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2.343 Wörter, 12 Minuten Lesezeit.


Absatz 1

König Jarred und Shinjiro fuhren in den privaten Teil des Palastes ein und näherten sich dem Gästehaus, inmitten des königlichen Parks. Die Militärpolizisten standen mit durchdringenden Blicken vor den Eingängen, die Hände ruhig, aber stets in Waffen­nähe, und musterten aufmerksam die Umgebung, bereit, auf das leiseste Anzeichen von Gefahr zu reagieren.

Für Shinjiro war dieser Anblick mehr als nur eine Sicherheitsmaßnahme; ihm war klar, es ging um ihn! Die schwarze, gepanzerte Limousine des Königs bewegte sich langsam und das leise, rhythmische Knirschen der schweren Reifen auf dem Kies schwang im Hintergrund.  

Auf den letzten Metern, während sich der Wagen dem Gästehaus näherte, schloss Shinjiro seine Augen, und eine Welle der Erschöpfung überrollte ihn, die tiefer ging als bloße Müdigkeit. Sie lastete auf ihm wie eine bleierne Decke, die ihn schwer in den Sitz presste und kaum noch atmen ließ. Die Stunden zuvor hatten sich wie ein Orkan durch sein Leben gezogen. Und dieses Gefühlsgemisch aus Erschöpfung, Sorge und einem unaufhaltsamen, fast schmerzhaften Chaos drohte ihn förmlich zu überfluten. Heute Morgen war er noch in einer anderen, ihm vertrauten Realität erwacht, und nun war er hier – an einem Ort, den er jahrelang herbeigesehnt hatte, der ihm Hoffnung und Durchhaltevermögen geschenkt hatte. Doch jetzt, da er tatsächlich zurückgekehrt war, fühlte sich alles seltsam anders an, wie ein schwer fassbarer Fiebertraum, der sich zwischen den Schleiern der Erinnerung und der Realität verlor.

Vor ihm breitete sich eine verzerrte Welt aus, nah und doch unendlich fern. Bekannte Menschen, Stimmen und Bilder waren in den letzten Stunden über ihn hereingestürzt, wie eine Welle der Vergangenheit und der Gegenwart, die sich kalt auf ihm niederschlug. Als würde er sich durch eine fremde Welt bewegen. Er konnte kaum Luft holen zwischen den Begegnungen, die sich nun in seinem Kopf zu einem dichten und undurchdringlichen Netz verwoben. Und dann war da dieser Augenblick mit seinem Sohn, einem Wiedersehen, das ihm jede verbliebene Kraft genommen hatte. Die Sorge um ihn schürte eine Verzweiflung, die er kaum in Worte fassen konnte. Er fühlte sich zerrissen zwischen der Vergangenheit, die ihn jetzt unausweichlich einholte, und der Gegenwart, die von ihm verlangte, stark und gefasst zu sein. Doch die Wahrheit war, dass er für beides gerade kaum noch die Kraft hatte.

Seine Identität, sein Platz in diesem Universum, mussten noch vollständig geprüft und bestätigt werden. Bis dahin blieb er ein Gefangener, ein Mann, der zwar in vertrauter Umgebung stand, aber dennoch unter einem unsichtbaren Vorbehalt lebte. Die Freiheit, die er empfand, war nur scheinbar und wahrscheinlich nur auf Jarreds Einfluss zurückzuführen. Er selbst hatte sich auf strenge Maßnahmen eingestellt, wie es das Protokoll verlangte, und fest damit gerechnet, die ersten Wochen seiner Rückkehr in der Isolation eines Hochsicherheitstraktes zu verbringen, abgeschirmt von allem, was er kannte, als eine Art Schutzmechanismus. 

Langsam öffnete Shinjiro wieder seine Augen, und sein Blick traf den von Jarred, der ihn offenbar beobachtet hatte. In Jarreds Augen lag eine Mischung aus Freundschaft und einer tiefen, unerschütterlichen Ruhe, die ihm unvermittelt etwas von seiner Last nahm. Für einen Augenblick schien die Zeit innezuhalten, als ob Jarreds Blick eine Brücke über das Chaos in seinem Inneren schlug und ihm die Schwere seiner Gedanken abnahm: eine unaufdringliche Sicherheit, die ihm plötzlich mehr Trost gab, als er geglaubt hätte.

Absatz 2

Der Wagen hielt mit einem sanften Ruck direkt vor dem Eingang des Gästehauses, einem Herrenhaus im traditionellen Stil, das dem König nur für die bedeutendsten und privatesten Gäste vorbehalten war. Die Türen öffneten sich, und Jarred stieg mit einer eleganten, geübten Bewegung aus. Shinjiro jedoch benötigte noch einige wenige Augenblicke, um sich aus dem Strudel seiner Gedanken und Gefühle zu befreien. Jarred ließ seinem Freund die Zeit, die er benötigte. Der Kammermeister des Gästehauses teilte dem König in der Zeit einige wichtige Details mit. 

Shinjiro spürte die kleinen weißen Steinchen unter seinen Schuhsohlen, als er aus dem Wagen stieg. Er atmete tief ein und die kühle Abendluft strömte in seine Lungen, eine frische Brise, die ihn aus seiner geistigen Betäubung riss. Doch trotz der Frische hatte er das Gefühl, als würde ihm die Luft fehlen, fast als stünde er am Rande einer Ohnmacht. 

Jarred nahm die Präsenz der Wachen als Teil des unvermeidlichen Protokolls hin. Sein vertrauter, ruhiger Schritt neben Shinjiro wirkte fast beruhigend inmitten der latenten Spannung. 

Die beiden Männer betraten das Gästehaus mit seiner hohen Empfangshalle, deren kühler Marmorboden bei jedem Schritt ein leises Echo widerhallen ließ.

Jarred führte ihn in den ersten Stock und öffnete die verzierte Holztür der Suite und drückte sie behutsam auf. Das Zimmer, das sich vor ihnen öffnete, war eine elegante Rückzugsstätte: großzügig geschnitten, mit hoher Decke und Möbeln aus dunklem Holz, die Wärme verströmten. Das weiche Licht des Kronleuchters brach sich sanft an den polierten Flächen und hüllte den Raum in eine beruhigende Atmosphäre.

Der Wohnbereich der Suite bot modernen Komfort: eine Multimedia-Ecke und einen abgetrennten Arbeitsbereich mit Schreibtisch. Jarred führte seinen Freund mit einer angenehmen Ruhe durch die Räume und deutete schließlich auf ein Paket, das auf dem Sofatisch platziert war. „Dort sind noch einige persönliche Dinge von dir enthalten“, erklärte er mit einem warmen Lächeln. Shinjiro verharrte einen Moment und ließ seinen Blick über das besagte Paket schweifen und nickte die Information müde ab. Mit einer freundschaftlichen Geste öffnete Jarred die Tür zum angrenzenden Schlafzimmer. Ein großes, gemütliches Doppelbett dominierte den Raum, einladend und komfortabel. „Und dort findest du Kleidung. Ich hoffe, sie passt!“, erklärte Jarred, während er auf den in der Wand eingelassenen Schrank deutete. Shinjiro ließ den Blick über das Schlafzimmer gleiten. Der weiche, tiefblaue Teppichboden dämpfte jeden Schritt und verlieh dem Raum Behaglichkeit. Von der Decke hing ein Kristallleuchter, dessen funkelndes Licht die Szenerie in eine Aura zeitloser Eleganz hüllte, während die großen Fenster von schweren Vorhängen eingerahmt waren, die das Zimmer in eine wohlige Ruhe tauchten.

„Danke“, sagte Shinjiro leise, und ein Hauch von Erschöpfung schwang in seiner Stimme mit. Seine Augen ruhten kurz auf Jarred. Der König verstand und beide verließen darauf das Schlafzimmer. Jarred hielt inne, bevor er sich verabschiedete: „Schlaf dich aus, oder möchtest du geweckt werden?“ Shinjiro beugte sich ein Stück vor, und hauchte Jarred ein klares: „Nein!“ entgegen. Ein schiefes Lächeln trat auf Jarreds Gesicht, als er die Suite verließ. Im Flur positionierten sich zwei MPs vor der Suite.

Absatz 3

Jarred atmete tief ein, als er die breite, mit rotem Teppich ausgelegte Treppe hinabstieg. Der Anblick des Sicherheitsaufgebots ließ ihn innerlich seufzen; doch all dies war noch notwendig. Es tat ihm leid, seinen Freund, nach all den Jahren auf diese Weise willkommen heißen zu müssen. Die Alternative wäre gewesen,  Shinjiro nach Pectos zu bringen und ihn dort im Hochsicherheitstrakt festzuhalten, bis seine Identität zweifelsfrei bestätigt war. 

Jarred hatte diesen Weg zusammen mit General Whitehawk gewählt und der König übernahm damit die volle Verantwortung. Jarred wusste genau, dass sein persönliches Engagement bedeutete, Shinjiro trotz aller Vorschriften und Protokolle zumindest einen Hauch von Vertrauen und ein Gefühl des Willkommenseins zu vermitteln. Etwas, das im strikten militärischen Ablauf keinen Platz hatte, das ihm als Freund jedoch unverzichtbar erschien. 

Wann Shinjiros Check-up stattfinden würde, war selbst dem König noch unklar. Es konnte innerhalb der nächsten Stunden geschehen oder Tage in Anspruch nehmen. Für Jarred selbst bestand kein Zweifel; er hoffte jedoch inständig, dass auch die strengen Prüfungen und Protokolle keinen Grund zur Beanstandung finden würden. 

Shinjiro ließ seinen Blick von der Tür ab, durch die Jarred eben verschwunden war, und atmete tief und hörbar ein. Er spürte die angespannte Ruhe im Raum, die in seinen Ohren zu sausen begann. Offensichtlich hatte Jarred im Voraus alles so arrangiert. Seine Augen glitten zur Sofaecke, die mit zahlreichen weichen Kissen bestückt war und eine leise Einladung zum Ausruhen ausstrahlte. Shinjiro bemerkte das sorgsam arrangierte Paket auf dem Sofatisch, das Jarred erwähnt hatte. Er war jedoch heute nicht mehr bereit, es zu öffnen, er konnte sich kaum vorstellen, dass darin etwas wäre, das ihn überraschen könnte. 

Langsam schritt er zu den drei großen Fenstern des Wohnzimmers und ließ seinen Blick hinaus in die tiefe Dunkelheit gleiten. Nichts war zu sehen; die Nacht wirkte wie ein stiller, alles verschlingender Ozean. Im Fensterglas spiegelte sich sein eigenes Bild, und für einen langen Moment blickte er sich in seine Augen. Schließlich löste er sich aus dem Anblick, streckte die Hand seitlich aus und betätigte den Knopf neben der Wand. Die schweren Vorhänge schlossen sich sachte und gleichmäßig, wie ein letzter Akt, der die Außenwelt endgültig abschottete. Er drehte sich zum Wohnbereich um. Dieser strahlte eine Mischung aus Behaglichkeit und klassischem Luxus aus. Der schwere Esstisch in der Mitte, flankiert von vier gepolsterten Stühlen, wirkte einladend und wurde durch den großen, farbenfrohen Blumenstrauß belebt, der einen Hauch Frische in den Raum brachte. Daneben, in einer Schale, lagen französische Naschereien, ein Zeichen wohldurchdachter Gastfreundschaft.

Shinjiro ging mit schweren, müden Schritten zur Minibar und öffnete den Kühlschrank. Die Auswahl an Softdrinks und kleinen, feinen Snacks füllte die Regalböden. Ein kleines Schmunzeln huschte über seine Lippen. Er wusste gar nicht mehr, wann er das letzte Mal etwas gegessen hatte. Er griff sich eine Kleinigkeit und genoss den unerwarteten Genuss und spürte, wie die Erschöpfung ihn für einen Moment verließ. 

Absatz 4

April spürte das Gewicht des Universums auf ihren Schultern. Sie wollte sich am liebsten verkriechen, sich in eine Ecke zurückziehen, wo niemand sie sehen konnte. Sie war doch sonst immer stark, unerschütterlich, und diejenige, die andere stützte. 

Und jetzt lag sie in ihrem Quartier auf Jarr im Bett und hatte sehr lange geweint. Sie musste sich eingestehen, dass sie der Sache heute nicht gewachsen gewesen war. Diese Erkenntnis schmerzte sie zutiefst. Irgendwann war sie über ihre Tränen eingeschlafen, jetzt lag sie schon seit einigen Minuten wach und schaute sich die trostlose weiße Decke an. Nach weiteren 10 Minuten stand sie entschlossen auf und schaltete den Fernseher ein. Jarr hatte eine Vielzahl von französischen Kanälen, und es fühlte sich gut an, ihre Muttersprache zu hören. Während sie den Fernseher im Hintergrund laufen ließ, warf sie einen Blick auf ihren Kommunikator. Eine Vielzahl von Nachrichten hatte sie erreicht, unter anderen Schadensberichte von Ramrod, die sie vom Bordcomputer automatisch bekam. So wusste sie immer, was mit dem großen Cowboy nicht stimmte. Nachrichten einiger Freundinnen, die sie im Laufe des nächsten Tages beantworten würde. Sie scrollte weiter und sah eine Nachricht von Colt, der ihr schon vor Stunden geschrieben hatte, genau wie Saber. Sie las sie sich durch und große Sorge stieg in ihr auf: „Fireball ist im Girard Hospital, mehr Informationen bekommen wir morgen“, hieß es in der Nachricht des Schotten. April schaute auf ihre Uhr, als sie Colts Frühstückseinladung für den nächsten Tag las. „Frühstück gibt es morgen im Hôtel Gérando.“ Da hatte sie aber wirklich tief und fest geschlafen, sie antwortete ihm schnell und entschuldigte sich auch gleich für die so späte Antwort. Auch Saber hatte ihr bereits vor zwei Stunden geschrieben, dass Colt und er im Hotel übernachten würden. „Na, die beiden lassen es sich ja gut gehen!“, dachte sie und schmunzelte, aber sie gönnte es den beiden sehr, die Frühstückseinladungen der beiden nahm sie gerne an! 

Doch ihre Sorgen um Fireball wurden immer lauter: „Was ist mit ihm?“ Sie wusste, Antworten würde sie jetzt keine bekommen, sie musste einfach auf morgen warten. Sie atmete ein und aus, stellte sich an das Fenster und beobachtete die Lichter dieser Stadt, in der sie sich, seit sie das erste Mal vor zwei Jahren hier gewesen war, pudelwohl fühlte. Paris war ein klares Vorbild von Jarr, dem Flair und die wunderschönen kleineren und größeren Parks, mit den umliegenden Bistros und Straßencafés. Heimweh würde hier nicht aufkommen!

Jarred ließ sich zum Palast fahren, der sich auf der anderen Seite des großzügigen Schlossparks befand. Nach seiner Ankunft begab er sich direkt noch einmal in sein Büro. Dort schaute er auf die Zeitangaben der verschiedenen Planeten, um zu wissen, wie spät es gerade auf der Erde, speziell in Japan, war. „Gut, es war dort gerade Mittag, das passt, so würde er Hitomi wenigstens nicht aus dem Bett klingeln!“ und setzte sich hinter seinen Schreibtisch und wählte ihre Nummer. 

Shinjiro stand unter der Dusche und genoss das warme Wasser auf seiner Haut. „Oh, wie gut das nach diesem Tag tat! Hier würde er niemals wieder hinausgehen“, dachte er sich. Er stand eine Zeit lang einfach nur da und ließ das Wasser über sich laufen, ja, es spülte für den Moment alles weg, leider aber keine Sorgen, und diese machte er sich. Heute hatte er nach 16 Jahren seinen Sohn das erste Mal wieder gesehen, das letzte Mal war dieser gerade einmal 6 Monate alt gewesen. „Sechs Monate! Mein Gott!“, kam es heiser über seine Lippen, und er fuhr sich über sein Gesicht und die nassen Haare. Er war wieder hier! Er hatte seinen Sohn gesehen, war ihm so nahe und rang mit seinem Leben. In den langen 16 Jahren war er jeden Tag gedanklich bei ihm gewesen, es verging nicht ein Tag, an dem er nicht an Shinji und Hitomi gedacht hatte. Wie würde Hitomi die Nachricht, dass er wieder da war, aufnehmen? Wie stand es zwischen ihnen? Von Jarred hatte er erfahren, dass sie keinen anderen Mann hatte, aber würden Hitomi und er sich noch kennen? In 16 Jahren kann so viel passieren. Aber egal, wie es auch kommen würde, er liebte sie. Wie sein Sohn ihn sah, wusste er nicht, das war ein unbeschriebenes Blatt. Er spürte eine tiefe Neugier, seinen Sohn kennenzulernen, seinen Charakter, seine Persönlichkeit zu erfahren. Doch jetzt sollte er erst einmal gesund werden! 

Er stellte das Wasser ab und verließ darauf das Badezimmer. Er öffnete den Kleiderschrank und nahm das erstbeste T-Shirt heraus und bekam große Augen. Er drehte und wendete es, es war sein Air-Base-Shirt, er strich über die eingestickten Buchstaben: „Cpt. Shinjiro Hikari“ darüber vier goldene Sterne. „Nun gut!“, sagte er zu sich. Woher das Shirt kam, darüber konnte und wollte er heute nicht auch noch nachdenken, und er zog es sich über. Eine Shorts war auch schnell gefunden und er ließ sich auf das Bett fallen. Zum Nachdenken kam er nicht mehr, er schlief sofort unter seiner Erschöpfung ein.


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