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Absatz 1
Der 26-jährige Shinjiro saß auf seiner Veranda, umgeben von einer Welt, die auf den ersten Blick widersprüchlich wirkte. Mitten in Tokio, der pulsierenden Metropole, war es Hitomi und ihm gelungen, eine kleine Oase zu schaffen. Im kleinen Garten vor ihm stand ein junger Pflaumenbaum, der erst vor zwei Wochen gepflanzt worden war. Er war ein Versprechen für Wachstum und Beständigkeit, und der Gesang, der Zikaden, dieser unverwechselbare Klang eines japanischen Sommers, rundete das Bild komplett ab.
Vor ihm war sein Notebook aufgeklappt, doch die Worte flossen an diesem Abend nicht so leicht wie sonst. Immer wieder wanderte sein Blick von der Tastatur zu dem kleinen Wesen, das neben ihm in der Babywippe lag. Sein Sohn schlummerte friedlich, seine winzigen Hände entspannt, der Atem gleichmäßig. Shinjiros Herz füllte sich mit einer tiefen Dankbarkeit, wie er sie zuvor nie gespürt hatte. Das kleine Gesicht, das im Licht der untergehenden Sonne fast zu leuchten schien, erinnerte ihn daran, wie sehr sich sein Leben in diesen letzten drei Wochen verändert hatte. Die Nächte waren kürzer, die Tage intensiver, und doch empfand er nichts als Freude. Und das leise Klingeln des Windspiels „Furin“, das an der Veranda hing, unterstrich die Stimmung. Die klaren, fast ätherischen Töne fügten sich in die Geräuschkulisse des Abends ein, wie eine Melodie, die eigens für diesen Moment komponiert worden war. Die Töne schienen mit dem Atem seines Sohnes zu tanzen, als ob sie ihn in seinem Schlaf begleiteten.
Shinjiro lehnte sich zurück und schmunzelte leicht. Er war dankbar, dass er seine neue Lebensaufgabe als Vater hier beginnen konnte. Er wusste, dass solche Momente kostbar waren, besonders für ihn, der als Captain und Befehlshaber der Air Base 1 selten die Freiheit hatte, sich dem Privaten vollends zu widmen.
Urlaub war ein rares Gut, und auch wenn er offiziell frei hatte, konnte ein Vier-Sterne-Captain niemals vollständig abschalten. Doch Shinjiro konnte sich auf seinen ersten Offizier und engen Freund, Michael Lorenz, verlassen. Lorenz hielt für ihn auf Yuma die Stellung und sorgte dafür, dass alles „Unwichtige“, ein Begriff, der in Shinjiros Welt eine flexible Definition hatte, von ihm ferngehalten wurde. Dieses Vertrauen erlaubte es ihm, die erste, unwiederbringliche Zeit mit seinem Sohn in vollen Zügen zu genießen. Sein Blick fiel wieder auf das schlafende Baby. Sein Baby. Sein Sohn. „Shinji“, der Name der: „Die Wahrheit! Und das Kind der Liebe!“ bedeutet. Und das ist er, das Kind ihrer Liebe. Die Erinnerung an seine Tochter, die jetzt schon fünf Jahre alt wäre, schlich brennend und schmerzlich in seine Gedanken. Er schloss einen Moment seine Augen und ließ sich von den Erinnerungen an sie tragen. Auch wenn die Tragödie von damals langsam verblasste, würde der Schmerz darüber immer da sein!
Anomalien im All
Nach einigen Momenten öffnete er wieder seine Augen und richtete sich in seinem Stuhl auf und klappte sein Notebook zu, die internen Top-Secret-Berichte waren alles andere als erfreulich.
„Anomalien im All!“ Was hatte das zu bedeuten? Kleinere energiegeladene Anomalien waren durchaus normal und die Menschheit hatte gelernt, damit umzugehen. Nicht alles war einfach so passierbar im All, wie man sich das anfangs gedacht hatte. Viele Einflüsse von Sternen und Asteroidenfeldern, gepaart mit Sonnenenergie, konnten vernichtende Magnetstürme auslösen. Das wurde gerade in den Anfangszeiten einigen Schiffen zum Verhängnis. Nachdem die erste, damals noch geheime wissenschaftliche Einrichtung auf dem Planeten Pectos, die das umliegende All erforschte und die ersten Planeten für die Besiedlung freigab, ereignete sich das wohl schlimmste Unglück seit Bestehen der zivilen Raumfahrt.
Shinjiros Blick ging Richtung Himmel und rief sich die Geschichte darüber in den Kopf, die er selbst nur aus Geschichtsbüchern kannte. Oder aus den Archiven des Militärs, auf die er als Vier-Sterne-Captain zugreifen konnte.
Titan
Die ersten zivilen Menschen waren 5 Millionen mutige Männer und Frauen aus den unterschiedlichsten Nationalitäten gewesen. Eine Mischung aus Militärs, Wissenschaftlern, Ärzten und vor allem Abenteurern, die sich der Herausforderung stellten, den Planeten Erde zu verlassen, um einen Grundstein im All zu legen.
Der Planet Titan, der sich im heutigen Sektor A befand, war ein Planet, der eine hohe Ähnlichkeit mit der Erde aufwies. Er hatte ein mildes Klima und Sauerstoff in ausreichender Konzentration. Er besaß zwei Sonnen und 3 Monde. Die Besiedlung war ein offenes Geheimnis gewesen, aber es gab kein großes Aufsehen. Auf Titan wurden die ersten Siedlungen errichtet und die Menschen wurden nach und nach mit großen Schiffen dorthin gebracht. Nach wenigen Jahren wies der Planet schon eine Infrastruktur auf und die ersten Kinder wurden geboren. Ziel war es, den Planeten zu nutzen wie die Erde. Anfangs war es die Landwirtschaft, 95 Prozent der Saaten konnten angesiedelt werden und Titan war nach wenigen Jahren nicht mehr auf zusätzliche Lebensmittellieferungen von der Erde angewiesen. Auch eine Wirtschaft etablierte sich schnell. Das Vorkommen von seltenen Erden, Erzen und auch Silber ermöglichte es den Menschen, dort so was wie eine Exportgesellschaft zu werden. Denn diese Rohstoffe wurden auf der Erde immer gebraucht! So entstand der erste Handel im All.
Doch eines war im letzten Jahr auf Titan zu beobachten: der schnelle Anstieg der Temperaturen. Eine der beiden Sonnen schien ihre Energie aus irgendeinem Grund zu bündeln. Heute weiß man, dass es durch riesige magnetische Asteroiden geschieht, die sich im Umkreis der Sonnen befinden. Somit übertrug diese Sonne ihre Energie mit einem Sonnensturm auf die zweite Sonne. Satelliten verglühten und die Ernten auf dem Planeten vertrockneten. Der Planet heizte sich durch den Magneteffekt auf. Ab einem gewissen Zeitpunkt entschied man, das ganze Projekt vorerst abzubrechen, und die Menschen sollten in Sicherheit gebracht werden. Alle möglichen Schiffe der Erde waren an der Evakuierung beteiligt. Es sollen zum Schluss Hunderte jeden Typs gewesen sein. Die Hauptsache war, die Menschen da herauszuholen! Die ersten Schiffe erreichten die Erde und flogen auch direkt wieder Richtung Titan, um die nächsten Menschen aufzunehmen.
Zum Erstaunen vieler wollten einige dort überhaupt nicht weg! Sie konnten die Gefahr nicht kommen sehen, weil sie sie nicht kannten! Es geschah, als alle verfügbaren Schiffe, 260 Stück sollen es gewesen sein, darunter Frachter, Gleiter und Militärschiffe, und alle waren voll mit Menschen. Sie befanden sich bereits 30 Minuten im Orbit von Titan mit Kurs Richtung Erde. Da löste die zweite Sonne einen noch nie zuvor beobachteten Magnetsturm aus, der sich mit der ersten Sonne und den erhitzten magnetischen Asteroiden verband. Alles, was zwischen den Planeten war, wurde in diesen Sturm hineingezogen. Sogar Frachter, die weit entfernt zwischen der Erde und Pectos flogen, waren danach flugunfähig und liefen Gefahr, im All abzustürzen! Der Magnetsturm dauerte fünf Tage. Das Erstaunliche: In diesen fünf Tagen konnte man anfangs immer noch Signale von einigen Evakuierungsschiffen empfangen. Ruhig wurde es erst in den letzten 48 Stunden, als der Sturm abgeflachte und nur dunkles All und einen kalten Mond zurückgelassen hatte.
Abbringen ließ man sich von dem Vorhaben, Lebensraum für Menschen im All zu schaffen, jedoch nicht. Man wusste jetzt, worauf man genau achten musste, um so einer Katastrophe zu entgehen. Das Gebiet, in dem sich der Planet Titan damals befand, ist heute ein abgelegener Teil des Sektor A. Es soll das Grab dieser Millionen Menschen sein.
Gerade nach diesem Ereignis schritt die Technologie voran, vor allem Frankreich und die USA hielten am Projekt ein „Neues Grenzland“ im All zu erschließen, fest. Japan lieferte seinen Erfindungsreichtum, was vorwiegend die Technologie auf den Schiffen sehr vereinfachte und so zur effizienten Platznutzung beitrug. Doch was die Ansiedlung im All betraf, hielt sich das Land der aufgehenden Sonne zurück. Und das bis heute! Japan besitzt zwar mehrere Forschungseinrichtungen auf Pectos und Jarr, hauptsächlich in der Entwicklung von zivilen Raumgleitern waren die Japanischen ganz vorn, in Effizienz und Sicherheit.

Jarr
Das kleine, aber sehr wohlhabende französische Königreich Jarrés erkannte früh das Potenzial des Neuen Grenzlands für ihre Herrschaftsansprüche und investierte massiv in die Erschließung eines Planeten. Mit der Gründung der ersten monarchischen Kolonie im Sektor A sicherte es sich einen entscheidenden Vorsprung. Der Planet erhielt den Namen Jarr, ein klares Statement ihrer königlichen Ansprüche.
Im Sektor B stach der Planet Yuma mit seinen lebensfreundlichen Bedingungen heraus. Dort wurde die erste militärische Einrichtung im All gegründet: das Kavallerie-Oberkommando, deren Kadetten, die damals noch auf der Erde ausgebildet wurden, gingen freiwillig nach der Ausbildung als sogenannte Star Sheriffs auf die vereinzelten Planeten und Siedlungen, um dort für Sicherheit zu sorgen.
Die Menschen auf der Erde standen nach dem Ereignis vom Titan dem neuen Grenzland natürlich sehr skeptisch gegenüber. So wurden von den planetaren Regierungen der Siedlungsplaneten finanzielle und andere Anreize geschaffen. Ganz zu Beginn gab es sogar kostenloses Land. Auch begann man mit der Besiedelung erst, nachdem die Strukturen der Planeten hinsichtlich Rohstoffen und Ähnlichem geklärt waren. Es sollte eine fertige Infrastruktur und Wohnraum vorzufinden sein. Und die Menschen ließen dann nicht lange auf sich warten. Goldgräberstimmung, im wahrsten Sinne des Wortes, brach aus.
Heute, Jahrzehnte danach, wies fast jeder Planet eine oder gar mehrere Metropolen auf. Die Wirtschaft boomt. Viele wurden anfangs wirklich vom Tellerwäscher zum Millionär.
Ein Anruf
Als sich Shinjiro die Geschichte durch den Kopf gehen ließ, klappte er sein Notebook noch einmal auf und sah sich die neuesten Meldungen ein weiteres Mal an. In letzter Zeit tauchten ernst zu nehmende Abnormalitäten auf.
Sektor A und B waren betroffen in Gebieten, wo zurzeit nur mit Satelliten und kleineren kurzen wissenschaftlichen Expeditionen geforscht wurde. Die Energien bündelten sich, hatten jedoch kein natürlich vorkommendes Muster. Sie waren physikalisch etwas vollkommen Unmögliches: „Was passiert da draußen?“, fragte er sich, während er die wissenschaftlichen Berichte las. Nach einigen Minuten stand er auf, um sich etwas zu trinken zu holen, als sich auf halbem Weg sein Kommunikator meldete.
„War ja klar!“, sagte er, als er das nervige kleine Ding schnell an sich nahm und zu seinem Sohn schaute. Nicht, dass er noch aus seinen Träumen gerissen wurde! Shinjiro las den Namen: Es war König Jarred, der mit seiner privaten Nummer anrief. Eingespeichert war dieser natürlich nicht unter König Jarred, sondern unter einem Pseudonym, das nicht viele Menschen kannten.
Sie gingen ungezwungen miteinander um, teilten denselben Humor, geigten sich aber auch schon mal die Meinung, was beiden in ihren festen und strengen Strukturen verhalf, einfach auch mal Mensch zu sein. Es gab beiderseits tiefen Respekt dem anderen gegenüber. Auch wenn Jarred zwar um einiges älter ist als Shinjiro, stand das nie zwischen den beiden.
Shinjiro wischte über das Display, um den Anruf entgegenzunehmen. Ärgern wollte er Jarred trotzdem, weil er vor allem die Ruhe seines Sohnes störte.
„Ja, eure Königliche Hoheit, sie haben geläutet.“ Jarred rollte kaum sichtlich mit seinen Augen, war er doch unter dieser Nummer kein König, aber er grinste, wusste er doch, dass er Shinjiro gerade störte. Wobei auch immer: „Das Vatersein bekommt dir wohl nicht. Du bekommst wohl zu wenig Schlaf?“ Shinjiro nickte seinem Freund zu. „Gut, Gleichstand!“, sagte er ergeben. „Was ist denn los?“, fragte er darauf seinen Freund, denn dieser rief ihn bestimmt nicht ohne Grund an. Jarred musterte den Hintergrund von Shinjiro und fragte etwas leiser: „Kannst du ungestört reden?“ Shinjiro setzte sich. „Ja!“, war die knappe Antwort des Japaners. Jarred begann: „Nun, es geht um das alte, neue Thema. Die Anomalien werden immer größer, die Astrobiologen und Wissenschaftler können sich auf keine Erklärung einigen. Die meisten gehen davon aus, dass sie künstlich sind, es ist unregelmäßig, ohne Struktur dahinter, naturgemäß ein Rätsel.“ Shinjiros Mundwinkel zogen sich nach unten und ein „Hmm …“ verließ seine Kehle, das er noch mit einem Schulterzucken untermalte. König Jarred fuhr indes weiter fort. „Wir werden einen Krisenstab einberufen!“ Shinjiro machte ein fragendes Gesicht: „Wer ist denn wir?“, hakte er nach und wusste, dass dieses Gespräch gleich in eine ganz andere Richtung gehen würde. „Das Kavallerie-Oberkommando, unter anderem Kommander Major Danwens. Und die Crème de la Crème de Militärs. Wir halt!“, erklärte Jarred kurz, denn jetzt alle aufzuzählen, würde den Zeitrahmen sprengen.
Shinjiro saß immer noch und lehnte sich zurück. „Puh, da habt ihr ja was vor“, kommentierte er das Gehörte. Jarred sah seinen Freund ernst an und bekam tatsächlich den Verdacht, dass Shinjiro zu wenig Schlaf bekam: „Du bist auch dabei!“ Da richtete sich der Japaner mit einem Ruck auf. „Was habe ich damit zu tun?“ Jarred machte abermals ein überraschtes Gesicht und wollte schon fast anfangen zu grinsen. „Du bist Captain der Air Base, vergessen?“, erinnerte Jarred seinen Freund. „Nein!“, antwortete Shinjiro zurück. „Nur!“ Er schaute auf die Veranda, sein Sohn hatte gerade ein leises Tönchen von sich gegeben, und hörte im selben Moment auch schon die Haustür aufgehen, auf dem gleich darauf ein „Tadaima!“ durch das Haus hallte. Shinjiro ging zu seiner Frau, nickte ihr zur Begrüßung entschuldigend zu, zeigte in Richtung Veranda und verschwand im oberen Stockwerk. Hitomi, sah überrascht ihren Mann nach und ging auf die Veranda, wo sie ihren Sohn vorfand, der schon kleine Anstalten machte, wach zu werden.
Im Büro angekommen, machte Shinjiro die Tür hinter sich zu und sagte etwas leiser: „Ich bin kein Wissenschaftler!“ – „Was habt ihr vor?“
Jarred nickte und erklärte: „Nun, es wird, wie bereits erwähnt, davon ausgegangen, dass es künstliche Energiequellen sind. Also müssen wir mit allem rechnen. Es wird sich beraten, um gerüstet zu sein, für einen eventuellen … Krieg!“ Shinjiro war gerade froh, dass er schon gesessen hatte. „Ihr seid verrückt!“, war alles, was er darauf kommentierte, und ein kurzes Schweigen zwischen den beiden breitete sich aus.
„Und wann soll dieses Gremium stattfinden?“, durchbrach Shinjiro schließlich die Stille. Jarred verstand Shinjiros Reaktion. So ähnlich hatte er auch reagiert, als ihm seine Generäle das Ausmaß mitgeteilt hatten.
„Heute, in einer Woche“, beantwortete er die Frage nüchtern. Shinjiro griff nach der Wasserflasche, die auf seinem Schreibtisch stand. „Ich werde da sein!“, antwortete er und nahm einen großen Schluck. Jarred nickte: „Danke!“ Shinjiro sah zu Jarred: „Mmh, nicht dafür. Aber ich habe was gut bei dir!“ Jarred grinste, sein Freund hatte sich wohl wieder gefangen. Also wechselte der König das Thema: „Wann sehe ich deinen Jungen mal?“, fragte Jarred neugierig. Shinjiro fuhr nachdenklich durch seine langen Haare und sah zu Jarred auf den Bildschirm: „Ich werde meine Familie mitbringen!“, sagte er nach einigen Momenten entschlossen. Wie er das seiner Frau Hitomi beibringen würde, wusste er allerdings noch nicht. „Wunderbar! Marijane wird sich freuen, mal wieder ein Baby im Arm zu halten“, sagte Jarred, der wusste, dass seine Frau da nicht widerstehen konnte. Shinjiro lächelte und meinte darauf: „Nicht ausleihen, selbst machen!“ Jarred lachte auf. Nein, seine Familienplanung war abgeschlossen. Er war Vater eines Sohnes und einer Tochter. Was benötigt da ein Mann und König mehr?
„Gut, dann lasse ich dir alle weiteren Informationen zukommen, damit du Bescheid weißt“, fügte Jarred noch an. „Ja, da freue ich mich, danke!“, kam es sarkastisch von Shinjiro, und sie verabschiedeten sich. Shinjiro warf seinen Kommunikator vor sich auf den Schreibtisch und lehnte sich in seinem Bürosessel zurück. Er fuhr sich mit den Händen über das Gesicht. „Na, einfach großartig!“, murmelte er dabei und stand auf. Und ging wieder nach unten, denn es roch schon lecker im ganzen Haus.
Im Wohnzimmer saß seine Frau auf dem Tatami-Boden und stillte ihren 3 Wochen alten Sohn, der es, so wie er trank, kaum erwarten konnte, groß zu werden. Shinjiro blickte in die Küche, er hatte Hunger, das Essen stand auch schon bereit, also konnte er auch mal den Tisch decken, dachte er sich. Hitomi beobachtete ihn amüsiert, ließ ihn aber machen.
Als Shinjiro fertig war, setzte er sich vor die beiden und schaute sie eine ganze Weile einfach nur an. Es war doch gerade um ihn herum so perfekt. Hitomi merkte, dass Shinjiro etwas auf der Seele lag und lächelte ihn liebevoll an: „Musst du wieder los?“, fragte sie ruhig und strich ihrem Baby sanft über das Köpfchen. Shinjiro nickte leicht: „Mhh“, und ließ darauf den Kopf etwas hängen, schaute aber gleich wieder halb nach oben, um die Reaktion seiner Frau zu sehen. Sie nickte wissentlich und behielt ihren Blick auf dem Baby in ihrem Arm, das schon mehr schlief, als es trank. Nach einigen Augenblicken, beschloss sie ihren Sohn neben sich abzulegen und wandte sich zum Tisch, an dem Shinjiro saß zu. Sie hatte Hunger, und zwar großen Hunger! „Itadakimasu!“, bedankten sie sich und begannen mit ihrem Abendessen.
Während des Essens erzählte ihr Shinjiro, dass Jarred ihn angerufen hatte und für nächste Woche ein Gremium auf Jarr einberufen wurde: „Und ich möchte, dass ihr mitkommt!“, beendete er seine Erzählung. Hitomi sah ihn daraufhin überrascht an: „Was?“, fragte sie, doch Shinjiro nickte ihr nur zu: „Ja, ich möchte euch nicht alleine lassen!“ Er trank einen Schluck und fügte noch an: „Außerdem, hat er schon einen wichtigen Termin bei einer Königin“, sprach er und zeigte auf seinen schlafenden Sohn: „Was, Shinji?“ kam von Hitomi die ihren Sohn musterte und besorgt sprach: „Er ist doch noch viel zu klein für so eine anstrengende Reise.“ Shinjiro sah Hitomi an und lächelte etwas frech, um ihr ihre Sorgen zu nehmen: „Er ist ein Hikari, glaub mir, er wird es lieben, zu fliegen!“ Hitomi sah wieder zu Shinjiro und atmete tief ein und gab sich ausatmend geschlagen und willigte ein, denn darauf konnte sie nun wirklich nichts mehr sagen.
Sie verlor sich in seinen Augen, als er vor sich hin grinste, und sie wusste, dass er gewonnen hatte. „Aber!“, setzte Hitomi jetzt streng an, und Shinjiros Grinsen verschwand und er sah zu seiner Frau: „Ich möchte nicht in einem Hotel oder bei Jarred im Gästehaus wohnen. Ich habe immer das Gefühl, ich muss mich dort ganz schlimm brav benehmen“, sprach sie und grinste jetzt ebenfalls etwas frech. Shinjiro lachte darauf laut los und verstummte im selben Moment auch schon wieder, der Knirps schlief und das sollte auch so bleiben! Hitomi lachte leise mit. Und sie versuchten dafür eine Lösung zu finden. Sie hatten ohnehin vorgehabt, sich etwas auf Jarr zum Wohnen zu suchen. Doch dieses Mal mieteten sie sich erst einmal ein Gästehaus in “Clos de Bellecour” einer sehr ruhigen Wohngegend in Jarr. Sie gingen früh zu Bett, denn Ausschlafen war seit drei Wochen auch nicht mehr drin.
Ein Gremium
Eine Woche später.
Das Militär-Gremium tagte mit Wissenschaftlern aus Yuma, Jarr und Pectos, Astrophysiker und weitere Experten waren ebenfalls geladen. Man tagte bereits den zweiten Tag in Folge, schließlich sollten alle zu Wort kommen, damit sich jeder ein komplettes Bild der aktuellen Lage machen konnte. Die bisherigen Kenntnisse und daraus resultierenden Fakten zeichneten jedoch ein verheerendes Bild.
Seit zwölf Monaten wurden diese auftretenden Anomalien im Sektor A und B gemessen und aufgezeichnet. Die Astrophysiker waren ratlos, nichts dergleichen war bekannt, aber eines konnte man jedoch zweifelsfrei belegen: Es war eine Energiequelle, die immer größer wurde, doch aus was sie sich speiste, hatte man noch nicht herausgefunden. Gemeinsam hatten die Wissenschaftler eine Karte erstellt, um dem Stab das Ausmaß zu veranschaulichen. Die Messungen waren unterschiedlich hoch und keiner wusste so richtig, was da draußen im All vor sich ging. Die Lage war ernst, das erkannte auch Shinjiro, der bereits im Alter von 26 Jahren seinen vierten Stern trug und seit zwei Jahren die Verantwortung über Air Base 1 des Kavallerie-Oberkommandos innehatte, nachdem Colonel Murry sich aus dem aktiven Flugdienst verabschiedet hatte. Und jetzt die Piloten für Jarr und dem Oberkommando ausbildete.
Shinjiro war ein außergewöhnlicher Stratege und Taktiker, der in der Lage war, über das große Ganze hinauszublicken, ohne dabei die entscheidenden Details aus den Augen zu verlieren. Ihm war daher bewusst, dass die Anomalien bedrohlich für die Sicherheit im Neuen Grenzland war, doch solange kein klarer Feind sichtbar war, wogegen sollte man da kämpfen? Es war eine verzwickte Lage.
Der entscheidende Teil des Gremiums begann: Die Diskussionen über das weitere Vorgehen wurden von König Jarred und General Whitehawk eröffnet. Jeder Anwesende trug darauf seine Einschätzungen, meist mit militärischer Präzision, vor. Anfangs gingen die Meinungen weit auseinander, doch bald kristallisierte sich ein klarer, pragmatischer Konsens heraus: Die Anomalien wurden von der Mehrheit als potenziell feindlich eingestuft, somit schuf man eine einheitliche Ausgangslage. Die Atmosphäre war von kühler, Professionalität und unterschwelligem Ehrgeiz geprägt. Hier diskutierten keine Unentschlossenen, sondern hochrangige Frauen und Männer, die es gewohnt waren, Entscheidungen zu treffen, die Leben retten oder kosten konnten. Hier war kein Raum für Sentimentalitäten oder Spekulationen, klare Köpfe und entschlossenes Handeln waren gefragt.
Shinjiro hörte den Beiträgen der Wissenschaftler und Offiziere aufmerksam zu und machte sich Notizen. Sein Blick wanderte dabei immer wieder zur holografischen Karte, die in der Mitte des Auditoriums angezeigt wurde. Darauf waren die Bewegungsmuster der Anomalie, in einer Zeitraffer-Animation dargestellt, jede Veränderung war präzise markiert worden.
Ein General, der den jungen Captain Hikari schon eine Weile mit aufmerksamem Blick beobachtet hatte, räusperte sich und sprach mit fester und fordernder Stimme, die durch den Raum hallte: „Captain Hikari, zu unserem Erstaunen haben wir heute noch gar nichts von Ihnen gehört. Bitte teilen Sie uns doch Ihre Einschätzung der Lage mit!“, sprach er und zeigte auf die Mitte des Auditoriums. Die Worte des Generals schnitten scharf durch die murmelnden Gespräche im Saal. Sofort verstummten alle Unterhaltungen, und die Blicke der Anwesenden richteten sich gespannt auf den jungen Captain-General, der doch sonst nie um eine klare militärische Einschätzung verlegen war. König Jarred, der ruhig auf seinem Platz saß, umgeben von seinen Militärs, richtete sich leicht nach vorn und beobachtete mit einem durchdringenden Blick seinen Freund, der wirklich seit Beginn des Gremiums ungewöhnlich ruhig war.
Shinjiro saß angelehnt in seinem Stuhl, mit überschlagenen Beinen, und blickte in die Runde. Er wusste genau, dass diese Herausforderung nichts anderes als ein Machtspiel war, eine Provokation, und er spielte sie gekonnt mit. Ein kleines Schmunzeln huschte über sein Gesicht, bevor er zu sprechen begann, ohne auch nur einen Millimeter seiner Sitzhaltung zu verändern. Er übernahm das Wort mit seiner bekannten selbstbewussten Ruhe, die sofort die Aufmerksamkeit auf sich zog.
„Es ist ein Muster!“, begann er, „so wie es uns die Wissenschaftler schon erklärt hatten! Die Energie kann mit unseren Messgeräten nicht erfasst werden. Hat eine Energiequelle ihren, den von uns gemessenen Höchststand erreicht, bildet sich darauf eine neue. Wie ein Netz, das sich aus sich selbst speist. Somit benötigt jede Quelle, sagen wir mal, den Faktor 10, bevor eine weitere sich bildet.“ Und machte eine kurze Pause, bevor er weitersprach: „Das geschah im Sektor A unweit des Planeten Jarr ganze 20.000 Mal. Das Resultat sehen wir in einer gebildeten Mega-Quelle, die immer noch weiter, wovon auch immer, gespeist wird. Ich gehe davon aus, dass dieser Vorgang aktuell noch besteht und fortlaufend ist“, sagte er und schaute einen Wissenschaftler an, der ihm entgegen nickte.
„Es ist also wie eine Kernreaktion, nur dass es sich nicht entlädt, sondern auflädt. Mit einer leichten Geste, zeigte er auf die animierte Karte, die die Daten der verschiedenen Sektoren zeigte: „Im Sektor B, etwas abseits von Yuma, sehen wir dasselbe Spiel, nur etwas verzögert. Es ist dort noch nicht zu einer Mega-Quelle gekommen. Aber laut den Messdaten wird es auch vor Yuma zeitnah dazu kommen.“
Die Anwesenden hörten Hikari’s Zusammenfassung aufmerksam zu, während die Spannung im Raum spürbar anstieg. Major Danwens, der Kommander des Kavallerie-Oberkommandos, fixierte weiterhin die Karte vor sich. Seine Stirn war in leichten Falten gelegt, als wollte er jedem Wort von Hikari auf den Grund gehen. Die Komplexität der Lage war dem Kommander nicht entgangen: „Gut und schön“, murmelte Danwens nachdenklich, als er schließlich seinen Blick von der Karte abwandte und in die Richtung seines jungen Captains blickte: „Aber, worauf möchten Sie hinaus, Captain?“ Danwens wusste genau, dass er und der Saal jetzt eine sehr präzise Antwort von Shinjiro bekommen würden, und er lehnte sich zurück, doch ein kleines Schmunzeln umspielte die Lippen des alten Kommanders. Denn wenn es etwas gab, was Hikari meisterte, dann war es das, die Dinge auf den Punkt zu bringen.
Shinjiro reagierte darauf sofort, als ob er nur auf diese Frage, seitens des Kommanders, gewartet hätte. Mit einer fließenden Bewegung stand er auf und trat nach vorn. Seine Schritte hallten auf dem blankpolierten Holzboden, seine Haltung war selbstbewusst, ja fast schon herausfordernd, und er wusste, dass alle Aufmerksamkeit nun auf ihn gerichtet war. Er stellte sich an das Rednerpult, das neben dem riesigen, eingelassenen Monitor stand, auf dem die Karte seit Stunden im Zeitraffer lief. König Jarred, wusste, dass Shinjiro jetzt völlig in seinem Element war. Ab diesem Punkt gab es nur noch Captain Hikari und die Fakten. Die Selbstsicherheit, die von ihm ausging, war greifbar und Jarred konnte fast spüren, wie sich die gesamte Atmosphäre im Auditorium veränderte. Jeder im Saal wusste, dass Hikari diese Bühne beherrschte.
Er koppelte sein Tablet mit dem Monitor und mit einem gezielten Klick überlappte Captain Hikari alle Karten und ließ sie im schnelleren Zeitraffer ablaufen. Die holografische Anzeige verwandelte sich in ein komplexes, sich ständig veränderndes Netz von Daten und Bewegungen. Er ließ die Karte eine Minute wirken und sagte schließlich: „Schweizer Käse!“
Die Anwesenden im Saal begannen untereinander zu murmeln, einige tauschten Blicke, andere begannen, die Karte selbst zu studieren, als sie die Metapher verstanden. „Ruhe!“, hallte eine Stimme von Danwens durch den Raum. Der Kommander wollte die Ausführungen weiterverfolgen und machte eine Handbewegung in Richtung Captain Hikari: „Bitte, reden Sie weiter!“ Der Captain nickte dem Kommander dankend entgegen und fuhr fort: „Wie Sie sehen, hat die Mega-Quelle vor Jarr bereits unmessbare Ausmaße angenommen. Diese wird zeitnah ihren gewollten Endzustand erreicht haben.“Ein General aus Alamo warf ein: „Von welchem Endzustand reden Sie?“ Shinjiro trat vom Rednerpult: „Keine Ahnung“, gab er zu und blieb in der Mitte der Bühne stehen: Energie sucht sich einen Weg. Oder sie baut sich einen.“ Ein Colonel aus Alamo stand auf: „Also gehen Sie davon aus, dass etwas in unsere Bereiche eindringen möchte. Wie soll so etwas denn möglich sein?“, fragte er und lachte dabei etwas abfällig. Captain Hikari blieb professionell und erwiderte klar: „Nun, diese Frage stellt sich nicht. Viel eher die, warum es nicht möglich sein sollte! Physiker sprachen von Resonanzen, Militäringenieure von instabilen Lastspitzen. Aber die Energie verhält sich nicht wie eine Ressource, sondern wie etwas Eigenständiges. Sie staut sich, spannt sich auf, und tastet ihre Umgebung ab. Als würde sie prüfen, wo Widerstand ist und wo nicht“, konterte Hikari darauf zurück. Und legte einen Bericht von Dr. Williams aus Pecos vor, der genau das mit Daten untermalte.
„Das sind reine Vermutungen! Hirngespinste! Da höre ich nicht länger zu!“, winkte der Colonel aus Alamo ab. Vereinzeltes Kopfnicken, war zu sehen. Und ein Major von der Erde fügte noch belustigend hinzu: „Wir schreiben hier keinen Science-Fiction-Roman, Captain!“ Darauf zuckte Hikari mit seinen Schultern: „Aber es wäre guter Stoff!“, musste er zugeben. Vereinzeltes Lachen war zu hören, auch auf Jarreds Lippen formte sich ein Schmunzeln.
Daraufhin warf Kommander Danwens zustimmend ein: „Bis jetzt sind sogar die wissenschaftlichen Erklärungen auch nur Vermutungen!“, unterstützte der Kommander seinen Captain. König Jarred verschränkte seine Arme vor der Brust und beobachtete aufmerksam das weitere Geschehen. Auch ihm fiel es schwer, seinem Freund zu folgen, war dieser doch manchmal einfach zu schnell mit seinen Ausführungen. Doch es betraf schließlich genau seinen Sektor, in dem sich sein Planet und damit auch seine Gerichtsbarkeit befand. Die einzig unabhängige Monarchie im Neuen Grenzland und der Erde. König Jarred wusste, dass jeder Fehler in dieser Region nicht nur seine eigene Macht gefährden konnte, sondern auch weitreichende Auswirkungen auf die geopolitische Stabilität des Grenzlandes hatte.
Captain Hikari holte tief Luft und ruderte einen Schritt zurück. Doch anstatt sich zurückzuziehen, konzentrierte er sich noch stärker auf die stärksten Anomalien: „Also, zurzeit ist der Sektor A das Gebiet mit der höchsten Energiequelle. Das betrifft hauptsächlich die Planeten, Pectos, Jarr und partiell auch Alamo.“ Er nahm sich sein Tablet in die Hand. „Alamo ist neutral!“, kam es aus dem Saal, Shinjiro hob seine Augenbrauen und zeichnete mit seinem Pen ein Dreieck auf die Karte und legte die aktuelle Sternenkarte darauf, die die Anomalien zeigte. „Na, dann hoffe ich, dass Alamo das den Energiequellen mitgeteilt hat!“, kommentierte Hikari das Gesagte etwas ironisch und wandte sich nun der Karte zu. Leises Gelächter war zu hören und Shinjiro ließ eine Karte ablaufen, die das Ausmaß zeigte, sollte sich die Energie entladen. Jetzt war es Major Eagle, der sich zu Wort meldete. „Wir können unsere Vermutungen und Spekulationen nicht feindlich anpassen, ohne zu wissen, woher diese Anomalien überhaupt kommen. Wir dürfen nicht sofort alles als feindlich einstufen!“
Captain Hikari, nickte: „Gut, welchen Ausgangspunkt nehmen wir dann? Dann stufen wir diese als friedlich oder rein natürlichen Ursprungs ein und gucken, was passiert?“ Eagle nickte: „Ja, diesen Aspekt sollten wir in Betracht ziehen.“ Hikari nickte: „Gut, Major Eagle! Das haben wir damit ja jetzt getan!“ kam es sehr forsch. Major Eagle schüttelte nur mit seinem Kopf, hörte aber weiter zu.
„Sollten diese Energien jedoch feindlich sein, wovon wir hier alle bis jetzt ausgegangen sind, sammelt sich alles genau hier!“ und er umkreiste die Energien und erklärte gleich weiter. „Um genau hier zuzuschlagen!“ Er umkreiste den Planeten Jarr. „Somit hat ‚E. T.‘ oder wer auch immer, eine perfekte Ausgangsbasis und genug Energie zur Verfügung, um bis hier, hier und hier zu kommen!“ Er machte eine kleine Pause, nachdem er die Planeten Pectos, Alamo, Laramie und Dakota eingekreist hatte. „Sollte das gelingen, ist auch die Anomalie vor Yuma einsatzbereit und es kann weitergehen mit Yuma, Rainbow Planet usw. …“, erklärte er und umkreiste die restlichen Planeten, jetzt im Sektor B.
Er wurde unterbrochen. „Womit?“, fragte ein Brigadier General aus Jarr. „Das wollte ich gerade ausführen, Sir!“, antwortete Hikari. „Gut, wir sind ganz Ohr!“, kam es aus dem Hintergrund. „Nun, die Energie sammelt sich hier!“ Er zeigte wieder auf die Karte. „Und die Position der Anomalie ist perfekt, um auf Jarr eine Invasion zu starten!“ Jarred fixierte die Karte und seine Militärs waren für einen kurzen Moment tatsächlich sprachlos, bis doch immer lauter werdende aufgebrachte französische Diskussionen im Saal zu hören waren. Ein General ging zum König und sagte etwas, Jarred zeigte an, dass er erst einmal weiter zuhören wollte. Somit verstummten die Stimmen, und die Militärs warfen dem japanischen Captain skeptische Blicke zu.
„Was macht Sie so sicher?“, fragte Major Eagle nun doch interessierter. Captain Hikari schaute sich um und zuckte mit seinen Schultern. „Na ja, so würde ich es machen, wenn ich eine Invasion auf das Neue Grenzland starten wollen würde!“, erklärte er darauf sehr provozierend.
“Mon Dieu …“ und das Stimmenwirrwarr begann von Neuem.
Captain Hikari atmete tief ein und verschränkte seine Arme vor der Brust und wartete ab. König Jarred musste trotz der angespannten Situation innerlich kurz etwas auflachen. Er selbst und andere aus den Militärstäben fanden diese Aussage sehr provokant, aber durchaus akzeptabel. Und nickten dem Captain jetzt doch anerkennend zu.
„Gut, bleiben wir bei dieser von Ihnen aufgestellten These, Captain. Doch warum der Planet Jarr? Das Gebiet drumherum ist nicht so hoch besiedelt, wie alle zusammen im Sektor B?“, fragte ein Colonel. Hikari verstand: „Jarr ist perfekt für ein Planetenhopping. Auf der Erde nennt man diese Strategie Inselhopping!“, erklärte Shinjiro und verband schrittweise alle Planeten von Jarr ausgehend. Jeder wusste, was Hikari meinte, denn es war eine effektive Strategie. Major Eagle fragte weiter, zweifelnd. „Was, ist mit den Energien, die sich im Sektor B sammeln? Diese Gebiete sind viel dichter besiedelt als Sektor A?“ Einige nickten dem Major zu: „Ja, genau, es ergibt keinen Sinn, ein niedrig besiedeltes Gebiet als Erstes angreifen zu wollen!“, sagte ein anderer. Captain Hikari hörte die Einwände und rief die Karte von Sektor B auf, dessen Hauptverwaltung sich auf Yuma befand, und wartete, bis sich die Herren wieder beruhigt hatten. Dann fuhr er mit seiner Erläuterung fort. „Es geht nicht darum, wie hoch ein Gebiet tatsächlich besiedelt ist. Es geht allein um die Effizienz der Eroberung!“
Nun war es General Whitehawk, ein indianischer General aus Kanada, der bis jetzt alles ruhig mitverfolgt hatte, fragte: „Also, eine invasive Hopping-Taktik!“ Hikari sah ernst in die Runde und nickte. „Ja, Sir, mit Sektor B, also Yuma, als zweites Schlachtfeld!“ Ein Raunen ging durch den Saal und kleinere Diskussionen entstanden, es ging erneut hin und her.
Captain Hikari schaute und hörte sich die Diskussion an, bis sich Major Eagle zu Wort meldete. „Das ergibt absolut keinen Sinn!“ Hikari nickte einige Male. „Nun, rein logisch gesehen, gebe ich ihnen recht, Major Eagle!“ Charles Eagle nickte bestätigend. „Aber“, warf Hikari jetzt ein: „strategisch, um eine Invasion zu beginnen und zu vollenden, ist es eine der besten Taktiken, die es gibt!“ Die Diskussionen gingen weiter. „Lassen Sie mich raten. Sie sind hellauf begeistert davon?“, fragte ein General. Captain Hikari grinste. „In der Tat! Sollte es so sein, wäre es jetzt an der Zeit, die Taktik des Feindes aufzusplitten. Das ist unser einziger Vorteil, den wir haben, und diesen sollten wir nutzen!“
König Jarred schloss seine Augen, wenn das wahr sein sollte, brauchten sie alle Truppen des Neuen Grenzlandes, wenn nicht sogar die der Erde. Alle Planeten zu evakuieren, würde mehr als ein oder zwei Jahre dauern. Und wohin dann mit diesen Menschen? „Erläutern Sie uns doch bitte unseren Vorteil!“, kam eine Frage aus dem hinteren Bereich des Saals. Hikari gab zu verstehen: „Unser einziger Vorteil ist es, dass nicht beide Schlachtfelder zur gleichen Zeit aktiv sein werden. Auch müssen wir von einem Feind ausgehen, der uns technologisch weit voraus ist. Denn schließlich kann er so etwas bauen!“, sagte er und zeigte auf eine der beiden Anomalien.
General Pareduer stand auf: „Wenn dieser Feind uns Jahre voraus ist, ist er kriegstechnisch und invasiv nicht weiter als wir! Wenn er solch eine Taktik anwendet!“ Zustimmendes Nicken und Worte fielen. „Wir sind kriegstechnisch heute weiter als die Römer und Samurai damals. Trotzdem wenden wir immer noch ihre Strategien an. Wir greifen also auch auf Altbewährtes zurück und verfeinern es je nach Zeitgeist!“, kam es von Hikari erklärend, und fügte noch an: „Und ein Blick in die menschliche Kriegsgeschichte zeigt uns, dass Kriege nie dort begonnen haben, wo man sie erwartet hätte. Sondern dort, wo keiner damit gerechnet hat.“
Ein weiteres Raunen ging durch das Auditorium. Einige bestätigten nickend das Gesagte. Damit steckte Hikari seinen Pen wieder ein, verließ die Bühne und setzte sich wieder auf seinen Platz. König Jarred sah weiterhin auf die Karte, die sein Freund, zugegeben, sehr anschaulich gezeichnet hatte. Jede Linie, jede Markierung schien ein neues Kapitel einer Geschichte zu erzählen, die sich immer weiter entfaltete. Jarred spürte, wie die Situation ihm immer mehr bewusst wurde, es war ein taktisches Meisterwerk, das Shinjiro hier präsentiert hatte, aber auch ein gefährliches Spiel. Der Blick seines Freundes war fest auf das Unbekannte gerichtet, während Jarred sich fragte, wie weit sie wirklich gehen mussten, um das Rätsel der Anomalien zu lösen.
Es wurde eine zweistündige Pause gemacht.
Captain Hikari ging durch die weitläufige Grünanlage, die von Militärpolizisten patrouilliert wurde. Es war eine Pause, die alle dringend benötigt hatten. Die Gemüter waren erhitzt, nachdem sie stundenlang in einem stickigen Saal auf Karten, Grafiken und Videomaterial gestarrt hatten. Er sah sich weiter um, das gesamte Gelände, auf dem das Gremium auf Jarr stattfand, war weitläufig hermetisch abgeriegelt, und er wusste, dass jeder Schritt, den er hier tat, ebenso von Augen überwacht wurde wie alles und jeder andere hier. Alle Beteiligten waren zur Geheimhaltung verpflichtet worden. Nicht einmal seinen Kommunikator durfte er bei sich tragen. Es fühlte sich seltsam an, nicht zu wissen, wie es Hitomi und seinem gerade einmal fünf Wochen alten Sohn Shinji ging, er hatte Sehnsucht nach den beiden. Doch ein tröstlicher Gedanke schlich sich in sein Bewusstsein: Er würde sie beide heute Abend in seine Arme schließen können. Sie warteten auf ihn, genau wie er auf sie.
Er spazierte weiter durch den kleinen Park, der unverwechselbar König Jarreds Handschrift trug. Und er befasste sich wieder mit der Tatsache der Anomalien. Um Panik zu vermeiden, gelang nichts von hier nach draußen. Das wäre das Schlimmste, was passieren konnte. „Ein Chaos im Chaos benötigt niemand!“, dachte er und sah sich weiter um.
Auf seinem Tablet gingen fast im Minutentakt neue Messdaten, aktualisierte Karten oder Analysen ein. Er setzte sich auf eine nahegelegene Bank und scrollte durch das neueste Material. Die Flut an Daten ließ ihn tief einatmen und von dem Gerät aufblicken. Dabei entdeckte Professor Williams, der bekannt war für seine präzise Arbeit und seine unerschütterliche Geduld, mit der er diese komplexesten Daten in leicht verständliche Visualisierungen verwandelte. Eilig ging Shinjiro auf den Professor zu.
Williams hob den Blick von seinem Tablet und sah den jungen Mann über den Rand seiner Brille hinweg an: „Captain Hikari, ich hatte fast erwartet, dass Sie mich aufspüren. Ihr Vortrag war, ich würde fast sagen, beeindruckend! Ich nehme an, Sie wollen wissen, warum die Verläufe im Sektor B anders aussehen als im Sektor A?“ Shinjiro nickte und erwiderte kurz: „Ganz genau.“ – „Nun, dann lassen Sie uns sehen, ob ich Ihren Wissensdurst stillen kann“, erwiderte der Professor und bedeutete Hikari, ihm zu folgen.
Zwei Stunden später traf man sich wieder und alle sahen wieder etwas frischer aus. Shinjiro ging noch einmal seinen Ablauf durch. Nachdem die meisten ihre Plätze wieder eingenommen hatten, ging er nach vorn, schließlich musste er auch eine Lösung für deine Theorie anbieten. Er koppelte sein Tablet mit dem Monitor und öffnete die letzte Karte: „Das ist eine der aktuellsten Karten des Sektor A. Sie ist circa eine Stunde alt und das sind die Messwerte dazu!“, stieg er formlos ein und ließ die Werte neben der Karte anzeigen. „Ich habe mich mit Professor Williams unterhalten. Von ihm stammen diese Karten. Wie Sie sehen, hat sich der Wert der größten Anomalie seit drei Tagen nicht mehr verändert.“ Die Stille im Saal war bedächtig und König Jarred schaute unentwegt auf die Daten neben der Karte und fragte: „Was würde das für den Sektor A bedeuten?“ Shinjiro presste seine Lippen aufeinander und sah Jarred ernüchternd an, bevor er sich wieder der Karte zuwandte: „Diese Energiequelle scheint fertig zu sein. Und gehen wir von unseren letzten Erkenntnissen aus, ist das auch so! Die anderen kleineren und größeren sollten den Wert in den nächsten drei, vier oder fünf Monaten erreicht haben. Laut Professor Williams und seinem Team sogar schon eher.“
Shinjiro wartete ab. Niemand unterbrach ihn oder hatte Fragen, also fuhr er fort: „Also, sollte etwas da draußen passieren, so wird es auch passieren!“, beendete er seinen Einstieg in das Thema. General Roux, ein General des Königreiches, meldete sich zu Wort: „Wovon gehen Sie genau aus, Captain Hikari?“ Shinjiro schaute selbst noch einmal auf die Karte und erklärte: „Nun, basierend auf der gesammelten Faktenlage, … mit einem Angriff!“ sprach er es trocken und sehr nüchtern aus. Darauf ging ein Raunen durch den Saal. Einige standen auf und begannen zu diskutieren. „Wir müssen evakuieren!“, kam es aus den Reihen des Auditoriums. General Francis vom Kavallerie-Oberkommando stand auf und fragte: „Und was ist, wenn überhaupt nichts passiert? Einige Wissenschaftler gehen sogar davon aus, dass sich diese Energie von selbst auflösen könnte.“ Shinjiro nickte: „Selbstverständlich, auch diese Theorie hat ihre Berechtigung, nur wozu dann dieser Aufwand seitens der Natur? Egal, wo sich natürliche Energien aufbauen, sei es auch nur ein Blitz, entlädt sich natürliche Energie immer! Warum sollte das also im All anders sein?“, fragte er und der Saal blieb darauf erst einmal still: „Und wieder andere Wissenschaftler gehen davon aus, dass diese aufgebauten Energien sich in einer Art Supernova entladen könnten. Sollte das der Fall sein, gab es den Sektor A mal!“ Eagle erwiderte: „Also, es ist alles, egal wie man es dreht und wendet, nur eine Hypothese!“ Einige nickten dem Major zu, doch Shinjiro verteidigte seine Theorie weiter: „Das Schöne an Hypothesen ist, man kann sie berechnen, Major!“, warf Captain Hikari darauf ein, und Eagle verschränkte seine Arme vor der Brust und blickte Shinjiro fixierend entgegen.
Francis meldete sich wieder zu Wort: „Das mag sein, Captain, jedoch können nicht alle Truppen mobilisieren, nur wegen einer berechneten Hypothese, die eben zufällig auf einen Angriff hinausläuft.“ Shinjiro nickte und trat einen Schritt nach vorn: „Wir können es uns auch nicht erlauben, nicht vorbereitet zu sein, General. Und sollte es eine Energieentladung geben, müsste auch das Militär raus, um zu retten, was noch zu retten ist!“, argumentierte er auf diesen Einwurf. Wieder gab es zustimmendes Nicken, aber auch Abwehr. General Whitehawk erhob sich und sprach gewohnt ruhig: „Wie schaut denn jetzt ihre Strategie aus, Captain Hikari?“ Alle wurden ruhiger und schauten dem Captain erwartungsvoll entgegen.
Shinjiro nickte und begann: „Truppen-Aufsplittung auf Jarr, Pectos und für die Verstärkung sorgen Alamo und Laramie. Die Anomalie vor Jarr wird rund um die Uhr patrouilliert, um bei der kleinsten Veränderung handlungsfähig zu sein und um das Kampfgeschehen so weit weg wie möglich von den bewohnten Planeten zu halten. Denn sollte es dem Feind gelingen, Jarr einzunehmen, haben wir keine Möglichkeiten mehr, über den Sektor A zu agieren. Vor allem ist der Weg in Richtung Erde abgeschnitten und die Erde wäre nun zusätzlich auch in Gefahr.” König Jarred schluckte nach dem Gehörten und atmete tief ein, während er sich konzentrierte, um Shnjiros Ausführungen zu folgen.
„Wir können nicht alle Truppen mobilmachen und über Monate hinweg einsatzbereit halten“, teilte Major Eagle seine Meinung zu dieser Strategie mit. Shinjiro stoppte in seinem Vortrag: „Major, sie können uns gleich im Anschluss ihre Strategie vorstellen, aber um ihre Bedenken zu entkräften. Der Punkt ist: Gelingt es uns vor Jarr, die Bedrohung abzuwehren, kennen wir unseren Feind. Mit diesem Wissen bleiben wir handlungsfähig!“, erklärte Shinjiro.
Ich verstehe ihre Strategie, doch das Vorhaben ist Wahnsinn! Wie wollen sie das erklären, sollte nichts geschehen?“, kam es von einem Colonel. Shinjiro verstand und legte sein Tablet zur Seite: „Wie wollen sie es erklären, sollte etwas geschehen und sie hätten vorbereitet sein können! Eine Infanterie für einige Wochen aufrechtzuerhalten, mit Gruppenaustausch, würde die derzeitigen Ausgaben maximal um 20 Prozent steigern. Zumal die Kavalleristen auch dann endlich mal das tun würden, wofür sie ausgebildet wurden!“, beantwortete er die Frage etwas ernster. „Und wer soll das koordinieren? Wer hat das letzte Wort? Wer übernimmt die Verantwortung?“, fragte ein anderer.
Shinjiro nahm sein Tablet wieder an sich und rief einen taktisch ausgegliederten Plan auf. „Jeder Befehlshaber mit einer Truppenstärke von bis zu 50 Mann bleibt autonom! Alle anderen unterwerfen sich der Befehlskette des OF-9-Generals!“ Das war dann doch zu viel für einige: „Damit würde ich das Kommando abgeben!“, kam es von Captain Jonses. „Und wer soll der OF-9 sein?“, fragte eine andere Stimme. Auch darauf hatte Shinjiro bereits eine Antwort: „Niemand wird in seiner Autorität untergraben, das gilt nur bei einem Kampfeinsatz“, stellte er klar. Ein weiterer Offizier fragte nun genauer nach: „Also haben wir sechs Truppen von bis zu 50 Mann, die anderen machen zusammengefasst eine 300.000 Mann Stärke aus. Wie stellen Sie sich das vor? So etwas hat es noch nie gegeben!“ Hikari grinste leicht. „Doch im alten Rom, da wurden ganze Heere zu Legionen. So gab es immer Nachschub und Verstärkung aus allen Richtungen. Und ihre Rechnung ist falsch. Es wäre eine gesamte Truppenbewegung von insgesamt 400 000 Mann, die auf zwölf verschiedene Punkte im gesamten Neuen Grenzland verteilt werden“, listete er auf. „Danke, Captain Hikari, für Ihre Mathematik- und Geschichtsstunde. Jedoch ist das im Weltall nicht umsetzbar! Obwohl ich ihre Legion-Strategie hervorragend finde!“, gab der Offizier zu, und die anderen nickten bestätigend.
„Danke schön, es ist sogar leichter umzusetzen, als Sie denken!“, sagte Shinjiro und rief die Truppenverlegung auf. Major Eagle schüttelte mit seinem Kopf, ihm ging das alles gerade viel zu schnell. Wann hatte Hikari das alles bitteschön erstellt? Auch König Jarred und dessen Generäle kamen langsam nicht mehr nach. Die Informationsflut seitens Hikari war enorm. Er stand vor ihnen und konnte alles darlegen und erklären, was perfekt war. Leider aber fehlte es den meisten im Saal an der Überzeugung, dass es tatsächlich zu einer Invasion kommen könnte.
Abstimmung
Unerwartet stand jetzt König Jarred auf: „Ich bin damit einverstanden!“, warf er ein, um weitere Diskussionen zu beenden! Im Saal wurde es still und Captain Hikari, der sein Tablet gerade wieder ablegen wollte, hielt inne und sah auf. „Aber eure Hoheit, bitte bedenken Sie …!“, wollte ihn ein Colonel noch einmal zurückhalten, doch Jarred hob eine Hand und der Colonel verstummte: „Wir sind verpflichtet, das Neue Grenzland auch vor Eventualitäten zu schützen! Eine solche Mobilmachung, gebe ich zu, ist eine Herausforderung. Doch das war die Besiedlung des neuen Grenzlandes auch! Und Sie, meine Herren, und auch ich persönlich, haben einen Eid abgelegt, der besagt, dass wir alles Erdenkliche durchführen werden, um die Menschen zu schützen. Natürlich werde ich die Verantwortung übernehmen, denn schließlich befindet sich die erste Anomalie im Sektor A! Für diese Strategie benötigen wir Unterstützung der gesamten siebten Kavallerie!“, beendete Jarred seine Ansprache und Gemurmel entstand: „Das ist doch vollkommen verrückt!“ – „Das kann er nicht ernst meinen!“ – „Aber wir müssen handeln!“ – „Wir sollten es versuchen!“ – „Ich finde es übertrieben!“
Jarred hörte eine Weile den Diskussionen zu: „Und, weil es Captain Hikaris Strategie ist, wird er auch die Befehlsgewalt darüber haben!“, fügte der König noch an und setzte sich wieder. Sofort kam ein General seines Militärs auf ihn zu und sprach mit dem König. „Aber eure Hoheit, wir dürfen nichts überstürzen …”
Der Saal wurde still und Shinjiro legte sein Tablet langsam auf, das Pult ab und wartete ab. „Natürlich werden wir die Siebte Kavallerie aktivieren, eure Hoheit!“, kam es nach einer Weile von General Whitehawk. Daraufhin standen einige Generäle auf und eine laute Diskussion kam in Gang. „Das ist der absolute Wahnsinn, ausgedacht von einem so jungen Captain-General!“, sagte einer etwas lauter und sehr aufgebracht, sodass ihn auch jeder hören konnte, und zeigte dabei auf Hikari. „Die Menschen werden mitbekommen, dass wir die gesamte Kavallerie und auch die königlichen Truppen mobil machen!“
„Und was sagen wir, wenn nichts geschieht? Dass wir auf die Hirngespinste eines 26-jährigen Captains gehört haben, der zwar, ohne Zweifel, ein herausragender Stratege ist, doch verzeihen Sie mir, Captain Hikari, Sie machen meiner Meinung nach gerade alle verrückt.“ Shinjiro hörte sich die Einwürfe an. „Ich kann das Oberkommando in dieser Situation nicht herunterfahren und wegen Wahrscheinlichkeiten schon gar nicht. Auch ist es meine persönliche Meinung, dass Captain Hikari für diese große Befehlsgewalt noch viel zu jung ist!“, kam es von General Francis. Und kleinere Diskussionen waren wieder im Gange. „Nun, General Francis, ich stehe hier und Sie stehen da und ich bin Captain-General. Nach meinem Kenntnisstand, ist dieser Rang an kein Alter gebunden. Und die Verteidigung des Sektor B wäre mit den Standorten Yuma und Alamo gegeben. Die Truppen wären in diesem Falle sogar noch einfacher und flexibler zu koordinieren!“, erklärte Shinjiro nochmals die Effizienz seiner Strategie. Die Befürworter, darunter General Whitehawk und Major Danwens waren überzeugt von der Strategie und würden sie, wenn genug Zustimmung kommen würde, unterstützen, sie nickten Hikari und auch König Jarred zu. Auch Kommander Danwens, der derzeitige Leiter des Oberkommandos auf Yuma, war für eine Truppenverlegung, der Stab jedoch zur Hälfte dagegen.
Captain Hikari stand mit verschränkten Armen vor dem Monitor und beobachtete den Schlagabtausch der älteren, doch so erfahrenen Männer. „Gut, dann werden wir abstimmen!“, sagte König Jarred: „Behalten Sie jedoch im Hinterkopf, dass es genau wegen so einer Situation einen First Grad benötigt und Sie alle ihre Entscheidung darüber bereits getroffen haben!“, erinnerte König Jarred die Beteiligten. Ein General aus Alamo trat hervor: „Entschuldigen Sie, eure Hoheit, natürlich stehen wir alle nach wie vor hinter der Entscheidung, was den First Grad betrifft! Doch das hat heute, hier und jetzt nichts damit zu tun!“ General Withawk stand auf und ging auf die Bühne und stellte sich neben Captain Hikari.
„Natürlich steht das Oberkommando Ihnen, König Jarred, zur Verfügung!“ Jarred nickte dem General, den er sehr schätzte, entgegen. „Ich bin für diese Strategie. Sie würde nicht nur im Ernstfall eine Invasion stoppen, vielmehr würde sie den Zusammenhalt stärken und allen beweisen, dass das neue Grenzland in ungewissen und herausfordernden Zeiten miteinander und nicht nebeneinander agiert. Ist das nicht der Geist eines jeden Star Sheriffs? Er steht dem ganzen Grenzland zur Verfügung und nicht nur einem vorbestimmten Sektor!“, sprach Whitehawk eindringlich vor dem Gremium und erinnerte sie an ihre Verantwortung den Menschen im Neuen Grenzland gegenüber. Einsichtiges Nicken und bestätigende Worte waren zu vernehmen.
„Ich werde die Abstimmung durchführen und ich erwarte Ihre Entscheidungen spätestens morgen früh!“, sagte der indianische General und wandte sich daraufhin Hikari zu. Jarred nickte und sah sich um. Einige verließen den Saal. „Das dürfte schwierig werden!“, sagte Colonel Petésr zum König. „Die Strategie ist durchdacht und ich habe Vertrauen in sie!“, war Jarreds Antwort darauf. „Was die Strategie betrifft, stimme ich Ihnen zu einhundert Prozent zu, eurer Hoheit, doch das meinte ich nicht!“ Jarred sah zu einem seiner vertrauten Militärberater: „Ich meinte Captain Hikari, er ist schwierig!“ Jarred musste kurz lächeln: „Das, Colonel, sind die meisten hochrangigen Militärs!“
Captain Hikaris Verteidigungsstrategie für das Grenzland wurde nach hitzigen Diskussionen und ausführlichen Debatten abgelehnt. Die Abstimmung fiel denkbar knapp aus: Zwei Stimmen mehr und die Strategie hätte die notwendige Mehrheit erreicht.
Hikari stand reglos da. Das Ergebnis war für ihn schwer zu akzeptieren, obwohl er äußerlich ruhig wirkte. Sein Blick ruhte auf der digitalen Anzeige, die das Resultat unmissverständlich verkündete. Die Mehrheit der Mitglieder hatte sich letztlich für Vorsicht und gegen eine proaktive Verteidigung ausgesprochen. Hikari atmete tief ein, um seine Gedanken zu ordnen, bevor er mit einem festen, kontrollierten Ton sprach: „Ich akzeptiere die Entscheidung des Gremiums. Doch ich hoffe, dass wir bereit sind, die Konsequenzen zu tragen, sollten wir unsere Reaktionszeit überschätzen.“
Seine Worte schwebten im Raum, bevor er sich umdrehte und langsam Richtung Ausgang ging. Die Anspannung unter den Anwesenden war spürbar, einige schienen über seine Aussage nachzudenken, während andere stumm blieben.
König Jarred, der das Geschehen mit verschränkten Armen und einem nachdenklichen Ausdruck beobachtet hatte, senkte seinen Kopf. Seine Stirn legte sich in tiefe Sorgenfalten und ein schwerer Seufzer entrang sich seiner Brust. Es war deutlich, dass ihm die Ablehnung der Verteidigungsstrategie ebenso wenig behagte wie Shinjiro selbst.
Seine Augen folgten dem jungen Captain, der den Saal verließ, mit einem Blick, der sowohl Bedauern als auch Sorge ausdrückte. Jarred wusste, dass Shinjiro recht haben könnte – und die knappe Entscheidung des Gremiums, sie alle teuer zu stehen kommen könnte.
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Kommentar von Animexx.
Von: FireAndAps
13.01.2025
Das 2. Kapitel begeistert mich ebenso sehr wie das 1. Kapitel!
Bei der Tagung des Militärgremiums bist Du nicht zufällig dabei gewesen ;))))? Sehr spannend geschrieben, und sehr verständlich für den Leser. Da schien Captain Hikari eine geniale Verteidigungsstrategie entwickelt zu haben, und so knapp wurde sich dagegen entschieden…ob diese Tatsache wohl noch den weiteren Verlauf der Geschichte beeinflusst…?
Ich freue mich jedenfalls darauf weiterzulesen!
[…] diesen Absatz ist es ratsam, Kapitel 02 – 6 Monate zuvor (Ein Gremium) gelesen zu […]