr gut lachen. Aber alles, was dienstlich ist, trennt er regungslos, vom Privaten.“ April nickte verstehend und war dankbar für den Input, den ihr Vater ihr gerade gab. Evtl. sollte sie Captain Hikari wirklich Zeit geben, denn Fireball, seinen Sohn, den er das erste Mal nach so langer Zeit wiedergesehen hatte, liegt im Krankenhaus. Und wer weiß, wie es ihm in der Phantomzone ergangen war? April schauderte es beim letzten Gedanken. Charles merkte noch an: „Und ich vermute, er weiß schon viel mehr, als wir denken, was er weiß!” April sah wieder überrascht auf.
Absatz 3
Shinjiro stand in einem riesigen Einkaufszentrum und blickte nach oben, wo das Sonnenlicht durch die riesige Glaskuppel schien, während unablässig Werbung, Durchsagen und abermals Werbejingles in sein Gehirn hämmerten. „Juhu!“, dachte er und sah zu Hitomi, die neben ihm stand und bereits den Mall-Plan verinnerlichte, er war sich sicher, sie hatte in ihrem Kopf längst eine dreidimensionale Karte aller Geschäfte. Während um ihn herum Menschen mit Einkaufstaschen, diskutierend, mit Kinderwagen, oder telefonierend vorbeiliefen.
Ja, er benötigte neue Sachen, und als er das heute Morgen eher beiläufig am Frühstückstisch erwähnt hatte, wusste er, dass er verloren hatte. Hier würde er so schnell nicht wieder herauskommen. In Hitomi wuchs die Shoppingvorfreude, Shinjiro hingegen fühlte sich wie in einem Strudel aus Farben, Geräuschen und Gerüchen, die er seit Jahren nicht mehr wahrgenommen hatte. Der Duft von verschiedenen Essen, süßen Backwaren, Parfüm und Chemikalien mischte sich zu einem drängenden, fast körperlich schmerzhaften Brei zusammen. Und doch mischte sich in seine anfängliche Überforderung auch eine leise Aufregung. Er war zurück, und jeder Reiz, so erdrückend er doch war, fühlte sich auch seltsam lebendig an.
Trotzdem verlor er den Überblick darüber, wie viele Hosen er bereits anprobiert hatte, welche Jacke letztlich gekauft wurde oder wie viele Paar Schuhe er mittlerweile besaß. Ja, er benötigte eine komplett neue Garderobe, aber doch nicht alles an einem Tag!
Dennoch hielt er seinen Mund. Seine Frau hatte ein Ziel, und er fügte sich. Er sah, wie viel Freude es ihr machte, aber ihre Strategie hatte er jedoch längst durchschaut: Erst Sachen für ihn, dann für sie. Jetzt stand er da und seine Hitomi war weg, einfach weg, bestimmt in einer der vielen Boutiquen. Gut, dass alle Geschäfte, die gekauften Sachen auch liefern, wer sollte das alles auch bitte tragen?
Er sah sich um, und beschloss, seinen Plan in die Tat umzusetzen. Für ihn ging es direkt in die Elektronikabteilung, er wollte sich endlich einen Kommunikator zulegen. Denn seit seiner Rückkehr, bekam er alle Termine über nette kleine Zettelchen mitgeteilt. Mit einem Kommunikator, hätten diese allmorgendlichen Liebesbriefchen, die zwar nett waren, aber langsam etwas lästig wurden, ein Ende. Er grinste und ging erst einmal zu den Notebooks, die in sein Blickfeld kamen.
Absatz 4
Saber und Colt saßen am Bett ihres Freundes und sprachen mit ihm. Fireball machte immer wieder kleinere Bewegungen, er nahm sie also wahr! Das freute die beiden, also ging es ihrem Freund schon besser! So besprachen Saber und Colt Alltägliches, wie es ihnen die Schwester geraten hatte.
Saber würde sich an die ihm gestellte Aufgabe setzen und sich die Berichte durchlesen, das dürfte einige Tage in Anspruch nehmen. Colt gab er ebenfalls diese Aufgabe: Er sollte nach Fehlern in diesen suchen, vier Augen würden mehr sehen als zwei. Ramrod würde nur noch bis morgen im Wartungshangar sein. Dieser bekam heute ein komplett neues Fahrwerk, oder neue Schuhe, wie es Colt liebevoll bezeichnete.
So verließen die beiden nach einer Stunde das Krankenhaus, sie würden morgen noch einmal nach Fireball schauen, dann sollte er noch wacher sein.
Shinjiro öffnete die Tür zur Suite, und da standen sie, die Tüten. Hunderte, nein, tausende, na gut, das war übertrieben, doch es zeigte, dass sich dieser Ausflug in die Realität gelohnt hatte, jedenfalls für die Einzelhändler.
Mit einem leisen Seufzen stellte er seine eigene, bescheidenere Einkaufstüte, in der sich eines der neuesten Notebooks, ein Tablet und ein Kommunikator befanden, neben das Sofa ab und ließ sich darauf fallen. Er war erledigt, und das vollkommen, die Stimmen, der Menschen und Werbung sausten immer noch in seinem Kopf. Shopping war ein Sport, und er war eindeutig nicht in Form dafür.
Er drehte seinen Kopf Richtung Hitomi, die bereits dabei war, die Einkäufe auszupacken und anzuwundern. Er rollte ein wenig mit seinen Augen, dabei fiel sein Blick auf das Paket, das, seit er wieder hier war, auf dem Sofatisch stand, und geduldig darauf wartete, geöffnet zu werden.
Neugierig und neu motiviert setzte er sich auf, griff nach dem Paket und kippte es, rein pragmatisch, vor sich aus. Er überflog die Gegenstände. Die er eindeutig als den Inhalt seines Spindes wiedererkannte. Gerade wollte er alles wieder zurückpacken, da bemerkte er eine kleine Schachtel. Er runzelte seine Stirn. Vorsichtig öffnete er sie, und ein kleines Zucken ging durch seinen Körper. Da lag er: sein Ehering, und es schnürte ihm fast die Kehle zu, als er daran dachte, warum er ihn damals abgelegt hatte. Es ist ein ungeschriebenes Kampfpilotengesetz: Der Ehering bleibt unten! Im Jet gibt es keine Ablenkung, da oben gibt es keine Familie, so hart es klingt. Für einen Moment spürte er den Schmerz der Abwesenheit und zugleich ein leises, sehnsüchtiges Ziehen in der Brust. Er nahm den goldenen Ring, der die Zeit einfach so überstanden hatte, heraus und drehte ihn zwischen den Fingern, bevor er ihn sich ansteckte. Seine Hand fühlte sich kompletter an, als er sie betrachtete.
Da legte sich sanft Hitomis Hand auf seine. Sie setzte sich neben ihn und betrachtete ihn mit einem liebevollen Blick: „Nun sind es wieder zwei“, sagte sie leise. Shinjiro schluckte und sah langsam auf, schloss ihre Finger fest in seine Hand und nickte leicht. Hitomi lächelte, dann beugte sie sich vor, gab ihm einen sanften Kuss, und in diesem Moment war alles andere egal.
Absatz 5
„Wie geht es dir nach dem Rapport, April?“, fragte Saber etwas besorgt. April lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und überlegte einen kleinen Augenblick, als sie Saber ansah: „Ich war gestern sehr schockiert und auch ziemlich sauer!“ Colt nickte April beipflichtend zu, während er ihr zuhörte. „Heute Morgen hat mir Daddy vieles erklärt und ich bin mit meinem Verhalten, wohl auch etwas zu weit gegangen, was mir auch sehr leid tut, aber ich weiß nicht, wie ich Captain Hikari gegenübertreten soll, er löst in mir mit seiner Art eine Beklemmung aus, verstehst du?“ Saber nickte. Colt zuckte mit einer Schulter. Er würde es zwar nie zugeben, aber auch in ihm hatte der japanische Captain etwas ausgelöst, worüber er seitdem nachdachte: „Was ist ihr Ziel, Mr. Wilcox?“, hallte es ihm wieder in den Ohren. Noch nie hatte er sich Gedanken über seine weitere berufliche Laufbahn gemacht, er war glücklich mit dem, was er tat, weil er das tat, was er am besten konnte.
Saber unterbrach die Stille am Tisch: „Was hat dir dein Vater erzählt, April?“, wollte der Schotte wissen. Vielleicht würden auch seine Fragen eine Antwort finden. April nickte und ging das Gespräch mit ihrem Vater gedanklich noch einmal durch, bevor sie begann zu berichten.
Saber und Colt verfolgten Aprils Erzählungen, und auch sie hatten einige „Aha! Momente“ Sogar Colt revidierte hier und da einige Vorurteile, zumal auch er das Gefühl hatte, dass Eagle und Hikari überhaupt nicht klarkamen. Jetzt, wo er sich das Gespräch noch einmal durch den Kopf gehen ließ, merkte auch Colt, dass Captain Hikari sie immerzu mit ihren Dienstgraden oder formell angesprochen hatte, also war es ein rein dienstliches Gespräch gewesen. Er sollte wohl genau hinhören, wie der Captain sprach.
Saber verstand, jedoch kam es ihm mittlerweile so vor, dass Captain Hikari hier schon immer irgendwie Bestandteil gewesen war, so als ob er nie weg gewesen wäre. „Namen sind wichtig, da weiß man, wer man ist.“, schoss es Saber gleich wieder ein. Diese erste Begegnung würde er wohl nie wieder vergessen.
Hikari hatte sie nicht persönlich angegriffen beim Rapport, sondern es bezog sich alles ganz klar auf ihre Vorgehensweisen, ihre Handlungen und Entscheidungen in der letzten Schlacht. Es war eine klare Linie, kein schönes Drumherum, kein Geplänkel, und Ausreden ließ er nicht zu.
Saber würde jetzt die Berichte durchgehen, von denen der Captain gesprochen hatte. Und gab Colt und April dieselbe Aufgabe. „Und Fireball kommt mal wieder davon“, murrte der Cowboy, denn er hasste Büroarbeit. „Du brauchst nur deine eigenen lesen, um die von Fireball kümmere ich mich!“, sagte Saber, um den Cowboy zu ermutigen, anzufangen. April grinste den Cowboy frech an: „Du hast nur Angst, dass du dein eigenes Geschriebene nicht lesen kannst!“ Colt blickte zu April. „Angst?“ Ich, niemals!“ Saber rollte mit seinen Augen.
Absatz 6
Hitomi spazierte durch den Schlossgarten, genauso schön hatte sie es immer noch in ihrer Erinnerung. Seit 16 Jahren war sie nicht auf Jarr gewesen, sie hatte die Befürchtung gehabt, sich hier zu sehr an die Zeit mit Shinjiro zu erinnern. Und in der Tat, wenn sie zurückdachte, hatten sie beide auf Jarr, immer eine schöne Zeit gehabt. Auch die letzten Wochen vor dem Angriff war sie oft in den Parks in Jarr mit ihrem Sohn spazieren gewesen, während Shinjiro beim Gremium, oder auf der Base eingebunden war. Es waren trotz allem schöne Wochen gewesen, in denen sie eine ganz normale kleine Familie gewesen waren, und diese Erinnerungen wollte sie damals nicht mit ihrer Wehmut überschatten.
Und jetzt fügte sich hier wieder alles zum Guten zusammen. Hitomi sah sich um, jeder Winkel in diesem Garten war in einem anderen Stil gestaltet, es gefiel ihr sehr und sie genoss die wahrscheinlich letzten Farben dieses Sommers. Und Jarreds Rosen sahen fantastisch aus, diese waren ihr schon am Anfang sofort aufgefallen. So vertrieb sie sich die Zeit, bis Shinjiro, der noch einmal aufs Militärgelände gefahren war, zurückkommen würde. Um später gemeinsam essen zu gehen, er war tatsächlich wieder da, manchmal konnte sie es noch immer nicht glauben. Dankbar war sie für diese zweite Chance!
“Hitomi?” holte sie jemand auf ihren Gedanken. Hitomi drehte sich um und erkannte Marijane und lächelte ihr einen: „Guten Tag, eure Majestät“ entgegen und verbeugte sich leicht. „Oh, ich bin es, Marijane, also bitte!“ Lehnte die Königin diese Frömmigkeit in diesem privaten und geschützten Teil des Palastparks strikt ab. Hitomi nickte etwas entschuldigend. Und die beiden Frauen, die sich auch das letzte Mal vor 16 Jahren gesehen hatten, setzten gemeinsam ihren Spaziergang fort: „Wie geht es dir? Es muss viel los sein in deinem Kopf, ich hoffe, zwischen Shinjiro und dir ist alles in Ordnung!“, fragte die Königin, die noch immer sehr neugierig war.
Saber betrat das Offizierscasino, das auf Jarr, sehr gemütlich eingerichtet war. Es erstreckte sich über zwei Stockwerke, mit einer durchgehenden, riesigen Fensterfront. So konnte man fast das ganze Geschehen auf dem Rollfeld überblicken. Warme Farben und schwere, dunkle Holztische dominierten das Design, das ein gutes Ambiente bot, um außerhalb eines Schiffes zu arbeiten.
April und Colt hatten an Bord gerade eine Diskussion und sie zogen sich ständig auf, also hatte er das Feld geräumt und entschied sich, diese Möglichkeit hier mal zu nutzen. Er sah sich um, an einigen Tischen unterhielt man sich leise, an anderen wurde gearbeitet. Und auch er würde sich jetzt einen guten Platz suchen.
Als er eintrat, erblickte er Captain Lorenz, der mit Captain Hikari zusammensaß. Einen Moment überlegte er tatsächlich, ob er sich zu den beiden setzen sollte, entschied sich aber dann doch dagegen. So ging er an ihnen vorbei, grüßte jedoch kurz. Captain Lorenz blickte auf und bot dem jungen Schotten jetzt an, sich zu setzen. Saber wollte erst ablehnen, aber warum eigentlich nicht?
Captain Lorenz und Captain Hikari hatten gerade ein mehr oder weniger privates Gespräch. Lorenz erzählte von seiner letzten Einkaufstour, mit seiner Familie. Der Captain tippte auf seinem neuen Notebook, nickte bestätigend und antwortete etwas schelmisch: „Ja, ich besitze jetzt auch mehrere Hosen“, kommentierte er, die sehr bildlichen Ausführungen, von Lorenz, ohne von seinem Tun aufzuschauen.
Saber musste unweigerlich schmunzeln, hatte ihn seine Frau tatsächlich gleich zum Shoppen entführt gehabt? Es erinnerte Saber an Fireball und April, wenn sie auf einem neuen Planeten, oder in einer neuen Stadt ankamen. Captain Hikari war aber noch nicht fertig und sprach weiter. „Weißt du, warum es so viele gemütliche Bänke in solchen Zentren gibt?”
Lorenz grinste, nickte fast wissentlich und hörte weiter zu: „Auf diesen Bänken findest du zu 90 Prozent Männer, die ihre Frauen verloren haben, oder dort abgestellt wurden, und wenn sie Pech hatten, mit samt den schreienden Kindern. Der Rest sind erschöpfte Frauen, die nur eine kleine Pause machen.“ Lorenz und Saber mussten unweigerlich lachen. So locker hatte Saber den Captain noch nicht erlebt. Er erinnerte sich an das, was April ihm heute erzählt hatte. Saber steckte währenddessen sein Notebook in den Anschluss, den hier jeder Tisch hatte, und fuhr ihn hoch.
Lorenz verabschiedete sich, er hatte jetzt vor, seine Männer in die Luft zu jagen. Eine Weile arbeiteten Saber und Captain Hikari nebeneinander, bis sich Saber dazu entschied, den Captain anzusprechen: „Captain Hikari, ich möchte mich für die Vorkommnisse, beim Rapport entschuldigen!“, entschied sich Saber absichtlich, für diese Anrede. Der Captain blickte von seiner Arbeit auf und musterte den jungen Schotten, einige Augenblicke: „Warum?“, fragte er einsilbig und schien tatsächlich überrascht zu sein. „Ich möchte, dass sie wissen, dass ich diesen Ton, den mein Team angeschlagen hatte, nicht unterstütze. Miss Eagle und Mr. Wilcox, den beiden war nicht bewusst, welche Stellung sie im Oberkommando besitzen. Das hatte ich verpasst, im Briefing zu erwähnen. Ich habe es mit meinem Team bereits besprochen und es wird nicht wieder vorkommen!“ – „Hoffe ich!“, fügte Saber in Gedanken noch schnell hinzu. Der Captain nickte darauf langsam und sprach beinahe unkompliziert ein „Angenommen.“ aus und wandte sich wieder seinem Tun am Notebook zu. Saber, der von dieser schnellen, ja fast unschuldigen Annahme der Entschuldigung überrascht war, tat es dem Captain gleich.
Nach einiger Zeit stand Captain Hikari auf und holte sich einen Kaffee. Und während er sich wieder setzte, sprach er den jungen Schotten an: „Mich würde ihre Teamstruktur interessieren, Captain Lancelot, mir kommt es so vor, als ob jeder für sich läuft. Scheuen sie die Auseinandersetzung mit ihrem Team?“
Saber hielt von seiner Arbeit inne, mit einem Gespräch hatte er überhaupt nicht gerechnet, so blickte er auf und klappte sein Notebook zu: „Sir, es ist alles klar aufgeteilt. Colt, ich meine … Mr. Wilcox ist mein erster Mann, es folgen Miss Eagle und ihr Sohn. Und ja, ich muss zugeben, es ist manchmal gar nicht leicht, alle unter einen Hut zu bekommen“, antwortete er ganz offen. Hikari nahm einen Schluck von seinem Kaffee und ließ die Worte sacken und sagte, als er seine Tasse vor sich auf dem Tisch abstellte: „Also eine Gurkentruppe!“ Saber erwiderte, darauf schnell: „Sir, ich kann mich zu 100 Prozent auf jeden einzelnen verlassen!“
Hikari legte überrascht seine Stirn in Falten: „Ach, ist das so?“, fragte er und lehnte sich im Stuhl zurück und schlug seine Beine übereinander. Er hatte Interesse an dem Captain seines Sohnes, schließlich hing an diesem das Leben der Teammitglieder. Saber atmete ein: „Sir, das war vorher, noch nie vorgekommen!“, gab er darauf fest zu verstehen! Hikari nickte wissend und sprach: „Es wird wieder vorkommen, Captain Lancelot! Sind Sie sich sicher, dass es das erste Mal war? Bis jetzt ging wohl immer alles irgendwie gut, aber wollen sie sich auf Wahrscheinlichkeitsrechnungen verlassen? Oder wollen sie ein Team führen?“, fragte der Captain klar und nahm erneut von seinem Kaffee.
Saber, realisierte, dass der Captain sich schon bestens über sein Team informiert hatte. „Hielt er ihn etwa für unfähig?“ Saber antwortete darauf mit fester Stimme. „Natürlich ein Team führen, Sir!“ Der Captain schmunzelte darauf Saber kaum merklich entgegen: „Na, damit lässt sich doch arbeiten.“ Saber verstand gerade nicht: „Wie meinen Sie das, Sir?“, hakte der Schotte direkt nach. Der Captain atmete ein und sprach: „Sie sind der Captain, das scheint ihnen und ihrer Besatzung überhaupt nicht bewusst zu sein, sie ruhen sich auf ihren Lorbeeren aus, und damit verlieren sie den Blick ihrer Führung. Ihr Wort sollte an Bord, das Erste und das Letzte am Tag sein. Ich verspreche ihnen, wenn sie die Führung so beibehalten, nur um gut dazustehen, wird es gefährlich, wie wir aktuell sehen können. Sie werden bald kein Team mehr haben, wenn das so weitergeht, Captain Lancelot.“
Saber war tatsächlich kurz, sehr geschockt über diese klaren Worte. Sagte Kommander Eagle doch immer, dass er gute Arbeit leiste? „Sir, bitte entschuldigen Sie, aber bis jetzt gab es an meinem Führungstiel keine Kritik.“ Captain Hikari, der sich wieder seinem Notebook zuwandte, antwortete darauf ruhig und mehr beiläufig: „Ach, und das wundert Sie nicht?“ Sabers Gedanken begannen sich zu überschlagen und er versuchte, sie zu ordnen. Der Captain sprach weiter, als er merkte, dass er keine Antwort bekam, und fragte: „Was lenkt sie ab, Captain Lancelot? Wovor haben sie Angst, etwa dass Mr. Wilcox Widerworte gibt, oder Miss Eagle anfängt zu weinen?“
Saber riss seine Augen auf, er fühlte sich ertappt, wie konnte der Captain, das in so kurzer Zeit, so klar sehen? Saber, konnte nur leicht nicken und notierte sich, diese Fragen innerlich. Er war beeindruckt von der klaren Auffassungsgabe. Saber atmete ergeben aus und fragte: „Sir, was kann ich tun?”
Der Captain ließ darauf von seiner Arbeit ab, lehnte sich erneut zurück und schaute Saber fest an: „Machen Sie sich bewusst, wer Sie sind, dass Sie ein Captain eines Kampfschiffes sind. Was war ihre Intention, zum Kavallerie-Oberkommando zu gehen? Und vor allem: Was sind ihre Ziele dort?“
Eine Weile blieb es still zwischen den beiden, bis Saber dem Captain entgegen nickte: „Danke, Sir!“ Doch nun war er es, der aufstand und einen Kaffee benötigte. Als die Maschine ihm sein schwarzes Gebräu zubereitete, blickte Saber nachdenklich vor sich und atmete einmal tief durch: „Wenn es so weitergeht, werden sie bald kein Team mehr haben!“, hallte es in seinen Ohren nach, so weit sollte und würde es nicht kommen! Er ging zurück und würde jetzt endlich anfangen, die letzten Berichte aufzuarbeiten.
Nach einiger Zeit gesellte sich Kommander Eagle zu Captain Hikari und fragte: „Hast du eine Minute?“ Hikari nickte stumm: „Lebensberatung, Teamberatung, oder benötigst du eine Einkaufsberatung? Diese drei sind heute wohl meine Steckenpferde, such dir was aus.“ Saber grinste innerlich, als er die Worte vernahm, arbeitete aber weiter. Eagle kannte sich gerade nicht aus, antwortete jedoch: „Als Erstes nehme ich, die Einkaufsberatung, schickes Teil“, und zeigte dabei auf das Notebook. Shinjiro grinste: „Ja, ich durfte mir auch was kaufen.“ Eagle verstand diese Anspielung und musste lachen, bevor er fragte: „Mit dir hätte ich heute hier nicht gerechnet.“ Hakte der Kommander mal genauer nach. „Ich bin auch gar nicht hier!“, antwortete Shinjiro und zeigte auf den Kram vor sich: „Ich bin nur da, um diese Geräte verschlüsseln zu lassen, um damit auf alles zugreifen zu können, ich warte noch auf den IT-Techniker, er hat noch ein Gerät von mir, und dann bin ich auch schon wieder weg.“ Saber steckte sich seine AirPods in die Ohren und ließ damit Kommander Eagle und Captain Hikari ihre Privatsphäre.
Eagle nickte und fragte: „Hast du eine Vermutung, wer diesen Untersuchungsausschuss beantragt hat?“ Shinjiro, der sich mittlerweile mit seinem neuen Kommunikator vertraut machte, fragte darauf nur: „Warum, ist das so wichtig?“ Der Kommander lehnte sich zurück und sprach: „Ach, reines Interesse.“
Absatz 7
April und Colt waren auf der Suche nach ihrem Boss, der fluchtartig das Schiff verlassen hatte, nun fanden sie ihn zu ihrer Verwunderung im Offizierscasino zusammen mit Captain Hikari und Eagle an einem Tisch. Wo sich Kommander Eagle gerade verabschiedete. Saber bekam es mit und entfernte seine Musik aus den Ohren, verabschiedete Eagle und ging die Berichte weiter konzentriert durch.
Der IT-Techniker brachte dem Captain sein Tablet mit einigen Unterlagen dazu. Und auch dieser packte alles eilig in einen Rucksack und umrundete den Tisch.
Colt und April, kamen bei Saber am Tisch an und begrüßten auch den Captain, dieser nickte den beiden nur zu und legte dem Schotten eine Visitenkarte, mit einer Kommunikatornummer darauf, auf den Tisch: „Schönen Tag noch, Mr. Lancelot!“, sagte er und verließ das Gebäude.
Colt setzte sich Saber gegenüber und blickte dem Captain nach: „Was war das denn?“, fragte er, und April setzte sich neben Saber. Der Schotte schaute seine zwei neugierigen Freunde an: „Wir haben uns unterhalten, habt ihr eure Arbeit fertig?“ Colt und April sahen sich fragend an. Colt bestätigte, dass er fertig sei, aber nichts hätte finden können, und beschloss, noch einmal zu Fireball ins Krankenhaus zu fahren. Saber musste ablehnen, er hatte schließlich noch einige Dinge zu erledigen. April ging es wie den Schotten, sie musste auch noch einmal in den Hangar. So trennte sich die Dreier-Runde wieder, und Saber hoffte jetzt endlich auf Ruhe, während er sich seine AirPods wieder in die Ohren steckte.
Das Taxi hielt vor dem Gästehaus von König Jarred, mit vier Suiten, in denen der König seine privaten Gäste einquartierte. „Es hatte eher etwas von einem kleinen 5-Sterne-Hotel“, dachte sich Shinjiro und ging die Treppe, die mit weichem rotem Teppich belegt war, hinauf in den ersten Stock, wo sich seine Suite befand. Er öffnete die Tür und … es war keiner da. Er ging ins Schlafzimmer, es war alles hergerichtet worden, wie am ersten Tag, der Zimmerservice funktionierte, wie die Heinzelmännchen. Er zog sich um, es war also der perfekte Moment, seine neue Trainingsgarderobe einzuweihen.
Hitomi war bereits wieder auf dem Rückweg, um sich auf den Abend vorzubereiten. Sie verlor sich in ihren Gedanken. Späte Sommernachmittage hatten ihre ganz eigene Stimmung. Sie mochte die Schattenspiele, welche sich immer wieder neu zeigten, als sie von der Seite angesprochen und damit aus ihren Gedanken gerissen wurde: „Hallo schöne Frau, wohin des Weges?“
Hitomi blieb kurz etwas erschrocken stehen, es war Shinjiro, der sie wohl während seines Trainings entdeckt hatte. Und sie erlaubte sich auf den Schreck einen kleinen Spaß: “Ich folge, wohin meine Füße mich tragen, mein Herr.” und machte Anstalten, weiterzugehen, doch Shinjiro stellte sich ihr in den Weg: “Oh, haltet ein Weib, gehen sie nicht allein, lassen sie mich ihr Begleiter sein!” Seine gespielte Theatralik war zu köstlich und Hitomi musste sich ein Lachen unterdrücken: “Wie ich sehe, gehen sie gerade einer körperlichen Betätigung nach, ich möchte sie nicht aufhalten!” flötete sie und glitt elegant an ihm vorbei. Shinjiro setzte sofort zur Verfolgung an, lief neben ihr her und sprach gespielt empört: „Wer lässt es zu, dass solch ein Weib, von Schönheit gesegnet, allein umhergeht?“ Hitomi hielt inne, wandte ihren Blick verlegen zur Seite und seufzte theatralisch: „Mein Gemahl, der anderweitig im Tun ist.“ Kaum waren die Worte gefallen, griff Shinjiro nach ihrer Hand, zog sie an sich herum und sah ihr mit gespieltem Entsetzen in die Augen: „Solch ein Lump!“ Einen Moment hielten sie den Ernst aufrecht, dann prusteten beide los. Lachend setzten sie ihren Weg zum Gästehaus fort.
Colt saß neben seinem Hombre, es war gut, dass er allein mit ihm war, so konnte der Cowboy über einige Sachen, die in den vergangenen Tagen geschehen waren, in Ruhe nachdenken. Der Cowboy beobachtete seinen Freund und musste schmunzeln: Da war dessen Vater wieder da und er verschlief einfach alles. Es gefiel dem Cowboy aber auch, dass es seinem Freund wieder besser ging, er stand zwar noch unter vielen Medikamenten, aber man merkte, dass Fireball nicht mehr ganz so weit weg war, wie noch vor 24 Stunden. So erzählte er ihm, dass er Robin eingeladen hatte und sie bald einen kleinen Urlaub machen würden. Aufgrund der ruhigen Lage bekamen sie drei Tage frei. Auch verriet er ihm ein Geheimnis: Er hatte vor, Robin zu fragen, ob sie ihn heiraten wolle, und dass er ganz schönes Muffensausen vor ihrer Reaktion hatte. Das war der Stand der Dinge.
Colt fehlte es, sich mit Fireball unterhalten zu können. Colt hatte in Fireball einen Freund, einen Verbündeten und einen Bruder gefunden. Er war dankbar für dessen Freundschaft, auch wenn er ihn so manches Mal zu einem Mond schießen könnte. Nach einer halben Stunde setzte Colt sich seinen Hut wieder auf, und verabschiedete sich: „Mach’s gut, Partner, bis morgen, und erzähle nicht gleich alles herum!“ und verließ das Zimmer. Auch bei den Schwestern verabschiedete sich der Lockenkopf auf seine besondere, charmante Art und Weise: „Ja, das wäre ein Grund, mal krank zu sein“, dachte er und grinste in sich hinein.
Absatz 8
Bevor sie zum Abendessen ausgingen, hatten Hitomi und Shinjiro noch einmal bei Shinji vorbeizuschauen. Hitomi saß auf dem Bett und strich ihrem Sohn behutsam, aber bestimmt über einen Arm und sprach mit ihm: „Shinji, schau, wir sind da, hörst du?“ Fireball gab immer wieder mal kleinere Zeichen, dass er sie wahrnahm. Hitomi freute sich, es bestätigte ihr, dass es ihrem Sohn wieder etwas besser ging. Shinjiro betrat das Zimmer. Er hatte sich noch mit dem Arzt unterhalten und sah nun auch bestätigt, dass kleinere Bewegungen da waren. Es verlief bis jetzt lehrbuchmäßig, so die Worte des Arztes. Er beugte sich zu seinem Sohn und sprach mit ihm, er erzählte, wie sehr er sich freue, bald mit ihm sprechen zu können. Und seine Mutter bestimmt gerne mit ihm einkaufen gehen würde. Von Hitomi kam darauf nur ein, „Hey!“. Da öffnete Fireball seine Augen, doch es war noch alles wie im Nebel. Und seine Augen waren schwer wie Blei. Das Bild wurde kurz etwas klarer und er sah einen Mann vor sich, der gerade mit seiner Mutter sprach. Hören konnte er es nicht, es war wie ein Hall um ihn herum. Shinjiro schaute zu seinem Sohn und sah, dass er ihn ansah. Fireball schloss wieder seine Augen, um sie darauf gleich erneut langsam zu öffnen. Seine Mutter strich ihm über den Kopf: „Shinji, das ist dein Vater!“ Fireball sah zu seinem Vater, er konnte seine Augen nicht richtig kontrollieren, sie fielen ihm immer wieder zu. Doch ein kleines, kaum wahrnehmbares Nicken konnten Hitomi und Shinjiro erkennen. Shinjiro sprach zu ihm: „Ist okay, schlaf jetzt, wir kommen morgen wieder!“
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Ich bin doch eine alte Lichtkrieger-Veteranin, was mir beim Lesen der 13 Kapitel aufgefallen ist. Im Gegensatz zu LK, wo der Beginn mit Hikari kühl war, ist EOTF zwar nicht weniger kühl, aber ohne etwas von Hikaris Charakter wegzunehmen, er wird sogar direkt aufgebaut. Allerdings in einer „nachvollziehbaren“ Art und Weise. Es gefällt mir, dass der Aspekt der 16 Jahre Abwesenheit beleuchtet wird. In den Begegnungen formt sich ein menschliches Bild, das distanziert, aber spannend bleibt, man will mehr erfahren.
Auch mag ich, dass die anderen Charaktere, direkt einsteigen und auch gefühlsmäßig beleuchtet werden, wie hier Eagle. Und nicht häppchenweise, wie es bei Lichtkrieger der Fall war.
Was jetzt LK nicht weniger lesenswert macht. Fazit: Ich kann sagen, ich bin tatsächlich darüber erstaunt, dass ich die gleiche Story lese und trotzdem sich eine fast neue Story entwickelt, aber dann doch gleich bleibt, schreibtechnisch eine Mega-Leistung!
Gonzo