5.813 Wörter, 31 Minuten Lesezeit.
Absatz 1
Eine Woche später
Die Atmosphäre war angespannt, Fireball sah seine Eltern überwältigt und sprachlos an. Zwei Tage zuvor wurde er aus dem Krankenhaus entlassen. Es ging ihm soweit wieder gut, obwohl er hin und wieder kleinere Schwächeanfälle hatte. Diese endeten meist in einem tiefen, erholsamen Schlaf, aber der Arzt versicherte, dass es in den nächsten Wochen besser werden würde. Vor allem aber benötigte er Ruhe, die er nun in Japan finden sollte, jedenfalls hatten das seine Eltern so für ihn beschlossen. Das hatte ihm sein Vater gerade ohne Umschweife mitgeteilt! Doch das war nicht alles, er wurde auch aus allen militärischen Angelegenheiten zurückgezogen, besonders aus der Ramrod-Einheit. Fireball erkannte, dass dieser Moment ein Wendepunkt nicht nur für ihn, sondern auch für seine Kollegen und vor allem Freunde war.
Shinjiro beobachtete seinen Sohn und wartete auf irgendeine Reaktion. Hitomi, wusste, dass es ihrem Sohn gerade den Boden unter den Füßen wegzog, aber sie wusste als Mutter, dass es für ihn jetzt am besten war! Fireball schluckte und fragte schwer: “Für wie lange?” Die Nachricht hatte ihn völlig unvorbereitet getroffen. „Vorerst bis du 18 bist, bis dahin kannst du dir klar werden, was du möchtest!“, antwortete ihm sein Vater. Fireball sah ihn fest entschlossen an: „Ich weiß, was ich möchte, ich möchte Ramrod fliegen!“, erwiderte er darauf mit fester Stimme. Shinjiro nickte ihm mit ernster Miene zu: „Gut, wenn das in 8 Monaten immer noch der Fall sein sollte, werde ich diese Entscheidung unterstützen!“ sagte er und öffnete einen Schrank.
„Was soll in 8 Monaten anders sein? Ihr habt einfach über meinen Kopf hinweg entschieden, ohne mich überhaupt zu fragen. Und vor allem, was soll ich 8 Monate in Japan machen, Däumchen drehen?“, versuchte er zu argumentieren, wobei seine Wut oder viel mehr Verzweiflung in seinen Worten mitschwang. Shinjiro drehte sich zu seinem Sohn um und sah ihn weiter ernst an: „In 8 Monaten kann viel passieren“, sprach er ruhig. „Und Däumchen drehen ist nicht. Du wirst an die “Nippon Strategic Defense University” gehen und diese mit 100 Prozent abschließen. Ein Kampfschiff-Pilot sollte nicht nur fliegen können, sondern auch alle anderen Grundlagen der Offizierslaufbahnen kennen und vor allem Führungsqualitäten entwickeln. Ich gehe davon aus, dass du das möchtest.“ und reichte seinem Sohn die Unterlagen dieser privaten Universität.
Fireball blickte nur kurz auf die ihm gereichten Unterlagen und schüttelte langsam mit seinen Kopf, er war unfähig, Worte zu finden, so überfahren war er. Shinjiro bemerkte die Reaktion seines Sohnes und sprach nun fester: „Und ich kann und muss das sogar entscheiden, weil das hier ja niemand macht!“ Hitomi senkte ihren Blick, denn sie wusste, dass damit auch der Rest der Familie gemeint war, auch wenn sie jetzt als einzige anwesend war.
„Und ich muss dich nicht fragen, sondern ich werde dich fragen, wenn du 18 bist!“ stellte Shinjiro ruhig klar. Fireball funkelte seinen Vater voller Unverständnis darüber an: „Wer soll Ramrod fliegen? Es gibt keinen anderen Piloten!“ erklärte er bestimmt. “Es wird bereits seit zwei Wochen ein Pilot auf Ramrod trainiert!” begann Shinjiro, Fireball sah erschrocken auf, er wurde gerade von allen Seiten vor vollendete Tatsachen gestellt und sah keine Chance sich dagegen zu wehren. “Und wie schon gesagt, ich erwarte deine Entscheidung und 100 Prozent!” wiederholte sein Vater. Fireball konnte nicht aufhören, den Kopf zu schütteln. Das konnte doch gerade alles nicht wahr sein! Saber und die anderen hatten davon also gewusst und ihm nichts gesagt. Hinter seinem Rücken wurde gerade ein neuer Pilot auf Ramrod ausgebildet. Er fühlte sich ersetzt und sollte nun auf die Schulbank zurückkehren? Die Enttäuschung und der Verrat schnürten ihm die Kehle zu.
„Also wussten es alle, auch du!“ richtete er jetzt seinen Blick auf seine Mutter. Hitomi nickte, sie sah, wie sehr er verletzt war. „Du musst zur Ruhe kommen und brauchst ein sicheres Umfeld und keinen Krieg, Shinji.“ Ihre Worte waren ruhig und versuchten ihn zu beruhigen. Fireball nahm den Blick von seiner Mutter und richtete ihn wieder auf seinen Vater, der ihn fest ansah. Fireballs Blick senkte sich auf die Unterlagen, die er noch in seinen Händen hielt. „Das könnt ihr vergessen!“ bebte seine Stimme: „Ich lasse mich nicht wie ein Kind behandeln, vor allem nicht von dir!“ Dabei zeigte er wütend auf seinen Vater und ließ die Unterlagen der Akademie fallen. Dann verließ er das Wohnzimmer, ohne einen weiteren Blick zurückzuwerfen. “Shinji!” wollte Hitomi ihren Sohn zurückrufen und sie sah ihm nach. Shinjiro verschränkte seine Arme vor der Brust und wartete einen Moment.
Sein Blick fiel auf Hitomi, die ihn ansah und die Unterlagen aufhob, ihre Gedanken waren voller Sorge. Shinjiro seufzte leise und entschied sich, langsam in den ersten Stock hinaufzugehen.
Absatz 2
Fireball war wütend und einfach nur sauer auf alles und jeden gerade! Die Tür, die er zugegebenermaßen nicht sehr sanft zugemacht hatte, ging wieder auf und sein Vater trat ein. „Du möchtest nicht wie ein Kind behandelt werden, dann benimm dich auch nicht so! Was glaubst du jetzt erreicht zu haben?“ Shinjiro sprach ruhig und versuchte, einen Zugang zu seinem Sohn zu finden. Fireball sah seinen Vater nicht an, sein Blick war starr auf einen Punkt gerichtet und seine Miene verriet weiterhin seine tiefe Verärgerung: „Ich habe schon etwas erreicht! Und zwar ohne dich! Ich fliege das beste Schiff im neuen Grenzland!“ sprach Fireball mit fester Stimme und in seinen Worten hing ein Hauch von Stolz, den er sich nicht nehmen lassen wollte. Shinjiro nickte langsam. „Gut, dann fliege weiter, doch beschwere dich in drei Jahren nicht, dass es Bessere geben wird als dich, mit Grundlagen und Führungsqualitäten, vor allem aber in Sachen Selbstbeherrschung! Jetzt beschützt dich noch deine Jugend, aber in erster Linie geht es um das Team und dessen Sicherheit! Das werden deine Freunde auch irgendwann erkennen.“
Fireball sah seinen Vater verständnislos an. Die Worte versetzten ihm einen Stich. War das diese väterliche Sorge? “Hör auf damit, du hast mir nichts zu sagen!” Shinjiro ging zu seinem Sohn und sah ihm fest in die Augen. “Pass auf, mit wem du sprichst, ich bin hier derjenige, der dir am meisten zu sagen hat!” betonte Shinjiro mit Nachdruck. “Und eines sage ich dir: Ich sehe nicht dabei zu, wie mein Sohn nach und nach ersetzt wird oder im Abseits steht. Also ziehe ich dir jetzt den Boden weg, damit du dir ein Fundament bauen kannst.“ Fireball blickte seinem Vater ebenfalls fest in die Augen. „Was soll denn mein Ziel deiner Ansicht nach sein?“ Shinjiros Gesichtszüge entspannten sich nach dieser Frage wieder: „Genau, das möchte ich ja von dir hören“, antwortete er ruhig. „Und solange du mir darauf keine klare Antwort geben kannst, wirst du dich hinter die Bücher klemmen, an einem Ort, der deinem Alter entspricht. Vor allem wirst du dann auch wieder wissen, wer du bist und woher du kommst.“ sprach Shinjiro ruhig und ging dabei Richtung Tür. Fireball zog seine Augenbrauen zusammen: “Also entspreche ich nicht deinen Vorstellungen, oder warum tust du das?” kam es darauf provokant von Fireball.
Shinjiro, der schon vor der Tür stand, hielt inne und drehte sich noch einmal um: „Warum ich das tue? Weil ich dein Vater bin. Du hast dir einen gewünscht, erinnerst du dich?“ Fireball blickte darauf seinen Vater an, sein Herz raste und er wusste weder ein noch aus: “Das war dir vor 16 Jahren doch egal gewesen, was aus mir wird!” kam es vorwurfsvoll aus Fireball, der sich im nächsten Moment innerlich auf die Zunge biss. Shinjiro musterte seinen Sohn darauf stumm: “Wir fliegen in 3 Tagen!” sagte er und verließ den Raum. Fireball sah die geschlossene Tür mit Unverständnis an. “Scheiße!” fluchte er und sah sich um. “Das kann doch alles nicht wahr sein!” dachte er sich und ging sich durch seine Haare.
Shinjiro kehrte ins Wohnzimmer zurück, Hitomi sah ihn fragend an. Er nickte ihr stumm entgegen. „Er braucht Zeit“, sagte sie. Shinjiro atmete tief ein: „Die hat er jetzt“ war seine knappe Antwort. Hitomi nickte: “Ja!” und blickte zur Treppe.
Absatz 3
Fireball sah aus dem Fenster des Raumgleiters, während sie sich im Landeanflug befanden. Er kehrte als Zivilist zurück nach Japan. Er atmete tief ein, als er die vertraute Landschaft unter sich erblickte. Gedanken an seine Freunde drängten sich in seinen Kopf. Er hatte sich nur über den Kommunikator bei ihnen verabschiedet, der Gedanke an ein persönliches Treffen oder gar Abschied war einfach zu schmerzhaft für ihn gewesen. Er wollte sich zunächst alleine mit der neuen Situation, insbesondere der Familienkonstellation, auseinandersetzen. Sie hatten es verstanden. Saber bestand darauf, dass er sich regelmäßig melden sollte. Doch was sollte er den anderen schon groß berichten? Und der Cowboy hatte ihm versichert, seinen Sattel warmzuhalten! Dieser digitale Kontakt reichte Fireball gerade vollkommen aus. Es war eine Verbindung, die ihm Unterstützung bot, auch wenn sie nur virtuell war.
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Shinjiro lief wie durch einen Tunnel, er hörte Wörter, nahm Gerüche wahr. Die vielen Menschen, die Geschwindigkeit der Stadt und die Menge an Eindrücken waren geradezu überwältigend und er musste seinen Blick vom Fenster des Taxis abwenden. Er schloss seine Augen und atmete tief ein, während das Taxi durch die Straßen von Tokio fuhr. Als das Taxi hielt, stieg Hitomi zusammen mit ihrem Sohn als Erstes aus. Sie beobachtete, wie Shinjiro sich einen Moment Zeit nahm, um sich zu sammeln, bevor auch er langsam aus dem Wagen stieg.
Fireball und seine Mutter waren bereits am Eingang des Hauses angekommen und warteten geduldig auf ihn. Shinjiro trat langsam näher an sein Haus heran, ein Gefühl der Unwirklichkeit durchdrang seine Gedanken. Nach 16 Jahren stand er tatsächlich vor dem Gebäude, das sein Zuhause war. Die Emotionen wirbelten in seinem Inneren, während er das Grün um das Haus betrachtete, das in den Jahren gewachsen war.
Die Gegend war noch dieselbe wie damals. Die schmale, abfallende Straße, durch die gerade einmal zwei Autos passten, die klassischen Einfamilienhäuser, die idyllisch aneinander gereiht sind, die Zikaden zirpten an diesem späten, noch recht heißen Sommernachmittag, alles schien eingefroren in der Zeit zu sein, als hätte die Welt um ihn herum auf ihn gewartet. Fireball beobachtete stumm seinen Vater, was muss das für ein Gefühl sein, wieder in eine Welt zurückzukehren, die für so lange Zeit in der Vergangenheit verankert war? Fireball sah sich die ihm vertraute Gegend an, hier war er aufgewachsen, die Straße hinauf, befand sich das Zentrum dieses Stadtteils und die Straße hinunter ein Park, in dem er als Kind mit seinen Freunden gespielt hatte. Er kannte diese Gegend wie seine Westentasche und blickte in den blauen Himmel, noch nie war ihm bewusst geworden, dass auch sein Vater diese Gegend kannte und jetzt würde auch er hier wieder ein Teil davon sein. Er senkte seinen Blick und schaute zu seinem Vater, obwohl er gerade überhaupt nicht gut auf ihn zu sprechen war, konnte er dennoch die Bedeutung dieses Moments für ihn spüren. Es war, als ob ein verlorenes Puzzleteil endlich wieder an seinen Platz kam und trotz aller Uneinigkeiten und Konflikte fühlte sich dieser Augenblick wie eine Versöhnung an.
Shinjiro ging langsam auf seine wartende Familie zu, die ihm den Vortritt ließen. Worte hatte er gerade keine, als er die Haustür öffnete und zur Seite schob und den Vorraum, auch Genkan genannt, betrat. Ein Geruch der Vertrautheit strömte ihm entgegen. Langsam zog er seine Schuhe aus und stieg über die kleine Stufe und betrat den dunklen, glänzenden Holzboden. Er drehte sich um und blickte kurz in die Gesichter von Hitomi und Shinji, so als wollte er sich vergewissern, dass das hier gerade wirklich real war. Hitomis Herz schlug schneller und ihre Augen wurden feucht, auch für sie war es ein Moment, auf den sie lange gewartet hatte.
Fireball war da schon wieder weltlicher unterwegs, während er sich seine Schuhe auszog, spürte er eine sich aufbauende Übelkeit. Ohne weiter darüber nachzudenken, rannte er die Treppenstufen hinauf und eilte ins Badezimmer, um sich übergeben. Shinjiro drehte sich um und runzelte seine Stirn, als er sah, wie sein Sohn die Treppen hinauf hastete. Hitomi winkte ihrem Mann zu, um ihm zu signalisieren, dass sie ihm nachgehe.
Shinjiro betrat langsam das Wohnzimmer, das erst vor kurzem mit neuen Tatami-Matten ausgelegt worden war, das verriet ihm der Duft, der ihm intensiv in die Nase stieg. Er ließ seinen Blick durch den Raum gleiten und bemerkte ein oder zwei neue Möbelstücke, aber ansonsten war alles noch genauso, als er das letzte Mal hier war und in seinen Erinnerungen aufbewahrt hatte. Die Atmosphäre war so vertraut, dass es ihm fast surreal vorkam. Er ging eine Runde durch das Zimmer, berührte Bilder an den Wänden, die Geschichten aus vergangenen Tagen erzählten.
Shinjiro erreichte die Tür, die zum Garten führte und ein Gefühl der Ehrfurcht überkam ihn. Tief atmete er ein, bevor er die Tür zur Seite schob und auf die „Engawa“ trat, die den Innen- und Außenbereich miteinander verband und einen Übergang zum Garten bildete. Die warme Sommerluft umhüllte ihn und er spürte die Wärme der Sonne auf seiner Haut, da überkam es ihm und Tränen stiegen ihm in die Augen, plötzlich hatte er dieses Gefühl, das er auf Jarr vergebens gesucht hatte. Erst jetzt realisierte er, was überhaupt passiert war, er war wieder da, hatte seine Familie um sich, sein Leben, alles so plötzlich und es lief weiter, als ob nie etwas gewesen wäre. Er merkte, dass er noch gar keine Zeit gehabt hatte, es wirklich zu begreifen. Langsam kniete er sich hin, denn ihm wurden die Knie weich und schaute nach draußen, ein warmer Windhauch wehte durch den Pflaumenbaum in der Mitte des Gartens, den er zusammen mit Hitomi gepflanzt hatte, das kleine Windspiel “Furin” unterstrich diese Atmosphäre. Ein tiefer Atemzug durchströmte seinen Körper, er schloss seine Augen, als er versuchte, diesen Moment einzufangen, ihn festzuhalten, so als wäre er jeden Moment wieder vorbei. Da spürte er eine warme, vertraute Hand auf seiner Wange, er lehnte sich in diese Berührung. Hitomi kniete sich neben ihn und flüsterte: “Willkommen zu Hause!” Shinjiro öffnete seine Augen und sie nahm ihn in ihre Arme.
Hitomi spürte, dass dies ein gemeinsamer Moment war, der keine Worte benötigte. Sie konnte nur erahnen, was gerade in Shinjiro vorging und sie fühlte sich in diesem Augenblick so eng mit ihm verbunden. Darauf hatte Hitomi auf Jarr gewartet, dass von ihm irgendeine Reaktion auf das Heimkehren kam, sie hatte sich schon Sorgen gemacht. Oder rief nur die Heimat dieses wirklich greifbare Gefühl von nach Hause kommen hervor? Shinjiro setzte sich langsam bequemer hin und zog Hitomi jetzt sanft an sich. Sein Herz pochte noch immer schnell, aber die Ruhe, die sie in seinen Armen ausstrahlte, half ihm, sich wieder zu sammeln. Leise fragte er: „Was ist mit Shinji?“ Hitomi betrachtete den Pflaumenbaum, der in den 16 Jahren groß geworden war: “Es war wohl alles zu viel, er liegt erst mal!” war ihre leise Antwort. Shinjiro nickte verstehend. Ihm war klar, dass sein Sohn gerade eine schwere Zeit durchmachte und dass es eben auch Zeit brauchte, bis er sich wieder erholte. Aber jetzt waren sie alle zusammen und das war gerade das Wichtigste! Sie blieben einfach sitzen und genossen die vertraute Zweisamkeit, bis Shinjiro das Schweigen mit gebrochener Stimme unterbrach.
“Weißt du wie oft ich in meinen Gedanken durch dieses Haus gegangen bin, um euch irgendwie nahe zu sein und jetzt sitze ich hier und ich kann alles berühren, mit euch reden und …” Seine Stimme brach ab und er verbarg sein Gesicht in seiner Hand. Hitomi nickte und lehnte sich an ihn und strich über seinen Unterarm: “Das habe ich immer gespürt, es war hier manchmal so, als ob du da gewesen warst. Deswegen konnte ich nicht allzu viel verändern. Ich wollte, wenn du zurückkommst, dass du dich zu Hause fühlst!” Shinjiro ging sich streng durch seine Haare und atmete durch und hauchte ihr ein raues, aber gefühlvolles: “Danke …” entgegen, es bedeutete ihm viel, auch wenn es ihn gerade übermannte, doch er wusste, neben Hitomi konnte er diese Gefühle zulassen, das konnte er immer, er musste hier nicht stark sein, das brauchte er nicht in seinem Haus vor seiner Frau.
Sie nahm ihn zu sich und streichelte seine Nacken, damit er sie spürte, dass alles echt ist! Während auch ihr immer wieder eine Träne der Rührung über die Wange kullerte, dass sie ihn wirklich wieder hier zu Hause hatte, wo er hingehörte! In ihre Arme, in dieses Haus, in diese Stadt und in dieses Land, auf diesem Planeten! Er war so weit weg gewesen, all die Jahre! Wie oft hatte sie in den letzten Wochen darüber nachgedacht, wie einsam er gewesen sein musste. Diese Vorstellung zerriss ihr fast das Herz, er hatte ihr bis jetzt nie etwas erzählt, bis gerade eben und jetzt konnte sie sich ansatzweise diese Einsamkeit vorstellen. Und trotzdem hatte er sein Wesen so behalten, er hätte auch als jemand ganz anderes wiederkommen können, das war ihre größte Angst gewesen. Dann hätte sie ein zweites Mal diesen Mann verloren. Aber er kam wieder, ihr Shinjiro, der Vater ihres Sohnes. Das, was er ihr gerade erzählt hatte, verschaffte ihr eine Gänsehaut. Er war oft in seiner Vorstellung nach Hause gekommen und sie hatte in den Jahren immer mal das Gefühl gehabt, als ob er jeden Moment in den Raum kommen würde, hatte sie seine Sehnsucht etwa gespürt? Was für eine Vorstellung! Eine kleine Erschütterung riss beide aus ihren Gedanken, einige Sekunden später war es schon wieder vorbei. Shinjiro, der sich langsam von Hitomi löste, sah sie grinsend an: “Komisch, Erdbeben, gab es in meiner Vorstellung nie.” scherzte er. Hitomi musste kurz auflachen und sie gingen gemeinsam durch ihr Zuhause.
Absatz 4
Zwei Tage später
Zusammen mit Hitomi und seinem Sohn stand er vor der Eingangstür seines Elternhauses. Groß umgesehen hatte sich Shinjiro nicht, die Gegend löste in ihm ein beklemmendes, unangenehmes Gefühl aus, das er nicht deuten konnte. Es war so ganz anders als vor zwei Tagen, als er sein Haus betreten hatte. “Bereit?”, fragte er, doch weder Hitomi noch sein Sohn machten Anstalten hineinzugehen. Nach weiteren Augenblicken war es Fireball, der ein wenig genervt nach vorn ging und die Tür schwungvoll aufschob und ein: “Tadaimaaaaaas!” laut in das Haus rief, um allen mitzuteilen, dass sie da waren.
Hitomi und Shinjiro sahen sich an: “Kann er mit Türen auch normal umgehen?” fragte er scherzhaft, um sich von seiner Anspannung abzulenken, Hitomi schenkte ihm ein liebevolles mutmachendes Lächeln. Sie konnte nur erahnen, welche inneren Kämpfe er gerade ausfechten tat. Und der Schritt in sein Elternhaus, nach so langer Zeit, war vermutlich einer der schwersten: „Tja, nun müssen wir wohl …“ sagte er schließlich mit einem kleinen Anflug von Ironie, die seine Anspannung kaum verbergen konnte. Er atmete tief durch und trat über die Schwelle.
Der Duft des Hauses war eine Mischung aus Holz und einer subtilen Note, die er nicht zuordnen konnte, als er die Schwelle zum Genkan betrat. Es war ein Geruch, der Erinnerungen weckte, der gleichzeitig vertraut und fremd wirkte. Unwillkürlich verlangsamten sich seine Schritte, fast zögerlich begann er sich seine Schuhe auszuziehen, als würde ihm etwas davon abhalten wollen. Langsam begann er sich weiter umzusehen und vor ihm stand Royu, sein drei Jahre jüngerer Bruder, der ihn ruhig und still musterte, seine Miene wirkte kontrolliert, aber seine Augen verrieten etwas anderes. Es war, als würde er die Silhouette seines älteren Bruders erst in Gedanken mit den Erinnerungen von früher abgleichen müssen.
Shinjiro hielt inne, als er in das vertraute Gesicht seines jüngeren Bruders blickte. Langsam löste sich Shinjiro und stieg die zwei Stufen des Vorraumes hinauf und stoppte zwei Schritte vor seinem Bruder. “Royu!” durchbrach Shinjiro die Stille und verbeugte sich leicht, der Angesprochene nickte und erwiderte die Geste, um seinen älteren Bruder zu begrüßen.
Hitomi drehte sich zur Tür, sie war ergriffen von dieser Szene, und zog die Tür zu, um sich etwas aus dieser Situation zu nehmen. Royu trat einen Schritt zur Seite und zeigte seinem Bruder an, dass er hineingehen soll. Shinjiro nickte und ging zögernd den Flur weiter, als er auf der Höhe seines Bruders war, hielt er diesen kurz an dessen Oberarm, Royu tat es ihm gleich und folgte ihm.
Shinjiros Atem ging schwer, und ein ungewohnter Druck legte sich auf seine Brust, als er das Wohnzimmer betrat. Seine Mutter stand dort regungslos für einen Moment, bis ihre Augen ihn erkannten. Ein leises Schluchzen entkam ihr, und bevor er etwas sagen konnte, hatte sie ihn bereits begrüßt.
„Shinjiro …“ Ihre Stimme brach. Er erstarrte, überfordert von der Welle der Emotionen, die ihn erfasste, jedoch zögerlich. „Es tut mir leid”, sagte er, seine Worte waren kaum mehr als ein Flüstern, doch sie schienen sie zu beruhigen.
Hitomi stand in der Tür, ihre Lippen hatte sie fest aufeinander gepresst, als sie die Szene beobachtete. Auch Fireball stand wortlos neben seiner Mutter, während er das Geschehen aufmerksam verfolgte, doch in ihm machte sich ein ungewohntes Gefühl breit. Nach einigen Momenten murmelte Kaasan etwas, das wie eine Entschuldigung klang. Sie wandte sich ab und verließ eilig den Raum, ohne zurückzublicken.
Shinjiro sah seiner Mutter nach, wie sie den Raum verließ, und drehte sich dann langsam um. Plötzlich stockte ihm der Atem. Sein Blick traf den seines Vaters, der ihn ernst musterte.
Der ältere Mann, dessen einst kräftige schwarze Haare inzwischen schneeweiß waren, stand regungslos im Raum. Sein Gesicht war eine Maske aus Ernsthaftigkeit, seine dunklen Augen scannten Shinjiro eindringlich und durchdringend. Kein Wort war bisher über seine Lippen gekommen, doch allein seine Präsenz erfüllte den Raum mit Spannung.
Shinjiros Blut rauschte ihm in den Ohren, und für einen Moment wusste er nicht, was er tun sollte. Schließlich senkte er den Blick und verbeugte sich tief, wie es der Respekt vor seinem Vater gebot. Die Sekunden dehnten sich zu einer Ewigkeit, ehe er sich langsam wieder aufrichtete. Sein Vater musterte ihn weiter, ohne eine Miene zu verziehen. Dann, mit einem kaum merklichen Nicken, sagte er ruhig, fast distanziert: „Du bist also wieder da.“
Shinjiro holte tief Luft, als ob er erst jetzt wieder daran denken konnte, zu atmen. Sein Blick wanderte suchend zu Hitomi, die ihm mit ihren Augen stumm zusprach. Ihre stille Unterstützung war das einzige, was ihn in diesem Moment zusammenhielt.
Fireball war von dieser Willkommens-Szene vollkommen überfordert. Die Anspannung, die sich in den letzten Minuten in diesem Raum aufgebaut hatte, lag ihm schwer auf seiner Brust. Vielleicht hatte er zu viel erwartet, eine wärmere Begrüßung, ein Hauch von Wiedersehensfreude vielleicht. Oder hatte seine Großeltern in den letzten Wochen oft über Hypercom mit seinem Vater gesprochen? Er wusste es nicht. Er schüttelte innerlich seinen Kopf, als wollte er seine Gedanken ordnen. Es war nicht fair, jetzt ein Urteil zu fällen. 16 Jahre … Es war fast so lang, wie er lebte. Eine solche Zeit hinterließ Spuren, die sich nicht in einem Moment auflösen konnten. Vielleicht war es die Situation selbst, die so schwer war.
Absatz 5
„Sie haben dich also das Kommando übernehmen lassen, obwohl sie sich noch nicht einmal zu hundert Prozent sicher waren, dass du auch wirklich du bist?“ Mit dieser Frage fiel der Großvater direkt mit der Tür ins Haus, kaum dass sich alle gesetzt hatten.
Fireball, der gerade Platz genommen hatte, sah überrascht zu seinem Großvater. Die Schärfe in seiner Stimme war ungewohnt, doch was Fireball noch mehr irritierte, war, dass sein Großvater keine persönliche Frage gestellt hatte, kein ‚Wie hast du die letzten Jahre überstanden?‘ oder ‚Wie geht es dir?‘ Stattdessen ging es sofort um das Militär und Pflicht.
Hitomi und Kaasan, hatten bereits den Raum verlassen, es ging ums Militär und dieser Diskussion wollten sie nicht folgen!
Fireball beobachtete seinen Vater, dessen Gesicht keine Regung zeigte. Sein Vater schien sich für diese Art von Empfang vorbereitet zu haben. Doch Fireball fühlte sich unwohl, er hatte gehofft, dass dieses erste Wiedersehen nach sechzehn Jahren zumindest einen Funken familiärer Wärme enthalten würde. Stattdessen stand ein kaltes Thema dominant im Raum.
Shinjiro nickte: „Es war eine Ausnahmesituation, die schnell beendet werden musste!“ erklärte er mit ruhiger, sachlicher Stimme. Der Großvater musterte seinen Sohn weiterhin unverändert ernst, offensichtlich war er bereits bestens im Bilde über die Ereignisse der letzten Wochen auf Jarr.
Royu räusperte sich und zog somit die Aufmerksamkeit auf sich: „Ich wusste seit dem letzten Kampfgeschehen vor Jarr, dass du wieder da bist. Die Berichte wurden an alle Militäreinrichtungen weitergeleitet, auch auf der Erde. Ich habe abgewartet, bis ihr euch meldet.“ löste er die Situation auf. Shinjiro warf einen kurzen Blick zu seinem Bruder und darauf zu seinem Vater, der ihn immer noch fixierte. Innerlich rollte er mit seinen Augen “Oh Mann!” dachte er genervt. „Warum hatte er nicht daran gedacht? Dass sein Auftauchen nicht nur auf das Grenzland bezogen war.“ Er fuhr sich mit einer Hand über die Augen und richtete seinen Blick schließlich wieder vor sich auf den Tisch, um niemanden anblicken zu müssen: „Bitte entschuldigt, dass wir uns erst so spät gemeldet haben“, sagte er schließlich, bemüht, die angespannte Situation zu entschärfen. „Wir mussten die Lage selbst erst einmal begreifen.“
Eine bedrückende Stille legte sich über den Raum. Bevor jemand etwas sagen konnte, stand Fireball plötzlich auf. Ihm überkam erneut Übelkeit und er verließ eilig das Zimmer. Ob es an den Nachwehen des Komas lag, oder die angespannte Situation es in ihm auslöste, wusste er selbst nicht.
Sein Großvater beobachtete seinen Enkel und sagte feststellend: “Er ist noch nicht wieder gesund!” Shinjiro nickte: “Er wird sich hier erholen!” war seine kurze Antwort, die seine Entscheidung umfasste. Der Großvater nickte: “Also geht er nicht wieder zurück!” Shinjiro sah seinen Vater an: “Vorerst nicht, ich habe ihn aus allen militärischen Systemen des Oberkommandos genommen!” Der ältere nickte zustimmend. “Was sagt er dazu?” wollte Royu darauf wissen. Shinjiro sah zu seinem Bruder und musste etwas schmunzeln: “Keine Ahnung, er redet nicht mehr mit mir!” Royu grinste. “Ja!” kam es vom Großvater, und er setzte sich bequemer hin.
Nach einer Stunde stand Shinjiro auf, um sich seine Beine zu vertreten, das Sitzen auf dem Boden war er schon gar nicht mehr gewohnt. Als er die Wohnzimmertür hinter sich zuzog, lehnte er sich leicht an und pustete seine angestaute Luft hörbar aus. Er entschied sich, nach seinem Sohn zu sehen und stieg mit schweren Beinen die Treppen hinauf, “was war nur los?”, fragte er sich, sein ganzer Körper schmerzte und etwas schien ihm die Energie zu nehmen. Im ersten Stock angekommen, ging er instinktiv auf das zweite Zimmer links zu, er schob die Tür einen Spalt auf und sah, dass sein Sohn schlief und schloss diese wieder. Ein eiskalter Schauer überkam ihn, sein Herz begann zu rasen und sein Atem wurde schneller. Aus dem Flur um ihn herum entwich jegliche Farbe, ein Papierflieger flog über ihn hinweg …
***Flashback***
Ein Papierflieger glitt lautlos durch den Raum, während der zehnjährige Shinjiro an seinem Schreibtisch saß. Er verfolgte den Flieger, stumm mit seinen Augen, bis er in einer Ecke landete. Ein Schmunzeln huschte über Shinjiros Gesicht, bevor er sich wieder seinen Aufgaben zuwandte. Kurz darauf folgte ein weiterer Flieger und darauf noch einer! Shinjiro legte seinen Stift auf das Heft und verfolgte gebannt, wie die beiden Papierflieger noch eine ganze Weile durch den Raum schwebten. Nachdem auch die beiden Flieger gelandet waren, wandte Shinjiro seinen Blick zur Tür, wo ein Kopf um die Ecke lugte – sein kleiner, siebenjähriger Bruder kniete auf dem Boden und grinste ihm frech entgegen. „Ich sehe dich!“, sagte Shinjiro. Ruyo kam aus seiner Deckung und lief in das Zimmer seines großen Bruders, um die Papierflieger wieder einzusammeln. “Gib her!”, sagte Shinjiro und Royu gab ihm den Flieger, den er noch in seiner Hand hatte. Shinjiro ging zu seinem Schreibtisch und faltete den Flieger neu und ließ ihn darauf fliegen. Dieser blieb sogar länger in der Luft und war auch schneller. “Au ja, der ist toll!” freute sich Royu und versuchte den Flieger zu fangen. Und drückte Shinjiro die anderen in die Hand, damit er sie genauso faltete. Shinjiro tat es und nahm noch einen roten Stift, mit dem er die japanische Flagge auf die Tragflächen malte. Royu fand die Idee ganz toll und freute sich riesig. Nachdem die Flieger perfekt beflaggt und beschriftet waren, ließen sie die Papierflieger erneut einen nach dem anderen steigen, um zu schauen, welcher der Schnellste war. Mal gewann der eine, mal der andere. Sie sammelten alle wieder ein, um noch ein Flieger-Wettrennen zu starten. Shinjiros Papierjet war der Erste, der den Boden berührte: „Ja, gewonnen!“ freute sich der 10-Jährige und ließ ihn ein weiteres Mal steigen. „Was macht ihr hier?” drang eine mahnende, nicht sehr erfreute Stimme durch den Raum. Die beiden Jungs stoppten und drehten sich ihrem Vater zu, vor dessen Füßen ein Flieger landete. Ein anderer Flieger, der sich noch in der Luft befand, verfing sich über dem Fenster. “Bist du mit deinen Aufgaben fertig?” fragte er streng und ging ins Zimmer, dabei trat er auf den Papierflieger vor sich. “Oh, die Aufgaben!” kam es Shinjiro wieder in seine Erinnerungen, die hatte er ja vollkommen vergessen. Und blickte von dem zertretenen Flieger, auf dem sein Name stand, auf. “Nein” war seine leise Antwort. Sein Vater blickte über den Schreibtisch, auf dem Buntstifte und Blätter verstreut lagen. Darauf drehte er sich seinen Söhnen zu. Royu, zeigte er an, das Zimmer zu verlassen. Schnell sammelte Royu die Flieger ein, die auf dem Boden lagen und grinste, als er den letzten Papierflieger aufhob: “Gewonnen!” sagte er zu Shinjiro und hob den Flieger in die Luft, als er nach unten rannte, um seiner Mutter die tollen Flieger zu zeigen. Shinjiro zog seine Augenbrauen zusammen, “Das stimmt doch gar nicht!” dachte er sich. “Wann hast du damit angefangen, die dritte Aufgabe ist falsch und somit alle weiteren, die darauf aufbauen!” holte ihn die strenge Stimme seines Vaters wieder zurück. Shinjiro wusste keine Antwort, daraufhin zeigte sein Vater auf den Schreibtisch und Shinjiro setzte sich wieder. “Du hast 30 Minuten!” sagte der Ältere und griff nach dem Papierflieger, der sich am Fenster verfangen hatte und zerknüllte ihn, während er den Raum verließ.
***Flashback ende***

Die plötzliche Erinnerung traf ihn wie ein Blitz, doch er befand sich immer noch im Flur des oberen Stockwerks, stellte er fest. Sein Kopf sank nach vorne, und er klammerte sich mit beiden Händen an den Türrahmen, um nicht zusammenzubrechen. Er zwang sich, tief ein- und auszuatmen, doch sein Atem kam flach und stockend. Die Wände um ihn schienen immer noch eng, und das Summen in seinen Ohren hielt ihn in einer unangenehmen Schwebe zwischen Realität und dem Echo der Erinnerungen. Kalter Schweiß trat auf seiner Stirn und Shinjiro lehnte sich schließlich gegen die Wand und ließ sich langsam daran hinabgleiten, bis er in der Hocke war. Mit geschlossenen Augen strich er sich mit einer zittrigen Hand durch seine Haare, die mittlerweile leicht feucht vom Schweiß waren. „Das ist lächerlich“, dachte er und presste seine Lippen zusammen. Die Intensität seiner körperlichen Reaktion auf etwas, das so weit in der Vergangenheit lag, erschien ihm völlig übertrieben. Es war eine Kindheitserinnerung, etwas, was er schon lange vergessen hatte. Er konnte es nicht zuordnen und wollte es gerade auch nicht. Als er die Kontrolle über seinen Körper zurückgewonnen hatte, richtete er sich wieder auf und verließ das obere Stockwerk.
Absatz 6
Fireball, dem es zum Abend wieder besser ging, war schockiert, als sein Vater seine Erzählungen beendet hatte. Er hatte dabei sein dürfen, als sein Vater ihnen erzählte, was bis jetzt, wenn überhaupt, nur eine Handvoll Menschen wussten. Gerade wünschte er sich, das alles nicht gehört zu haben. Er blickte zu seinem Großvater, der sich das alles vollkommen regungslos genau angehört hatte und sich jetzt einen Schluck von seinem Bier genehmigte. Royu stellte immer mehr Fragen, die Fireball überhaupt nicht mehr erfassen konnte. Seine Gedanken überschlugen sich. Das Manöver seines Vaters war schief gegangen, es war überhaupt nicht so, wie vermutet. Fireball kannte diese 40 Grad links, doch diese zu halten und zu schaffen, war eine Meisterleistung. Er selbst hatte es bis jetzt nur einmal im Simulator geschafft. Doch genau das hatte seinem Vater diese minimale Überlebenschance gegeben. Die Outrider stammen nicht aus einer anderen Dimension, sondern sprangen von einem Teil des Universums zum anderen. Und die Krönung waren die anderen Menschen. Er konnte nichts sagen, es verschlug ihm komplett die Sprache. Das konnte doch nicht wahr sein! Er musste aufstehen und verließ ohne ein Wort den Raum.
Die drei Zurückgebliebenen sahen es Shinji nach. Der Vater nickte und signalisierte Royu, seinen Fragenkatalog einzustellen: “Du kannst es im TS-Archiv nachlesen”, sagte er und stellte sein Glas vor sich ab. Shinjiro, der sich zurückgelehnt hatte, blickte zu seinem Vater. Royu sah zu Shinjiro und ließ die nächste Bombe platzen: “Wir waren beim Check-up auf Pectos!” Shinjiro sah beide abwechselnd an, jetzt fehlten ihm die Worte. “Sie wollten sich doppelt oder besser dreifach absichern.” – “So nahmen sie Blut von Shinji, Vater und mir. Zudem sollten wir dich beobachten, ob uns etwas auffällt.” berichtete Royu weiter. “Als Vater ist es wohl mein Recht, es von meinem Sohn persönlich zu hören.” Shinjiro stand auf: “Ich brauche frische Luft!” Mit diesen Worten verließ er den Raum.
Fireball hatte sich auf die Engawa verzogen, er musste das Gehörte erst einmal irgendwie verdauen und setzte sich auf das Holz. Die Luft hatte die extreme Schwüle des Tages vertrieben, obwohl es noch immer recht warm war. Der Sommer in Japan war einfach nur unangenehm heiß, das hatte er schon fast vergessen, egal ob am Tag oder in der Nacht. Er schaute in den Garten seiner Großeltern, der Koi-Teich war beleuchtet und man konnte ab und zu einen der schön anzusehenden Fische sehen. “Es ist noch nicht kühler.” hörte er seinen Vater, der gerade aus dem Haus trat. Fireball atmete hörbar tief ein und aus, änderte jedoch nichts an seiner Blickrichtung. Shinjiro schob die Zwischentür, die den Wohnbereich von der kleinen schmalen Terrasse trennte und blieb hinter seinem Sohn stehen. “Shinji, ich weiß, du bist wütend auf mich, aber …”
“Ist schon gut!” unterbrach Fireball seinen Vater. “Es tut mir leid!” Shinjiro hob erstaunt seine Augenbrauen, hatte sein Sohn hier draußen doch tatsächlich seine Sprache wiedergefunden. Doch er verstand gerade nicht: „Was tut dir leid, Shinji?” hakte er nach und blickte in die Dunkelheit Richtung Koi-Teich, den er in der Dunkelheit plätschern hörte. Fireball stand auf und wandte sich seinem Vater zu: „Das, was ich dir auf Jarr an den Kopf geschmissen habe, dass es dir egal war und so …!” erklärte er und schämte sich dabei gerade unglaublich. Shinjiro verstand und nickte seinem Sohn lächelnd zu: “Angenommen!” Fireball presste seine Lippen aufeinander und blickte wieder in den Garten. Shinjiros Blick fiel auf seine Uhr, es war bereits nach Mitternacht: “Gehen wir?” fragte er. Fireball atmete tief ein: “Ich bleibe hier.” teilte er seinen Vater mit, er brauchte trotz allem gerade Abstand, es waren ja nicht nur die ganzen Informationen der letzten Stunden. Sondern auch die Tatsache, dass er für Monate hier bleiben musste, das hing Fireball dann doch noch quer. “Gut!” sprach Shinjiro leise, stand auf und ging zur Tür. Ein warmer Windstoß wehte über die schmale Veranda, als sich Shinjiro noch einmal umdrehte und zu seinem Sohn blickte, bevor er zurück ins Haus ging, um gemeinsam mit Hitomi nach Hause zu gehen.
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